SiehenerZamilieMätter

Unterhattungsbeilage zum Gießener Anzeiger________

Jahrgang 1932 Montag, den 50. Mai Kummer M

Altassyrisch.

Von I. V. von Scheffel.

Im schwarzen Walfisch zu Askalon Da trank ein Mann drei Tag, Bis daß er steif wie ein Besenstiel Am Marmortische lag.

Im schwarzen Walsisch zu Askalon Da sprach der Wirt:Halt anl Der trinkt von meinem Dattelsaft Mehr als er zahlen kann."

Im schwarzen Walsisch zu Askalon

Da bracht' der Kellner Schar In Keilschrift auf sechs Ziegelstein Dem Gast die Rechnung dar.

Im schwarzen Walfisch zu Askalon Da sprach der Gast:D weh. Mein bares Geld ging alles drauf Im Lamm zu Ninive!"

Im schwarzen Walfisch zu Askalon

Da schlug die Uhr halb vier. Da warf der Hausknecht aus Nubierland Den Fremden vor die Tiir.

Im schwarzen Walfisch zu Askalon Wird kein Prophet geehrt. Und wer vergnügt dort leben will. Zahlt bar, was er verzehrt.

Ein Mann im Saat.

Von Per Sch wenzen.

Sie haben kein Engagement bekommen od'er genommen. «Waren lieber in Berlin geblieben, statt einen Vertrag einzugehen, dec einen Nu - schritt bedeutet hätte. Ehrgeiz und Selbstschätzung hatten den Sieg über die Spielmut davongetragen: lieber einen Winter lang m Berlin mi hungrigem Magen aus der Stelle treten, als einen Schritt vorwärts tun. So hatte dec lange Winter der Entbehrungen und ^Täuschungen be­gonnen. Mit den endlosen Telephonaten, trügerisch aufflackernden Hoff­nungen. Hier eine Filmchance, dort eine Tournee, nichts von allem wa geworden. Fahrten zum Stellennachweis, Fahrten zu seltsamen r in irgendeinem Atelier, mit einem sagenhaften Autor im Hintergiun , in Oppeln oder Aachen eine Konserven- oder Tuchfabrik haben sollte und ganz bestimmt die Uraufführung seiner siebzehn Zeitbilder als n f " u'nbdneslagcs, bei einem jener gemütlichen Nachmittage im atteher des Malers, mit Tee und Zigaretten, aus der Stimmung des Galgem Humors, jener vibrierenden Laune, mit der phantasiebegabte .-lensch über Trümmern das Feuerwerk des Witzes und der Idee a , formte sich ein Plan. Ganz aus Eigenem. Und in plötzlicher Em geb ung, aus zurückgedämmter Schaffensfreude sprangen Einfalle ans L'cht f g wie Bälle von einem zum andern, jede malte einen tlemen JJarbf etf darauf. Harmlose, rein formale Einsalle wurden vom 2 l((gemei ; Aktuelle, vom Sentimentalen ins Satirische abgewandelt. ,

Decken wurden aus den Schrank, vom Diwan gentzen f P fationen befeuerten den Maler zu bunten Skizzen der Grimonß oer

^Wern" schrieb herrliche Texte. Kuck - dieser Befcntte S>unb - kramte ein paar ausgesuchte Situatiönchen aus seiner letzten - J hell hervor, und der Bedarf an Sketchen war gedeckt. Man schnitt und bemalte große Silhouetten, Kopfe, Versatzstucke nahte'Kostüme. Erwui der Pianist, tastete und wühlte das Klavier nach Einfallen ab meistens aber war es die komische kleine Gillt), die sich irgendeine l Z '"ächligte und mit Krähen und Gliederverrenkungen den Rhythmus fm ein Chanson sand. Das Programm wuchs zusammen. Es wurde Probier. Mit jenem mystischen Eifer, der einen Pfeil ms Blaue

niemand wußte einstweilen, wo man überhaupt >P'^" Man s tz eine Hosfnungen aus Gerda. Gerda kannte einen Rechtsanwalt, der per sonlich mit einem Kabarettbesitzer befreundet war. Also bitte. Wenn d keine Basis ist .. Es war eine Basis! Er überließ dem literarischen

Kabarett" seine Kunslstätte, die abends ein Programm mit Zillertaler Schrammelmusik, Bauchredner und sechsParadiesgirls" abwickelte, für eine Reihe Nachtvorstellungen. Ein allgemeiner 'Kassensturz ergab den Betriebsfonds von 56M Mark. Er wurde in einem Jnferat.und in 1000 Handzetteln angelegt. Dann stieg die Premiere. Die Presse kam, lobte und tadelte, die Verwandten tarnen und lobten, die Kollegen tarnen und tadelten. Es war eine richtige Großsladtpremiere. Drei Tage füllten die Loder und Tadeler so einigermaßen den Saal. Dann war Schluß. Die Handzettel lagen in der Garderobe aus dem Schrant, man hatte kein Geld mehr, Verteiler zu engagieren. Gerda, Lotte und Werner machten sich mit dem Werbematerial auf den Weg. Nach zwei Stunden Wirksam­keit landeten sie auf dem Polizeirevier und erhielten wegen unangemel­deten Zettelverteilens in einer Straße erster Ordnung die erste Ordnungs­strafe ihres Lebens. Für die Mädchen war es jedenfalls der erste Zu- sammenstoß mit dem Staatsschiff. Werner hatte die Staatsräson in desseren Zeiten schon verschiedentlich mit seinem Motorrad durchkreuzt.

