Zwei Tag« blieb Sine noch in der Klinik. Es galt das Sehen wieder zu erlernen, ihr wurde immer schwindlig dabei. Oft sah sie angekleldet am Fenster und las. Ingrimmig las sie in ihren modernen Buchern; von der großen Abgeschiedenheit draußen im Grün wollte sie nun nichts mehr wissen. Mochten Schwestern hin und wieder gehen, machen still die Kranken in den Himmel schauen — man, hatte Ernst gemacht zum Teufel, hatte einen sterben lassen, den Sine kannte, sehr gut kannte, obgleich sie ihn nur einmal hatte lächeln sehen.
Dann kam der Augenblick, da sie entlassen wurde. Ihr Köfferchen trug der Wärter hinunter. Aber sie selber wußte schon den Weg, absichtlich ließ sie dem Weißen einen gehörigen Vorsprung. Von den Schwestern hatte sie sich herzlich weltlich verabschiedet, die Trennung von der Aerzteparade hatte am Abend vorher schon stattgesunden, anläßlich der Visite, scherzhaft und ohne allen Aufwand.
Drunten norm Anstaltstor warteten die Kleinen im Auto. „Mach' das Zwergerl!" quietschten sie, und Sine machte das Zwergerl, obgleich es ihr nicht leicht fiel. Die Klinik im Rücken, hockte sie sich trotzig nieder schnitt die Zwergengrirnrnasse, die Mucks und Pucks ganze Freude war und landete schließlich atemlos und überanstrengt im Wagen. Sie fuhren dahin durch die belebte Stadt und weiter hinaus, dem elterlichen Landsitz zu. Sine atmete wie eine Erlöste. Der Herbst hatte einen schönen Wind für sie, der fuhr durchs Haar und kühlte. „Sind viele gestorben?" fragte Puck, mit einem neugierigen kleinen Sekicher. „Ja, — viele ..." sagte Sine, „aber ich darf leben."
Oer Vater der Aufklärung.
Zum 300. Geburtstag von John Locke.
Von Dr. Kurt Haack.
Auf einem Kupferstich hat Chodowiecki einen Pflüger dargestellt, der der ausgehenden Sonne entgegenschreitet. „Aufklärung" lautet die Unterschrift. Unter solchem Bilde sah das 18. Jahrhundert die große Setstesbewegung, die erst das Himmelslicht der Erkenntnis entzündet haben sollte und dem menschlichen Verstand alle Weiten und Tiefen des Daseins erschloß. Derjenige, der das Problem des Erkennens zur Srunblage der Philosophie gemacht und damit dem Verstände das Recht zu allem Suchen und Forschen eingeräumt hattö, war der Engländer John Locke. Seine Lehren bilden, wie Windelband gesagt hat, „für die große Jdeen-Syrnphonie des Aufklärungs-Zeitalters das Präludium, in dem alle Strömungen, alle Bewegungsformen bald stärker, bald leiser angeschlagen werden". Nicht immer entspricht die Srdße einer Persönlichkeit ihrer Wirkung. Der nüchterne, klare, trockene, bei allem Wahrheitsdrang nachgiebige Engländer gehört gewiß nicht zu den gewaltigen Senien der Menschheit, wohl aber zu den einflußreichsten Denkern aller Zeiten. Seine Geistesarbeit hat nicht nur die Richtung des 18. Jahrhunderts bestimmt, sondern seine Srundsätze, besonders auf religiösem und politischem Sebiet, sind zu unentbehrlichen Elementen der modernen Weltanschauung geworden, die noch immer leidenschaftlich erörtert und heiß umstritten werden.
In der Vorrede zu seinem philosophischen Hauptwerk, dem „Essay on human understanding" erzählt er von dem ersten Anstoß zur Entstehung seiner erkenntnistheoretischen Untersuchungen. Einige Freunde stritten in seiner Gegenwart eifrig über irgendeinen Segenstand, und bald stellte sich heraus, daß sie sich über die einfachsten Grundbegriffe im Unklaren waren und aus ihren Zweifeln keinen Ausweg fanden. Locke kam dadurch zu der Einsicht, daß es erst einmal unumgänglich notwendig fei festzustellen, wie weit überhaupt der Verstand des Menschen reiche und welche Grenzen ihm gesetzt seien. In dieser Fragestellung, die er nach langem Nachdenken durch seinen vierbändigen „Versuch" zu beantworten unternahm, liegt seine unvergängliche Bedeutung für die Geschichte d e s menschlichen Denkens. Wohl hatte man schon früher Zweifel an der Allmacht des Verstandes geäußert, sie auch geleugnet, aber doch nur gelegentlich und ohne eingehendere Prüfung des Problems. Nun wurde diese Frage zum Mittelpunkt gemacht und damit der ganzen modernen Philosophie ihr erkenntnistheoretischer Charakter ausgeprägt. Locke wurde zum Vorläufer Kants, der in feiner „Kritik der reinen Vernunft" ebenfalls den Ursprung und die Grenzen der menschlichen Erkenntnis behandelt, aber freilich zu einem ganz andern Ergebnis gelangt. Während nach Locke alle Erkenntnis aus der Erfahrung gewonnen wird, fetzt der Königsberger Weise von Anfang an voraus, daß es zwei Arten der Erkenntnis gibt: eine, die aus der Erfahrung, und eine, die nicht aus der Erfahrung stamme.
