Ausgabe 
29.7.1932
 
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SiehenerzamilienbMer

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Nummer 58 .

Sreitag, den 29. Juli

j ahrgang 1932

Alt Heidelberg, du feine ...

Von Victor von Scheffel.

Alt Heidelberg, du feine. Du Stadt an Ehren reich, Am Neckar und am Rheine Kein' ander' kommt dir gleich.

Stadt fröhlicher Gesellen, An Weisheit schwer und Wein, Klar ziehn des Stromes Wellen, Blauäugletn blitzen drein.

Und kommt aus lindem Süden Der Frühling übers Land, So webt er dir aus Blüten Ein schimmernd Brautgewand.

Auch mir stehst du geschrieben Ins Herz gleich einer Braut, Es klingt wie junges Lieben Dein Name mir so traut.

Und stechen mich die Dornen, Und wird mir's drauß zu kahl, Geb' ich dem Roß die Spornen Und reit' ins Neckartal.

Wiedersehen mit Heidelberg.

Von Wilhelm H a u s e n st e i n.

Die Turmuhren schlagen fünf Uhr zur Schloßterrasse herauf, und iielchen Standort würde man sich für das erste Wiedersehen mit ^tadt und iandschaft denn sonst gesucht haben ...

Heidelberg liegt schiefergrau im glühenden Dunst des werdenden ilbends. Das Schiefergraue dringt ein wenig vor: am Dach und Turm ir Kirche zum heiligen Geist; am Dach der Iesuitenkirche; an den ge- Diebelten Hauben der Türme des Brückenkopfes auf der Seite der Att- fndt; am Dach der Universität, das in schönem Schwung stillsteht wie tme festgewordene Woge. Dies sind die erhabenen Stellen, die man hundert- Nd vielleicht tausendmal hat herausschauen sehen aus den zimtfarbigen Schleiern, die Heidelberg fast immer überweben. Das Schiefergrauo daran shimmert matt, und wenn es blinkt, so gibt es die Lichter des Himmels ur stumpf zurück ... Sonst ist Steinrot da, das pfälzische, das badische ttteinrot, da« ins Lila geht; so finde ich es wieder an der Heiliggeisttirche, m der Iesuitenkirche, an den Bogen und Geländermauern der alten Brücke, 'tegelrot ist wenig; längst sind die Ziegel der alten Dächer erdbraun ge­worden. Ueberall in den Tiefen liegen violettblaue Schatten; violettblaue Ht einer tonigen Entschiedenheit, wie man sie wohl drunten in Bozen i« erleben pflegt.

Farben und Töne sind das Erste, das wieder crusfallt am aller­meisten dann, wenn man aus München gekommen ist, wo ute -ttnge bilö- '"risch und räumlich, mit klaren Kanten und Oberflächen, 'n einem tonver- - hrenden, ganz klaren Licht stehn. Die Dinge wachsen dem schaue'ck- wußten Auge aus dem köstlichen Tongespinst: gewölbte kugelige Turm- chouetten des Barocks, die Providenzkirche auch, die schonen alten Man- !wdenstöcke. Hin und wieder ist eine helle und deutliche Stelle i c k'aue, violette, blaue, rötliche Tonmeer eingetieft: das lichte Band der llchweiften Hauptstraße, der man auf den mattblanken Boden sieht, das chte Viereck des Karlsplatzes mit den weißen Hausern und> den gestutz en hld)grünen Bäumen. Man blickt von oben hinein aus der P^spektive l wesener Kurfürsten. Der Neckar, der die Stadt langsam begle, et ! mmert gelbqrau und oliv unter der von warmem Brodem umdunsteten i ^nnc. Draußen im Westen, über der bayrischen Pfalz steht em einziger

' 'iengeldener Nebel: Atem der Erde, Atem des Rheins, Luft und Rauch b»nz und gar von Sonnenlicht durchsickert.

i Vom Ocker des Münchner Odeonsplatzes eingenommen, wunder. man ich immer aufs neue darüber, daß diese Stadt ""d ihr Schl ß s i sandsteinrot und ins Lila umgebrochen So steht dw Sroßartlge Rume l'rt drüben, der zerstörte Steinbrokat der deutschen ^naissance die i.ier --rklichkeit gewesen ist, im dutzendfältigen Grün der hellen Acazien der "nklen Nadelbäume, des glänzenden Efeus, des lloldgrunen Rasen-, "d rötlich laufen seine Wege durch das üppige'Wachstum^ Wunder^ «n das Lilarvt der Ruine, wo es mit dem Flügel des Otthe,nr ch

.l,us - in den Schatten gekehrt ist ... über der Hohe des --ch-ossts

blühen unzählbare Edelkastanien den Königstuhl hinauf; es ist ein zart­grünes und zartgelbes Weiß, das, den Frühling in den Juli hinein ver­ewigend, zauberisch ausschwärmt. Auf der Gegenseite, überm Neckar drüben, steht der Heiligenberg mit seinem lichten Laubwaldgrün, der röt­lichen Waagrechten des Philosophenwegs und ruhig gezogenen Kuppen- linie, die in langsamem Gefälle zu Tal geht; der Heiligenberg mit den blauen Schatten, die so blau sind, wie sonst nur die Schatten des Südens über den Alpen drüben.

