habt ihr je im Don Juan jenen bangen Moment geschaut, wo Tritte dumpf und immer näher tönen, wo Leporello schreiend zuruckkommi und die Statue des Gouverneurs, ihrem Streitrotz auf dem Monument ent­stiegen, zum Gastmahl kömmt? Riesengroß, mit abgemessenem, dröhnen­dem Schritt, ein ungeheures Schwert in der Hand, gepanzert aber cchne Helm, trat dir Gestalt ins Gemach, Sie war von Stein, das Gesicht steif und seelenlos; oder -dennoch tat sich der steinerne Mund auf und sprach: , Gott grüß' euch, vielliebe Reben vom Rheine; muß doch das schone Nachbarskind besuchen an ihrem Jahrestag, Gott grüß' Euch, Jungfrau Rose, Darf ich auch Platz nehmen in eurem Gelaggaden?"^

Sie schauten alle verwundert nach der riesigen Statue, Frau Rose aber brach das Stillschweigen, schlug vor Freude die Hände zusammen und schrie:Ei, du meine Güte! 's ist ja der steinerne Roland", so seit vielen hundert Jahren auf dem Domhofe in der lieben Stadt Bremen steht, Ei, das ist schön, daß Ihr uns die Ehre antut, Herr Ritter; leget doch Schild und Schwert ab und machet es Euch bequem; wollet Ihr Euch nicht obenan setzen an meine Seite? O Gott, wie mich das freut!

Der hölzerne Weingott, so indessen wieder um ein Erkleckliches gewach­sen, warf mürrische Blicke bald auf den steinernen Roland, bald aus die naive Dame seines Herzens, die ihre Freude so laut und unverhohlen ausgelassen. Er murmelte etwas von ungebetenen Gästen und strampelte ungeduldig mit den Beinen. Aber Rose drückte ihm unter dem Tische die Hand und beschwichtigte ihn durch süße Blicke. Die Apostel waren näher zusammengerückt und hatten dem steinernen Gast einen Stuhl neben dem alten Fräulein eingeräumt. Er legte Schwert und Schild in die Ecke und setzte sich ziemlich ungelenk auf das Stühlein, aber ach, dies war für ehr­same Bremer Stadtkinder und nicht für einen steinernen Riesen gemacht, es knackte, als er sich setzte, morsch zusammen, und solang er war, lag er im Gemach.

Schnödes Geschlecht, das solche Hitschen zimmert, worauf zu meiner Zeit nicht einmal ein zartes Fräulein hätte sitzen können, ohne mit dem Sitz durchzubrechen", sagte der Heros und stand langsam auf; der Keller­meister Balthasar aber rollte ein Halbeimerfaß herbei an den Tisch und lud den Ritter ein, Platz zu nehmen. Es knackten nur ein paar Dauben, als er sich setzte, aber das Faß hielt aus. Dann botAhm der Kellermeister ein großes Römerglas mit Wein, er faßte es mit der breiten, steinernen Faust, aber krach! war es entzwei, daß ihm der Wein über die Finger lief.Ei, Ihr hättet auch die Handschuh' von Stein füglich ablegen können", sprach Balthasar ärgerlich und kredenzte ihm einen silbernen Becher, so ein Maß hielt und in früherer Zeit Tummler genannt wunde. Der Riter faßte ihn, drückte nur einige unbedeutende Buckeln in den Becher, sperrte das steinerne Maul auf und goß den Wein hinab.

Wie mundet Euch der Wein?" fragte Bacchus den Gast;Ihr habt wohl lange keinen getrunken?"

Er ist gut, bei meinem Schwert! sehr gut! Was ist es für Gewächs?" Roter Engelheimer, gestrenger Herr!" antwortete der Kellermeister. - Das steinerne Auge des Ritters bekam Leben und Glanz, als er dies hörte, die gemeißelten Züge verschönerte -ein sanftes Lächeln, und ver­gnüglich schaute er in den Becher.

Engelheim! du süßer, trauter Name!" sprach er.Du edle Burg meines riiterlichen Kaisers; so nennt man also noch in dieser Zeit deinen Namen, und die Reben blühen noch, die Karl einst pflanzte in seinem Engelheim? Weiß man denn auch von Roland noch etwas auf der Welt und von dem großen Karolus, seinem Meister?"

Das müßt Ihr den Menschen dort fragen", erwiderte Judas,wir geben uns -mit der Erde nicht mehr ab. Er nennt sich Doktor und Magiftei! und mutz Euch Bescheid geben können über sein Geschlecht."

