Tropenfahrt.
Don Hermann Sudermann.
In den mehr als drei Jahrzehnte umspannenden „Briefen Hermann Sudermanns an seine ü r a u , die, herausgegeben von Dr. Irmgard Le ux, bei der I- G. Cotta- fchen Buchhandlung Nachfolger erschienen, zieht das Bild dieser Künstlerehe in der Unmittelbarkeit der Dokumente.an uns vorüber. Aber klarer auch tritt heute, da sich am 30. September der Tag seiner Geburt zum 75. Male jährt, die von der Parteien Gunst und Hatz verwirrte Gestalt des Mannes hervor, der sein langes Leben hindurch ein rastlos nach seinem inneren Gesetz Schassender gewesen ist. Wir geben im folgenden einige Briese des Dichters von seiner Reise nach Ceylon wieder, die seine scharf« Anschauungs- und Gestaltungskraft aufs neue beweisen.
Zwischen Port Said und Jsmalia, den 30. November 1903 abends 6 Uhr.
Sonnabend. Gestern rauher Nord mit Wolkenflucht und Wellengrau, heute weicher Maiwind mit azurnem Himmel und Tropenglut. —
Was ich tausendmal gemalt gesehn, die Lagunen mit Kranichscharen, stelzbeinige Schopsreiher in den purpurnen Wassern, verschwimmend« Inseln am seinen, veilchenfarbenen Himmelsrande — eben hab' ich es mit meinen Augen geschaut.
Um drei Uhr fuhren wir von Port Said ab. Besinnst Du Dich auf die wunderbare Schilderung dieses wüsten Nestes in „The light that failed ‘? Als wir in den Hafen einsteuerten und die ersten Hotelboote mit grellrot gekleideten, fezgekrönten Ruderern uns entgegenstürmten, da ,glaubte ich noch einigermaßen an eine Maskerade. — Dann aber ging's los. Ein Pandämonion von Galgenvögeln, Nubiern, Barbaren, Fellachen, Arabern, Griechen, in blauen, roten, goldgelben Frauenröcken und modernen Jacketts darüber, in silbergebrämten Pluderhosen — nacktbeinig, mit klassisch gewandeten Tuniken — Kitteln mit fußbreiten Brustschärpen — ein grelles, schreiendes prügelndes, bettelndes, angreifendes Durcheinander von Dingen, die halb zwischen dem Menschen und dem Affen stehen geblieben schienen.
Und nun das Großartigste: Mitten in dieses wüste Getriebe schiebt sich in majestätischer Ruhe eine Gruppe von breiten, flachen Barken, floß- artig und aneinander gebunden. — Alle schwarz, nachtschwarz und auf ihnen Hunderte von phantastisch wilden, schwarzen Gestatten, lautlos, regungslos — nicht in Kopf an Kopf gedrängten Knäueln, sondern jede ein Bild für sich, ein erschreckend düsteres Bild von Hunger, Not, Gram, Verbrechen und Tod.
Die Barke der Unterwelt — von einem genialen Romantiker ersonnen und auf die Leinwand gebracht. — Was war's? — Die Kohlenlader, die binnen drei Stunden unser Schiff mit dem nötigen Vorrat zu versehen hatten.
Nie int Leben werde ich dieses Bild vergessen, das wie etwas nicht in die Wirklichkeit Gehöriges vor meinen Augen steht. — Dann kam eine Wanderung durch die Stadt, in der nach Kiplings Worten der Auswurf dreier Weltteile sich vereinigt. —
Um drei Uhr ging's fort. — An Bäumen mit tellergroßen, roten Blüten, an Palmen, Tamarisken mit Kasuarinen vorbei, die in schmalen Streifen die Quais einfäumen. Denn sonst ist alles kahl, sandkahl. Mitten in die Wüstenei hineingepflanzt steht di« charakterlos«, breitstroßige Stadt da, die der Suezkanal entstehen ließ, und die durch ihn ihr Leben fristet. Der Kanal — eine gradlinige Wasserstraße — wie ein deutscher Mittel- flutz, rechts und links von Lagunen begrenzt, durch die der Kanaldamm als einzig dunkle Linie in dem Lichtmeer sich dahinzieht.
Lichter und Farben habe ich in dieser Stunde gesehen, wie noch nie in meinem Leben. Zuerst alles in Lichtgelb. Himmelsrand, Lagunenfläche, Sanddünen — alles eine Symphonie in Gold, dann nach Orange hinüberdunkelnd — und dann mit dem Untergang der Sonne ein Farbenspiel herzaubernd, wie es unser Norden nie gesehen hat.
