Ausgabe 
29.2.1932
 
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Haremsfrauen, Eseltreiber, Opiumfelder und Ikone.

BUber von einer makedonischen Reife.

Von Hans Trübst.

In Prilep hätten sie mich beinahe verhaftet. Drei Mann hatten sie aufgeboten mit zwei richtigen Schießgewehren. Aber die Sache war nur Wb so schlimm. Denn da ich mich im allgemeinen von Hochstapelei sern- gehalten habe, konnte ich mein Abendbrot in Ruhe weiter verzehren und den Klängen der Musik lauschen, die gerade den ach so unvermeidlichen kleinen Gardeosfizier verabschiedete... Leider nicht endgültig; in Ochrid tauchte er schon wieder auf. So dringt die Zivilisation vor, man kann es nicht verheimlichen. Woraus der geneigte Leser gütigst entnehmen möge, daß eine Reise nach Makedonien keine Expedition in die Wildnis ist. Wir sind auch nicht aucgeplündert worden, und wenn sich wer vorstellt, daß dort die Komitadschis herumspazieren wie anderwärts Herr Meier und Herr Müller zum abendlichen Skat gehen, so irrt sich der. Man trifft Zwar hier etwas öfter Gendarmeriepatrouillen als zwischen Leipzig und Dresden, und es empfiehlt sich auch, den Paß griffbereit in der Tasche zu führen, aber dafür kann man auch erleben, daß man von der Wache in aller Freundschaft aufgefordert wird, die Nacht bei ihr Herberge zu nehmen. So geschehen zwischen Resan und Ochrid, wo uns der Beamte voller Stolz erzählte, daß er in Wien im dritten Bezirk in der Bosmaken- kasernc gedient habe; und es sei doch schön, daß jetzt so oft Deutsche hier herkämen. , . , _ ir,

Es ist nicht lange her, daß hier unten ziemlich viel Deuftche waren: wie man weiß, nicht gerade zu ihrem Vergnügen. Noch heute sindet man an den Straßen hier und dort eine umgestürzte Lafette, Brunnen sind mit Granathlllsen geschmückt, und die wackere kleine Feldbahn, die ebenso wie die Straßen von deutschen Truppen gebaut worden ist, ist heute noch in Betrieb. Es wird wenige Beispiele geben für das freundliche Gedenken, wie es hier der deutschen Besatzungsarmee bewahrt wird. Daß Volk und Behörden in gleicher Weise den gefallenen deutsche n-Soldaten alle Achtung erweisen, gereicht ihnen selbst zur Ehre.

Die Makedonier sind ein schöner und stolzer Menschenschlag. xUjre Wirtschaft und ihre Dörfer sind denkbar primitiv. Der Holzpslug ist gerade im Verschwinden begriffen, aber die Bauernwirtschaft, die sich bis in die Stadt hineinzieht, ist noch ganz auf Selbstversorgung eingestellt. Ueberall findet man noch Webstühle, und selbst beim Gehen haben die Frauen oft die Spindel in der Hand und drehen den Faden. Farbenfreudig und ornamentreich sind ihre Trachten. Die Männer tragen das weiße Hemd, das wie ein Kittel über die weihen Hosen herüberreicht. Bunt ist der Gürtel, bunt sind die groben Strümpfe. Bunt und prächtig sind vor allem auch die Trachten der Frauen und Mädchen; Hemd und Rock sind fein bestickt Mieder und Schürze leuchten in allen Farben. Sie tragen diese Trachten auf dem Feld bei der Arbeit, sie tragen sie am Sonntag beim Tanz, und es ist besonders reizvoll, die Unterschiede der Trachten von Dorf zu Dorf zu beobachten. Das ist noch wirkliche alte Volkskultur.

Alte Sitte und vorkapitalistische Tradition bestimmen auch den Cha­rakter der Städte. In Veles und in Ochrid, in Prilep und in Seb ar, immer wieder findet man straßauf, straßab die Handwerker in ihren offenen Werkstätten, und was sich bei uns nur noch in den Namen der Gossen erhalten hat, hier ist es noch Wirklichkeit: in dieser Gasse hocken die Kesselschmiede, in jener sitzen die Sattler zusammen, dort haben die Schuhmacher ihren Bazar und da die Töpfer. Die Bauern kommen im allgemeinen, nur an den Markttagen in die Stadt, um ihre Waren feu= zubieten Geflügel und Eier, Lämmer und Zicklein und die Fruchte des Feldes Dieeingeborene" städtische Bevölkerung ist zum großen Teil türkisch Das ist zwar an den Namen nicht immer zu erkennen; denn aus dem Herrn Parmak Finger auf deutsch ist eben ein Herr Parmako- vitsch geworden. Aber auch der Parmakovitsch wird nach seiner Gute grüßen, indem er die Hand an den Fez und dann aufs Herz legt. Und er spricht türkisch, wie man in Ankara spricht, er geht !" die Moschee, er hat seinen Harem... Es ist ein seltsam erregendes Bild, diese ver­schleierten Frauen, denen man auch schon in Stopfte begegnen rann. Jn schlvarzem Rock und schwarzem Umhang, das Gesicht vom schwarzen Schleier völlig bedeckt, eilen sie scheu Über die Straße. Und wenn einmal in menschenleerer Straße der Schleier gelüftet wurde, so fallt alsbalb her Vorhang wieder, wenn ein männliches Wesen auftaucht und verhüllt, was keineswegs immer besonders reizvoll ist. Hier hat kein reformiert und an allen türkischen Häusern sind die Fenster streng vergittert, bann kein Unberufener einen Blick in diese abgeschlossen« Welt tue. So wurde uns auch in Skoplje der Zutritt zum Minarett verweigert, weil ja die Gitter nur gegen die Sicht von der Straße heraus schützen.