Der Riese richtete sein Auge fragend auf mich, -und ich antwortete: Edler Paladin! Zwar ist die Menschheit in dieser Zeit lau und schlecht geworden, ist mit dem -hohlen Schädel an die Gegenwart genagelt und blickt nicht vor-, nicht rückwärts, aber so elend sind wir doch nicht gewor­den, datz wir nicht der großen, herrlichen Gestalten gedächten, die einst über unsere Batererde gingen und ihren Schatten werfen noch -bis zu uns. Noch gibt es Herzen, die sich hinüberretten in die Vergangenheit, wenn die Gegenwart zu schal und trübe wird, die höher schlagen bei dem Klang großer Namen und mit Achtung durch die Ruinen wandten, wo einst der große Kaiser saß in seiner Zelle, wo seine Ritter um ihn standen, wo Eginhard" bedeutungsvolle Worte sprach, die traute Emma dem treusten seiner Paladine den Becher krödenzte. Wo man den Namen Eures großen Kaisers ausspricht, da ist auch Roland unvergessen, und wie Ihr ihm nahe standet im Leben, so enge seid Ihr mit ihm verbunden in Lied und Sage und in den Bildern der Erinnerung. Der letzte Ton Eures Hift­horns tönt noch -immer aus dem Tal von Ronceval durch die Erde und wird tönen, bis er sich in die Klänge der letzten Posaune -mischt."

So haben wir nicht vergebens gelebt, alter Karl", sprach der Ritter, die Nachwelt feiert unsere Namen."

Ha!" rief Johannes feurigen Mutes,diese Menschen wären auch wert, Wasser aus dem Rhein zu saufen statt des Rebenblutes seiner Hügel, wenn sie den Namen des Mannes vergessen hätten, der zuerst die Reben pflanzte int Rheingau. Auf, ihr trauten Gesellen und Apostel, stoßet an, unser herrlicher Stammvater lebe, es lebe Kaiser Karl der Große!"

Die Römer klangen, aber Bacchus sprach:Ja, es war eine schöne, herrliche Zeit, und ich freue mich ihrer wie vor tausend Jahren. Wo jetzt die wundervollen Weingärten stehen vom Ufer bis hinauf an die Rücken der Berge und hinauf und hinab im Rheintal Traube an Traube sich schlingt, da lag sonst wüster, düsterer Wald. Da schaute einst Kaiser Karl

Gaden (Gadern), altdeutsches, noch jetzt in Süddeutschland übliches Wort für Haus -von nur einem Gemach, dann Kammer, Gemach.

11 Der steinerne Roland wurde 1404 auf dem Markte zu Bremen vor dem Rathaufe errichtet.

12 Eginhard, richtiger Einhard (770840), der berühmte Geschicht­schreiber und Biograph Karls des Großen.

haft solch eine

heißen die Rosen/

So sprachen die Elemente; wir aber jubelten über dt« herrlichen Gaben, schmückten das Kindlein mit frischem Weinlaub und schickten es -dem Kaiser in -die Burg. Und er erstaunte ü-ber die Herrlichkeit des Rebenkindes, -hat es fortan gehegt und gepflegt und die Rebe am Rhein -feinen herrlichsten Schätzen gleich geachtet."

Andreas!" rief Jungfrau Rose,lieber Vetter, du haft solch eine schöne, zarte Stimme, willst du äicht fingen zum Ruhme des Rheingaues und feiner Weine?"

Wenn es Euch erheitert, edle Jungfrau, und Euch nicht Beschwerde macht' edler Bacchus, wie auch Euch nicht unangenehm ist, mein Herr und Ritter Roland, so will ich eins fingen." Und er fang eine schone Weife voll zarter Töne und Worte, klangvoll und zierlich gefuget, fo daß man wohl inerten konnte, es -fei ein Lied eines alten Meisters von 1400 ober 1500. Verflogen find feine Worte aus meinem Gedächtnis, aber feine Weife möchte ich doch wohl finden, denn sie war einfach und schön, und Petrus begleitete ihn mit einem sonoren, herrlichen Sekund. Die Lust des Gesanges schien über alle herabzukommen, denn als Andreas geendet, fang Judas unaufgefordert ein Lied, und ihm folgten die übrigen. Selbst Rose, so sehr sie sich zierte, mußte ein Lied von 1615 singen, was pe mit angenehmer, etwas zitternder Stimme vortrug. Mit dröhnendem Baß fang Roland eine Kriegshymne der Franken, von welcher ich nur einige Worte verstand, und endlich, als sie alle gesungen, -schauten sie aus mich, und Rose nickte mir zu, etwas zu fingen. Da Hub ich denn an:

aus seiner Burg in Engelheim an den Bergen hin, er sah, wie die Sonne schon im März so warm diesen Hügel begieße und den Schnee hinabrolle in den Rhein, -wie so frühe die Bäume dort sich -belauben und das junge Gras dem Frühling voraneile aus der Erde. Da erwachte in ihm der Gedanke, Wein zu pflanzen, wo sonst der Wald lag.

