sahen, ist der Dunstgürtel wesentlich niedriger als das allgemeine Bett - des Ozeans und dieses türmte nun über uns eine hohe schwarze Ge- birgskette Wenn Sie nie in einer schweren Brise zur See waren, tonnen Sie ich keinen Begriff von der Geistesverwirrung machen, die von Wind und Gischt zu gleicher Zeit verursacht wird. Sie blenden, betäuben und ersticken uns und nehmen uns alle Fähigkeit zu handeln oder zu denken. Aber wir waren diese Plage jetzt in hohem Matze losgeworden, wie den zum Tode verurteilten Verbrechern noch kleine Ver- günstigungen gestattet werden, die ihnen versagt waren, so lange das Urteil noch ausstand.
Ich kann nicht sagen, wie oft wir um den Gürtel herumfuhren. Wir jagten vielleicht eine Stunde lang um und um, mehr fliegend als treibend, mehr und mehr in die Mitte der Sturzsee gelangend, und dann näher und näher zu ihrem fürchterlichen inneren Rand. Während dieser ganzen Zeit ließ ich den Ringbolzen keinen Augenblick los. Mein Bruder war im Heck und hielt sich an einem kleinen Wasserfatz fest, das, sicher unter dem Korb der Quittung befestigt, das einzige Ding an Deck war, das nicht über Bord ging, als der Sturm uns ergriff. Als wir uns dem Rande des Schlundes näherten, ließ er los und stürzte sich auf den Ring, von dem er in seiner Todesangst meine Hände gewaltsam entfernen wollte, da er nicht groß genug war, um uns beiden einen Halt zu bieten. Niemals habe ich tieferen Schmerz empfunden als damals über den Versuch meines Bruders, obgleich ich wußte, daß er im Wahnsinn handelte, im rasenden Wahn der blassen Furcht. Ich wollte aber nicht mit ihm über diesen Punkt sprechen. Ich wußte ja, daß es nichts ausmachte, ob sich überhaupt einer von uns festhielt, deshalb ließ ich den Bolzen los und ging achtern zu dem Faß. Ich hatte dabei wenig Schwierigkeit, da das Boot gleichmäßig genug herumflog, den Kiel frei von Schwankungen, nur hin und her den riesigen Schwingungen, dem mühsamen Ringen des Wirbels folgend. Kaum hatte ich mich in meiner neuen Stellung geborgen, als wir einen wilden Ruck Steuerbord bekamen und kopfüber in den Abgrund stürzten. Ich murmelte ein rasches Gebet zu Gott und glaubte, nun sei alles vorbei. Als ich den greulichen Schwung des Sturzes fühlte, hatte ich mich instinktiv fester an das Faß geklammert und die Augen geschlossen. Während einiger Sekunden wagte ich nicht, sie zu öffnen, denn ich erwartete den sofortigen Tod und wunderte mich, daß ich noch nicht im Wasser mit dem Tode kämpfte. Aber Sekunde auf Sekunde verging und ich lebte immer noch. Das Gefühl des Fallens war vorbei und die Bewegung des Schiffes schien wieder so zu sein wie bevor wir in den Schaumgürtel geraten waren, mit der Ausnahme, daß es jetzt längs lag. Ich nahm meinen Mut zusammen und blickte wwder auf meine Umgebung. Niemals werde ich die Gefühle von Angst, Schrecken und Bewunderung vergesfen, mit denen ich um mich sah. Das Boot schien wie durch ein Wunder rnitt- roegs nach der inneren Oberfläche des Trichters zu hängen, der von weitem Umfang und ungläubiger Tiefe war, und dessen glatte Seiten man für Ebenholz gehalten hätte ohne die erschreckende Schnelligkeit ihres Herumwirbelns und den grausigen Schwimmer, den sie aus- strömten, wie die Strahlen des Vollmondes aus dem kreisrunden Spalt, den ich schon beschrieben habe, die eine Flut goldenen Scheines auf die schwarzen Wände und weit hinunter in die innersten Winkst des Abgrundes gossen.
Zuerst war ich zu sehr verwirrt, um irgend etwas genau beobachten zu können. Die plötzliche Erscheinung schrecklicher Größe war alles, was ich begriff. Als ich wieder zu mir kam, fiel mein Blick zufällig nach unten. In dieser Richtung konnte ich ungehindert sehen, wie das Boot auf der geneigten Oberfläche des Strudels hing. Es lag parallel, d. h. das Deck lag auf gleicher Ebene mit dem Wasser — aber dieses lag schräg in einem Winkel von mehr als 45 Grad, so daß wir zu kentern ichienen. Trotzdem konnte ich bemerken, daß es mir in dieser Lage kaum mehr Mühe machte. Halt und Stand zu wahren, als wenn wir ganz eben gelegen hätten, und ich vermute, daß dies von der Schnelligkeit kam, mit der wir uns drehten.
