Ausgabe 
29.7.1932
 
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Wiener

Auch daß er sein Amt so heilig ern!

es es

Ein Märtyrer des Theaters.

Zu Joseph Schreyvogels 100. Todestage.

Von Dr. Johannes Günther.

vielleicht besser als den Sieg errungen zu haben und zu nur ein äußerer Sieg war, ohne die Menschen innerlich

lebenden unserer Opfer würdig sind. Cs ist für mich der Kampf um eine Idee die Fata Morgana eines reinen, treuen, ehrlichen Deutschlands, ohne Schlechtigkeit und Trug. Und gehen wir zugrunde mit dieser Hoffnung im Herzen, ist"s

sehen, daß zu bessern.

........ Bürgersohn im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts ... lernt lesen in einem Komödienbuch, lernt italienisch wegen der Oper, englisch um Shakespeares willen. Ein Kind seiner Zeit im Guten und Unguten: den Frauen auf Gnade und Ungnade verschrieben, ein Leidensgenosse Werthers, geheilt von der Philosophie Kants, entflammt für die Revolu­tion, verdächtigt als Jakobiner: er muh aus Wien fort. Student in Jena, Wahrheitsucher in vielen Wissenschaften, schriftstellert, liebäugelt mit dem Theater, verzagt in Ansätzen und Halbheiten:Es geht nicht", sagt er zu Goethe. Und der große Zauberer und heitere Weise antwortet: Man muß nur in die Hand blasen dann gehl's schon." Ist das ein Spott des genialen Menschen, der mühelos, dem Hexenmeister gleich, aus dem Nichts schafft, ein Spott des genialen Menschen über den Ungenialen? Oder spricht daraus Goethe, der positive Pädagoge, der den Zaghaften er­muntert, es zu machen wie der Gärtner, der in die Hand spuckt, bevor er zu graben beginnt mit anderen Worten: guten, sröhlichen Willen auf­zubieten und sich selbst zu vertrauen? Jedenfalls bemächtigt sich S ch r e y - vogels eine mächtige Sechnsucht nach Wirksamkeit im wahrsten Sinne des Wortes. Aber: blieb er bisher mit seinen kleinen Absichten und Er­wartungen in Halbheiten stecken, so erleidet er mit seinen großen Versuchen große Niederlagen: sein Plan, eine einflußreiche politische Tageszeitung als Sprachrohr der Staatsverwaltung für das Publikum zu schaffen, scheitert; mit einem großen Kunstverlagsunternehmen verwirtschaftet er sich elend; seinSonntagsblatt" muß sich ihm offenbaren als zweckloser Kamps gegen eine Zeitströmung, der er selbst wider Willen angehört; seine schriftstellerischen Erfolge so muh ers selbst empfinden sind nur sehr sterbliche Zeiterfolge; der Zweiundvierzigjährige macht einen seltsam demütigen Versuch, sich zuändern", und drei Jahre später gerat er fast in Geistesverwirrung.

Aber sein Leben sollte nicht verkümmern. Er entdeckte noch seine Be­stimmung, seinen Beruf, er leistete noch fein Wesentliches: im W i e n e r Burqtheater als Dramaturg. Er diente den Schauspielern: zunächst vom Worte her. Sein Glaube war dies:Aus klassische Werke muh das Theater einer Nation gegründet werden, wenn es seiner Bestimmung wert sein soll. Ohne ein bleibendes Repertoire solcher Stücke werden wir weder eine tragische, noch eine komische Schaubühne, noch ein Publikum, das sie zu würdigen verstände, noch endlich darstellende Künstler dasur haben. Joseph Schreyvogel wollte, daß die Schauspieler ihre Gestaltungskraft nicht vergeudeten und verslachen und welken ließen an minderwertigen Buhnem Lichtungen, sondern gut anwandten, ausbildeten, veredelten an nihaltlich und dichterisch hochwertigen dramatischen Werken. Feinfühlig "nd sicher machte Schreyvogel schauspielerische Talente ausfindig; aber er audltetc keineVirtuosen", sondern zum Teil durch sehr persönliche Besetzunge versuchte er den Dramen wirkliche Gestalt zu geben. Durch Schreyvoge kam Heinrich A n s ch ü tz ans Burgtheater: Anschutz wurde em vorbild­licherMusikus Miller", ein vorbildlicherMeister Anton er hob den bürgerlichen Charakter ... nicht etwa ins Heldenhafte, ab" mit Rauheitz Wucht und Verantwortung auf einen ebenbürtigen Platz neben bem Helden. Vor den Schauspielern, die das Burgtheater durch Schreyvogel empfing, muß noch Sophie Müller, die früh Verstorbene, werden: sie spielte Kriemhild (in Raupachs N'belungendrama) Desbemona Bertha (Die Ahnfrau") und war eine so bestrickend l'ebenswurdige und echt poetische Erscheinung, daß sie geradezu wie ein Wesen aus besseren Welt verehrt wurde. mnhfifiim«

