das Kind, den Mann und den Greis gegenüber, und ähnlich wird die Sonne symbolisiert, «ine Vorstellung, die in dem Rätsel der Sphinxzum Ausdruck kommt, die da fragte, wer des Morgens auf vier, des Mittags auf zwei und des Abends auf drei Fußen gehe und von Oedipus die Antwort erhielt: der Mensch, denn er kriecht als Kind auf alle" Vieren, geht als Mann aufrecht und benutzt als Greis einen Stock. Drefe Teilung des Lebens in verschiedene Alter ist dann immer weiter sortge etzt worden. Die Römer unterscheiden in ihren Rechtsanschauungen fünf Stufen: Kindheit, Knabenalter, Jünglingszeit, Mannestum und ^«senatter. Dl- Kindheit wird dann noch weiter geteilt, fo daß wan rechnet. das Kmd bis zu sieben Jahren, den Knaben bis zu Ich den Junglmg bis zu 28, den Mann bis zu 49, den Alten bis zu 70 Jahren und den Greis. bis zu einem ungewissen Ende. Bei den Frauen fanden ähnliche Unter- scheidungen statt. Noch häusiger tritt ein siebenstusiger Ausbau der Lebensalter hervor. So vergleicht Shakespeare an einer berühmten stelle das Leben mit einem Schauspiel in sieben Akten, und der große Arzt Hippokrates kommt auch zu einer Siebenteilung der Jahre, wobei er die Siebenzahl zugrunde legt: bis 7 das kleine Kind, bis 14 das Kind, bis 21 den Heranwachsenden Menschen, bis 28 Junglmg und junge Frau, bis 49 Mann und Weib, bis 56 die Alternden und von da ab das Greyen- tum. Der neueren Zeit und zwar gerade uns Deutschen ist eme Einteilung geläufig, die die Antike noch nicht kannte, nämlich die Gliederung von 10 zu 10 Jahren, die zuerst in Lehrspruchen des 15. Jahrhunderts auftaucht. Auf einem alten Holzschnitt von 1482 liest man: „10 Jahr em Kmd 20 Jahr ein Jüngling, 30 Jahr ein Mann, 40 Jahr wohlgetan, ,)0 Jahr stillstehen, 60 Jahr abgehen, 70 Jahr behüte davor, 80 Jahr der Welt ein Tor, 90 Jahr der Kinder Spott, 100 Jahr, nu gnad Dir Gott! In zahlreichen Abwandlungen taucht dann dieser Spruch immer wieder auf und er wird in rührenden und ergreifenden Bildern illustriert. Plato hatte die Länge des Menschenlebens mit der Zahl 9 in Verbindung gebracht und daher auf 81 Jahre festgelegt, S o l o n di« Zah.en 10 und 7 bis zu 70 Jahren verbunden, und der gleichen Ausfassung begegnen wir in dem bekannten Psalmenspruch des Alten Testaments.
Die Rechtspflege, die ja an der Festsetzung bestimmter Jahreszahlen für bestimmte Alterklassen ein besonderes Interesse hatte, ging mehr von praktischen Erwägungen aus, als es die Anschauungen der Philosophen und des Volkes taten. Als Servius die Römer für Steuer und Kriegsdienst in Klassen teilte, zählte er die Knaben bis zu 17 Jahren, die lungen Männer bis zu 46 und darüber hinaus die alten. Aehnlich ist es auch i n alten Deutschland. Der Knabe wird hier bis zum 14. oder 15. Jahr gezahlt, bis zu der Zeit, wo ihm der Bart wächst; als Mann wird einer bis etwa zum 50. Jahre gerechnet, und dann wird er ein Greis Der Israelit wird nach dem mosaischen Gesetz mit 20 Jahren kriegspslichtig und tritt damit in das reife Alter. Mit 60 Jahren aber fing bei dem Volk Israel bereits die Entwertung des Menschen an, denn der Schätzungsbetrag eines Mannes über 60 Jahre wird geringer angegeben als der eines solchen von 25. Bei den Griechen trat der Knabe mit 16 Jahren in den Zustand der Ephebie, gleichsam den Vorhos der Männlichkeit. In Athen nimmt der Zwanzigjährige an der Volksversammlung teil, während m Sparta erst dem Dreißigjährigen dieses Recht zustand. Den Beruf des Richters, für den ein besonders gesetztes und verständiges Wesen verlangt wurde konnte der Grieche erst mit 40 Jahren ausüben. 60 Jahre bezeichnen bei den Griechen wie in Israel die letzte wichtige Lebensstufe, den Anfang des Greisen- wie des Weisenalters. Die Geronten der Spartaner die den höchsten Rat bildeten, mußten wenigstens 60 Jahre alt sein. In Achen erlosch die Kriegspslicht mit 60 Jahren, ja auf Keos hielt man den Sechzig- jähriqen nicht mehr des Lebens wert, und er starb durch Gift. Bei den alten Römern wird der Knabe mit 17 Jahren kriegspslichtig. Das 50. Jahr befreit ihn vom Kriegsdienst, und mit diesem Jahre begann für die Frau, mit dem 60. für den Mann die Zeit, die zu fruchtbarer Verehelichung nicht mehr taugte. Mit 60 Jahren begann auch für den Mann das Greisenalter, in späterer Zeit allerdings erst mit 70, und in diesem Alter fling er wichtiger politischer Rechte verlustig. .