Ein mächtiges Adlerpaar setzte sich auf die Telegraphenstangen des Kanaldammes und ließ uns ruhig oorüberfahren. — Vogelzüge am hohen Himmelsrande, schreckhafte Gestalten mit langen Schnäbeln und schwanz- 105 — hie und da ein züngelndes Feuer, an dem Fellachen auf dem Bahndamm ihr Essen kochen. — Feierliche Stille auf dem ganzen Schiff. Keiner wagt laut zu reden. — Bis die Nacht hereinbricht.
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Zwischen Suez und Aden auf dem Roten Meer, den 3. Dezember 1903.
Mein liebes Herz, der erst« Tag der Roten-Meer-Fahrt, als wir in dem engen Golf von Suez noch rechts und links Felsenmauern sahen, gehört zu dem Düstersten und Wildesten — wenn man in greller Tropensonne von Düsternis reden kann —, was mir das Leben zu sehen je beschert hat. Hunderte von Meilen, von Felsenwüste umgeben, in der kein Grashalm grünt, kein Vogel fliegt. — Zwischen glühroten Graten Sandwogen, wie Gletscher zwischen Alpengipfeln. Durchs Glas konnte man ihn liegen sehen in gelben Wellen und darüber Fels an Fels, Klippe an Klippe, Bergzug an Bergzug. — Und dabei das Gefühl: Dort ist ein Land, dessen Betreten den Tod bedeutet, den Tod geradeso, wie wenn man über die Reling nächtens ins Meer springt.
Den Endpunkt des Landes bildete um die Sonnenuntergangsstunde der Sinai. Wie hab' ich mir die Augen wundgeschaut nach jenem Felsen- rücken, auf den seit Jahrtausenden die Phantasie der Menschheit wie hypnotisiert hinstarrt; und an dem, körperlich betrachtet, so gar nichts Bemerkenswertes ist, nicht einmal sein« Umgebung überragt er. —
Von da an kam Wasser, Wasser, so weit das Auge reicht, nun schon zwei Tage lang. Und noch zwei Tage wird es dauern, bis das schauerlich ausgedörrte Aden sich uns zeigen wird. Dort ist keines Kulturmenschen Stätte, nur ein paar englische Offizier« mit ihren Mannschaften müssen der schattenlosen Glut standhalten. — Und dann kommt der Indische Ozean, aus dem als erstes Wunderland Ceylon austauchen wird!
Colombo, den 13. Dezember 1903, Galle Face Hotel.
Meine Lieben, Geliebten!
Wenn mir einer sagt, ich sei verhext und durch Zauberei mitten ins Paradies hinein verschlagen, so würde ich ihm antworten, daß das Paradies ein mäßiges Vergnügen gewesen sein muh, verglichen mit den Wundern an Natur und Kultur, in denen ich lebe. Denkt Euch einen schneeweißen, mit zwei Stock hohen Loggien begrenzten Prachtsaal, m welchem schillernde Vögel aus- und einfliegen, und durch dessen Bogen man das veilchenfarbene Meer und die wehenden Palmenwedel sieh!, denkt Euch, von der Decke herabgelassen, Dutzende von elektrisch bewegten Fächern, welche eine leicht« Kühle allüberallhin verbreiten, denkt Euch ein Heer dunkelhäutiger Diener mit Blumengesichtern, mit großen Schild patikämmen in den langen Haaren, in Weiberkleidern und mit goldenen Ringen an den nackten Zehen, denkt Euch eine Reihe auserlesenster Gerichte, welche auf einen Fingerzeig zur Karte hin geräuschlos vor uns erscheinen, und ebenso geräuschlos verschwinden, wenn man Messer und Gabel hinlegt, und denkt Euch als Dessert Haufen megekannte Woh- gerüche verbreitender Früchte, die, in Eis gepackt, vor uns hingestellt werden, Bananen, gegen welche die unsrigen schmecken wie ichleimige Kartoffeln, Ananasse von zwei, drei verschiedenen Arten, ein grunschaliger Apfel und drin die duftigste Orangenart, ein« den Melonen ahnttcye Frucht, Papaya genannt, von einem solchen Aroma, daß sie schon vom. Nebentisch herüberduftet, eine Frucht: Pnango, eine andere Mangostin, jede rätselhafter als die andere. Und nun henkt Euch als Cherub ,m Paradiese die stete Mahnung: Vorsicht, wenig Fruchte essen, damit es- ^"Seit''gestern^mittag haus' ich hier. Um sieben Uhr morgens hat iSer Waiter mir einen Tee mit Bananen, Marmelade, Brot und Butter ans- Bett gebracht, dann das kühle Morgenbad, und nun htz 'ch da und begucke mir bie beiden Marabus, die drüben auf, dem