Trotz engherziger Zensur, trotz der Vorliebe des Wiener Publckums für französische Novitäten und deutsche Eintagswerke, blieb Joseph Schrey­vogel seinem Bestreben, hochwertige Buhnenwerke emzu^hren und au dem Spielplan zu halten, treu. So diente er Calderon Moreto Shake- speare Goethe, Schiller und vor allem Grillparzer Freilich empfand Grillparzer Schreyvogels dramaturgische Erziehungsarbeit eher ^''Schreyvoge?s^Bühnenbearbeitungen tIai^^.rA^j^ühnflenbrDertefna4 stündlich zeitgebunden - denn jede Zeit macht sich d'° Buhnenwerke nach ihren Bedürfnissen und Möglichkeiten zurecht. zeugen von

strenger und gesunder geistiger Durchdringung, von künstlerischem Buhnen sinn und stets vom Bewußtsein der Pflicht dem Werk d s D.chters zu dienen. Hermann Bahr äußert sich einma über das. W en ,des Bmg theaters und über die Aufgaben einer rechten Burg h

..... Dem Burgtheater, diesem innerlich ganz sicheren, doch stch^I ID' genug mißverstehenden, launischen, störrischen, a eiaenttirfl will,

lässigen Instinkt urgesunden Geschöpf abzuhorchen was 9 $ bje

und ihm dann die dazu notwendige Tat auszuzwing , Schrey-

Direktion des Burgtheaters". Und diese Aufgabe, memt B-Hr. h-b- v°gel als erster erfüllt. Er hat unerhor en Undank «"rntet. Er wm andere als ein Schmeichler der Vorgesetzten; und das verz ) nicht.

nft nahm, beunruhigte die vielen

Oberflächlichen um ihn und über ihm. Man duckte ihn, ^nan jna vor den Schauspielern lächerlich, man degradierte ihn, ma wa ^ /

freiticf) armselig genug, ihn wieder heranzuziehe , auf rümpfte,

durfte. Aber als Schreyvogel einmal traft s-m-- ^XÄtif<U daerfolgte" wie der Chronist berichtetdie Wir 9 rrintritt in seine Präzision': am andern Tag sah sich der Dramaturg n Eintritt

Kanzlei durch einen Diener verwehrt, der ihm> s 9 crfu<bte Schreyvogel, Regenschirm aus dem Zimmer zu holen". Danach verfuchte uaj ;

sich wieder als freier Schriftsteller durchzuschlagen da raffte ihn nach wenigen Wochen die Cholera hin. Es gab ein unwürdig stilles Begräbnis: kein Schauspieler erwies ihm die letzte Ehre.

Schreyvogel kämpfte gegen die Romantik und doch: wenn man fein Leben Überblickt, so ist es mit all seinen Versuchen und Enttäuschungen, mit feinen Selbstüberschätzungen und Rückschlägen, mit seinen Sehnsüchten und all seinem Unbefriedigtsein doch ein recht eigentlich romantisches Leben gewesen. Und was seine positive Leistung, seine dramaturgische Arbeit angeht, so liegt ihr Wichtiges und Vorbildliches darin, daß er nicht nach Eigenwert gierte, daß er nicht hervorstechen wollte, sondern daß er schlicht seine Pflicht erfüllte und nur damit konnte er das Burg­theater zu dem kulturellen Wert entwickeln helfen, den es bis heute bar- stellt. Joseph Schreyvogel hat um das Theater schwer gelitten, und das ist besonders bedeutsam. Das Theater als Unterhaltungsinstitut will Pro­minente, und von diesen Prominenten weiß die nächste Generation nichts mehr. Aber das Theater als Sammlung künstlerischer und sittlicher Kräfte, als Pflegestätte dieser schweren und herrlichen Aufgabe, verlangt Menschen, die sich hingeben, verlangt Märtyrer.

3urWald und Wafferfreude".

Novelle von Theodor Storm.

(Fortsetzung.)

Sie richtete sich jäh empor, daß sie den Kops an einen Sparren stieß. War das eine Mahnung, daß sie sich nicht zu hoch erheben sollte? Freilich, sie hatte nichts gelernt,.sie konnte nicht sranzösisch mit ihm spre- chen in der Schule war sie immer faul gewesen. Aber sie besaß noch ihre Bücher; es war noch Zeit, um das Versäumte nachzuholen; nur das Lexikon fehlte ihr aber unter des Doktors Büchern hatte sie eins ge» sehen; gleich morgen wollte sie ihn darum bitten! Nein, keine Teufels­künste, wozu die lange Irina sie verführen wollte; aber lernen, lernenl Er sollte sehen, daß sie keiner etwas nachgab.

