denen Elefanten'. Ihr Hauswirt, Josef Stift, hielt eine Weinstube offen und wußte einen Tisch zu bestellen, der Kennern gefallen konnte.

Goethe fand im Saale der Gräfin eine Festtafel aufgeschlagen, er wurde aber nur vom Herzog, dem Harrachschen Paare und Herder empfangen. Man hielt ihn hin, bis ein Diener die Tür in den Flur­gang öffnete, über den er dann, feierlich an der Hand des Herzogs und von den andern gefolgt, zu einem Hinterpförtchen geleitet wurde, das in den Garten desGoldnen Elefanten" am Hange des Hirschgartens führte. Und dort sah Goethe einen Altar errichtet: zwei griechische Säulen, von Efeu, Immergrün und Lorbeer umwunden, überragten die Platte, sie stützten ein Gemälde, das eine Szene der AristophanischenVögel" darstellte, deren Nachdichtung Goethe der Gesellschaft kürzlich vorgetragen hatte: über dem Gemälde hing an einem blauen Bande der goldum­rahmte Schattenriß des Dichters, und auf dem Altartische, umstreut von Blumen und Laub, lagen vielerlei Geschenke.

Der Herzog hielt den freudig Bewegten zurück. Hinter einem Busch­werk von der Höhe des Gartens erhob sich Gesang zur Laute, und als er verstummt war, schritten, geführt von dem kleinen Gustel Herder, der ein griechisches Gewand trug und eine brennende Fackel hochhielt, Prie­sterinnen den kurzen Serpentinenweg zum Altäre nieder, und die übrige Gesellschaft folgte in einem Abstand. Die Lanthiery, die Waldner, Karo- line Herder und noch eine vierte Dame waren in weiße, wallende Ge­wänder gekleidet, Eichenkränze krönten sie, in der Hand hielten sie Papierrollen. Von den Seiten des Altares trat jede vor, entrollte den Bogen und las, an den Schattenriß des Dichters gewendet, etliche feier­liche Verse und legte schließlich gleich einer Opsergabe die Rolle auf den Altar. Dann aber sprang die Asseburg in buntem Federkostüme, das Haar unter-einer Kapuze, die einen Papageienkops darstellte, hinter dem Altar hervor und hielt dem Dichter, daß es eine Art hatte, eine Stand­rede im Namen derVögel" für alle seine unvollendeten Werke. So war eine Feierlichkeit, die nicht nur Huldigung bedeutet, sondern auch den Abstand betonte, den Goethe nahm, in freiere Laune gewandelt. Goethe konnte frohgemut die Wünsche empfangen und sich eine Weile an den Geschenken erfreuen, indes das Festmahl aufgetragen wurde. Eine Po­saunenfanfare, zu der die Stadtbläser unter das Dach desGoldnen Ele­fanten" bestellt waren, rief an die Tafel.

Man wußte nicht, und Goethe selbst ahnte es nicht, daß diese Feier eines neuen Lebensjahres die Feier eines neuen Lebensalters für den Bewünschten bedeute.

Als des andern Tages darauf Karl August die Thermenstadt nach einem Abschiede verlassen hatte, dessen ernste Vertraulichkeit durch einen letzten lustigen Gruß gehoben war Goethe ließ seinen Herren auf der Fahrt in Engelhaus anhalten und von geschmückten Bauernmädchen ein Gedicht aufsagen fühlte er seiner Ungeduld kaum eine Schranke mehr gesetzt. Er hätte noch Wochen bleiben müssen, um das Verlags­werk zu beenden, bleiben wie die andern, die ihn zu halten dachten, ob­wohl sie seinen Unfrieden merkten.

So traf ihn der zweite Septembermorgen nach einer zerquälten Nacht tief verstört, und vermochte ihn auch durch seine heiterste Sonne nicht mehr in den geordneten und beherrschten Lauf des Tagesbewuht- seins zurückzuführen. Als stünde er unter Pein der Uebersättigung an schalen Dingen und mehr noch unter dem Stachel einer Untreue gegen sich selbst, erschienen ihm Dinge und Menschen, die er um sich wußte, und alles Schrift- und Druckwerk vor seinen Augen ein Verdruß und jene Tyrannei zugleich, der man keine Gewalt vorwerfen kann, um sie zorn­mütig abzuschütteln. Er fühlte sich von Liebe und Verehrung, von edlen Pflichten gegen fein Werk, von dem fast leidenschaftlichen Dank, den er im Herzen gegen so viele trug, angegriffen und verwirrt. Es drohte wie eine Krankheit. Alles in ihm schien halb und zerrissen, verzagte Ge­bärde nur. Sie wußten alle, daß er für eine Zeit verreisen wolle, und doch lag es über seinen Absichten wie Hehlerei, den eigenen ungeklärten, quälenden Trieb zu verstecken. Er, der seit Jahren danach gerungen hatte, seinem Menschen Fassung und Form zu geben, war wie von einem Bann befallen, alles, auch seinen Namen, von sich zu werfen und wie ein abenteuernder Vagant ins Vage zu schweifen: als sei sein Leben erst zu gewinnen!

