Ausgabe 
29.8.1932
 
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in der Tiefe liegen. Braunkohle allein ist also ein Wert unseres Landes, .aus dem man alle europäischen Schulden bezahlen könnte.

Wie hat der Boden dieses unvorstellbare Vermögen erworben? Will man die Antwort auf das Wesentlichste und Einfachste zusammen­trängen, so kann man sagen: dadurch, daß es einst ein besseres Klima in Mitteleuropa gegeben hat als heute. Ein Waldklima von großer Feuchtigkeit, das es gestattete, daß bei uns Urwälder märchenhafter Art grünten. Die find versunken und kommen nun als Braunkohle wie­der zutage.

Die Vorstellung hat nur eine Schwierigkeit. Wie können denn ganze Riesinbäume, ganze Wälder im Boden versinken? Wenn in unseren Horsten ein Baum altersschwach vom Sturm gefällt wird, dann Der« fault er regelrecht. Die Käfer und ihre Larven zehren ihn auf, die Holz verzehrenden Pilze verwandeln ihn in Mulm. Es dauert schon ein paar Jahrzehnte, aber dann ist er dem Erdboden gleichgemacht und in Humus umgebildet. Wird aber dann aus Humus Kohle? Wenn wir einen der großen sächsischen oder norddeutschen Braunkohlentagbaue besuchen, da zeigen uns die Arbeiter wirklich einen braunen Humus, der so massenhaft vorhanden ist, daß man ihn industriell verwerten kann. Man macyt nämlich eine ausgezeichnete Farbe, die Möbelbeize daraus. Mer dieser Braunkohlenhumus deckt uns oben die Lager zu. Darunter sind erst die eigentlichen Flöze voll schöner tiefbrauner oder pechglän- zender schwarzerKlarkohle" undKnarfelkohle", und noch tiefer kommt Sann derLignit" zutage, der eigentlich ein in Kohle verwandeltes Holz ist; es find Baumstämme, denen man die Holzstruktur ohne wei­teres ansieht. In manchen Kohlengruben, z. B. im bayerischen Penz­berg, kommen da Stämme mit Rinde so wohlerhalten ans Tageslicht, Daß man wohl sagen kann, das sind einfach zu schwarzer Kohle ge­wordene Baummumien. Und zuallertiefst im Flöz steckt dann erst noch berWurzelboden", voll von waagrechten, weitverzweigten Buumwur- ieln, an derer mancher, wunderbar genug, noch ein mächtiger Baum­lamm aufrecht steht, so wie er im Boden versunken ist.

Solches kann sich heute in keinem deutschen Walde mehr ereignen, bi« Braunkohlenwälder müssen also einen Boden und auch Bäume ganz besonderer Art gehabt haben. Natürlich fragt man sich da, aus was für Pflanzen sie bestanden. Sie sind so gut erhalten, daß man ohne weiteres diese Vorwelt wieder ausbauen kann. Da zeigt sich denn, daß eg in den meisten Fällen wunderbare tropische Sumpfwälder gewesen |eln müssen, die in wasserreichen Ebenen grünten. Namentlich die Braun- Sohlenwälder der älteren Zeit bestanden aus Vertretern eines Riefen- geschlechtes, aus Sumpfzypressen und dazu noch Nadelbäumen, die den Mamutkiefern Amerikas nahestehen. Dazu riesige Eichen und Ulmen imb eine massenhaft vorkommende Fächerpalme, die man wissenschaftlich Sabal nennt. Dazwischen Lianen, und Mengen von Büschelfarnen, ganze Wälder von Wasserrosen und sonstigen fettreichen Wasserpflanzen, die sich manchmal in einen ganz öligen und gasreichen Schiefer, in die sog. .Mattkohle", umgewandelt haben.

Feenhafte Vorstellung: in Sachsen ober im flachen Land von Bitter- Ielb, wo heute zwischen Rübenfeldern Fabrikschornfteine rauchen, einst eiche Tropenpracht, aber noch viel packender, daß es das alles, den leibhaftigen lebendigen Braunkohlenwald in feiner ganzen Marchen- spracht auch heute noch gibt und man gleichsam zufehen kann, wie sich »us ihm die Braunkohle bildet, Bäume und Pflanzen unmittelbar in Kohle üb ergehen. _

Amerika birgt dieses Wunder. Der am wenigsten bekannte Teil der löblichen Vereinigten Staaten, die Länder, die nur ganz selten in den Heilungen erscheinen und dann nur wegen ausgefallener, echt ameri- »anischer Absonderlichkeiten, wie Lynchjustiz, Tornado oder Milliardars- launen in Luxusbädern. Von dem Staat Carolina bis Florida, zu- Ifammen in einer Ausdehnung, die, auf Europa übertragen, sich von Schweden bis Sizilien breiten würde, gibt es dort immer wieder aurp heute noch unzugängliche Urwälder, in denen sich Braunkohle bildet. Einige hat man als geschützte Naturheiligtümer erklärt, so die 12 000 Quadratkilometer messendenEverglaaes" im Süden von Florida; sie Ifinb Indianer-Reservation und darum für den Weißen noch kaum be- ttretbares Urland. Das ist ein hübsches Stück Land; da kann schon ÜUwald grünen und unberührte Schöpfung Hausen, als ob es noch keinen Menschen auf Erden geben würde. Um die Entstehung der Braunkohle zu studieren, habe ich diese Gebiete besucht und einige Zeit im -Braun« Itohlensumpf gelebt. . , .

