Nummer 25

Sreitag, den April

Jahrgang (952

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Neisezehrung.

Von I. W. von Goethe.

und sie hatten kaum em Work geroea/ieu, an» uei fahrt lud.

Die Chaise mar heiß. Der beleibte Kaufmann hatte sich neben den Geheimrat gelagert, Vogel muhte den Sitz mit dem Kandidaten und dessen Zögling teilen. Die Augen des Theologen brannten gespannt nach dem berühmten Fahrtgenossen, feine ganze Person hielt sich sprungbereit auf der Kante, um einer Anrede geistvoll und gewandt zu begegnen: er beachtete seinen Schüler nicht, der faul zurückgelümmelt den großen Mann beglotzte und, in den Anblick verloren, die Stumpfnase bohrte. Der Kauf­mann hingegen hatte das gleichgültigste Wesen angenommen. Als einem deutschen Mann von wohlbegründeter Bürgerlichkeit lag es ihm ob, diesem Genie, unangesehen der höfischen Stellung, von der man unbe­kannterweise keine Notiz zu nehmen brauchte, zu beweisen, daß Dichter nicht von Gottes, sondern auch von Public! Gnaden seien: Herr Richter war Publikum, las er auch nur dieLeipziger". Im übrigen war alles durchgesetzt und gegen Hitze konnte man die Weste aufknüpfen: das Ge­rüttel entwickelte die Verdauung und schläferte ein.

Die Weimarer Erzellenz hielt den Kopf in die Hand gestützt und sah durch das Fenster auf eine Landschaft, die aus ernsten Waldungen, schüt­teren Feldern und versumpften Wiesen ihre wortkarge Sprache führte, chier mochte ein zäher Schlag Menschen (eben, der seinem Boden Treue hielt, gerade um dessen Kargheit willen. Er kannte Landvolk solcher Art.

Unter dem Schnarchen des Kaufmannes, der unverminderten Gespannt­heit des Theologen, dem Dösen des fetten Knaben und der träumerischen

Egbieben, daß der Kandidat Henze sich nicht beim Me, und Herr Richter, nun auch von der Angst Allen mit einem Teil der wohlgefüllten Reise- :Hr Schicksale überliefern zu müssen, ließ den treffen. Es wurde möglichst viel zu dem Schwa- Wagage auf dem Dache und dem Hinterbord fest- )err Richter hatte an Trinkgeld nicht gespart: Vogels ein fast bedrohlicher Bau zustande, [fiere Straßen glauben, und das Gebirge war 5*8^[vor dem abgelegten Besteck und hatte einer Pim zu gesprochen, als der junge Kanzelist von ihm Mzulangen.

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. ,, mitgenommen worden, um das Schriftwerk der ersten vier Bände einer Gesamtausgabe für den Buchhändler Göschen zu besorgen t ein stiller bereiter Mann, nicht unlustig, aber durch das ver­haltene Wesen des^Geheimrats merklich in sich verstaut. Es lag auf den gemeinsamen stunden und besonders auf solchen, die nicht der Arbeit zugewandt sein konnten, ein Druck, dem Vogel nicht ungern entglitt Er verstand den Grund dieses Unbehagens nicht recht. Er wußte nur, daß in der Thermenstadt, auf die er begieriger war, als seine Pflichten es zulassen würden, eine strenge Arbeit bevorstand, und es drückte ihn, daß der berühmte Poet von einer sonderbaren Ungeduld nicht loszukommen vermochte, trotzdem nunmehr alles in Fluß geraten mar. Man konnte sich zu etlichen Erklärungen finden: mußte, daß ihre Exzellenz längst der Frau Oberstallmeisterin von Stein in das Bad nachgereift wäre und sehr zu Unbaß in Weimar zu verharren genötigt gewesen, weil sich die (gebürt der Prinzessin um Wochen verzögert hatte. So war in Weimar die 'Arbeit für Göschen nur das ungeduldige Füllsel einer Wartezeit geblieben, beim auch bie Amtsgeschäfte bes Geheimerakes waren längst für seine Abwesenheit aufgearbeitet ober dahin geführt worden, bah sie unbesehen weitergeleitet werben konnten, sie liefen allein unb ver­größerten ben toten Raum. Uebrigens bie ganze Hofgesellschaft, etliche Kreise selbst des Bürgertums hatten in ben letzten Wochen Stunden zählen gelernt, gewartet und gewartet. Doch auch bann, als alle Er-

