Ausgabe 
29.8.1932
 
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GiehenerZamilienbMer

Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger

Jahrgang (952 Montag, den 29. August Nummer 67

Regenbogen.

Bon Friedrich Gräntz.

Der kühnste Regenbogen sprang. Ein Luftgeschenk, ein Wanderglück, Steil über Strom und Regenhang, Fiel In den fernsten Wald zurück.

Ist das mein Tal, noch eben dicht Verhüllt von kalter Schauer Wut? Aus Wolkenschächten stürzt das Licht, Bergschatten ruhn auf Glanz und Flut.

Im slücht'gen Luftring jugendlich Frischbunte Welt, frischbunte Zeit. Durch Silber furcht ein Nachen sich. Von Uferblüten überschneit.

Gine.

Von Erika Mann.

Schon heute gab es nur Suppe, aber die eigentlichen Vorbereitungen begannen am anderen Morgen. Gine wußte, daß die Blinddarmopera­tion um neun getätigt werden würde. Um sechs weckte man die ruhig Schlafende. Auf leisen Sohlen und in tiefem Ernst erschien die Schwester bei ihr, der Wärter,Bitte, zum Wiegen, Fräulein!" Dann gingen sie lautlos voran. In den Pausen zwischen den Handlungen lag Gine auf dem Rücken und schaute das Bild an, das ihr gegenüberhing. Da gab es einen Teetisch, reichbestellt, mit Blumen garniert, Damen gab es in Dekollete und Spitzen, zwei Herren lehnten artig plaudernd neben ihren Stühlen derweilen im Hintergrund eine Magd etwas brachte, mehr Tee vielleicht. Unten am Gatter erschien ein dicker Mensch, dem es heiß war. Er wischte sich mit spitzenbesetztem Tüchel die Stirn Aber darunter stand in großer, weithin leserlicher SchnorkelschristGoethe in Frankfurt".Wieso?" summte sie,wieso nicht Schiller tn Stutt­gart, Kleist im Himmel? Läppisch!" . , , ,lL .

Schon kam der Wärter.3n den Operatlonsjaal, bitte! sagte er.

Heu, heu", sagte sie,also schon!"

Unsinnigerweise hielt der Wärter seinen weißen Tisch bereit, auf den mußte sie sich legen. Und er half dem Mädchen, auf dem hohen Gerat zurecht zu kommen. Sie fuhren die Gänge hinunter, jemand kam vorbei, Rosen in der Hand. Gine dachte plötzlich, wie scheußlich es wäre, wenn dieser Gast sie nun für tot hielte, und schnell setzte sie sich hoch aus ihrem Tisch.

Der Operationssaal war wundervoll. Riesiger Kuppelbau, ganz aus Glas: Licht, Klarheit, Eindeutigkeit in der Luft, deren leichter Aether- gehalt wie reinigend wirkte. Was man sah, war Metall und Glas. Dann harte sie die Schwester einSchlafen Sie gut! sagen, das ihren Ohren sonderbar klar. Das natürlicheSchlafen Sie gut. vor dem Todes- fchlaf der Narkose. Immerhin machte sie ein flottes:Ei freilich! und wandte sich dem jungen Arzt zu, dem die Einschläferung anvertraui war. Er war Japaner, sie hatte ihn nie gesehen. Gme schloß dre^Augen.

Worte und Klänge kamen von weither zu: ihr,Ruhig atmen^ horle sie. Das klingelte weit, weit am Ende der Welt, eine Glocke.Ruhig , klingelte sie,Atemen". Sie erwachte am späten Nachmittag erst. Zuerst hatte sie nach einer Spritze verlangt, sich herunrgewor en und bos getobt. Dann, während das Morphium wirkte, hatte sie in ihrem Dämmerzustand Muße gehabt, sich mit einem Säugling zu ^gleichen, einem Kind in der Wiege. Als ihr einfiel, daß sie Milch mit Morphiu zu vergleichen im Begriff war, schämte sie ßch und dachte lieber gar nichts mehr.Laß das Denken überhaupt. Urschet! sagte sie noch zu sich, ehe sie entdärnmerte. m ..

Am Abend gab es nichts als Uebelteit, und die . w°r um angenehm. Aber am nächsten Morgen begann das Anstaltsleben m ganzer Selbstverständlichkeit. Sechs Uhr wecken, wo. chen meßen, halb sieben Uhr Frühstück, zwölf Uhr Mittagessen drei Uhr Tee, s.chs Uhr Abendessen, waschen, schlafen. Eine wußte, daß es vierzehn Tage lang so fortgehen würde, so bekam es für sie vom ersten Tag an

Am^Taq darauf gab es Verbandwechsel. Der Wärter kam:3um Verbinden",' kündigte 'er an und hob Gine mit starken weiße aus seinen Tisch. Vor einer Tür am Ende eines besonders langen Ganges standen fünf oder sechs von Ginesgleichen weiße T iche mi Patienten, die des Verbundenwerdens harrten.Drei ha .

drinnen", sagte der Wärter. Ihr Tisch wurde emgereiht. Links von

war es ganz still, aber gegenüber stöhnte einer zwei-, dreimal im Ver­lauf von fünf Minuten. Es war ein junger Mensch, dessen Gesicht nichts zeigte als Bräune, Jugend und Nettigkeit. Die eine Hand hielt er unter der Decke, die andere lag auf dem Weiß, bronzebraun, mit starken Fingern, rundnagelig, eine Sportshand.

