princesse dans son genre!“* Halblaut wiederholte er sich diese Worte, s durch welche gestern die blonde Majorstochter sich mit der eigentümlichen Anmut der Mädchens abgefunden hatte.
Er stieß auch noch die anderen Fensterflügel auf, um die frische Morgenluft hereinzulajsen. „Dans son genre?“ murmelte er vor sich hin. — „Nur dans son genre?" Und nachdenklich setzte er sich an den Tisch, um das ihm von der petite princesse gebrachte Frühstück zu verzehren.
--Inzwischen schritt Kätti, nachdem sie oben am Hause das Diktionär in ein offenes Fenster gelegt hatte, die Dorfstraße hinab, bis sie an das niedrige Strohdach des Musikanten kam. Als sie zu ihm in di? Stube trat, rutschte er mit möglichster Behendigkeit von seinem Schneider- tifch herab und stand in seinen wollenen Strümpfen vor ihr auf dem Lehmboden.
„Sträkelstrakel!" sagte Kätti, während der kleine Mann sie halb verwundert, halb besorgt betrachtete. „Er kann doch Weißzeug nähen, Strätelstrakel?"
Seine schmalen Lippen zogen sich zu einer harmlosen Selbstverspottung zusammen. „Ei freilich, Mamsellchen; ein Schneider im Dorf kann alles nähen: Hemden und Pudelmützen, und was Sie sonst noch lustig sind, Mamsellchen!"
Sie nickte und kramte ihre Leinwandstücke auf dem Arbeitstische aus. „So hilf mir!, Nähen kann ich's schon; ich weiß nur nicht, wie es zusammengeht." '
Bald lehnten beide gegen den Tisch und suchten die zusammengehörigen Stücke aneinander zu passen. Der Schneider geriet wirklich ein paarmal in Verlegenheit, denn so ein Stadtherrending war doch was anderes als ein gewöhnliches Bauernhemd. Endlich aber kam's zurecht. „So!" rief er und betrachtete jetzt etwas verwundert die Länge und Breite des Gewandes. „Ich hätte noch kaum den Herrn Zippel für eine fo ansehnliche Person gehalten!"
Kätti wurde glühendrot. Aber der Schneider bemerkte das nicht, und sie selber sah sich nicht veranlaßt, ihn über ihren Arbeitsgeber aufzuklären. Zärtlich, als verhülle sie ein Geheimnis, rollte sie die Leinwand wieder aus; dann fragte sie noch statt des Dankes: „Was meint Er, wollen wir einmal heut abend unsere Sonate spielen?"
Sträkelstrakel warf einen Blick auf seine Geige, die glücklich wieder an der Wand hing. „Ach ja, Mamsellchen", sagte er freudig, „die von dem großen Mozart; und wir haben sie so lange nicht gespielt! — Freilich", setzte er hinzu, „Sie haben jetzt auch viel zu schaffen; die Aufwartung da drunten bei dem guten jungen Herrn."--
Er sah ihr seufzend nach, da sie mit einem freundlichen Nicken ihn jetzt verließ. Noch immer vermochte er ein neidisches Gefühl nicht ganz zu unterdrücken, daß der junge, vornehme Herr das Mädchen so ohne alle Mühe vom Wege aufgelesen hakte. Aber die angeborene Dankbarkeit feines Herzens trug den Sieg davon. „Pfui! Pfui!" sagte er zu sich selber. Dann hinkte er an die Wand, langte Geige und Bogen von ihrem Haken, und bald erklangen aus dem niedrigen Stübchen in reinen Tönen die lieblichsten Passagen der Mozart-Sonate.
*
Als es an diesem Abend elf vom Glockenturm geschlagen hatte, stand der Doktor von seiner Arbeit auf und setzte sich auf den großen Stein vor seiner Haustür, um der Nachtkühle zu genießen und vor dem Schlaf noch eine Weile lieblichen Gedanken nachzuhängen, wie sie die zukunftsreiche Jugend zu besuchen pflegen. Nur eine Weile ruhten seine Blicke auf der Landschaft, die in verschwimmendem Umriß sich vor ihm ausbreitete; was sonst getrennt war, die Welt seines Innern und die da draußen, im schützenden Dämmer der Nacht traten sie traulich zueinander und verwebten sich in eins. Wie traumredend durch die weite Stille rauschte der Fluß in seinen Ufern, und in dem silbernen Lichte des Sternenhimmels tauchte die Gestalt des blonden, blauäugigen Mädchens wie Anadyomene aus der Flut. Er sah sie deutlich vor sich; nur der Saum ihres weißen Gewandes verlor sich in den Wellen; mit jenem lässigen Neigen des Hauptes lächelte sie ihn an, und in dem Rauschen des Schilfes unterschied er deutlich ihre Stimme: „Vraiment, une petite princesse dans son genre!" Aber sie war jetzt nicht mehr drunten über dem Wasser; sie wandelte an seiner Seite, sie beide vor den Säulen der Veranda; sie flüsterte noch etwas, aber er verstand es nicht.