Der Strahenweg zum Königsstuhl hinauf ist er nicht so paradiesisch, als zöge er durch Toskana hin?

Nun sind die lichtgrünen, die gelblichweißen Raupen und Kerzen der Maronenblüten ganz nahe; ihr Duft ist von exotischer Süße. Die Luft steht still gleichsam ein leichtes durchdringendes Gebäude aus Wärme.

Der Boden des Waldes ist dicht bewachsen: das Farnkraut wirft seine Palmwedel überall aus. Da und dort leuchtet das violette Rot des Finger­huts. Hin und wieder ist her Erdboden aufgebrochen: das Innere der Waldhänge kommt lilarot zutage grün umwachsener Steinbruch, aus dem das Heidelberger Schloß herausgehoben sein könnte ...

Auf dem Gipfel des Königsstuhls ist es kühl.

Der Neckar weit drunten im Tal ist flüssiges rotes Gold. Die Stadt ist im abendlich vertieften Violettblau nun fast ganz vergangen, lieber der Ebene im Westen draußen steht eine violette Sommernebelwand. An einer Stelle ist sie aufgerissen dort funkelt der Rhein. Es geht gegen zwanzig Uhr; aber die Sonne steht noch ziemlich hoch; solange ist es im Westen Tag. Die Sonne lagert auf dem Rand des violetten Nebels, der dicht ist wie ein Sockel. Neckaraufwärts liegen die Berge des Odenwaldes in der Ruhe: dumpfgrün, blau fast nur Fläche, Ton und Umriß, keine bildnerische Form mehr und ohne jede kenntliche Einzelheit; so scheinen die Berge größer, als sie sind. *

In den Gassen sitzen die Leute; die Altstadt hält auf eine schier neapoli­tanische Art Feierabend; Stühle stehen auf dem Bürgersteig; die Buben sind in Hosen und Hosenträgern die Haut ist ihr Hemd. Die hübschen fränkischen Mädchen haben mitunter ein schier florentinisches Ansehen: dann sind sie zierlich, schnell, braunäugig, brünett, feinnäsig, ein wenig blaß. Wie Eidechsen laufen sie durch die Gassen.

Jeden Morgen erwartet man sich den Regentag, öer auf die Hitze folgen soll; aber jeden Morgen erlöst sich die Stadt, als läge sie in Italien aus Dunst und Wolken aufs neue in eine blausilberne Helle der als' besondere Wohltat die Morgenkühle des Nordens hinzugefügt ist.

Mittags ist es schön die Stelle zu suchen, wo die Brüder B o i s s e r ö e in einem weißen Hause gewohnt und ihre alten deutschen Meister gehegt haben. Es ist der weiße Platz mit den gestutzten Bäumen und der unmittel­baren Aufsicht zum Schloß, die sich finden läßt. Goethe hat ste gekannt. Die Romantiker haben sie ehrfürchtig empfunden.

Wieder ist es Nachmittag und die Zeit des Spazierengehens.

Hinter dem Schloß am Wolfsbrunnenweg heben sich die südlich aus- areifenden Profile bläulicher Zedern in die brütende Luft. Rosen hangen in überfließendem Schwall an Steinmauern herab; Gärten sind voll von blauem Rittersporn und von purpurnen Dahlien. In einem Obstgarten erntete ein Bursche die hochroten Kirschen: auf der Leiter ist er mit seinem braunen Oberkörper, den eine archaische Knappheit gebildet hat, wie eine Gestalt aus Terrakotta. Studenten und Studentinnen liegen am Ram im Baumschatten über ihren Büchern; einem der Mädchen fällt rostrot der Sckovf über die Buchseite oder das Kollegheft. Zuweilen kommt vom Neckartal unvermittelt ein kühler Lufthauch herab; er trifft Schlafe und Hhr wie eine angenehme Anrede.

9 Ich qehe den Weg, den ich vor dreißig Jahren als Student fast täglich gemacht habe bis zu der Stelle, die mir klassisch geworden ist: gegenüber liegt blaßgelb und weiß Stiftneuburg mit der Kapelle; ein wen,g weiter droben leuchtet das Scharlach der Dächer von Ziegelhausen; die sanften Berge drüben sind unten lichtdlaugrün von jungem Hafer, darüber gras­grün und oben Blätterwald ... Ich steige bergab, uberguere den Neckar mit der Fähre und laufe im Tal nach Heidelberg zuruck. Nun werden die drei Kirchtürme deutlich, grau gegen den rotgoldenen Abenddunst: dort drüben steckt das rote Saristor im Boden; lila fließen fast bis zu meinen Händen Glyzinien an einem alten Haus herab; schon stehe ich am d^m Scheitel der alten Brücke - und so ist wieder beinahe alles erblickt, was mir nun nochHeidelberg" heißt ...

Aber es bleibt noch ein Morgen, und weder Sonne noch Hitze soll mich hindern, den Philosophenweg zu suchen, wie vor einem kleinen Menschen­alter Hat nicht die Stadt erst von seiner Hohe her ihr eigentliches Gesichi?

Es aeht gegen Mittag. Ader auch nun ist das Licht auf der Stadt nicht durchaus blank. Das Licht der Sonne kann hier nicht unmittelbar auf die Dächer schlagen; so dickt ist die Luft gewoben, daß sie das Licht