Locke wandte sich zunächst gegen die damals durch Descartes zur Herrschaft erhobenen Lehre von den „eingeborenen Ideen", nach der der Mensch gewisse Vorstellungen und Einsichten schon bei der Geburt mitbringt. Dies verneint er: nur die natürlichen Fähigkeiten ober Anlagen sind angeboren; alles andere muß erwarben werden. Die Seele gleicht in ihrem ursprünglichen Zustand einem unbeschriebenen Blatt Papier, einer „tabula rasa" und wird durch ein einziges Wart ausgefüllt: Erfahrung! Diese ist eine äußere und eine innere; die erste ent- . steht durch unsere Sinneswahrnehmungen, ist Empfindung-, die zweite wird durch das Beobachten der Tätigkeit des Geistes gewonnen, und zwar durch eine Reihe von Operationen wie Wollen, Denken, Glauben ufro., die unter dem Begriff „Reflexion" zusammengefaßt werden. Die äußere und innere Wahrnehmung sind nach Codes Ausdruck die beiden einzigen Fenster, durch die das Licht des Verstandes in die Dunkelkammer unseres Inneren fällt. Aus dieser äußeren und inneren „Erfahrung", deren geheimnisvolles Wesen nicht näher erläutert wird, beruht der gesamte Bau des menschlichen Denkens und Wissens. Da aber die Verknüpfung der Ideen durch Worte geschieht, so untersucht Locke die Gefahren, die dem Denken aus der Sprache erwachsen, und kommt dabei zu einer bedeutsamen, seitdem immer wieder ousgenom- menen Kritik der Sprache, in der er die wichtigste Quelle des menschlichen Irrtums entlarvt.
Diese Methode der Lockeschen Erkenntnistheorie ist psychologisch und hat damit das ganze Denken des 18. Jahrhunderts bestimmtz das haupt- ächlich psychologischen Interessen zugewandt war. Das Problem der eingeborenen Ideen" und der damit zusammenhängenden Begriffe werden das am meisten besprochene Thema in den philosophischen Buchern und der beliebteste Gesprächsgegenftand in den Salons der Aufklärung. Locke übertrug seine Leugnung der „eingeborenen Ideen" auch auf das praktische Gebiet und gelangte zu einer Weltanschauung, in der er für persönliche, wirtschaftliche und politische Freiheit eintritt. Die Quelle aller Tugend ist nach ihm die Willensfreiheit, d. h. das Vermögen, Handlungen zu beginnen und zu unterlassen, fortzusetzen und zu unterbrechen. Der Mensch ist also frei, und es steht in feiner Macht, das Gute zu erkennen und zu tun. Indem Locke jein« Grundsätze aus die wichtigsten Fragen der Religion, Politik und Erziehung anwandte, wurde er gleich- am das gute Gewissen seiner Zeit und schuf das Weltbild der Aufklärung, das von England aus die ganze Kultur, besonders in Frankreich und Deutschland, beeinflußte. „
Seine religiösen Ideen sind in seinen „Briefen über Toleranz' und ■einem Buch über das „vernunftgemäße Christentum" niedergelegt. Er prebigt hier das Evangelium der Liebe und der Duldung; auch Juden, Mohammedaner und Heiden sind eingeschlossen, da sie makellos sittliche Menschen sein können; nur der Atheist, nach seiner Lehre, ist unfähig, in sich Tugenden zu entwickeln. Codes „vernünftiges Christentum" besteht im Glauben an Christus als Erlöser, verbunden mit einem Ceben nach den Lehren der Evangelien. Im übrigen ist Duldung in Reli- g i o n s b i n g e n die Forderung, auf die er immer wieder zurückkommt; er bringt auf die strengste Trennung von Kirche und Staat und hat in der Verfassung für den nordamerikanischen Staat Karolina, die er auf Veranlassung seines Gönners, des Lord Shaftesbury, ausarbeitete, schon den Begriff der „freien Kirche im freien Staat" voraus- geahnt. In seiner „Abhandlung über die Regierung", die 1689 erschien und nach Bayle „das Evangelium des Tages" wurde, verfolgt er zunächst die Absicht, „den Thron des großen Wiederherstellers der englischen Freiheit, des Königs William,, zu befestigen, dessen Anrechte aus dem Willen des Volkes abzuleiten und die englische Nation wegen ihrer neuen Revolution vor der Welt zu