GietzenerZamilienbliitter
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgangs Montag, den 29. Februar Nummer IT
Abendständchen.
Bon Clemens Brentano.
Hör, es klagt die Flöte wieder. Und die kühlen Brunnen rauschen; Golden wehn die Töne nieder, Stille, stille, laß uns lauschen!
Holdes Bitten, mild Verlangen, Wie es süh zum Herzen spricht! Durch die Nacht, die mich umfangen, Blickt zu mir der Töne Licht.
Lakob Kirbergs Verlobung.
Geschichte aus dem alten Elberfeld.
Von Walter B l o e m.
Der alte Johann Gottlieb Kirberg saß in seinen, Kontor, einem niedrigen, halbdunklen Raume des stattlichen Hauses am Letzten Heller, draußen, wett außerhalb der Stadt, inmitten seiner Garnbleichen. &r qualmte stark aus einer langen holländischen Tonpfeife, denn er war sehr wütend. Nicht auf seinen Sohn Jakob, der kerzengerade vor ihm stand.
„Also, Jakob, jetzt gehst du auf der Stell hin nach em Kolk zum Meister Siepermann un sags em, dat ging so nit weiter mit seine Lieferungen. Un wenn dat noch einmal vorkäm, un er lieferten so n mangelhaft Leinen ab, dann wären wir zwei geschiedene Leut«, un ich ließ bei en andern Meister arbeiten — haft de mich verstanden, Jung l
Der Jakob strich sich bedächtig die braunen Wangen, die er glatt rasiert trug, wie der Vater'auch. „Ja, Vatter — verstanden hab ich Ihnen ganz gut — aber meinen Se nit, dat es viel mehr ausmachen tat, wenn Sie selbst hin gingen täten, dat dem Meister Siepermann sagen?
„Nä, Jung, da wird nix mit", sagte Johann Gottlieb qualmend. „Dat wär gottverdeck zu viel Ehr, wenn ich as en Magistratsherr und Obmann der Garnnahrung wollt zu en simpeln Leineweber hingehen — et is ,a richtig, seitdem daß die Leinewebers ihr Zunftprivileg gekriegt haben — wie lang is et denn eigentlich? Wart enß — 1738 war dat Unglucks- jahr — also grab zehn Jahr is et nu Herl — ja, seitdem is en hart Auskommen mit den Leinewebers, un se bilden sich >a wohl bald ein, sie stellten etselbe vor wie wir, die Bleicher un Kaufleute — na, um o weniger muß man ihnen Oel aus ihr Hoffahrtslampken schütten u wenn ich dich, meinen Nettesten, hinschick, dann rs et grad noch Ehr meh als zuviel — einfach vor den Amtsrichter laden sollt manjo n Kerl — der Siepermann is gewiß de tüchtigste Meister m de Stadt, un de kann ganz gut richtig gewebt Leinen liefern, he will bloß nit bloß dat t ) mich ärger^weil ich vor zehn Jahr in Düsseldorf so h a r tge g e nda sL e, ne- weberprivileg geredet un geschrieben hab — seitdem haben fe mich all auf dem Strich, die verfluchte Leinewebermeisters!
Das war eine der längeren Reden des ehrenfesten Herrn Johann Gottlieb Kirberg, und als sie zu Ende war, wußte der ,unge Jakob, datz es nun nichts mehr für ihn zu sagen gab.
Also Jakob Kirberg ging auf sein Zimmer, puderte lewe Staa sperucke , noch einmal frisch ein, stülpte sie auf seinen vierkantigen bergstchen Schädel, zog den neuen blauen Leibrock mit ben goldenen Tressen an unb stelzte burch ben köstlichen Maiabend der fernen Stadt entgegen. Es war die siebente Stunde am Samstag, darum quollen durch d'e tauM Kuhle von, dickbauchigen Turme der reformierten Kirche die Abendglockenklange, bald antwortete in feierlicher Eintracht das lutherische Getaut.
Das Haus des alten Siepermann lag nahe am Kolk dem breiten Wassergraben vor der lutherischen Kirche, den der Magistrat vor em paar Jahrzehnten als Wäscherei für die Bürgerssrauen eingerichtet hatte.
war nÄ schwatzendes schnatterndes Leben. Siämmige Ma ammen und ihre mundfertigen Töchter aus dem Stande der Handwerker und Gesellen wuschen mit den derben Dlenstrnagden der Meistbeerbten um die Wette. All die hundert Köpfe der Wäscherinnen aber fuhren: herum, als der schmucke junge Kausmannssohn am Kolk vorüber chritt, und Fahlings verstummte das Geschwätz, um dann nur heftiger, eifriger, g P,
ta« .In breite B.rl.ngrunWM, fo sauber bestellt, als sei jedes Kohlpflänzchen, jede Bohnenstange mit dem Lineal ausgerichtet. Und als Jakob Kirberg eben in tue lut f embieflen wollte, da kam vorn Kolk her mit raschen, doch gelassenen Schritten ,emand heran, bei dessen Anblick der Jakob unwillkürlich den Schritt anhielt, ein
Mädchen, gekleidet wie die jungen Töchter der kleinen Leute alle in her Stadt, aber doch — anders als sie. — Wuchs und Haltung aufrecht und stramm wie ein Grenadier des verflossenen Preußenkönigs.