wicht ben ganzen Leipziger Kommerz aufgewogen hätte, nicht nur einen Kaufmann Richter, Kolonialwaren unb Pelze, senkte er bie Lider und ließ ohne ben Kopf zu wenden auf die junge, pausbäckige Beschränktheit, bie neben ihm staub, seine Worte fallen:

,Er ist durch ben Zufall geroürbiget, Johannes, etliche Stunden ' J nnntnA ben engen Raum einer ordinären Chaise zu

pictäVy durch ein lautloses Wesen", diesen Satzteil re Exzellenz den Herren Geheimerat von Goethe

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Unterhaltungsbeilage znm Siehener Anzeiger

Als sie ein letztes Mal vor Karlsbad, die Pferde zu wechseln und etwas verspätet Mittag zu halten, vor dein Posthause in Zwobau aus- stiegen war dieser Herr Richter mit seiner erregten Leiblichkeit aus ihn gestoßen. Herr Richter, Kaufmann aus Leipzig sohn und Lehrer wartete zwei Schritte abseits und auch der Posthalter war lebhaft zuruck- gedrängt worden Herr Richter also aus Leipzig wäre mit feiner Berline verunglückt. Das Gebirge! Die erweichten Straßen! Der Wagen

Karlsbader Novelle.

Von Erwin Guido K o l b e n h e y e r.

Copyright by Verlag Georg Müller, München.

Diese Erzählung, welche allen Goethefreunden im Jubi­läumsjahr eine willkommene Lektüre sein wird, ist dem bei Georg Müller in München erschienenen Karlsbad - Buche Kämpfender Quell" von E. G. Kolbenheyer entnommen.

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Entwöhnen sollt' ich mich vom Glanz der Blicke, | - ««» -. <££,; < = » JES ' _ v

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würde beim Postillion vorlieb nehmen ... w» ,» einen mangelnden Platzes bitten ...

Unter den großen, dunklen Blicken des bestürmten Ankömmlings, hinter dem ein junger Mann in zurückhaltender Bereitschaft )lanb, Derfiegte bie Leipziger Zunge, und das von innerer Bedrängnis, vielleicht auch von einer allzu reichlichen Mahlzeit gerötete Gesicht des Kaufmannes nahm einen verlegenen, fast weinerlichen Aiisdruck an.

Sie wünschen mitzukommen. Wir werden zusammenrllcken, zumal mir Genossen desselben Mißgeschickes sind."

Das war sehr verbindlich gesprochen, und Herr Richter wollte neu beginnen, aber man wandte sich von ihm.

Vogel, Er bringt unsere Bagage in eine schickliche Ordnung, ich will mich in der Wirtschaft umsehen und Jhit erwarten."

Um seine Kümmernis leichter, haschte der Leipziger den jungen Mann beim Aermel und fragte flüsternd.

Die Antwort war:Es ist ihre Exzellenz der Herr Geheimerat von

Der Kaufmann blähte die Wangen unb zog bie Brauen hoch führte bie Finger an ben Mund, blies ihre Spitzen, als hatte er sie verbrannt, bann spreizte er die Hand gegen Sohn und Präzeptor.

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Der hagere Theologe faltete abweisend seine otirne. Im Gefühle, botz für den Rest dieser Fahrt einer überfüllten Postkutsche das geistige Ge­

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