Vom größten Büchernarren.

Von Corl Georg von Maaßen.

^eder Büchersreund, der von einer mehr als gewöhnlichen Leidenschaft ,u den Büchern gepackt wird, läuft Gesahr, von seinen Zeitgenossen für einen Sonderling gehalten zu werden. Es ist auch nicht zu leugnen, daß so mancher Verehrer der Erzeugnisse der edlen Buchdruckerkunst von seiner Liebhaberei derartig gefesselt und in Anspruch genommen wird, daß er alle Sorgen um sein irdisches Dasein vergißt, ja, daß ihm der I Sinn für das bürgerliche Leben und dessen Forderungen völlig abhanden kommt. Die Geschichte der Bibliophilie weist zahlreiche Beispiele h>er-

Einer der merkwürdigsten Bibliomancn, vielleicht sogar der merk- I würdigste von ihnen, war der italienische Gelehrte Antonio Magliabecchi. I (£r würde am 2». Oktober 1633 als Kind armer Eltern zu Florenz ge­boren und erlernte anfangs das Goldschmiedehandwerk, dem er aber I keinen Geschmack abgewinnen konnte. Seine große Liebe zu den Buchern I zog ihn zum Studium der Literaturgeschichte. Da er ein ausgezeichnetes Gedächtnis besaß, so uermochte er sich im Lause der Zeit einen Schatz I bedeutender Kenntnisse zu erwerben, die ihn befähigten, mit den größten I Gelehrten M'Gedankenaustausch zu treten. Er stand mit ihnen m be- I ständigem Brieswechsel und erfreute sich seines erstaunlichen Wissens wegen eines großen Ansehens. Targioni gab im Jahre 1745 den Brief- I wechsel des schreibfrohen Mannes in fünf Bänden heraus. Im Jahre I 1673 hatte ihn der Großherzog Cosimo III. de Medici zu seinem Biblio­thekar ernannt, lieber die höchst eigenartige Lebensweise dieses einzig- j artigen Sonderlings liegen uns eine Reihe zeitgenössischer Zeugnisse vor, von denen wir einige der interessantesten hier mitteilen wollen. I

Heinrich Bartsch besuchte dieses gelehrte Original im Fruchahr des Jahres 1692 und berichtet darüber:Zu Florenz war ich an den be­rühmten Bibliothekar Magliabecchi von Herrn Professor Schurzfleisch rekommendiert, welcher mich gut ausnahm und mir und meinen Ge- I führten ungemeine Höflichkeiten erwies. Er ist drei ganze Tage mit uns I hcrumgelaufen und hat uns alle Memorabilia, infonderheft die groß- I herzogliche Bibliothek gezeigt. Endlich führte er uns auch in feine eigene Bibliothek. Darinne sah es gar wunderlich aus und habe niemals eine I solche Unordnung gesehen, werde sie auch nicht wieder sehen. Der Mann I lebt ganz allein, er hat keine Frau, Magd ober Jungen, sondern laßt sein Essen bei den Nachbarn zurichten. In seinem Hause (in dei«Gasse della Scala, hinter der Dominikaner-Kirche) findet man nichts als Bücher. Alle feine Mobilien bestehen aus sechs Stühlen (auf welchen Bucher liegen) und aus einer Matratze, auf der er schläft. Wenn man ins Vor- I Haus kommt, liegen Bücher, eins über das andere, fast bis an den Balken, fo daß nur ein Gang für eine Person gelassen ist. So sieht es auch in ' den anderen Kammern aus. Die Treppe ist gleichfalls mit Büchern belegt, fo daß man oft auf dieselben treten muß. Der Stall ist voll Bücher. Im Hofe steht ein Brunnen, auf dessen Rande rund umher Bücher liegen. Und doch weiß er auch das geringste Buch sogleich zu finden.

Sein Geld, was er hat, erstreckt sich nicht über 20 Skudi, und das liegt zerstreut zwischen den Büchern. Kommt ein Bettler, so schickt er ihn zuweilen an den Tisch und sagt, er soll nehmen, was er findet. Er hat in feinem Hause gern noch einmal so viel Bücher, als auf der großherzoglichen Bibliothek zu finden sind. Bei dem Großherzog ist er sehr gelitten und kann von ihm so viel Geld bekommen als er will. Aber er achtet kein Geld, es sei denn, Bücher dafür zu kaufen. Schnupf­tabak ist feine größte Delikateffe, welches wir schon erfahren hatten, deswegen wir alle Tage eine Dose füllten, welche auch aufging. Davon hat er sich die ungeheuere Nase fo verdorben, daß sie aussieht wie ein ungefegter Schornstein. Wenn wir diefes und jenes fragten, fo dis- curierte er so lange und so vehement, daß ihm das Maul schäumte. Er redet schlecht Latein, darum er schwer dazu zu bringen ist, sondern meist italienisch."