„Dunnerkiel!" — sagte der Jakob und starrte dem Mädchen nach. Röcke hatte sie noch vom Waschen her aufgeschürzt — na, allerhand Achtung! — sie konnte sich schon sehen lassen.
Als er aber den eisernen Klopfer hob unb schallend auf die Tür nieder» fallen ließ, 'welche die Stattliche nicht zu sachte ins Schloß hakt« knalle« lassen, da klopfte fein Herz noch viel schallender.
Die obere Türlade öffnete sich — und die Stattliche schaute hinaus. Jakob sah zunächst nichts anderes als ein paar Augen — groß wie die Wasserräder der Eisenhämmer in Gelpetal, braun und funkensprühend wie Sonnen.
„Wat wollen Se?"
„Ich möcht' den Meister Siepermann sprechen."
„Der Meister Siepermann liegt krank. Soll ich ihm wat ausrichten?"'
Jakob hatte das Gefühl, als müsse er sich ein wenig in Respekt setzen. War bas! auch eine Art, ihn draußen auf der Treppe stehen zu (affe* und nur fo durch die Tür mit ihm zu verhandeln?
„Ich bin der Sohn von Herrn Johann Gottlieb Kirberg am Letzte* Heller, un hab vom Vatter en Auftrag an den Meister."
„Is gut — sagen Se't — ich will et bestellen."
„Ne, Mamsell, bat soll doch wohl nit gut gehen. Dat soll ich doch woyl besser mit em Meister selbst abmachen."
„Dann kommen Se wieder, wenn der Vatter wieder besser is. Acht Tag' kann et dauern, sagt de Doktor."
Klatsch — flog die Türlade zu — und Jakob Kirberg stand draußen so verbiestert, als hätte man ihn unsanft vor die Tür hinausgeworfen, nicht ihn einfach stehen lassen. Und dabei fühlte er sich wohlig-dumpf beklommen, wie einst als Bub norm ersten Schulgang.
Nun aber hob er abermals den metallenen Klopfer und bummste ganz energisch. Da wurde der Laden heftig aufgeriffen, und in hellem Rot entbrannt schaute das runde, braune Gesicht heraus:
„Wat? Sind Se noch immer da? Wat gibt et nu denn noch?
„Mamsell", sagte der Jakob Kirberg energisch, „der Herr Johan* Gottlieb Kirberg läßt dem Meister Siepermann zu wissen tun, bat bat nit weiter ging mit bie schlechte Leinenlieferung, un dat —"
„Wat is?!" keifte der dreiste, frische Mund, „schlechte Lieferungen _ ?! _ En schönen Gruß vom Herrn Meister Siepermann an den Johann Gottlieb Kirberg, un wenn hä wat wollten von wegen schlechte Lieferungen, dann sollten hä sich an die Zunft wenden —!"
Klatsch! flog bie Türlabe wieberum dem Jakob Kirberg vor bie Nase.
Da schritt der Jakob in tiefem Sinnen heimwärts. Er dachte an die straffe Gestalt, die sich vor ihm aufgereckt, an die sprühenden Augen unb glühenden Braunbacken — und daß sie eine Webermeisterstochter sei unb er ein Kaufmannssohn, — daß also Abgründe zwischen ihm und der Mamsell lägen. — Dem Bater berichtete er nur, der Meister sei krank unb er habe ihm den Bescheid sagen lassen.
Und am andern, am Sonntagmorgen tat der Jakob etwas Ungeheuerliches: er ging in di« lutherische Arche am Kolk — er, der Sohn des Kirchenmeisters der Reformierten — er wartete schon eine Viertelstunde norm ersten Orgeltakt am Tor, und als drüben überm heute friedlich daliegenden Spiegel des Wafchteichs aus dem frischen Grün der Bohnen» [tutete norm Siepermannschen Hause eine stramme Mädchengestakt sich löste. _ ,, ....
Dunnerkiel! wat war sie heut aber staats! Das gestern arbeitswirre Braunhaar heut zu modischen Toupet emporgetürmt und elegant gepudert — ein schweres, starres ripsseidenes Gewand raschelnd um die aufrechte Gestalt, gestreifte Seidenstrümpfe — ganz wie ein Fräulein, eine Herrentochter — unb die Augen, die kecken, sittsam gesenkt, nur dann unb wann mit raschem Seitwärtsblick bie Orgelpfeifenreihe der sieben jüngeren Siepermännlein und -weibkein regierend.
Doch nun, an der Kirchentür — da hoben sich zufällig bie braunen Gucker, und sahen den tieferglühenden Herrensohn, der hastig unb zere- moniös ben Dreispitz von ben Puberlocken riß — unb sieh, ba würbe sie gleichfalls rot, unb bie dreisten Augen senkten sich auf bas Gesangbuch.
Unb nur ein frommes Beten war auf seinen zuckenden Sippen: „Lieber Vater im Himmel, diese — diese — gib in Gnaden, daß diese Manisell Siepermann, von der ich nicht einmal den Vornamen weiß, einmal Madam Jakob Arberg wird!"
Und abends beging er die zweite Ungeheuerlichkeit: er ging auf die Hurdt" wo in einem dürftigen, scheunenähnlichen Sälchen die Handwerkstöchter zu tanzen pflegten ... und als er bis halb neun gewartet hatte, ging er abermals zum Kolk...
Aus einer Pfeifenblattlaube dicht am Zaune schimmerte Kerzen schein und siehe: da saß die Mamlell seines Herzens und las ... in der Bibel