In der altdeutschen Literatur wird der Begriff der Kindheit im engeren Sinne bis zum 7. Jahre angenommen. Die ersten Schulgesetze verlangten, daß der Unterricht mit 7 Jahren beginne. Mit diesem Zeitpunkt begann die eigentliche Knaben- und Mädchenperiode. Ein gewisser 'Abschnitt ist wieder mit 12 Jahren erreicht oder auch mit 14 Jahren, wo der Unterricht des Knaben zu endigen pflegte. Selbständigkeit, handlungs- sähiqkeit und Mündigkeit ward dem deutschen Jüngling in den meisten Rechten mit 15 Jahren zuteil; bei den Mädchen tritt die Mündigkeit vielfach schon mit 12 Jahren ein. Doch auch damit erlangte der junge Deutsche noch immer nicht das volle Mannesrecht. Dieses wird ihm erst mit dem 21. dem Mädchen mit dem 15. Jahre zuerkannt. Run ist das Leben des Deutschen auf seine zweite große Stufe gelangt: durch die Begabung mit Schild und Speer wird der Jüngling seinem Vater gleichgestellt, tritt als, selbständiger Mann neben ihn. Allmählich sreilich trat die Belehnung mit Waffen bereits früher ein. Allgemein aber herrscht auch weiter die Anschauung, daß mit 30 Jahren die jugendlich volle Manneskraft erreicht ist. Bei der Frau bringt das 40. Jahr das Ende ihrer reifen Blüte; sie tritt nun bereits in den Herbst des Lebens. Der Mann aber erreicht mit 40 Jahren seine höchste Geisteskraft. So lehrten die Mystiker, kein Mensch könne vor dem 40. Jahr zur wahren inneren Gelassenheit und zur Vereinigung mit Gott kommen. Schon bei den Griechen wurde erst den Vierzigjährigen der richtige Verstand zuerkannt, und in den deutschen Sprichwörtern heißt es, wer mit 40 nicht weise (ei, bei dem (ei alle Hoffnung verloren. In dem Wort vom „Schwabenalter" ist uns diese Anschauung erhalten. Die Tiroler glaubten, daß sie erst mit 50 Jahren klug würden, wollten aber die Schwaben allmählich einholen. Mit dem 50. Jahre beginnt nach dem Volksglauben der Abstieg des Menschenlebens, und mit 60 Jahren ist das Ende erreicht. Jedes Längerleben ist ein unverdientes Geschenk Gottes, lieber das Greisentum, das n a ch 60 beginnt, herrscht allgemein Klage und Jammer; nur selten erscheint in der älteren Zeit eine freundlichere Auffassung des Alters, wie etwa bei Hans S a chs, der sich zu einem mannhaften Lob des Greisentums ausschwingt.
Die Lebensalter.
Was Völker und Volk davon denken.
Von Dr. Kurt Haack.
„Vita somnium breve“ (Das Leben ist ein kurzer Traum) heißt ein ' berühmtes Bild von Böcklin, auf dem die Lebensalter dargestellt sind.
Vorn sehen wir kleine Kinder am Bach mit Blumen spielen; in der Mitte steht das reife Weib, reitet der Mann gewappnet in den Krieg; hinten aber auf hohem Stein sitzt der Greis, über dem der Tod mit einem Prügel zum letzten Schlage ausholt. Der Künstler hat hier das menschliche Dasein in der Stufenfolge der Lebensalter gemalt, und andere moderne Meister, wie Thoma und Welti, haben das gleiche Thema ergreifend behandelt. Aber auch schon in früheren Jahrhunderten treffen wir in Gemälden, wie solchen von Lotto und Tizian, sowie in alten Holzschnitten auf die Abschilderung der Lebensalter, und es sind nicht nur drei, sondern viel mehr, bis zu zehn Stadien, die hier nebeneinander ausmarschieren. Und ebenso gern wie die bildende Kunst verweilt die Dichtung bei diesen Fragen; ja, sie berührt sich hier mit ihr, und die Vorstellungen des Jungbrunnens oder der Altweibermühle, durch die gebrechliches Greisentum in blühende Jugend verwandelt wird, tauchen zugleich im Bilde und im Gedicht auf. Die gleichen Gedanken von Jugend und Alter, von Welken und Verjüngung bewegen auch heute noch die Gemüter, ja heute vielleicht mehr als sonst. Hat doch der Weltkrieg den Bevölkerungsaufbau ganz aus dem Gleichgewicht gebracht und uns die Gesetze des Werdens und Vergehens besonders deutlich vor Augen geführt. Ideen von Verjüngung und Lebensverlänqerung, wie sie auftauchten, fielen daher auf einen besonders günstigen Boden, und der Schatz an Erfahrungen und Betrachtungen, den in der Vergangenheit die verschiedenen Völker und das Volk über dieses Thema aufgespeichert haben, hat auch heute noch seinen Wert.