Die vierte Vorstellung ging noch einigermaßen. Ein Dutzend Frei­berger applaudierten stürmisch. Die Ober und der Direktor blickten sinsker drein. Der Konsum war skandaläs. Sieben Helle. Zwei davon mußte das Ensemble bezahlen. Ganz schlimm aber war es am fünften Abend. Die Vorstellung sollte um 24 Uhr beginnen. Die Mitglieder saßen in den ©arba-oben und zogen sich an. Alle fünf Minuten läutete Werner zur Stoffe munter. Doch, ein Herr sei gekommen. Er habe bereits Wein be­stellt. Teufel! Also mußte man spielen! Schon war der Krach da. Vor eine m Mann? Ausgeschlossen, schrien die einen. Erst recht, meinten die anderen. Der Maler, von Haus weniger an Publikum gewöhnt, schrie erbittert, Publikum sei überhaupt nur ein notwendiges Hebet, er, als wahrer Künstler, werde das Programm alleine fingen und tanzen, wenn die anderen kneifen wollten! Lifst) warf ihm die Puderguaste ins Gesicht und entschied:Kinder, sehen wir uns den Knaben erst mal an!"

Drängen und Flüstern hinterm Vorhang, Kampf am Guckloch. Der Knabe" hatte weiße Haare und 180 Pfund. Erwin stellte eine idiotische Unterlippe fest. Gerda sand ihn bezaubernd. Cilly sagte:Den habe ich gestern in der El-Bahn gesehen. Der ist meinetwegen gekommen. Es wird gespielt." Woraufhin Gerda seine Unterlippe ebenfalls idiotisch sand. Plötzlich lachte dec Mann im Saal laut und herzlich auf.Bariton" sagte Gerda.'Angenehmes Organ", ergänzte Cilly. Dec Mann da unten klatschte in die Hände. Das Ensemble hinter dem Vorhang lachte schallend auf. Der Mann im Saal ries:Vielleicht kommen Sie erst mal herunter, meine Herrschaften, damit wir uns näher bekanntmachen. Sonst fürchte ich mich vor der Uebermacht."

Acht Künstler fliegen ins Parkett. Acht Gläser und drei Flaschen er­schienen auf dem Tisch. Werner ging zum Schaltraum und buittelte den Saal ab. Man saß gemütlicher beim Schein der kleinen Tischlampe.Ur­gemütlich hier", sagte der Fremde,ich bin nämlich von Beruf Familien- vater. Zu Hause in M. habe ich acht Kinder." Die Rampenlichter starrten wie aufgecissene Augen auf den Vorhang.

Beim dritten Glase taufte Cilly den FremdenPapa . Aber Papa Publikum zeigte sich bald als echter Shylock. Er steckte sich sein Billett, sein bezahltes Billett ins Knopfloch und bestand auf seinem Schein. Er verlangte das Programm.

Was, vor diesen 300 leeren Stühlen?"

"Nein, vor einem Mann und 299 leeren Stühlen. Wieviel Stühle, glaubt ihr, ist ein dankbarer Mensch wert? Fangt an!"

Seltsam. Plötzlich waren alle von einem ausgesprochenen Lampen- fieher befallen Dieser Mann mit seiner freundlichen Heberlegenheit saß wie auf dreihundert Stühlen. Alle fühlten: der hat ja viel mehr Heiter­keit, der ist viel unbeschwerter als wir alle acht zusammen! Jeder fand einen anderen Grund, warum eben er nicht anfangen könne.

, Na, dann trinken wir erst noch ein Glas." Und sie tranken noch ein Glas. , ...

Und nun fangen wir an , sagte der Fremde und ging auf die Bühne Er nahm eine Geige,, eine unsichtbare Geige aus der Luft und spielte darauf. Bei Gott! Zarte, zitternde Geigentöne! Er griff in die Luft fand die Tastatur einer imaginären Ziehharmonika, prüfte und probierte unwillig und brachte mit heulenden Tönxn eines asthmatischen Balges alle ins Lachen. Zum Schluß fang er einenGassenhauer aus bein 17. Jahrhundert". Alle waren begeistert. Und waren sie vorhin noch gehemmt, so drängten jetzt alle auf die Bühne. Hinauf und hin­unter über die Rampe, eine ausgelassene Vorstellung ober Probe das mnr nicht zu unterscheiden. Der Papa im Parkett lachte und applaudierte und salzte die Nummern mit schlagenden Regieanmerkungen.

Als der Kellner auf Zahlung drängle, gab er zum Abschied seine Adresse. Ich sagte Ihnen schon, daß ist zu Hause acht Kinder habe. Diese acht treten allabendlich in meinem LokalDie Wiege" auf, der erften Kleinkunstbühne in M. Aber nur bis Ende des Monats. Dann nehme ich wieder acht neue Kinder. Zum Beispiel euch, wenn ihr Lust habt und nicht zu teuer seid. Darüber morgen. Um 12 Uhr erwarte I ich eure Abordnung im Esplanade. Guten Morgen, Kmder ..."