Und so was stöhnt hier!" Der Vorletzte wurde in den Saal ge­schoben, nun blieben nur noch der Junge und sie. Er stöhnte wieder, schien aber nichts davon zu wissen. Sie schaute ihn an, sein Mick ging gerade auf den ihren zu, zu sehen schien er nichts. Gine schämte sich, weil sie die Andeutung eines Lächelns versucht hatte, und' das bronzene Ge­sicht unbewegt geblieben war. Sein Wagen kam in Bewegung, er war an der Reihe.

Gine, während ihr Verband entfernt wurde, war nicht bei der Sache. Es tat einmal sogar weh, sie konstatierte es obenhin: dann fragte sie: Der ... der Fall vor mir ... was Ernstes?"

Leider." Der Geheimrat zuckte die Achseln.Unfall auf der Renn­bahn na, werden ihn schon wieder zusammenflicken."

*

Man war leidlich zufrieden mit ihr, man rollte sie zurück. Sie lag in ihrem Zimmer und atmete die Luft dieses Hauses. Lautlos gingen die Schwestern aus und ein, sie hießen Creszencia und Carnuta, Gine hatte Mühe, sich das alles zu merken.

Zweimal des Tages war Aerzteparade. Der Geheimrat erschien, ge­folgt von Arzt, Assistentin, Schwestern. Das waren große Augenblicke jedesmal. Unmittelbar hinter dem kurzen Klopfen tat die Tür sich auf, und da standen sie. Der Geheimrat mächtiger Buddha mit fleischigen Händen, die alles konnten, zart sein und zupackend schmissig, der Arzt, schmaler Blondine, der Angst hat, die Assistentin, schöne, junge Amazone, die den weißen Kittel trägt wie einen Panzer. Es war glänzend, ihnen zuzusshen. Der Geheimrat pflegte denn auch durchs Zimmer zu gehen, einen aufmunternben Witz auf den Sippen, er lobte Blumen und Ge­schenke, die ihm auffielen.Pikfein!" sagte er und war schon draußen. Mit ihm sein Stab, der die Tür hinter ihm schloß.

Des braunen Burschen, der so arg verunglückt war, daß er den Ge­heimrat ganz ernsthaft gestimmt hatte, gedachte sie zu mehreren Malen. Nicht einmal angeschaut hat er dich, brummte sie. Vielleicht zu krank? ... Immerhin, sie strich ihn aus ihren Gedanken.

Bekam sie Besuch, Freunde und Verwandte, zeigte sie sich matt und ablehnend.Seid nicht so laut", bat sie Häufig, und anstatt den Gesprächen zu folgen, die man für sie anspann, horchte sie auf den Stunden­schlag der Glocken drüben von der Kirche her. Man verließ sie nicht ohne Besorgnis. Viel zu lange schon tag sie nun hier, und es schien, als wollte sie nicht gesund werden.

Den Braunen hatte sie wirklich beinahe vergessen, als er norm Verbandsaal unversehens neben sie zu liegen kam. Er war verändert, das sah sie gleich. Die Backenknochen traten viel stärker vor als beim erstenmal, und die Haut schien blasser geworden unter der Sonnen» bronze. Die Linke hing seitwärts vom Tisch: er trug ein richtiges Knabennachthemd. Gine sah gerührt die roten Käntchen an der Man­schette. Seine Augen blieben einen Moment lang bei Sine zur Rast, .[ein Blick lag auf ihrem Gesicht, diesmal mar sie es, die nicht ant­wortete. Nur ihre rechte Hand ließ sie vom Tisch gleiten, nun hingen ihre Arme nebeneinander, feiner mit der Knabenmanschette und ihr schmaler, der mädchenhaster, der nackt war.

Unruhe kam in die Reihe, ein Tisch wurde in den Saal geschoben, andere wurden rangiert. Eines linker Nachbar bekam einen neuen Platz der Wärter stieß ungeschickt an ihr Fahrgestell, das wiederum tat einen kleinen Ruck in Richtung des Braunen, der rechts lag. Dabei geschah es, daß ihre Hände sich berührten, die Handrücken fielen leicht gegeneinander. Sie sah ihn an, schnell, als gäbe es etwas zu ver­säumen. Er verzog den Mund, so daß ein paar Zähne .frei wurden, starke, weiße, von der Nase abwärts gab es zwei harte Falten er war magerer geworden, man sah es, nun, da er lächelte. Die Hand, mit der er Sines Hand gestreift hatte, zog er langsam zu sich herauf. Nun log sie auf feiner Brust. Das war alles.

Dann lag Sine wieder im Zimmer. Am Abend kam die Parade. Sagen Sie, Herr Geheimrat", Sine gab sich einen Ruck und redete den Buddha an,dieser dieser lädierte Sportsmann wird er bald gesund sein?"

Nein", der Geheimrat senkte einen kurzen Augenblick die Stirn, den gibt es nicht mehr ... heute Mittag, ganz plötzlich, zuviel kaputt innen '... wissen Sie ..."

Er war noch ganz jung", sagte Gine nur.

,Den also gibt es nicht mehr', sagte sie. ,Sie werden ihn durch den Keller gefahren haben. Heimlich. Haben ihn sterben lassen', dachte sie, .sonst konnten sie nichts.'