Dache fitzen, als ob das o fein müßte, und die aussehen wie zwei abenteuerliche Vogelsaurier, aus einem Phantasiebilde der Jurazeit geschnitten. — Zu meiner Füßen rauscht das Meer, und eine Gruppe Kokospalmen schiebt ih.e Stämme, schlank wie üilienstengel, zwischen mein Auge und d,e glitzern!, blaue Wasserwelt. Dunkelbraune Drawidas — so oder Tamils heißt Der Volksstamm, der mit den arischen Singhalesen Ceylon bewohnt bader ihre Zebus in der Brandungswoge. — Das ist die Szenerie, in der ich ^Die Einfahrt gestern in die Stadt gehört zu den Augenblicken, die: man bis zu feinem Tode nicht vergißt. Tausend Augen mochte man haben, und lie hätten auch nicht ausgereicht. Ein Wundergarten voll Palmen. Malvenbäumen, Flammenakazien und so fort — Terrassen mit Springbrunnen, in denen bunte Vögel badeten das war das erste, wasichsa. Dann kamen Paläste im Stil einer etwas abenteuerlichen Renaissance, und dann ging's hinaus auf eine Wiesenfläche — so goldgrun neben dem Smaragd der Palmenwedel, neben dem blauen Leuchten des Meeres - wie ich' noch nie im Leben eine Wiesenslache sah — Wir ?lle laßen ir den Rikschas und lachten uns zu, wußten aber nicht, wie wir die Augen, vor dieser übermächtigen Lichtkraft schützen sollten, die uns blendete uni, ängstigte. — Und dann kam die Einsahrt ins Hotel, das wie ein verwunschenes Schloß einsam am Meeresstrande liegt. Abends nach dem dinner erglühen blaue, rote, grüne Flammen in den Palmenkronen hoch oben — ein Sternenhimmel unter dem echten, der als Feuerspiel genugem könnte, denn nie — auch in Frostnachten nicht — sehen wir etmas
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Von dem tausendfältigen Blühen schreib' ich Euch ein andermal, wenn ich Über den botanischen Charakter dessen, was ich sehe, ein wenig meyc im klaren sein werde. — Aber was wollen Namen? Und doch sind sie nötig, um in der verwirrenden Fülle irgend eine Richtschnur zu geben. Was denkt Ihr Euch beim Namen „Malvenbaum ? Gar nichts. Weim ich Euch sag«, dah auf mittelhohen Bäumen mit Blättern, die mit unserem Tulpenbaum entfernte Aehnlichkeit haben, goldgelbe und purpurne Bluten — wahrscheinlich männliche und weibliche — von der Große nnett mittleren Faust nebeneinander sitzen, so habt Ihr schon..«her ein » Manchmal blühen auf einem Baum vier, fünf, zehn verschiedene Blumes von all den blühenden Schlingpflanzen, die sich ineinander flechten. Bwlew und orange, lilienweiß und purpur — alles leuchtet mitsammen dur-0 bas spiegelnde Grün der Blätter, von denen eines häufig die Grogs eines Kindes hat.
Aus der Geschichte des deutschen Weidwerks.
Von Dr. Friedrich Spreen.
Wenn der Herbst mit seiner frischen Klarheit über Wald und F«"° ein spätes Sonnengold breitet und aus bleichen Nebeln und leichten we- spinften phantastische Schleier webt, dann beginnt des Jägers rechte W». bann vuft's überall wie im Liebe Wilhelm Müllers:
„Es lebe, was auf Erden, Stolziert in grüner Tracht, Die Wälder und die Felder, Der Jäger und die Jagd!"
Solch fröhlicher Jagdruf und lauter Hifthornklang durchtönt als helle Melodie die Geschichte unseres Volkes.
Den alten Germanen, den echten Söhnen des Waldes, in der« trotzigen Augen schon Tacitus di« grimme Freud« am Kampf mit dem wilden Getier aufleuchten sah, war bie Lust am frischen fröhlichen Sagen tief eingewurzelt, und der Reichtum ihrer unendlichen Jagdgrund« vou ihnen bie Kunst des edlen Weidwerkes ganz natürlich dar zur SM- i rung ihrer Aecker und zur Sorge für den Unterhalt. Das Wild gab ce
Deutschen Nahrung und Kleidung; Bär, Wolf und Eber waren st'm größten Feind«. Mochte er sich auch zur Erlegung solchen> Raubzeug- der Fallgruben und der Schlingen bedienen, bie ihm gemäß« zlrt Jagens war doch der offene Kämpf mit dem Tier«, dem er mit dem Speer furchtlos entgegentrat, oder das er mit [einen Hunden hetzt« U*V erlegte. Schon sriih jagte der Germane nicht einsam, wir wissen v


