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Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Zahrgang ^932 Zreitag, den 30. September Nummer Z6

Litauisches Erntelied.

Bon HermanuSudermann.

Der letzt« Streifen Glut verglimmt, Ium Gestern verflattert das Heut, Und in den rötlichen Nebeln schwimmt Ein Tropfen Abendgeläut.

Ich sitze vor meines Vaters Haus Auf der weihgeftrichenen Bank Und horch' auf die dämmernde Straße hinaus Und Vie rauschenden Papp«ln entlang.

Dort, von dem Dunkel der Kronen umschirmt, Ist ein heimliches Leben erwacht: Heuwagen schwanken hochgetürmt Durch die rötliche Sommernacht

Und oben Mädel in krausem Gewühl Und Bursche ganz dicht nebenbei Und aus dem prickelnden, duftenden Pfühl Ein Kichern ein Singsang ein Schrei. Und also sind sie vorübergefahr'n, Und es folgen ihrer noch viel, Und ich wette, auch heute, nach vierzig Jahr'n, Ist es Las alte Spiel.

Und immer noch fahren unverwandt Der Liebe törichte Fracht Heuwagen im alten Litauerland Durch die rötliche Sommernacht.

Hermann Sudermann.

Zu seinem 75. Geburtstage.

Bon Peter H a m e ch e r. GDS.

Hermann Sudermann würdigen, heißt immer wieder: das End- uteil eines Prozesses revidieren, der einst vor dem kritischen Tribunal jegen diesen Dichter entschieden wurde. DasKotzebueI Kotzebue. , das iem Verurteilten nachgerufen wurde, gellt einem noch in den Uhren, '.nd wenn einst der Beifall, der ihn umbrauste, zu laut war, so war ter Spott, der den glücklich Gestürzten verfolgte, nicht weniger uber- tieben. Der Fall Sudermann gehört in das Kapitel von der Tragödie teä Erfolges. Es ist nicht etwa so, daß Vieser Ostpreuße durchaus m Ni« falsche Zeit läge geriet. Hervortretende Bestandteile seines Wesens iiachten ihn vielmehr zum echten Kind der 3M machten chn auch zu Mem Beherrscher. Aber er geriet in eine falsch« Stellung innerhalb ter Seit, und das wurde sein Unglück, sowohl für seine Person, wie auch m Urteil der kritischen Zeitgenossen.

Das Jahr 1889 brachte zwei neuen Namen plötzlich und über Nacht ins Glück des Erfolges und des Ruhmes. In diesem starken und leben- ti gen Anbruchsjahr des Naturalismus erschienen gleichzeitig Gerhart iauptmannsVor Sonnenaufgang und Hermann ^u- HermannsE h r e". Man sah an beiden Werken, die di« Geinuter i'regten, das Neue: den Bruch mit der Welt des Gestern den Sturm 1 »es Kommenden, und vor den Zeitgenossen standen bereits die beide Achter zusammen auf einem Sockel wie Goethe und Schiller in _

Diese Verkoppelung mußte für Sudermann zum Unglück ausschlagen, t>«il sie falsch war: weil sie -ihn -in ein falsches Verhältnis zur Literatur- "üwicklung und zum Urteil brachte. Man sah ihn Nicht als den der war, sondern maß ihn mit dem Maßstab einer Hemden, durchaus t-gensätzlichen Erscheinung: trieb ihn auch in einen gewissen Wettbewerb, ter seine natürliche Linie mehr als einmal umbog.

Der Unterschied zwischen der nach innen gewandten Dramatik Ger- Iprt Hauptmanns und dem griffigen keinen Effekt vorbei lass enden ^ühnentemperament Sudermanns ist langst so deutlich, iwß «-ehr auseinandergesetzt zu werden -braucht. D.e Dichter stehen gesw e- in ganz verschiedenen Linien. Hauptmanns naturalis ich- p ss

i stische Art, passiv wie sie ist, erscheint von vornherein ganz verschieden °'n der aktiven, direkt zupackenden Art Sudermanns, di« auf grell - dutüche Herausarbeitung der Gegensätze gerichtet 'ft, der HauM>^ . leine Gestaltung ist nicht so sehr weich empfindendes Mitleben, wie : S'iPannte Anteilnahme an den Dingen. So tritt er, wenn wan io wil , "«hr von außen an die Dinge heran: ist er weniger m deri Men chen

in den Vorgängen. Als Kind der Zeit kann man ihn von s«nem ^Meninhaltlichen her wohl ansprechen: aber mit der ^iilbewegung

jener Jahre hat er nichts zu tun, sondern bleibt eigentlich im Stil des alten Gesellschastsdramas, Fortsetzer, nicht Neuschöpfer. Bei aller zeit­lichen Nähe zum Naturalismus konnte keine Art diesem ferner und fremder sein als die Sudermanns. Sein Anderssein aber wurde ihm an= gekreidet bis zur Ungerechtigkeit, bis zum vollkommenen Verkennen feiner starken positiven Qualitäten.

