Leben als einen Dienst, drin sich Gutes und Schlimmes die Waage halt; aber des Guten ist doch mehr, weil sie keine Sorge hat um das tägliche Brot Und nun bitte ich Sie, wenn Sie sie Wiedersehen, so sehen Sie sich ihr Tun und Treiben auf meine Worte hin an, und Sie werden finben, daß ich nicht zuviel gesagt habe."

Und was fordert sie von Ihnen? , .

Fordert? Nichts. Sie liebt mich und ist seelensgut zu mir und freut sich" daß ich auf mich halte, und ermutigt mich darin. ,Es ist immer das Klügste fo, das sind ihre Worte. Würd es aber anders kommen, jo wäre es nicht viel, und sie würde nur sagen: .Ich weiß wohl, Stine, das Richtige läßt sich nicht immer tun/ Ja, sie sieht das, was sie das Richtige nennt, für etwas Wünschenswertes an, aber nicht als etwas Notwendiges; sie gönnt es mir, nichts weiter."

Allmählich, während dies Gespräch geführt wurde, wgr die Sonne drüben niedergegangen, und nur ein letztes verblassendes Abendrot schim- merte noch zwischen dem Gezweige der Parkbäume. Stine hatte langst den Stickrahmen beiseite gestellt, und der junge Graf, der ihr jetzt gegen­übersaß, sah in dem Fensterspiegel, wie die ganze Straße hinunter bte Gaslaternen aufflammten. Er war so benommen davon, daß er eine Weile schwieg und dem eigentümlichen Straßenbilde zusah.

Ich sehe", sagte Stine,der Spiegel tut es Ihnen auch an. Ich weiß das' schon; es ist immer dasselbe." .

Der junge Graf nickte. Dann nahm er Stines Hand mte zum Abschied und sagte, während er sich rasch erhob:Ich darf doch wiederkommen, Fräulein Stine?" ,, .,

Besser wäre es, Sie kämen nicht. Sie beunruhigen mich nur..

"Aber Sie verbieten es nicht, Sie sagen nicht nein?"

Ich sage nicht nein, weil ich es nicht sagen darf. Meine Schwester niiirb es unklug finden, und ich weiß, daß ich ihr Rücksichten schuldig bin.

So denn auf Wiedersehen, Fräulein Stine!"

Stine gab ihm das Geleit bis auf den kleinen Korridor; dann aber rasch in ihre Stube zurückkehrend, trat sie ans offene Fenster und sog die frische Luft ein, die vom Park herllberkam. Aber es blieb ihr bang ums Her), und sie hatte das bestimmte Gefühl, daß ihr nur Schweres und Schmerzliches aus dieser Bekanntschaft erwachsen werde.Warum hab ich nicht nein gesagt? Ich habe mich nun in seine Hand begeben ... Und doch, ich will nicht, will nicht. Ich hab es ihr auf dem Sterbebette schwören müssen. ,Stine', sagte sie, .halte dich! Es kommt nichts dabei heraus. Du bist nicht so hübsch wie deine Schwester Pauline, das ist mir ein Trost. Ach, das Hübschsein ... Ich war noch ein halbes Kmd damals; aber was ich ihr versprochen, ich will es halten."

*

Im selben Augenblick, wo der junge Graf, von Stine geleitet, aus dem Zimmer in den Korridor trat, trat auch die Polzin von ihrem Horcheplatz wieder an den Klapptisch zurück, wo sich nun zwischen den beiden Ehe­leuten sofort ein kurzes, aber intimes Zwiegespräch entspann.

Er ist eigentlich lange geblieben", sagte Polzin, während er sich wieder an den Webstuhl setzte.Wie war es denn?"

(Bar nichts war es. Und wird auch nichts."

I wo", sagte Polzin.Es wird schon werden. Alles muß doch Zeit und Weile haben. Aber du denkst immer..."

Ach was, denken; ich denke gar nich. Ich sage bloß, wenn was wer­den soll, wird es gleich. Un wenn es nich gleich wird, wird es gar nich... Ich kenne doch auch die Mannsleut."

Ja, ja", sagte Polzin und griente,die kennst du."

Höre, Polzin, komme mir nich so! Fange nich wieder alte Geschich­ten an!"

I wie werd ich denn... Ich meine ja bloß ...

Neuntes Kapitel.

Der junge Graf wiederholte seine Besuche. Während der ersten Woche kam er einen Tag um den andern, dann täglich; aber immer blieb er nur bis Spätnachmittag. Dann ging er wieder.

Einmal kam ausnahmsweise der Abend heran, und man öffnete, die Fenster und sah hinaus. Die Schwere der Luft machte, daß das straßen- treiben unten anders als sonst auf die Sinne wirkte, die Lichter brannten trüber, und das Geläute der Pferdebahnglocken klang gedämpfter herauf, lieber dem Parke drüben stand der Mond und warf seinen Schimmer auf einen frei zwischen den Bäumen stehenden Obelisken; die Nachtigallen schlugen, und die Linden blühten in aller Pracht.