verteidigen". Wenn er hier, wie Milton für Cromwell, für den Herrscher eintritt, der dem von der Restauration verfolgten Philosophen die Rückkehr in die Heimat ermöglichte, so knüpft er auch sonst an die vom Dichter des „Verlorenen Paradieses" erhobene Forderung nach kirchlicher, politischer und häuslicher Freiheit an. Er bekämpft die Theorie des „patriarchalischen" Absolutismus, die die königliche Gewalt auf die väterliche zurückgeführt hatte; er gründet vielmehr die Entstehung des Staates auf die An- nähme eines Vertrages zwischen Herrscher und Volk. Zur Sicherung der Freiheit verlangt er Trennung der gesetzgebenden, richterlichen und ausübenden Gewalt. Die höchste, die gesetzgebende, geht vom Bolk aus und muß beim Volk bleiben, bas seine rechtmäßigen Vertreter in die von ihm gewählte gesetzgebende Versammlung sendet. Die ausübende Gewalt hat nur die vom Volk gegebene Gesetze auszuführen. Der König ist nichts als die Spitze dieser ausübenden Gewalt; er steht also unter, nicht über dem Gesetz und geht durch Mißbrauch seiner Gewalt seiner Würde verlustig, wird zum Tyrannen. Locke hat damit als erster die Theorie der modernen konstitutionellen Verfassung ausgesprochen und die Ideen entwickelt, die Montesquieu und Rousseau weiter ausführten und die auf dem Kontinent erst durch die französische Revolution zum Ferment der Po-litik gemacht wurden.
Auch in feiner Erziehungslehre nimmt Locke, in gemäßigterer Form, bereits viel von den Ideen voraus, durch die Rousseau die Pädagogik auf eine neue Gundlage stellte. Die Erziehung soll nichts von außen in den Zögling hineintragen, sondern seine Anlagen naturgemäß entwickeln. Das Kind soll z. B. nicht zu dicke und nicht zu enge Kleider tragen, auf hartem Lager schlafen, viel in freier Lust fein, soll nicht die alten Sprachen, sondern die Natur und die Menschen kennenlernen. Die Regeln gehen fast nur auf das unmittelbar Nützliche, und Lockes Ideal ist der wohl erzogene, praktisch tüchtige Gentleman. Diese Pädagogik hat vor allem die noch heute geltenden Erziehungsgrundsätze Englands stark beeinflußt, aber auch die deutsche Pädagogik der „Sturm- und Drang"- Zeit. Sie erklärte der im Barock herrschenden Unnatur und dem Zwang den Krieg, die das Kind, wie einen „kleinen Erwachsenen" behandelt. Von der Umwälzung der Gesühlswelt, die Rousseau entfesselte, ist allerdings Locke weit entfernt. Er hat den durch die Erfahrung genährten Verstand auf den Thron der Kultur gesetzt und damit jene mächtigen Geisteskräfte entbunden und gefördert, die das Zeitalter der Aufklärung durchströmen.
Lebende Braunkohle.
Von Dr. R. Francs.
Es ist vielleicht gut, wenn wir uns in diesen Jahren der Armut und Sorge daran erinnern, daß gerade Deutschland drei Schatzkammern besitzt, die unerschöpflich erscheinen und in ihrem Umfang und wahren Wert eigentlich noch gar nicht richtig bekannt find, weil sie in der Tiefe des Bodens liegen und nur durch harte Arbeit ans Tageslicht gebracht und verwertet werden können. Aber dann stellen sie ein Vermögen von Hunderten von Milliarden dar, das allein genügen müßte, um allen Braunkohlenländern unbeschränkten Kredit in der Welt zu sichern. Diese drei Schätze sind die Kalilager, die Steinkohlenflöze und die ungeheueren Braunkohlenfelder, die fast durch ganz Böhmen, Deutschland und Oesterreich verstreut sind.
Nur von der Braunkohle soll hier die Rede sein. Wo haben wir Braunkohle? In großen Tiefen und steil aufgefaltet sogar in Bayern, flach liegend und an der Oberfläche, manchmal in £>O bis 100 Meter mächtigen Lagern im Tagbau ohne sonderliche Mühe gewinnbar in Sachsen, in der Lausitz, am Niederrhein, im Braunschweigischen, immer wieder fast in ganz Norddeutschland. Wie viel Braunkohle liegt bar Die unmittelbar gewinnbare Masse schätzt man auf über 9000 Millionen Tonnen und man vermutet, daß nochmals 4,3 Milliarden Tonnen