Der Mensch, der [ein Dasein so gern im Einklang mit der übrigen Natur sieht, hat Jugend und Alter zuerst unter dem Sinnbild des Morgens und Abends oder des Wechsels der verschiedenen Jahreszeiten betrachtet. Die Morgenröte der Jugend, die Abenddämmerung des Alters sind ebenso geläufige Bilder wie Frühling und Sommer des Lebens, Herbst und Winter des Daseins. Solche Vergleiche führten zu einer Zweiteilung unserer Lebenszeit in eine Periode aussteigender und in eine absteigender Kräfte; die Jahreszeiten legten eine Vierteilung nahe in Kindheit, Jugend. Mannheit und Alter, wie dies bereits in der altdeutschen Dichtung, bei Horaz und anderwärts geschieht, wie es Goethe in einem Reimspruch formuliert:
„Als Knabe verschlossen und trutzig. Als Jüngling anmahlich und stutzig, Als Mann zu Taten willig,
Als Greis leichtsinnig und grillig:
Auf deinem Grabstein wird man lesen:
Das ist sürwahr ein Mensch gewesen."
Für eine Dreiteilung des Lebens bot die Natur ein Sinnbild in den Erscheinungen des Mondes und der Sonne. Ein deutsches Gedicht des 12. Jahrhunderts stellt dem wachsenden, vollen und abnehmenden Mond
nein sie las nicht ... die braunen Augen schauten groß geöffnet ins Dunkel,' das feingefältete Spitzentuch über der Brust wogte auf und '"^Mamsell Siepermann!" rief er leise zwischen die raschelnden Blätter ^Jn jähem Entsetzen fuhr die straffe Gestalt empor... „Ich bin t der ^^Wat ... wollen Sie von mich? bei nachtschlafender Zeit?! wollen Se machen, bat Se nach Haus kommen?!
Es ging ein wildes Brausen durch Jakobs ganzes Wesen.
Sieg oder Tod! , _, ~
„Ich wollt' Ihnen fragen, Mamsell Siepermann, ob Sie meine Frau wollen werden!"
Mamsell Siepermann wollte wüten ... ober plötzlich mußte jie [adjen. schüttelnd, prustend lachen. „Ich glaub, Se sind doll — Herr Kirchberg knatschrappeldoll sind Se!"
„Dars ich ... darf ich bei Sie in den Garten kommen — Mamsell Siepermann?"
„Dat riskieren Se mal —!!"
„Js gut — wenn Sie ’t selber sagen —I"
Und ritz, ratz, war der Jakob am Lattenzaun in die Höhe geturnt und schon stand er hell im Kerzenlicht.
„Mamsell Siepermann — wie heißen Se eigentlich mit dem Vornamen?!"
Ihre zur Abwehr gestrafften Fäuste sanken hernieder am knisternden Sonntagskleid. „Hm ... Lina ... heiß ich ... Karoline Siepermann.
„Lina!" jauchzte der Jakob. „Wat en wunderwunderfchönen Namen!
' Lina ... willst du mich haben — Lina —?"
In der dunklen Maiennacht kommen übern Zaun und fragen — ohne lange Fifematenten ... wer das fertig bringt — bat muß cn rechten . tüchtigen bergischen Jung fein, ... fo fuhr es halb unbewußt durch Linas Herz unb Hirn ... Ader'schon war ihr der Mund geschlossen, ... und eine große Puderwolke stiebte, als bas geputzte Köpfchen an Jakobs breite Schulter sank.
Nun müßte ich erzählen vom grimmigen Vaterzorn hüben und drüben ... von Tränen und Wanderschaft und harrender Sehnsucht... Wozu? Ihr wißt, wenn ein bergischer Jung und ein bergisches Mädchen so recht einander von Herzen wollen, die kriegen sich ... und wenn die Welt voll Väter wär.