Und ein geschäftiges Leben regte sich im Rheingau bei Engelheim, der Wald verschwand, und die Erde war bereit, den Weinstock aufzunehmen. Da schickte er Männer nach Ungarn und Spanien, nach Italien und Burgund, nach der Champagne und nach Lothringen und ließ Reben herbeibringen und senkte die Reiser in der Erde Schoß.

Da freute sich mein Herz, daß er mein Reich ausbreite im deutschen Lande, und als dort die ersten Reben blühten, zog ich ein im Rheingau mit glänzendem Gefolge; wir lagerten auf den Hügeln und schafften in der Erde -und schassten in den Lüften, und meine Diener breiteten die zarten Netze aus und fingen den Frühlingstau auf, daß 'er den Reden nicht schade; sie fliegen hinauf und brachten warme Sonnenstrahlen nieder, die sie -sorgsam um die kleinen Beerlein gossen, schöpften Wasser im grü­nen Rhein und tränkten die zarten Wurzeln und Blätter. Und als im Herbst das erste zarte Kind des Rheingaues in der Wiege lag, da hielten wir ein großes Fest und luden alle Elemente zur Feier ein. Und sie brachten köstliche Geschenke und legten sie dem Kindlein als Angebinde in -die Wiege. Das Feuer legte seine Hand aus des Kindes Augen und sprach: ,Du sollst mein Zeichen an dir tragen ewiglich; ein reines, mildes Feuer soll in dir -wohnen und dich wert machen vor allen andern. Und die Lust in zartem, goldenem Gewände kam heran, -legte ihre Hand auf, des Kindes Haupt und sprach: ,Zart und licht sei deine Farbe, wie der goldene Saum des Morgens auf den Hügeln, wie das goldene Haar der schönen Frauen im Rhein-gau/ Und das Wasser rauschte heran in silbernen Kleidern, bückte sich auf das Kind und sprach: .Ich will deinen Wurzeln immer nahe fein, daß dein Geschlecht ewig grüne und blühe und sich ausbreite, so weit mein Rheinstrom reicht/ Aber die Erde kam und küßtö bas Kindlein auf den Mund und wehte es an mit süßem Atem. .Die Wohlgerüche meiner Kräuter', sprach sie, .die herrlichsten Dusle meiner Blumen habe ich für dich gesammelt zum Angebinde. Die köstlichsten Salben aus Ambra und Myrrhen werden gering sein gegen deine Dufte, und deine lieblichsten Töchter wird man nach der Königin der Blumen

Am Rhein, am Rhein, da wachsen unsre Reben, Da wächst ein deutscher Wein,

Da wachsen sie am User -hin und geben Uns diesen Labewein."

Sie lauschten, als sie diese Worte hörten, sie nickten sich zu und rückten näher zusammen, und -die entfernteren streckten die Köpfe vor, als wollten sie kein Wort verlieren. Mutiger erhob ich meine Stimme, lauter und immer lauter war mein Gesang, denn es wogte in mir wie Begeisterung, vor solchem Publikum zu singen. Die alte Rose nickte den Text mit dem Kopfe und summte den Chorus leise, leise mit, und Freude und Stolz blickte aus -den Augen der Apostel. Und als ich geendet, drängten sie sich zu, drückten mir die Hände, und Andreas hauchte einen Kutz auf meine Lippen. - - , .

Doktor!" rief Bacchus, ,/Doktor, welch ein Lied! wie geht einem Da das Herz auf. Herzens-Doktor, hast du das Lied gedichtet in deinem eigenen graduierten Gehirn?"

Nein, Euer Exzellenz, solch ein Meister des Gesanges bin ich nicht. Aber den, der es gedichtet, haben sie längst begraben; er hieß Matthias Claudius!"

Sie haben einen guten Mann begraben", sagte Paulus.Wie klar und munter ist dies Lied, so klar und helle wie echter Wein, so mutig und munter wie der Geist, der im Weine wohnet, und gewürzt mit Scherz und Laune, die wie ein würziger Dust aus dem fRömer fteigen; der Mann hat gewiß verstanden, welch gutes Ding es um ein Glas lautern Weines ist."

Herr er ist lange tot, das weiß ich, aber ein anderer großer Sterb­licher hat gesagt: .Guter Wein ist ein gutes, geselliges Ding, und über Mensch kann sich wohl einmal von ihm begeistern lassen!' Und ich denke, der alte Matthias hat auch so gedacht unter guten Freunden, hätte ia sonst solch ein schönes Lied nicht machen können, das noch heute alle fröhlichen Menschen fingen, die im Rheingau wandeln oder edeln Rhein­wein trinken/'

(Schluß folgt.)

Verantwortlich: vr. Hans Thyriot. Druck und Der lag: Brühl'sche Uni versitäts-Duch-und Steindrucker ei, D. Lange, Gießen.