Für diesen Abend hatte die Lanthiery einen allgemeinen großen Ball im Sächsischen Saale vorbereitet, der zu Ehren der sächsischen Prinzessin Amalia Augusta, die unter" dem Namen einer Gräfin Barby angekommen war, besonders festlich gehalten werden sollte; und Goethe selbst hatte beigetragen.

Am Vormittag noch war Musjö Ditl bestellt worden, als aber der Gehetzte gegen die Nesperzeit tarn, um ihrer Exzellenz den Kops zu richten, traf er sie nicht auf dem Logis, und auch Madame Helena Heinin war ratlos, denn ihre Exzellenz war vor fünf Uhr ausgegangen und hatte keine Weisung hinterlassen; selbst der Herr Geheimschreiber Vogel wußte nichts. Der Friseur war in Verzweiflung, man erwartete ihn allerorts. Nach^iner aufgeregten Beratung kam man überein, daß Musjö Ditl nach dem Segenläuten für ihre ExzellenzIrn Gweidig" zu finden [ein werde Zu den drei Schmetterlingen", wo er feine Frisierstube hatte; es wären ohnehin zwei Herrschaften um diese Zeit dorthin bestellt.

Indes man in denDrei roten Rosen" um das Zustandekommen ihrer gepufften und gepuderten Frisur besorgt war, stieg die Weimarische Exzellenz raschen Schrittes und fliegenden Atems den Waldweg ober dem Andreaskirchlein zu den drei Kreuzen hinaus. Goethe wußte, daß er heute niemand auf der Höhe antreffen werde, und konnte ungestört eines Entschlusses Herr werden, den er zu Mittag noch nicht geahnt hatte.

Aus dem Ring war er von dem Kutscher einer Extra-Diligenz an- gerebet worden, der nach Eger zurück wollte. Er hatte kurzerhand mit ihm abgeschlossen und auf drei Uhr, also vor Morgengrauen noch, die Abfahrt bestellt. Nie hatte er bereut, wenn er einer raschen Eingebung ge­folgt war, und oft war ihm das klügste Besinnen mißraten. Ihm "war

mtt einem Male leicht und frei. Und der Ball? Die schone Gräfin Gerade recht, daß sie alle tanzten, während er packe, und daß sie, müde vom Vergnügen, schliefen, während er in einen heiteren Morgen führ,. Lämmerwölkchen standen am Himmel, auf die konnte er sich verlasse».

Eines aber wollte er grüßen, ehe noch die Nacht, die ihn entführe« sollte, einbrach: das Karlsbad, das ihn mit neuer Kxaft durchstromt batte, das seiner Liebe, seiner Freundschaft doch eine vertraute Abschiedsbuchi geboten hatte, aus der fein Segel neuen Küsten zustreben sollte.

Er saß unter den Kreuzen auf einem Granitblock und sah hinab, Stadtturm und Kirche und zwischen beiden der steigende Dampf der Quelle, von einem Dächergewinkel umgeben und daraus lösten sitz zu den Seiten des Flusses die reinlichen Häuserzeilen derWiese" und der Brauhausgasse, begleitet von dem Zuge der Kastanienkronen. Alles tief und heimlich geborgen in enger Talschlinge, waldumhegt, von de« jähen Kliffen des Hirschsteines bewacht. Und ganz im hintersten Grunde, dort wo der Fluß die scharfe Kurve bog, ihm entgegen und Abschluß des sriedsamen Bildes: der Sächsische Saal, in dem sie heute noch tanzen, charmieren und konversieren würden, gewiß auch seiner gedenken, der unverantwortlich lange verzog und endlich ausblieb. Dies Startsbab, bas nicht sein Blut nur erneute und seinen Puls verjüngte, das schon im Bor­ja I) re und auch dieser Wochen sein tiefverstricktes Herz gelöst hatte aus dem Bedrängnisse des Alltags und der Liebe, das Weimar ihm zu werde« drohte! Hier, jenseits der sorgenden Pflicht und kümmerlichen Gewoh. nung, hatte er einen anmutigen Teil der großen Welt getroffen und war. unbefangener als je, dessen bewußt geworden, daß man Ruhm dem höchsten Rang des Blutes gleichstellen könne. Er fühlte in einer be­glückenden Aufwallung, daß er hier freimütiger beschenkt worden sei als irgendwo in feinem Leben, denn nichts begehrte feinen Dank. Da lag das stille Städtchen, zum Geben nur geschaffen und ohne ungerechte« Anspruch. In wenigen Monaten werde es ganz still geworden fein, i« den Schnee seines Waldgebirges versteckt, des Abends aus wenige« Fenstern leuchtend, und werde geduldig warten, bis wieder die Straße« wegsain und die Menschen einer Erquickung bedürftig sein würden, werde auf Gäste warten, inzwischen aber fleißig hämmern, schleifen, hobel», drechseln, platenieren, gravieren, feilen und zinngießen und flicken und nähen.