Alles was sich einst Knabenphantasie von fernen heißen Landern »u Märchen zusammenspann, verwirklicht sich an solchem Ort. -Die Everglades in Florida liegt ganz an der Grenze des Wendekreises haben «iso Tropenhimmel, kennen keinen Winter, dafür ungeheure Regengüsse üm Sommer; sie ersticken fast im Wasser. Es ist eine ^Bobenbilbunq da, und diese scheint die Vorbedingung zur Entstehung wvu Kohle zu sein. Der Boden ist sandig, aber schon kaum einige Meter ttiefer unten ist er fester, wasserundurchlässiger Kalkfels, so daßdas ganz Srunbroaffer oben steht, immer wieder austritt und gewissermaßen 'ganze Wälder ersäuft. Wege gibt es nicht, man muß auf ^n ftefaen« 1 Hormiatn Baumwurzeln klettern oder sich im Ruderboot den zay - »osin Wasserarmen wie im Spreewald, der ein wenig an diese Wasserwelt erinnert, vorwärtsbringen. Wer aber glaubt, daß ein Kohlenwald diister wnb grämlich, ein finsteres Dickicht sei, irrt sich. Lichtgrun, fonnenflirrenb "h hier alles, «her in Dampf gekocht als schattig. , ,

i ... Wenn man Braunkohle kennt, ist man zunächst ganz .armlos von 'Mm Anblick. Da sind ja dieselben Sumpfzypressen wie in den dem IMn Vraunkohlengruben, meist jung und unansehnlich, aber auch riesig i mnt> vielhundertjährig mit breiten, weit verlaufenden Plankenwurzeln, t '"m unteren Ende ausgeweitet, oft umstarrt von esnem ganzen Verhau ! Mn Atempseilern. Mit ihnen ungeheuere immergrüne Sumpfeichen du Mfaeber, Pappeln, Ahorne und dann wieder ganze Dickichte von Pal Men Die uns von der Braunkohle her wohlbekannte Sabalpalme breitet

prachtvolle Fächer und am Boden starren ftachelspitz die MfmJtoroi t i Mk überall wo es «In wenig trockener ist. Großblätterige Magnol en- baume sind über und über bedeckt mit ihren riesigen weißen Bluten igvldgrün {lammen Farnwildnisse, klimmende Rosen werfen Slutengarbe

von den Hecken, riesige Terpentinkiefern überragen schlank und malerisch diese Verhaue, die zu den schönsten Waldbildern gehören, welche die Erde bietet.

Von allen Bäumen hängen wie wallende Bärte die langen Girlanden des spanischen Mooses; fast jeder der Waidesalten, auch die zahlreichen abgestorbenen und geistevyaft bleichen Bäume sind besiedelt von tro­pischen Ueberpslanzen, unter denen die flammendrote Blütenbüfchel aus­streckende Verwandten der Ananas am meisten das Auge fesseln. Dicke Lianen ringeln sich schlangengleich und wilde Weinarten, Baum und Strauch verspinnend.

An vielen Orten ist es in dickem Urwald unmöglich, vor Pflanzen­reichtum durchzudringen, an anderen brechen breite Lichtinseln ein. Es sind ganze Wiesen voll scharfen mannshohen Sägegräfern, Ried ober Wasserarme, auf denen die ßotosmafferrofe lila blüht, gelbe und weiße Sumpflilien feenhaft winken. Dort goldgelb eine ganze Wiese breiter Blätter und draußen ein Dickicht entzückender, saftig grüner, nie gesehener Pflanzen, mit blasig aufgetriebenen Blattstielen und unver­gleichlich krokusblauen Blütendolden. Wer aber diese Wiese betreten würde, den verschlänge das moorbraune Sumpfwasser, mit seinem tiefen schwar­zen Schlamm. Denn die trügerische schwimmende Wiese derWater- Lily" ist es, die uns da verlockt, die gefürchtete Wasserpest all dieser Tropenströme, die mit oft undurchdringlichen Pflanzenbarren bis in die Hafen der Städte hinein die Schiffahrt hindert.

