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Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Nummer
Montag, den 2. Mai
Jahrgang 1932
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10
Nachtgefühl.
Von Will Scheller.
Die Welt ist hingeschieden
So hingewiegt.
Durchs Fenster schweift ein Wehen, Ein holder Hauch:
„Es kann dir nichts geschehen ..
Und ruht nun auch.
„surgermelsier! Bürgermeister!" Kroch auch! Das kam nicht oom Hof, das kam oon der Straße her. Und war der Stimme nach ein Weibsmensch.
Er öffnete das Fenster, das nach der Straste zu ging und rief hinaus „Wer is da?"
„Ich, die Psarrerin", klang's oon unten herauf.
„Die Pärnersche (die Pfarrersfrau)?" entfuhrs ihm.
„Ja, Bürgermeister. Ihr miistt mir helfen."
„Wann ich kann, recht gern."
„Mein Mann hat diesen Nachmittag eine Kindtause in Wingertshain gehabt und ist noch nicht zurück."
„Stoch net zurück? Is der Herr Parrer dann die Chaussee enabber gemacht oder durch den Wald?"
„Das weist ich nicht. Meist nimmt er den kürzeren Weg durch den Wald. Um sechs wollt er wieder hier fein. Und geht auf elf. Ich bin in Todesangst. Seit er im Frühfahr an Rheumatismus gelegen hat, macht ihm sein Herz zu schaffen. Wenn ihm nur nichts zugestohen ist."
„Das wollen wir net hoffen. Ich komm' eraus."
Er fetzte die Patschkappe auf und verließ die Stube. Gleich darauf stand er Der zitternden alten Frau gegenüber, die er um Haupteslänge überragte.
„'s ist de beft", sprach er ruhig, „wann die Frau Parrer heimgeht. Man must net gleich das Schlimmste denken. Der Herr Parrer hat sich am End' oerspät' ober is irr gangen in dere Dunkelung. Ich weüd's schon ausmachen."
„Großen Dank, Bürgermeister!" *
„Keine Ursach." . „
„Seid so gut und schickt mir gleich Nachricht.
„Tutswitt." (Sofort, tout de suite.)
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Die pariser.
Roman von Alfred B o ck.
I.
Im liefen Schweigen der Nacht hörte man auf dem Kiichenplotz nur das gleichmäßige Ticken der Turmuhr. Am Himmel glitzerten die Sterne. Aus dem Halbdunkel traten die Umrisse der kleinen Zisterziensertirche hervor, die sich als ehrwürdiger Rest eines längst entschwundenen Klosters
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reit getan. Seit er die Sechzig Überschritten, feil seine Augen trüb unb seine Beine schwach geworben waren,beschrankte er sich aus den hoch, gelegenen Kirchenplatz und ließ dem Hornruf sein „^ellt s euch folg - Der Bürgermeister wußte von dieser Pslichlwidrigkeit, doch druckte e ein Auge zu, weil der Hannbalzer zu denen gehörte, die ihm zweimal bei der Biirgermeislerwahl ihre Stimme gegeben hatten.
Es war in den ersten Tagen des Oktober. Anhaltendes trockenes Wetter hatte die Herbstsaat verzögert. Jetzt, da der Boden "on reichlichem - 3 durchfeuchtet war, drängte sich die Arbeit zusammen. Noch waren S h rabi, Weißkraut unb Dickwurzeln einzubringen, die Aecker mußten ge- Zackert werden, und mancher Buckel würbe naß und wieber trocken Ore, steifer hat der Bauersmann in seinem mühevollen Berufe: Muskelstarke Ausdauer und einen ausgepichten Magen. In aller Frühe steht er aus, gehl mit den Hühnern zur Ruhe und schläft wie ein Murme tier.
Im Unterborf, wo die Pariser wohnten hielt heute nacht das Homg- kochen die Spinnstubenkameradschaft wach. Burschen und Mädchen wäre' im Siebhaus der Spechtsmarie um einen mächtigen, dampfenden »eßet versammelt, und der Honigrührer ging von Hand zu stand- L-WS b Buschur (gebildet aus bon jour) aus der Klostergasse lat wüst "ul und paffte vor sich hin. Als ihn das Markatchen anranzte: „Du Faulenzer leist unserm Herrgott sein Garnaut (Garmchts)! grinste er sie unb sang:
„Ei bu schöne Klapperschlange, Du hast mir mein Herz gefange, Liegst mir alsfort in der Haul^ Wie die Wurst im Sauerkraut.
Die Mädchen quiekten vor Pläsier, und die Burschen lachten, daß ,ich die Balken bogen.
Im Oberdorf war's mausstill und stockfinster. Rur aus der Amtsstube des Bürgermeisters Melchior Wallenfels fiel ein heller Schein auf bie Straße. Der Dorfgewaltige faß an seinem Schreibtisch, den Graukopf über das Grundbuch gebeugt. Der Stoffel (Christoph) im Stumpcheseck batte feinen Sohn verheiratet und wollte den jungen Leuten fein Gut ,;u ■?>«... 50-”01 elfter als Ortsgerichtsmann lag ob, den Aus-
Ä- he pressierte, aber bie Arbeit rückte nicht voran. " reits verkratzt. Aergerlich warf er das Schreib- donnerwetterl Die Schrunden an seinen Hänidett war, um aus der Haut zu fahren. Seine Frau 8i Rahm bestrichen. Danach waren die Schmerzen plagten sie ihn aufs neue. Der Schiwwerkäsper im gestern empfohlen, er solle einen Maulwurf I schen den Händen zerdrücken. Dann würden die Ma ein Haar, und er hätte den Quacksalber zur ■ hatte wahrhaftig mehr zu tun, als sich solch wen blasen zu lassen. Und bie Schrunden allein nicht, die ihn heut abend so zwatzelich machten, waren's. Die brachten ihn ganz durcheinander, ing fallen, ob er nach achtzehn Jahren noch das besaß, ob er zum drittenmal bei der Bürger- .35 Feld behaupten würde. Er halte viele Feinde. t Aren die, die im Verborgenen gegen ihn hetzten, darf bie Pariser hatten einen Pik auf ihn. Zuerst halten fie dem Spechlskarl die Kanbibatur angetragen. Der hatte abgelehnt, weil er mit seiner, des Bürgermeisters, Annegret ging. Der spechlskarl hatte eine gewichste Nase und ließ die gute Partie nicht fahren. Später hieß es, fie hätten den langen Filsinger aus der Mittelgasse ausgestellt, den Einfaltspinsel, den Zwetschenpfiffer! Dann gewann's wieder den Anschein, als sei's bloß ein Strohmann, den sie vorschieben wollten. Er hatte seine Kundschafter, doch die erfuhren so gut wie nichts, denn die Pariser spiel-- len unter einem Hütchen und hielten zusammen wie die Kletten. Manchmal fuhr's ihm durch den Kopf: Sollte der Spechlskarl am Ende ein Heimduckser, ein Doppelzüngiger fein, vor dem man auf der Hut sein mußte? Dann schalt er sich selber, weil er alles durch die Angstdrille sah. Der Spechlskarl war kein Dreckkneler, durch den guckte man durch unb durch. Freilich, wie die Wahl verlaufen würde, konnte niemand sagen. Noch hatte er Freunde genug, die auf seiner Mühle mahlten. Zweimal hatten sie ihn durchgedruckt. Warum sollt's nicht zum drittenmal geraten?
Mit Stadt und Land , -
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