Goethe stand auf, eine kurze grüßende Bewegung mit der Linken und er eilte zu Tal. Man läutete denSegen". Er wußte, daß die Karls­bader nun auf allen Gassen und Plätzen stehenblieben, so eilig sie es aud» hätten, und ihr Vater-Unser beteten, daß auch in den Werkstätten uni» Küchen alles einhielt und die Hände faltete. Es war ihm, der einen: andern Gott im Herzen trug, als beteten sie diesmal auch für ihn.

Er wollte rasch auf sein Zimmer, Madame Heinin aber lief ihm die halbe Treppe nach. Jhro Exzellenz werde von dem Dill-Friseur in beit Drei Schmetterlingen" erwartet, Jhro Exzellenz möge den gegenwärtig sehr tributierten Koifseur gnädigst paronnieren und sich in eigener Person, insGweidig" (begehen, wo man Jhro Exzellenz seit dein Segenläuten, erwarte.

Goethe stieg die letzten Stufen wieder herab und flüsterte der be­sorgten Hauswirtin zu:

,Kann Sie reinen Mund halten, Madam Heinin? Es ist nun alles anders bestimmt. Ich fahre mit Extra-Diligenz früh morgens um drei. Aber daß niemand davon wisse! Nojiere Sie mir, was ich Ihr etroan. noch außer Akkord schuldig geworden bin und auch Vögeln seine Schul­digkeit. Und ich will es gleich sagen: es mar gut fein in denDrei roten Rosen", und ich will's Ihr dankbar gedenken."

Helena Heinin hob ihren Finger an den Mund, bot ihre Dienste für die Reisevorbereitungen an und versicherte, es fei denDrei roten Rosen" eine Distinktion gewesen.

Goethe bestellte etlichen Proviant, und so hatte Madam Helena für diesen Abend genug zu tun, daß ihr die zungenläufige Zeit des Lichl- zündens nicht gefährlich werden konnte.

In später Nacht, als Mantelsack und Dachsranzen gepackt, die Ma­nuskripte für Göschen und anderes Schriftwerk eingesiegelt, etliche Briese karlsbader und roeimärer Bestimmung geschlossen waren, und er Vogel, beschwert von hundert genauen Aufträgen und Weisungen, zu Bett ge­schickt hatte, fügte Goethe dem Briefe an Charlotte noch einige Zeilen hinzu: x

Nachts eilse: endlich, endlich bin ich fertig und doch nicht fertig, denn eigentlich hätte ich noch acht Tage hier zu tun, aber ich will fort und sage Dir noch einmal Adieu! Lebe wohl. Du süßes Herz! Ich bin Dein."

Um drei Uhr stand das Gefährte vor dem Logis.

Das Tal lag in dickem Schlaf; zur Wagenlaterne gesellte sich nur die des Nachtwächters. Goethe wurde vom Stadtturme nicht ausgeblasen, still blieb es, und auch die Hausleute flüsterten ihren Abschied. Eine statt­liche Zehrung war ihm von Madam Heinin zu vielen artigen Segens­wünschen auf den Rücksitz gelegt worden. Und dann ging es am Hl- Nepomuk vorbei über die Brücke. Er [ah noch einmal durch das rechte Fenster des Wagenschlages zurück: in seinemSaal" erlosch gerade das Licht, nur Vogel hatte es noch hell im Kabinette, das einzige wache Fenster rings. Er bog hinter die Sprudelhäuser ein, kam zwischen Sprudel und Kirchberg durch auf die Kreuzgafse und endlich unter das Egertok. Das mußte geöffnet werden. Weiter, über die Papiermühle hinaus, über den Tepelsteg, auf die Sächsische Wiese. Und dann lag Karlsbad in den Armen seines Tales verborgen, er hätte nichts mehr sehen können, auch wenn es schon lichter Morgen gewesen märe.

Er lehnte, in eine zottige ungarische Decke gepackt, den Kops im auf­gestülpten Mantelkragen vergraben, versteckt unter der tiefgezogenen Hut- krämpe, in der Polsterung. Er lächelte leise, froh der gelungenen Flucht und des vereitelten Abschieds, sank leise, von dem wohlgefederten Wagen gewiegt, in Schlummer und fuhr in den Morgen.

Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. Druck und Verlag: Brüh^'fche Universitäts-Duch. und Steindruckerei, V. Lange, Gießen.