Als er unwillkürlich den Kopf nach dem Lande zurückwandte, wo droben über dem Gebüsch der Giebel des Haupthauses sich gegen den Nachlhimmel abhob, sah er zu seiner Verwunderung noch ein Licht durch die Zweige schimmern, und bald auch, daß es aus dem Fenster strahlte, hinter welchem, wie er wußte, Kättis Kammer war.
Er hatte so spät dort niemals Licht erblickt. Was mochte das wunder- lidje Mädchen jetzt noch treiben? Französisch? Aber weshalb denn, da sie es als Kind so gründlich doch verabscheut hatte? — Gleichviel; was kümmerte es ihn!
Aber dennoch sah er sie vor sich; das müde Köpfchen auf die Hand gestützt und gleichwohl eifrig in seinem Diktionär blätternd.
Er wandte sich wieder ab. Der Fluh rauschte noch wie zuvor in seinen Ufern; aber die blonde Majorstochter wollte nicht wieder aus feiner Flut emporsteigen, so ernstlich der junge Doktor auch seinen Willen darauf zu richten suchte. Unwillkürlich wandte er immer wieder seine Augen nach dem Lichte, das landwärts durch die Bäume schien; es schlug schon Mitternacht vom Turme; und erst als es längere Zeit nachher erlosch, stand er von seinem Steine auf und ging in seine Kammer.
---Die nächste und die darauffolgende Nacht war es ebenso. Am Morgen des dritten Tages, da Kätti ihm das Frühstück brachte, legte sie die fertige Näharbeit daneben auf den Tisch.
Er nahm sie und betrachtete sie genau, während das Mädchen gespannt zu ihm hinüberblickte. „Das ist gut!" sagte er. „Lache nur nicht; ich ver
Wahrhaftig, eine kleine Prinzessin in ihrer Art.
stehe mich darauf." Er war, wie manche Männer, fast pedantisch in bezug auf seine Leibwäsche. „Und was kostet es?"
„Es kostet nichts", erwiderte sie.
„Nichts? Lassen die Näherinnen hier sich nicht bezahlen?"
Es gibt hier keine; ich selber habe es genäht. — Aber wollen Sie mir jetzt auch diese Arbeit durchsehen?" Und damit legte sie ein mit franzö- fischen Themen beschriebenes Heftchen vor ihm hin.
Er nahm es schweigend und begann zu lesen, während sie mit beklommenem Atem vor ihm stand. Einmal zuckte sie erschreckt zusammen, da er einen Bleistift nahm und damit zwischen ihre Schrift hineinschneb; endlich gab er ihr das Heft zurück. „Das ist auch gut!" sagte er und sah sie voll mit seinen blauen Augen an, während ein Helles Freudenrot über des Mädchens Antlitz flog. .
„Aber bist du denn nicht mehr die alte Kätti; wer hatte dich früher an den Nähtisch oder an die Bücher bringen können? Und nun? — Wie geht das zu? Oder ist es am Ende gar ein Wunder?"
Ihre Augen öffneten sich weit und sahen ihn an, bis sie sich mit Tränen füllten. „Ich weiß nicht", stammelte sie verworren, „aber darf ich mit meinen Themen wiederkommen?"--
Und als er ihr das zugesagt hatte, nahm sie ihr Hest und verließ eilig das Zimmer. *
An Sträkelstrakels Geige war tags vorher die Q-Saite gesprungen; nun kam er gegen Mittag aus der Stadt, wo er sich eine neue eingehandelt hatte. Müde, wie er war, bog er dennoch von der Dorfstraße in den Weg zur „Wald- und Wasserfreude" ein und wollte eben die steile Felsireppe nach dem Fluß hinunter, als Kätti aus dem Haufe ihm entgegenkam.