Fünfhundert Jahre waren die Moslems die Herren des Landes^ Erst die Sehlacht von Kumanovo unweit Skoplje >m ersten Balkankrieg wendete das Schicksal, das auf dem Amselselbe 1389 °"tschieden wor^n war. Wieviel Blut ist in den immer wieder aufflackernden Ausstanden Er­gossen worden, in denen die Makedonier ihr Christentum verteidigten und gegen den unerträglichen Druck der türkischen Feudalherren as- bcgehrteii. Bis 1870, bis zur Errichtung der autonomen bulgarftchen Kirche mußte der Kampf auch noch gegen die volksfremde griechi ehe ®c 1 - lichkcit geführt werden. Wieviel Kampfe hat dieser Boden gesehen seit 168 v Christi Geburt die Römer das Land unterwarfen seit bte -türme der Völkerwanderung darüber hinbrausten, feit die Slawen sich hier im siebenten Jahrhundert festfetzten und noch Jahrhunderte lang jortwahrende Kriege mit Byzanz auszufechten hatten. Noch heutist m ^Pfte em Stück der alten römischen Wasserleitung erhalten, noch heute rann man am Kastell in Ochrid den sicheren Blick der Romer für b^ strategisch wichtigsten Punkte bewundern. In Stob., m der «afje o°n ®r(o bas an der Bahnstrecke nach Saloniki liegt, werden jetzt außerordentlich »'ter essante Ausgrabungen gemacht; ein vollständiges aus dem

vierten Jahrhundert ist bereits frei gelegt, eine sruhchristliche Kirckp und ausgedehnte byzantinische Hausanlagen wachsen la na am a us dem Loden heraus. Wundervoll sind die uralten Kirchen und Kloster dieses tanöc Abendland und Morgenland haben sich hier burchdrungen und einen neuen eigenartigen Stil erzeugt. Da ist das Kirchle.n Svet. Klement m

Ochrid, eine schlichte, einkuppelige Basilika, die der Heilige Klement, der Schüler der Slawenapostcl Cyrill und Method, selbst gegründet Hal. Der Ikonostas, die Bilderwand vor dem in einer Sakristei liegenden Altar, ist ein Schatz mittelalterlicher Kunst. Die Heiligenbilder Ikone sind zumeist mit Silber ausgelegt, und am Reliquienschrein hängen kostbare handgetriebene Silbergesäße. Hier wie in allen anderen Kirchen sind die Wände fast vollständig mit Fresken bedeckt. Sveti Sosia in Ochrid darf sich mit den berühmtesten Gotteshäusern in ganz Europa messen; 1043 erbaut ist sie die größte Kirche des ganzen Landes. Der Ikonostas in Kloster Sveti Jowan Bigorski, das auf dem Wege von Debar nach Gosti- var hoch oben am Felsen gebaut worden ist, muß als ein Meisterwerk der Holzschnitzkunst gerühmt werden. In Blumen- und Blätterornamenten hat der Künstler in außerordentlicher Anschaulichkeit Szenen aus dem SUten und Neuen Testament angebracht. Ein Meisterwerk des gleichen Ranges sindet sich in der berühmten unterirdischen Kirche Sveti Spas in Skoplje.

Schon und interessant zugleich sind auch die Moscheen die weiten Räume offenbaren ein großartiges Raumgefühl, das aus dem breit bahin- fließenden orientalischen Leben in voller Natürlichkeit erwachsen ist. Die Ruhe des Raumes, der durch eine Decke organisch abgeschlossen ist ober dessen Linien in einer Kuppel wie selbstverständlich zusammenlausen, wird durch den Mangel an Schmuck und durch die schonen alten Teppiche des Bodens nur um so stärker betont.