Ein anderer deutscher Reisender, Heinrich von Huyssen, erzählt von ihm in seinerCurieusen und vollständigen Reisebeschreibung von ganz Italien (1701): Magliabecchi lebt auf eine ganz besondere Weise und recht als ein Philosophus. Er speiset wenig und beinahe nichts als Eier, und schläft des Nachts nur drei bis vier Stunden, und zwar nicht im Bette, sondern mitten unter seinen Büchern, auf welche er feine ganze Besoldung und alles, was er geschenkt bekömmt, verwendet. Seine Zeit bringt er mit Studien und Correspondenz zu. Den Schnupstabak liebt er über alles, und ob ihm des Mißbrauches wegen der Großherzog denselben gleich verboten hat, leidet er doch keinen Mangel daran, weil es die Fremden wissen, die ihm stets gefüllte Dosen bieten. Er sollte ein Goldschmied werden, hatte dazu aber keine Luft und ergriff das Stu­dieren. Darinne hat er es nun so weit gebracht, daß er genennet wird ambulans Bibliotheka* und dergleichen. Sein Gedächtnis ist ganz vor- trefflid) und so herrlich, daß er alle seifte Bücher, sowie die in der Biblio­thek sogleich zu finden weiß, ob sie gleich in verschiedenen Kammern, auf der Galerie, der Treppe ufw. liegen."

Auch Johann George Keyßler bringt in feiner berühmten Reisebe- fchreibung (1729) einige interessante Züge zu diesem Bilde und berichtet: Er hatte ein ganz -vortreffliches Gedächtnis. Die Jesuiten, die er gar nicht leiden konnte, waren ihm sehr feind. In feiner Bibliothek sah es sehr unordentlich aus und der übermäßige Gebrauch des Schnupftabaks brachte seinen Büchern keinen Vorteil. Eier waren seine vornehmste Kost, und da ihm die auseinander gelegten Bücher auch statt des Tisches dienen mußten, so sahen dieselben oft gar fein darnach aus. Seine Nägel hielt er immer in solchem Stande, daß er einen guten Harfen­spieler hätte abgeben können. Die Hemden behielt er, solange es nur gehen wollte, auf dem Leibe." Seine Feinde übertrieben es in der Schilderung feiner Person und seiner Gewohnheiten. Der Ritter Marmi aber, der ihn ganz genau kannte, und mit ihm vertraut umging, Jagt in seinem Elogio di Magliabecchi imGiornale de Letterati dItaha:

* wandelnde Bibliothek.

Er war klein von Statur, trug den Kopf stets auf ine Imke Seite ge. bogen, hatte kleine, graue, stark hervortretende Augen, eine große und weite Nase, eine nicht allzu hohe runzlichte Stirn und einen stets ossen stehenden Mund. Er war bürgerlich, aber ein wenig altväterlich ge- kleidet" Daß die Bücher in seinem Haus übereinander lagen, sagt er audrSein Tisch war ein kleiner Stuhl von geslochtenem Stroh auf einem andern schlief er mitten unter seinen Büchern, die schickstweise um ihn her aufgetürmt lagen. Er wohnte ganz allem und hatte keine Diener." Magliabecchi selbst pflegte im Hinblick auf feine ihm ch lieben Bücher zu fagen:Optimi consultores mortui (die besten Ratgeber sind die Toten). ,, ,

Von allen Seiten nahm man Zuflucht zu ihm, wenn manlat ge­brauchte wie zu einem Orakel. Und worüber man auch Auskunft be­gehrte man erhielt sie. Magliabecchi las alles, was er bekommen konnte, und meinte, aus jedem Buch fei etwas zu lernen. (£r ertrug feinen Zwang und der Großherzog, der ihn darin kannte, schrieb lebcsma eigenhändig an ihn, wenn er etwas von ihm wünschte. Kaiser und Papst begehrten ihn in ihrem Dienst zu haben, aber Magliabecchi bheb seinem ^GMaTjebe Nacht so lange, bis er auf einem Stuhl darüber ein­schlief oder er warf sich völlig angekleidet aufs Lager. Dabei geschah es einmal, daß ihm der Kohlentopf, woran er sich zu warmen pflegte, aufs Bett fiel und es ansteckte. Er erwachte erst, als die Decken und die darauf liegenden Bücher in Hellen Flammen standen. Diesen Kohlentopf trug er ständig mit sich herum und verbrannte sich häufig Hande und Kleider daran, wodurch fein Aussehen sich nicht gerade verschonte.

Im Jahre 1708 erkrankte er so schwer, daß ihn Prinz Ferdinand in den großherzoglichen Palast bringen ließ und ihm schöne Zimmer nebst einigen "Dienern zur Verfügung stellte. Aber diese Umgebung gefiel dem sonderbaren Heiligen nicht, und er floh in seine Einsamkeit zurück. Als das Alter ihn hinsällia machte, zog er sich in ein Kloster zurück und über- gab seine Bibliothek dem öffentlichen Gebrauch. Nach feinem Tode wurde sie mit der großherzoglichen Bibliothek vereinigt. Er starb am 2. Ium 1714.