Die Mondstrahlen schienen den untersten Grund des tiefen Schlundes zu durchsuchen. Aber noch immer konnte ich nichts genau sehen, durch den dicken Nebel, der alles einhüllte und über dem ein herrlicher Regenbogen hing wie die schmale, schwankende Brücke, die nach dem Glauben der Mohammedaner den einzigen Pfad zwischen Zeit und Ewigkeit bildet. Dieser Nebel oder diese Gischt entstand zweifellos durch den Anprall der großen Wände des Trichters, wenn sie in der Tiefe alle zu- sammenstießen, aber für das Gellen, das aus dem Nebel zum Himmel drang, habe ich keine Erklärung.
Unser erstes Eingleiten aus dem Schaumgürtel in den eigentlichen Abgrund hatte uns ein großes Stück den Hang hinunter getragen, aber unser weiterer Sturz stand nicht im Verhältnis dazu. Um und um schwangen mir, nicht mit einförmiger Bewegung, sondern in schwindelnden Stoßen und Rucken, die uns manchmal nur einige hundert Ellen weit, manchmal aber auch durch den ganzen Umfang des Wirbels warfen. Unser Vorwärtskommen bei jeder Drehung war langsam aber merklich.
Als ich um mich schaute über die weite Wüste von flüssigem Ebenholz, die uns trug, merkte ich, daß unser Boot nicht der einzige Segen- ftanbjn den Fängen des Wirbels war. Ueber uns und unter uns wurden Schiffstrümmer sichtbar, große Massen von Bauholz und Baumstämmen nebst vielen kleineren Gegenständen wie Möbeln, zerbrochenen Kisten, Fässern und Stabholz. Ich habe schon die unnatürliche Neugierde beschrieben, die auf meinen ursprünglichen Schrecken gefolgt war" Sie schien zuzunehmen, je näher ich der Erfüllung meines furchtbaren Schicksals tarn. Ich begann nun mit sonderbarem Interesse die vielen Dinge zu beobachten, die mit uns zusammen herumschwammen. Ich muß wahn- finnig gewesen sein, denn ich fand Vergnügen daran, die jeweilige Geschwindigkeit ihres Absturzes in den Schaum unter uns zu erraten. „Diese Fichte", hörte ich mich einmal sagen, „wird sicher der nächste Gegenstand fein, der den furchtbaren Sturz tut und verschwindet". Dann
war ich enttäuscht, als ich sah, daß das Wrack eines holländischen Fracht, schiffes sie überholte und zuerst unterging. Nachdem ich schließlich mehr, rnals so geraten und mich jedesmal geirrt hatte, brachte mich diese Toi fadje — die Tatsache meiner immer wieder falschen Berechnung au| einen Gedankengang, der meine Glieder erzittern und mein Herz wieder schwerer schlagen ließ. Es war kein neuer Schrecken, der mich so et, regte sondern das Dämmern einer neuen Hoffnung. Diese Hoffnung ent, stand teils aus der Erinnerung, teils aus augenblicklicher Beobachtung Ich rief mir die große Verschiedenheit des schwimmenden Materials in Erinnerung, das auf der Küste der Lofoten zerstreut lag, nachdem «s von dem Mofkoeftrom verschlungen und wieder ausgeworfen worden war. Weitaus die meisten Gegenstände waren in ungläubiger Weise zet, schmettert — so zerrieben und rauh, als wären sie mit Splittern b(, spickt — aber dann besann ich mich genau, daß einige auch gar nicht entstellt waren. Für diese Verschiedenheit konnte ich keine andere Er, klärung finden, als daß die rauhgeriebenen Trümmer die einzigen marem, die vollständig verschlungen wurden, und daß die anderen zu so spät» Zeit der Flut in den Wirbel l geraten oder aus einem anderen Grunde nach dem Einstürzen so langsam gesunken waren, daß sie dm Grund nicht erreichten, bevor der Wechsel der Flut oder der Ebbe - wie der Fall eben lag — eintrat. Ich hielt es für möglich, daß fi« wieder auf die Fläche des Ozeans in die Hohe zurückgewirbelt waren ohne das Schicksal der anderen zu erleiden, die früher heruntergezogm oder rascher verschlungen wurden. Ich machte außerdem drei wichtig« Beobachtungen: Die erste war eine allgemeine Regel, daß, je graften ein Körper ist, desto rascher sein Sturz fein muß; die zweite, daß vom zwei Körpern gleichen Rauminhalts, der eine tueglförmige, der ander« von irgendwelcher anderen Gestalt, der kugelförmige die größere Ge, schwindigkeit des Fallens hat; die dritte, daß von zwei Körpern gleicher Größe, der eine zylinderifch, der andere von beliebiger anderer Gestalt:, der zylindrische am langsamsten verschlungen wurde. Seit meiner Er rettung hatte ich verschiedene Unterhaltungen über diese Fragen mit einem alten Schulmeister unserer Gegend, und von ihm lernte ich bi« Ausdrücke „kugelförmig und zylindrisch". Er erklärte mir — aber W habe seine Ausführungen wieder vergessen — daß ich Tatsachen beolu achtet habe, die nur die natürliche Folge der Gestalt der schwimmenden Trümmer seien, und zeigte mir, wie es kam, daß ein in einem Wirb.' schwimmender Zylinder der Saugkraft mehr Widerstand entgegensetzt« und mit mehr Mühe heruntergezogen wurde als ein ebenso großer Körper von irgendeiner anderen Gestalt.