Sie legte wieder den Kopf in ihre Hände. Da hörte sie es von oben aus dem ©arten herabkommen, und bald darauf unterschied sie ein Saiten- klimpern und daneben den ungleichen Tritt des kleinen Musikanten. Ge­wiß mit seiner Geige unter dem Arme wanderte er umher, um sie zu suchen. Aber sie regte sich nicht, und die Schritte entfernten sich wieder. Einmal flog es durch sie hin, und ihr war, als stocke jählings ihr Herz, ob denn nicht er, er selber sie vermissen würde? Aber es kam niemand mehr. Statt dessen hörte sie bald vom Saal herab das Getöse des Tanzes, Geigenstriche und fröhliches Lachen.

Qualvolle Stunden vergingen; endlich wurde es still, und die Wagen fuhren ab. Kätti schlüpfte aus ihrem Versteck, lieh einen Augenblick noch den feuchten Nachtwind über ihre Wangen gehen und schlich sich bann im Dunkeln fort auf ihre Kammer.

Am andern Tage, da es noch morgenfrisch vom Fluß heraufwehte, kam Kätti wie gewöhnlich mit dem aus Brot und Milch bestehenden Frühstück des Doktors nach dem Abnahmehaus herab; vor der Haustür aber zögerte sie und holte ein paarmal tiefen Atem. Sie sah etwas bleich und anders aus als sonst; die bunteirote Schleife saß zwar noch in bem glanzend- schwarzen Haar; aber bie langen Zöpse waren am Hinterkopf zu einem Knoten aufgesteckt. Sie wollte nicht mehr wie ein Kinb vor ihm er­scheinen. , ,, .

Als sie eintrat, ftanb ber Doktor vor einer ausgezogenen Schublabe unb kramte in seiner Wäsche, roanbte aber auf bas Geräusch des Tür» offnens den Kopf und sah die Eintretende voll Erstaunen an.Kätti! Fräulein Rosalie!" rief er scherzend.Du bist ja ganz verwandelt. In welchem Zauberwinkel warst du gestern uns verschwunden?"

Sie hob den Kopf, unb aus bem Spalt der halbgeschlofsenen Lider flog es wie ein Blick des Haffes auf ihn hin.Ich bin krank gewesen", sagte sie düster. Als sie aber den plötzlichen Ausdruck ber Teilnahme auf feinem Antlitz sah, öffnete sie bie Augen weit unb blickte mit kinblicher Hilflosig- ^^Du hättest noch ruhen sollen", sagte er;ich hätte mein Frühstück mir schon selbst geholt!"

Sie schüttelte ben Kops unb zeigte auf ein kleines Diktionär, das zwi- leben anberen Büchern auf einem Seitentifche lag.Wollen Sie mir bas leihen?" frug sie.Darf ich es mit nach Haus nehmen?"

Das? Was willst bu damit?"

Ich will Französisch lernen."

Das Antlitz des jungen Mannes verriet eine fluchtige Verlegenheit,, bie Sattis scharfen Augen nicht entging. Sie buchte:Was mag er gestern über bich gesprochen haben?" , , ,

Aber ber Doktor lachte schon wieder.Ware es nicht besser , sagte er, bu bliebest beim Nähen unb Stricken? Mich dünkt, du warst früher gerade kein Held darin." . .. ~ ,

Sie antwortete ihm nicht darauf; sie wiederholte nur ihre Frage, ob er bas Diktionär ihr leihen wolle.

Gewiß, Kättt", Jagte er harmlos,unb behalte es, solange es dir 9^°Sie nahm das Buch und wollte eben gehen, als sie von ihm zurück- qerufen wurde.Sieh da", sagte er und zeigte ihr einige auf dem Tische tieaenbe Leinwanbstücke, bie augenscheinlich Teile eines zugeschnittenen Dembes waren;ich habe bfü meiner plötzlichen Abreise bas letzte vom Dutzenb so mit fortnehmen müssen; habt ihr eine leibliche Näherin tm Dorf?"

Sie schüttelte erst ben Kopf; bann aber sagte sie hastig:D ja, boch, es wirb schon gehen; ich weiß boch eine."

Bann sei so gut, es zu besorgen!

Sie packte rasch bie Leinewanb zusammen und ging mit dieser unb dem Buche fort Als sie draußen am Fenster vorüberschritt, sah er ihr durch die Scheiben noch, ja er öffnete bas Fenster, um ihr noch weiter nach- msehen unb er tat es bis bas feine Köpfchen mit dem glänzend-schwarzen Haarknöten droben im Gebüsch verschwunden war.Vraiment, une petite