Man findet kein Ende mit dem Beschreiben dieser Urwelt, so wie das immer wieder erneute Erleben neuer Naturbilder im Braunkohlen­wald Floridas Tage und Wochen nicht endete. An einer Stelle verirrt man sich in wahren Stetzenwäldern, unter deren Wurzelgerüst dunkler Schlamm und gleißend grüne Wasser glucksen, dort kämpft man mit der Lianenwildnis und dem unerschöpflichen Blattwerk der Wasserpflanzen, unter denen schreckliche Schlangen hervorschießen und Alligatoren lauern. Das schönste aber ist die Fahrt auf den Urwaldströmen; sie erinnern ganz an den Amazonas, wenn über den Palmenwipfeln und blüten­duftenden roten Lianenhecken edelsteinschimmernde riesige Tropenfalter gaukeln und weiße Reiher fliegen. Dann wieder fährt man durch Land- schäften, die den Harz in Erinnerung rufen, so dunkel versonnen sind sie mit den Flechtenbärten auf den Riesenzyprefsen und dem Schatten- dunkel unheimlicher Modergründe. Und das Wunderbarste an diesen Er­lebnissen ist bann immer wieder der Anblick der sich bildenden Kohle. Bevsunkene Bäume starren aus den Fluhtiefen und zahlreiche Seen, be­hangen mit Moos, besetzt mit Schleimpilzen, und man sieht manchen von ihnen zugeschüttet mit Schlamm und Sand und bann wieder von einer Ueberschwemmung bloßgelegt, in schwarzbraunen Lignit verwandelt. Die fettreichen Wasserpflanzen, in solcher Fülle sich gegenseitig erstickend, bilden einen öligen, tiefschwarzen Schlamm, ganze Waldstellen versinken, und manchmal stehen die Stämme senkrecht im weißen Triebsand, andere sind gestürzt, Treibholz staut sich in Barren, und gerät unter Sand und Schlamm. Alle Einzelheiten der Braunkohlenbildung vom Wurzelboden bis zum braunen Deckenhumus sind hier wie an einem Modell ftubier- bar. Und immer wieder durchrieselt uns der Schauer: hier ist Schöp­fung. Ein Stück Erdbilbung steht lebendig vor uns. Wir sehen gleich­sam die Hand der ewigen Mächte, vor denen Jahrmillionen Gegen­wart sind.

Oer Sturz in den Malstrom.

Erzählung von Edgar Allan Poe.

(Schluß.)

Es kann nicht mehr als zwei Minuten gedauert haben, bis wir fühlten, daß plötzlich die Wellen nachließen und wir in Schaum ein­gehüllt waren. Das Boot machte eine scharfe Drehung nach Backbord und schoß dann in seiner neuen Richtung vorwärts wie ein Blitzstrahl. Im gleichen Augenblick wurde das Heulen des Wassers vollständig über­tönt durch eine Art von schrillem Schrei, einem Laut, wie Sie ihn sich vielleicht vorstellen können, wenn Die Dampfpseisen einiger tausend Schiffe zu gleicher Zeit ihren Dampf auslassen. Wir waren nun in dem Dunstgürtel, der immer den Wirbel umgibt; und ich dachte natür- sich, daß der nächste Augenblick uns in den Abgrund hinunterreiben müsse, in dessen Tiefe wir nur undeutlich sehen konnten infolge der furchtbaren Schnelligkeit, die uns weiterzog. Das Boot schien gar nicht in das Wasser zu sinken, sondern wie eine Luftblase aus ber Oberfläche ber Branbung hinzugleiten. Seine Steuerbordfeite war bem Wirbel zu­nächst, während Backbord die Welt des Ozeans sich erhob, den wir verlassen hatten. Er stand zwischen uns und dem Horizont wie ein un- heuerer sich windender Wall.

Es mag sonderbar erscheinen, aber jetzt, da wir im Rachen des Ab­grundes waren, sühlte ich mich ruhiger als solange wir uns ihm nur näherten. Daß ich mich damit abgefunben hatte, nichts mehr zu hassen, befreite mich zum großen Teil von bem Schrecken, der mich zuerst ent­mutigt hatte. Ich nehme an, baß es bi« Verzweiflung war, bie meine Nerven anspannte. Es mag wie Prahlerei klingen unb doch sage ich Ihnen die volle Wahrheit, ich begann nun zu überlegen, wie herrlich es sei auf diese Weise zu sterben, und wie töricht es von mir war, angesichts dieses herrlichen Beweises von Gottes Größe an etwas so jämmerliches wie mein eigenes persönliches Leben zu denken. Ich glaube, daß ich vor Scham errötete, als dieser Gedanke meinen Geist durchfuhr. I Nach kurzer Zeit ergriff mich die heftigste Neugierde auf den Wirbel selbst. Ich empfand tatsächlich den Wunsch, feine Tiefen zu erkunden : trotz des Opfers, das ich bringen mußte, und mein größter Kummer ! war daß ich nie in ber Lage fein würbe, meinen alten Gefährten am Ufer von den Geheimnissen zu erzählen, die ich sehen würde. Das. waren zweifellos sonderbare Einfälle für den Geist eines Mannes in höchster Not Se'ther habe ich oft gedacht, bah ber Kreislauf des Bootes rings um den Wirbel mich wohl etwas im Kopfe verwirrt hatte.

Noch ein anderer Umstand trug dazu bei, meine Selbstbeherrschung wieder herzustellen, und dies war das Aufhoren des Windes, der uns in unserer jetzigen Lage nicht erreichen konnte, denn, wie Sie es selbst