Noch ein überraschender Umstand, der erheblich dazu beitrug, mir diese Beobachtungen aufzuzwingen und mich eifrig bestrebt zu mache«, sie auszunutzen, war, daß wir bei jeder Drehung an einer Art Faß, oder vielleicht der Segelstange eines Schiffsmaftes vorbeikamen, während viel« der Gegenstände, die in gleicher Höhe mit uns gewesen waren, als idj zum ersten Male die Augen aufschlug, um die Wunder des Wirbels zu sehen, jetzt hoch über uns waren und sich nur wenig von ihrer urfprüng tieften Lage entfernt zu haben schienen.
Ich überlegte nicht länger, was zu tun sei, sondern beschloß, mutt fest an dem Wassersaß anzubinden, an dem ich mich hielt, es von der Quittung abzuschneiden und mich damit ins Meer zu werfen. Ich er ■ regte meines Bruders Aufmerksamkeit durch Zeichen, deutete aus das schwimmende Faß, das in unsere Nähe kam, und tat alles, was in meinen Kräften stand, um ihm begreiflich zu machen, was ich zu unter nehmen im Begriffe stand. Schließlich glaubte ich, daß er meine Absich" verstanden habe, aber gleichviel ob dies der Fall war oder nicht, eir schüttelte den Kopf verzweifelnd und lehnte es ab, seine Stellung an« Ringbolzen zu verlassen. Es war mir unmöglich, ihn zu erreichen, dm dringende Lage gestattete keinen Aufschub, und so überließ ich ihn naffl schwerem inneren Kampfe feinem Schicksal, befestigte mich an dem Fass'! vermittelst der Laschen, die es an der Quittung festhielten, und stürzt mich damit ohne einen Augenblick des Zögerns ins Meer. Der Srfolgi war genau der erhoffte. Da ich selbst Ihnen die Geschichte erzähle, Sm also sehen, daß ich entkam, und da Sie schon wissen, auf welche $ßeip" meine Rettung geschah, Sie also schon im voraus ahnen müssen, was im noch weiter zu sagen habe, will ich meine Erzählung rasch beenden, fe mochte ungefähr eine Stunde vergangen fein, nachdem ich das Boot uer lassen hatte, als es, nachdem es eine weite Strecke unter mich gefturyf war, drei ober vier wilde Drehungen rasch nacheinander machte und — meinen lieben Bruder mit sich fortreißend — plötzlich kopfüber unter-' tauchte und auf ewig im schaumigen Chaos der Tiefe verschwand. Da* Faß, das mich trug, war nur weniger tiefer gesunken als in die Mitt" des Abstandes zwischen dem Boden des Abgrundes und der Stelle, ww ich über Bord gesprungen war, als der Wirbel sich vollständig veränderte. Die schrägen Seiten des weiten Trichters wurden jeden Augen blick weniger steil. Die Drehungen des Wirbels nahmen zusehends an Heftigkeit ab. Nach und nach verschwanden sowohl der Schaum als au® der Regenbogen, und der Grund des Schlundes schien langsam auszn steigen. Der Himmel war klar, der Wind hatte sich gelegt, und der Voll mond ging strahlend im Westen auf, als ich mich auf der Oberflach" des Ozeans angesichts der Küste von Lofoten roieberfanb über der Steller, wo der Wirbel bes Malstromes gewesen war. Es war Stillwafferzeit — aber bie See wogte noch immer in bergähnlichen Wellen infolge bw Orkans. Ich würbe mit Wucht in ben Kanal bes Stromes getragen unü nach wenigen Minuten auf bie Küste ber Fifchplätze geworfen. Ein Boe« fischte mich auf, vor Miibigkeit erschöpft unb (jetzt, da bie Gefahr vorüber war) sprachlos in ber Erinnerung an ihre Schrecken. Die mich aa Borb zogen, waren meine alten Kameraben unb Gefährten, aber sie erkannten mich nicht besser, als wenn ich ein Reisenber aus dem Geister'' lande gewesen wäre. Mein Haar, am Tag vorher noch rabenifftroarg war so weiß, wie Sie es jetzt sehen. Sie sagen auch, daß mein Gesichts ausbruct sicy veränbert habe. Ich erzählte ihnen meine Geschichte, und I« glaubten sie nicht. Ich erzähle sie Ihnen jetzt, aber ich tannjaum erwarten, baß Sie mir mehr Glauben schenken als bie luftigen Fischer bei Lofoten.
erantwortlich: Or. Hans Thhriot. — Druck und Verlag: Brühl'sche Univerf itäts»Duch» und Steindruckerei. A. Lange, Gießen.