Der junge Graf wies darauf hin und sagte:Das ist nun ein Park und heißt auch so. Aber ist es eigentlich nicht wie ein Kirchhof? Daß alles blüht, das hat der Kirchhof auch. Und der Obelisk sieht aus wie ein Grabstein."

Und ist auch so was."

Wie das? Ist da jemand begraben?"

Nein, begraben nicht. Aber ein Denkmal ist es, das zur Erinnerung an die mit der ,Limazone' Verunglückten errichtet wurde. Hundert oder mehr, und ich habe' manchmal ihre Namen gelesen. Cs ist rührend; lauter junge Leute."

Ja", sagte der junge Gras,ist entsinne mich, lauter junge Leute. Dann schwieg er wieder, und der Ton, in dem er gesprochen hatte, klang saft, wie wenn er sie mehr beneide als beklage.

Bald danach brach er auf, sichtlich bewegt von der Wendung, die das Gespräch genommen, und Stine sah, als er auf die Straße hinaustrat, daß er nicht, wie gewöhnlich, nach links hin auf die Bahnhofsbrücke zuschritt, sondern quer über den Damm, nach dem eingegitterten Park. Da stand er nun an dem Gitter und beugte sich vor, und es war, als ob er die Namen, die der Obelisk trug, in dem Hatbttchi zu lesen versuchte.

An diesem Tage hatte sein Besuch etwas länger gedauert; sonst blieb er nur bis Sonnenuntergang und hatte seine Freude daran, Stine bei der Arbeit zu sehen und dabei plaudern zu hören. Er nahm teil an allen Vorkommnissen; am liebsten aber war es ihm, wenn sie Geschichten aus ihrem Leben erzählte, von ihren Kinder- und Schultagen, von dem frühen Tod ihrer Mutter und von der Cinsegung, die kurz nachher gewesen,

und mfe die Leute im Hause gesammelt hätten, um ihr das Etnsegnungs. kleid schenken zu können. Und wie sie dann in demselben Jahre noch in das große Wall- und Stickereigeschäst eingetreten sei dasselbe, für bas sie setzt noch arbeite; meistens zu Haus, aber mitunter auch tm Geschäft selbst und wie sie da lebten und Freundschaften schlössen und in der Weihnachtswoche bis in die halbe Nacht beisammensäßen und der Reihe nach eine immer vorlesen müsse. Das sei nicht bloß gestattet, das sei ogar gewünscht; denn der Herr des Geschäfts sei klug und gütig und wisse, was es wert sei, die, die arbeiten müßten, bei Lust und Liebe zu hatten. Und so käm es auch, daß sie keinen Wechsel im Personal hatten oder doch nur selten und alle gern blieben, es sei denn, daß sie sich ver­heirateten. Ueberhaupt müsse sie sagen, es würde so viel von Aussaugen und Quälen und von Bedrückung gesprochen, aber nach ihrer eigenen Erfahrung könne sie dem durchaus nicht zustimmen. Im Gegenteil. Im Winter hatten sie Maskenball und Theaterstücke; denn ihr Geschäftsherr, wie sie nur wiederholen könne, vergesse nie, daß ein armer Mensch auch mal aus dem Alltag herauswolle. Das Schönste aber seien die Sanb= pariien im Sommer. Da würden ein paar Kremser gemietet, und noch vor Tau und Tage ging es ins Freie hinaus, nach Schildhorn und Grünewald oder nach leget und dem Finkenkrug. Oder auch zu Wasser, was freilich, solange sie da sei, nur einmal gewesen, aber ihr auch ganz unvergeßlich geblieben sei. Da wär ein Dampfschiff gemietet worden, und die ganze Spree hinauf, an Treptow und Stralow und dann an Schloß Köpenick und Grünau vorüber wären sie bis in die Einsamkeit gefahren, bis an eine Stelle, wo nur ein einziges Haus mit einem hohen Schilfdach dicht am Ufer gestanden habe. Da wären sie gelandet und hätten Reifen gespielt. Ihr aber sei das Herz so zum Zerspringen voll gewesen, daß sie nicht habe mitspielen können, wenigstens nicht gleich, weshalb sie sich unter eine neben dem Hause stehende Buche gesetzt und durch die herad- hängenden Zweige wohl eine Stunde lang auf den Fluß und eine drüben ganz in Ampfer und Ranunkeln stehende Wiese geblickt habe, mit einem schwarzen Waldstreifen dahinter. Und es sei so still und einsam gewesen, wie sie gar nicht gedacht, daß Gottes Erde sein könne. Nur ein Fisch sei mitunter aufgesprungen und ein Reiher über die Wasserfläche hingeflogen. Und als sie sich sattgesehen an der Einsamkeit, habe sie die andern wieder ausgesucht und mit ihnen gespielt; und sie höre noch das Lachen und sähe noch, wie die Reifen in der Sonne geblitzt hätten.