„Wenn's nicht zu viel gebeten ist, Mamsellchen", sagte er, seine große, tellerrunde Mütze lüftend, „Sie kommen doch nach unten zum Herrn Doktor; Sie könnten mir eine Bestellung abnehmen, die sie in der Stadt mir aufgetragen haben!"
Kätti nickte und begleitete ihn nach der Straßenecke, wahrend er ihr seinen Auftrag mitteilte. Sie nickte dann noch einmal; aber sie fühlte selbst, wie ihr die Hände plötzlich eiskalt geworden waren.
Als sie eben zurückgehen wollte, sah sie die lange Trina aus einem Hause treten; die Alte hatte ihre Krepphaube auf dem Kopf und einen schmutzigen, gefüllten Sack auf ihrem Rücken; so stapfte sie an einem langen Knotenstock die Dorfstrahe hinab.
Kätti machte eine Bewegung des Abscheus, aber Peter Jensen lachte: „Sie hat sich Schnaps gekauft", jagte er; „mit ihrem Kräuterbeutel geht sie in die Stadt, mit einem Haarbeutel* kommt sie heute abend wieder!
„Erst abends?" fragte Kätti; es schien ihr plötzlich etwas durch den Kopf zu gehen. m ,
, Oh, auch wohl nachts oder morgens! Die schläft am Weg |o gut als wie zu Hause! Also, Mamsellchen", setzte er hinzu, „nachmittags fünf Uhr, wenn Sie es nicht vergessen wollen!"
„Nein, nein", erwiderte sie hastig, „geht nur und ruht Euch aus; ich werde Euch was Gut's zu Mittag schicken." Ein heißes Rot hatte ihr Antlitz überzogen, während sie langsam ihrem Haufe zuging; der empfangene Auftrag schien sie sehr erregt zu haben.
Aber erst am Nachmittage kurz vor der genannten Stunde stieg sie die Felsentreppe hinab; sie hätte näher durch den Garten gehen können; aber sie schien absichtlich, als wolle sie sich selbst noch einen Aufschub gönnen, diesen weiteren Weg zu wählen. Als sie vor der Schwelle des Abnahmehauses stand, erschrak sie säst, da sie die Haustür offen sah; auch mußte sie sich erst den einen kleinen Finger mit ihrem Tuche wischen; denn sie hatte ihn Mutig gebissen, während sie von der letzten Treppenstufe bis hierher gegangen war.
Als aber Wulf Fedders mit feinem blonden Kopfe etwas verwirri aus der vor ihm liegenden Arbeit auftauchte, sah er sie plötzlich vor sich stehen, und wie damals in ihrer Kinderzeit rief er: „Du, Kätti? Bist du schon lange hier?" r
Sie schüttelte den Kopf, aber als sie sprechen wollte, fehlte ihr der Atem.
„Nun", sagte er; „ich hab' schon so viel Zeit, dich anzuhören!
Kätti blickte gegen die Wand und erwiderte stockend: „Ich glaube doch, daß die lange Trina unseren Fidel geschlachtet hat."
„Meinst du? Aber was ist dabei zu machen?"
„Ich möchte bitten, daß Sie mit mir hingehen, ich habe Furcht allein." „Aber, Kätti, wenn er tot ist, bekommst du ihn ja doch nicht wieder!" „Ich möchte es nur wissen", sagte sie leise. „Wollen Sie nicht mit mir gehen?" , .
Der Doktor zögerte; es war, wie er sich ausdrückte, „ein Knacken tu seiner Arbeit, den er heut noch überwinden möchte; als aber Kätti vor ihm stehenblieb, nur die dunkeln Augen in angstvoller Erwartung auf ihn richtend, stand er auf und packte seine Bücher fort. „Wenn es denn [ein muß, Kätti!" sagte er. „Aber was ist dir heute? Deine Wangen wetteifern ja mit deiner roten Schleife!"
Er erhielt keine Antwort; Kätti war schon draußen vor der Haustür.
Kopfschüttelnd nahm der Doktor seine Botanisiertrommel von der Wand, und bald gingen sie nebeneinander über die Felder nach dem 1 Walde zu; sie hörten es eben hinter sich im Dorfe fünf vom Kirchturm 1 schlagen, als sie ihn erreichten.
„Wollen wir nicht etwas rascher gehen?" sagte der Doktor, da Kätti jetzt absichtlich ihren Schritt zu hemmen schien.
„Ja, ja; ein wenig rascher!" — Sie tat es auch, bald aber wurden ihre Schritte zögernd wie vorher.
(Fortsetzung folgt.)
* Betrunken.