Bühnentemperament: ein Gefühl für Entwicklung und Bau eines Stückes, Mick für Wirkungen und zupackender Griff, das ist es, was Sudermann positiv mitbrachte. Dazu kommt das scharfe Auge für Zu­stände und Typen der Gesellschaft. Er war durchaus ein Mensch der Zeit.

Seine dramatische Linie aber ist die des französischen Gefellschafts- stllckes, von dem auch di« Lindau, L'Arronge, Blumenthal herkamen, die er in seinen besten Stücken freilich weit übertrifft, und die gingen nicht fehl, die nach seinen ursprünglichen Anlagen von ihm den Juvenal des fin de sifecle, der Endzeit erwarteten. Ein Stück wie Sodoms Ende" behält als Gesellschaftssatire seinen bleibenden Wert. Und selbst wenn man Sudermann alles absprechen wollte, so kann man ihm doch das eine nicht absprechen: daß er sich auf die Gesetze der Szene verstand wie kaum einer in Deutschland.

Freilich ist auch nicht zu verkennen, daß die aus seinem starken Temperament vorbrechende Neigung zur Wirkung ihn leicht zur Ueber- treibung verführte. Der blendende Szeniker wurde allzu leicht zum Theatraliker, der durch Uebersteigerungen und durch Ueberkolorierungen verblüffen und überrumpeln will. Und der Publikumsersolg, der ihm so reich zuteil wurde, hat ihn sicherlich verleitet, der Neigung zum Krassen die Zügel schießen zu lassen: ja, sie wird ihm in seinen späteren Werken in verhängnisvoller Weise zur zweiten Natur.

Er ist nicht nur der Meister der Bühnend eherrschung, er ist auch der Meister der falschen Töne und der unechten Farben, und an diesem Punkt hatte die Kritik recht gegen ihn, wenn man auch immer wieder gegen die Verkleinerung der Erscheinung opponieren muß. Schließlich wußte eine Eleonore D u s e gut, weshalb sie eine Gestalt wie die Magda der Heimat" in ihr Repertoir aufnahm, und ein Stück wie der Ein­akterFritzchen" ist ein Schauspiel, das in seiner Bühnensicherheit etwas Seltenes in unserer dramatischen Literatur bleibt.

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Es muß mit dieser ganzen Richtung aufgeräumt werden", soll der damalige Polizeipräsident von Berlin, Frhr. v. Richthofen, ge­äußert haben, als er im Herbst 1890Sodoms End e" verbot. Dieses Wort bezieht sich natürlich auf die Tendenz der neuen Literatur. Aber es handelte sich in der jungen Literaturbewegung auch um eine Stil­richtung, mit der Sudermann seinem Wesen nach nichts zu tun hatte, und da man ihn auch mit dieser gleichsetzte, kam die Atmosphäre auf, in der die Verkennung bis zur Ungerechtigkeit anwuchs.

Weniger aberkennend ist.von jeher der Epiker Sudermann behandelt worden, und in der Tat bleibt hier auch die dichterische Wirkung der Erscheinung eine durchaus reinere. Sudermann gehört zu den stärksten Erzählern unserer Zeit. Wie in seinen Dramen, ist er auch in seinen Romanen nicht der Vertreter einer neuen Stiltechnik: er setzt vielmehr .die Tradition fort, die über Freytag, Spielhagen usw. zu ihm läuft.

Als Epiker hat er eine naive, sinnliche Freude am Erzählen, eine naive sinnliche Freude auch an den Dingen und den Menschen, und eine natürliche reiche Stoffhülle bei einer starken Anteilnahme seines Temperaments. Wie er auf der Bühne nicht die Scheu vor dem Thea­tralischen kennt, kennt er hier nicht die Scheu vor dem Romanhaften des Geschehens: doch bleibt er in feinen Wirkungsmitteln durchweg dichte­rischer und gezügelter. Er weiß Gestalten aufzubauen und in der Ent­wicklung weiterzüfllhren. Bon dem Mittel der Spannung macht er jeden Gebrauch und biegt nicht ab vor dem starken Gefllhlsausbruch. Der Bogen des Geschehens aber spannt sich in kühner, natürlicher Sicherheit vom Anfang bis zum Ende. Ablehnung und Zerfaserung gibt es nicht. (Der Katzensteg":Der tolle Professor .)

Der Epiker Sudermann hak vor allem ein echtes Wurzelverhältnis zur Heimaterde.Frau Sorge", der Erstling, ist gewiß nicht ohne Ein­fluß auf die Heimatkunst geblieben, und noch während des Krieges gab er, schönstes Zeugnis feiner Liebe zur heimatlichen Welt, jenes Buch, in' dem er sich von der besten Seite feiner starken Begabung zeigt: dieLitauischen Geschichten". So sind im letzten Grunde der positiven, bleibenden Wert« bei Sudermann weit mehr, als man eine Zeit lang wahrhaben wollte, und die Zeit wird die Revision vollziehen, die dieser Gestalt, die so viel des Erfreulichen, rein und schön Wirkenden zeigt, Gerechtigkeit widerfahren läßt.