Abwchselungsreich wie seine Geschichte, vielfältig wie seine 23 ölt er und Stämme ist auch das Land Makedonien selbst. Ob man auf der Wardar- drücke in Skoplje steht und in der Ferne die schneeglänzenden Gipfel der Schar Planina sieht, ob man den hochgebirgsartigen Paß zwischen Grad- sko und Prilep erklimmt, ob man breite Tallandschaften mit ausgedehnten Mohn-, Getreide und Tabakfeldern durchfährt, ob die Straße sich wie zwischen Debar und Gostivar durch enge tzluhtäler windet immer ist es schön, immer fesselt der Blick in die Weite und über die Berge. Da die Straßen sich in recht gutem, zum Teil sogar in hervorragendem Zu­stand befinden, nimmt der Motorverkehr immer mehr zu; zwischen Graü- stoPrilepBitoljOchridDebar verkehren bereits regelmäßige Auto­busse. Ost genug begegnet man aber unterwegs noch den Esel- und Pferdekarawanen, die für die Gebirgspfade auch heute noch unentbehrlich sind. An den typischen hölzernen Packsätteln sind Lasten aller Art befestigt. Hoch mit Kisten und Kasten beloben trotten Tier und Treiber dahin, und auch in den Städten gehört der Tragesel zum Straßenbild. Mit baumeln­den Beinen hocken Türken und Albaner auf ihren Grauchen. Aber wah­rend der Türke höflich genug ist, Frau und Kind beim Zug über Land den Sattel zu überlassen ein romantisches Bild!, so muß die Albanerin zu Fuß laufen und er reitet. Das ist ja wohl im Kaufpreis der Frau mit eingefchlofsen...

Schone Landschaft gibt es auch anderswo; malerische Dörfer, orienta- lifche Städte, bemerkenswerte Architekturen wird man nicht allem in Makedonien suchen aber wo in Europa gibt es ein Land, in dem so wie hier auf engem Raum so viel Volker zusammen wohnen? Und gerade dieses Völkergemisch macht den eigentlichen Reiz Makedoniens aus. Noch haben wir nicht von den Kutzowallachen gesprochen jenen rund 40 000 Romanen, derenrumänische" Sprache in Wirklichkeit eher mit dem modernen Italienisch Aehnlichkeit hat; wir haben die türkischen Zigeuner nicht erwähnt, deren Frauen in phantastisch bunten Hosen und Jacken Herumlaufen; Zigeuner trifft man auf freiem Feld, wo sie eben nach Ziqeunerart kampieren; es gibt einige muselmanische Slawen, die Po- maken genannt werden. Die Albaner, die ganze Ortjchasten geschlossen besiedeln, sind so zahlreich, daß Kenner des Landes behaupten, binnen kurzem werde diemakedonische Frage" eine albanische Frage fein...

Sur türkischen Zeit war der NameMakedonien verpönt, wie er es heute auch ist; aus Rumelien Rum ili, das ist römisches Land ist Südserbien" geworden. Und es ist nicht zu leugnen, daß die Serben Mit allen Mitteln bemüht sind, in diesem Land der ungehobenen schätze, dessen strategische Bedeutung zudem unverkennbar ist, Ordnung und Sicherheit zu schassen. Sie haben Straßen und Bahnen gebaut, sie haben die großen^Volkokrankheiten wirksam bekämpft, sie errichten Schulen. Man hat uns versichert, daß heute in Makedonien niemand an Aufstand und Revolution denke. Unser kurzer Besuch hat uns nichts Gegenteiliges gezeigt- er reicht allerdings nicht aus, um diese Behauptung nun auch positiv zu bestätigen. Man sagte uns, daß den Makedoniern das Be­kenntnis zum Jugoslawentum nicht schwer fiele, wenn sie auch keine Serben" fein wollten...

Siine.

Roman von Theodor Fontane.

(Fortsetzung.)

Stine lächelte verlegen vor sich hin. Endlich ober sagte sie: ,,3a, tn diesem Tone spricht sie gern, das ist wahr; aber Nicht aus schlechter Sitte sondern aus Uebermut. Sie weiß, daß sie noch immer sehr hübsch ist und bat aus Eitelkeit und Gefallsucht, wovon ich sie nicht freisprechen kann eine sie beständig quälende Lust, die Männer in Verwunderung 3U setzen bloß um sie hinterher auszulachen. Ich kenne sie besser, weil ich ihr Leben kenne. Sie war kaum zwanzig, als Olga geboren wurde. Da hatte sie nun das Kind, eine gewöhnliche Verführungsgeschichte, wo­mit ich Sie verschonen will; und weil man ihren Anspruch mit einer hübschen Geldsumme zusriedenstellte, so war sie nun eine .gute Partie geworden und verheiratete sich auch bald danach. Und wie meist in solchen Fällen, mit einem kreuzbraven Mann. Aber ich muß auch sagen er kam zu ihr. Sie war eine ganz vorzügliche Frau, nicht das geringste könnt ihr nachgesagt werden, und als der Mann krank wurde, hat sie ihn mit allem, was sie hatte, treu bis zum Tode gepflegt. Freilich, als er dann in seinem Grabe lag, war auch der letzte Notgroschen hin, und ihr Herr Onkel, der in demselben Hause wohnte, nahm sich ihrer an. Und da kam es bann nun, Sie wissen, wie. Das geht jetzt ins dritte Jahr, und sie wünscht es sich nicht anders, trotzdem sie klagt und wettert, übrigens ohne sich viel dndei zu denken. Sie nimmt ihr gegenwärtig