Als Gast in einem japanischen Hans.

Altes und neues Familienleben in Japan.

Bon Dr. Erwin Stranik.

Wenn ein Fremder in diesen Tagen als Gast in ein vornehmes japanisches Haus geladen wird, so bedeutet dies eine besondere Ehre. Nicht deshalb bloß, weil gegenwärtig alle Gemüter hier im Osten von i Krieg und Sorge um die Truppen, die in China und der Mandschurei kämpfen, erfüllt sind, sondern auch darum, weil der Japaner für ge­wöhnlich den Europäer nur nach europäischen Regeln empfängt, sein japanisches Zeremoniell aber bloß seinen Landsleuten gegenüber in Anwendung bringt.

Diesmal jedoch wird eine Ausnahme von der Regel gemacht. Der Besuch soll auf ganz japanische Art erfolgen. Schon sind die kleinen Päckchen mit Geschenken gekauft, die man mitzubringen hat, um sich, nicht beim Eintritt in das Haus des Gastgebers, sondern, ehe man wieder scheidet, für die genoffene Aufmerksamkeit zu bedanken. Zwei Diener warten im Vestibül, kaum daß man dem Auto entfliegen ist und sich die Türen zur kleinen Vorhalle geöffnet haben, kniet bereits der eine der Domestiken nieder und hilft einem, die Schuhe von den Füßen zu streifen. Nur auf Socken betritt man die Zimmer. Erst im zweiten der winzig schmalen, bloß durch papierene Sbojis (Zwischenwände) getrennten Räume nimmt man den Hut vom Kopf. Dann noch ein paar Schrille über die weichen, völlig den gestampften Lehmboden bedeckenden Matten und man ist im Hauptraum angelangt.

Vergeblich blickt man sich nach dem um, was man in Europa als Einrichtung" zu bezeichnen pflegt. Das ganze Zimmer enthält eigentllch nicht mehr als an den Wänden einige Truhen, in denen Kleider, Ge­schirre und sonstige für den Haushalt nötige Gegenstände verwahrt wer­den, in einer Ecke liegen etwa ein Dutzend Polster, davor erhebt sich ein niedriges Tischchen, bestimmt, hier dieChanoyu", die Teezeremo­nie, zu vollziehen. Ein Byobu (Fallschirm) trennt einen weiteren Raum von diesem ab. Er scheint für die Gattin des Hauses bestimmt zu sein, denn man erblickt eine Tokonoma, eine Schmucknische, geziert mit meh­reren Porzellanvasen aus Kutani oder von Kyomizu. Auch einige Ha- naites (Blumenvasen) fehlen nicht; Blumen finden sich ja in jedem japanischen Haus und sie gehören mit zu dem Seltsamsten, was der Orient zu bieten hat. Die japanischen Gärtner verstehen nämlich sogar Bäume in winzigen Formen zu ziehen, daß sie noch nach vielen Jahren I Zwerge sind und nicht höher als etwa einem halben Meter wachsen.

Jetzt betritt der Herr des Hauses das Zimmer. Er und der Gast I verbeugen sich so tief, daß ihre Stirnen beinahe die Knie berühren. Die Hände sind über der Brust gekreuzt. Noch ist kein Wort gesprochen. I Dann erst hebt die blumige Rede an und hundertfache Versicherungen, wie unendlich die Ehre sei, die man jetzt zu geben ober zu empfangen 1 sich anschicke, werden gewechselt. Als auch dieser Form der Höflichkeil Genüge getan ist, bittet der Gastgeber, auf einem der Polster Platz zu nehmen. Falsch wäre es, zu glauben, daß jetzt der Tee, zu dem man geladen ist, auch schon gereicht würde. Wäre dies der Fall, so zeigte es deutlich, daß dem Herrn des Hauses an seinem Besuche nichts gelegen ist. Denn es ist nicht erlaubt, nachdem man einmal den Tee genossen hat, noch sitzen zu bleiben und das Gespräch sorlzusühren. Das Teetrinken bildet den Abschluß des Beisammenseins, fein Ende ist mit dem Aus­bruch gleichbedeutend.

Der Gastgeber klatscht in die Hände, ein Diener kommt, doch keine Tee, wohl aber wartet er geduldig, bis der Fremde das Gespräch beginnt. Es dreht sich in höflicher Form um die Gesundheit des werten japa­nischen Freundes, man muß sich um die ganze Familie besorgt zeigen und darf niemanden vergeffen, denn dies würde sehr unhöflich fein. Der Gastgeber dankt für die erwiesene Anteilnahme, fragt nun bescheiden auch nach dem Wohlergehen des anderen und erkundigt sich mit Interesse nach dessen Ahnen. Denn da in Japan die Toten immer im Geiste unter den