Der junge Graf hörte nichts lieber als dergleichen Erzählungen, und so glücklich ihn jedes Wort stimmte, so lehrreich war es ihm auch. Er war in der Vorstellung herangewachsen, daß die große Stadt ein Babel sei, darin die Volksvergnügungen, wenn nicht mit Sittenlosigkeit und Roheit, so doch mit Lärm und Gejohle ziemlich gleichbedeutend seien, und mußte nun aus Stines Munde hören, daß dies Babel eine Vorliebe für Lagern im Grünen, für Zeck und Anschlag habe. Dergleichen verfehlte denn auch nicht, seine Gedanken immer mehr einer ihm angeborenen, allen Standesvorurteilen abgewandten Richtung zuzuwenden, und wenn Stine mit solchen Schilderungen, ernsten und heitern, ihn in die Gemüt­lichkeit hineingeplaudert hatte, wurd er zuletzt selber mitteilsam und sogar gesprächig und erzählte von seinem eigenen Leben, von dem Predigt­amtskandidaten, bei dem er bis zum Ueberdruß Gesangbuchlieder und Bibelsprüche habe lernen müssen, weil es so das Bequemste für den Lehrer gewesen, von seinen Vorbereitungen zum Examen, durch das er nur (denn er habe nie was gelernt) wie durch ein Wunder hindurchgekommen sei, und endlich, nach seinem Eintritt ins Regiment, von seinen Avanta­geur- und Fähnrichstagen. Das wäre seine beste Zeit gewesen, seine einzig frohe, trotzdem es bei seinem frommen und eisenfresserischen Kommandeur ein für allemal feftgeftanben habe,ein Fähnrich ist ein Nichtsnutz". Und da mit einemmal hab es geheißenKrieg"; ein Jubel wäre losgebrochen, und drei Tage später hab er schon eingepfercht in einem Waggon gesessen, überglücklich auch seinerseits, aus dem Garnisons-Einerlei heraus zu sein. Ueberglücklich. Aber freilich nicht auf lange. Denn wieder drei Tage später, und er habe, aus dem Sattel geschossen, dagelegen, und als einen Halb­toten hätten sie ihn weggetragen. Und während seine Kameraden von Sieg zu Sieg gezogen seien, hält er sich in einem Nest an der Grenze hingequält und nicht gewußt, ob er leben ober sterben solle. Unb die Natur habe es auch nicht recht gewußt, ob er leben ober sterben solle. Unb die Natur hab es auch nicht recht gewußt unb habe sich nicht ent- scheiben wollen. Ader zuletzt habe sie sich entschieben, unb er sei genesen. Ober boch halb. Ob zu seinem Glück? Er wisse es nicht.Es ist doch das Schönste, wenn die Sonne niedergeht unb ausruhen will von ihrem Tagewerk."

Stine verstand ihn wohl unb bat ihn, als er das sagte, nicht so zu sprechen. Er müsse doppelt hoffen; denn wer vom Tode gerettet sei, der lebe lange. So sage das Sprichwort, und die Sprichwörter hätten immer recht.

Er lächelte bei diesen Worten und lenkte dann auch seinerseits wieder zu heiteren Dingen über. Und bald danach trennte man sich in Herzlich­keit und guter Laune.

Zehntes Kapitel.

Es war in der dritten Woche nach ihrer Bekanntschaft, ein Freitag­abend, unb der junge Graf hatte noch keine zehn Minuten bas Haus verlassen, als es oben an der Flurtür klopfte. Das war das Zeichen für die Polzin, die denn auch sofort erschien und sich mit der Pittelkow begrüßte.

War Besuch hier, liebe Polzin? Ich meine bei Stine?"

Kann ich wirklich nich sagen, liebe Frau Pittelkow. Sie missen, wir sehen un hören nichts."

Es schien, daß sich bie_ Polzin über dies ihr Lieblingsthema noch weiter verbreiten wollte; Stine jedoch, bie das draußen auf dem Flur geführte Gespräch gehört und bie Stimme der Schwester erkannt hatte, ließ es nicht dazu kommen.Ei, das ist hübsch, Pauline, daß du da bist." Unb hiermit wandte sie sich wieber in ihr Zimmer zurück, um, vorsichtig umhersuchend, von einem schon im vollen Abenbschatten stehenden Eck­schrank die Lampe herunterzunehmen. (Fortsetzung folgt.)

Verantwortlich: l)r. HansThyriot. Druck undB er lag: Br ühl'sche Aviv er sitäts-Buch» undSteindruckere i, N. Lange, Gießen.