Gießener Hamilienblätter
Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger________
j ihrgang |952 Freitag, den 29. Januar Nummer 8
Winterabend.
Von Rudolf Lambert.
Abends bleib ich öfter jetzt zu Haus.
Und ich kann auch wieder Storm-Novellen lesen.
Und mit Kognak treib ich eine Grippe aus.
Letztes Jahr war es sehr schlimm gewesen.
Manchmal ist ein Freund am Telephon, Doch ich sage: „Nein, ich kann nicht kommen." — Meine Schreibtischlampe brennt wie roter Mohn, Und ich habe alte Briefe vorgenommen.
Lange lag es hier im tiefsten Fach.
Was von deinen Schwüren alles blieb:
Eine Locke, hier dein Bild und ach, All die Blätter mit dem Maienglöckchenduft, Darauf deine Sehnsucht wirre Worte schrieb.
Und ich träume. Eine Uhr schlägt dann und wann. Goldgebundne Bücher dort auf dem Regale Sehn mich sinnend an.
Stunden rinnen so. Ich male
Andächtig auf Briefe deinen Namen.
Den ich nie vergessen kann.
auf dessen Rand sie Platz nahm
Sie zögerte, blickte mich zaghaft mit und schien mich zu durchschauen.
„Ach nein", sagte sie leise, „ich kann
ihren sanften Gazellenaugen an
auch oben warten."
den Ton respektvoller Galanterie in den Salon zu locken, wo der etwas stärkte.
phisches Dasein führte.
Da begab sich ein holdes Wunder: mein inbrünstiges Verlangen zog sie magisch herbei. Die Flurglocke schlug an; niemand anderes begehrte Einlatz als Frau Jngeborg.
Mutter hatte sie für diese Stunde zum Klavierspielen gebeten munte diese Verabredung aber vergessen haben; denn sie war ins ^.Heater gegangen und hatte unser Mädchen für den Abend beurlaubt.
Fast hätte ich der herzlich willkommenen Besucherin dielen Bescheid gegeben, besann mich aber eines Besseren, vielmehr eines Schlimmeren, indem ich schwindelte, Blutter werde nicht lange au sich watten lassen. Unverhohlen beseligt bat ich sie einzutreten und einstweilen mit meiner Gesellschaft vorlieb zu nehmen.
Kleine Abendmusik.
Von Kurt Martens.
Sie, die ich mit Stolz meinen Schützling nennen darf, ist nun eine gefeierte Pianistin. Wenige wissen, daß sie aus den Quartieren des Elends stammt und vor dreißig Jahren als armes Gassenmadel mit Blumen, ine {ie auf den Wiesen der Vorstadt pflückte, treppauf, treppab hausieren ging.
Ihr Talent freilich habe ich nicht entdeckt. Mein einziges Verdienst bestand darin, daß ich sie damals, als sie mir schüchtern ihr Anemonen- Sträußchen anbot, nicht von der Schwelle wies. Man soll doch vor einem armen Kind, selbst wenn es zu betteln scheint, niemals die Tur zulchlagen. Wer weih, ob man es damit nicht in seinen heiligsten Rechten krault.
3u jener Zeit wohnte ich als Student noch im Hause meiner Mutter und war sterblich verliebt in die reizende Frau Jngeborg aus dem zwecken Stock. Deren Gatte, ein dicklicher Stadtrat von durchaus praktischer Lebensrichtung, schien mir solch ein Juwel nicht zu .verdienen.^>e war kinderlos und viel allein und hatte den Vorschlag meiner Mutter, mit ihr zuweilen vierhändig zu spielen, freudig angenommen.
An einem milden Abend saß ich über meinen Büchern und Kollegheften, aber meine Gedanken schweiften ab m die Bezirke einer vagen Sehnsucht, hinaus nach dem zweiten Stock, wo die Königin meines Herzens mir unerreichbar — denn ich konnte es nicht über mich gewinnen, bei dem nüchternen Stadtrat Besuch zu machen ihr- abseitige., le i -
Mit feuriger Ueberredung, die sich in kleidete, gelang es mir endlich doch, sie Flügel sie anheimelte und ihr Zutrauen
Ich rückte ihr einen Fauteuil zurecht, «u, n'
wie ein verschüchtertes Vögelchen auf der Kafigstange. Wie >ung sw noch war! Wie unverheiratet sie sich ausnahm in ihrer madchenha! e
„Gewiß habe ich Sie in Ihrer Arbeit gestört", sagte sie.
„Das haben Sie wirklich", lachte ich. „Wie Sie es gleich erratend „Dann sollten Sie sich aber durch mich nicht abhalten lassen." „Meinen Sie, gnädige Frau, ich könnte Gesetzbücher studieren, wen« ich Sie nebenan weiß?" .
„Warum nicht? Ich werde mich ganz still verhalten ... kann vielleicht unterdes in den Noten blättern. Ist es auch wahr, daß Sie Ihre Mutter noch erwarten?" , _
„Wahr und wahrhaftig! Sie ist ja nur auf einen Sprung ... hinüber ... ins Theater gegangen."
Nun mußte ich fürchten, daß sie selbst ausspringen und entrüstet das Weite suchen werde. Allein sie machte nur eine Bewegung erschrockener Abwehr und streifte mich mit vorwurfsvollem Blick:
„Ins Theater? Das kann ja noch Stunden dauern! Warum haben Sie das nicht gleich gesagt?" .... „
„Weil schon die Höflichkeit gebot, Sie hereinzusuhren. Und vor allem deshalb, weil Ihre Gesellschaft mir lieber ist als meine Arbeit."
Darauf gab sie keine Antwort. Errötend wandte sie das Gesicht zur Seite, ihre schmalen Finger zupften nervös an dem Saum der Tischdecke. Eine lange, traumverlorene Stille trat ein, die mir für nichtssagendes Geplauder zu schade war. .....
„Jngeborg", dachte ich, „du bleibst! Ich habe dich für mich allein; ich darf selig sein in deiner Betrachtung."
Aus der Betrachtung aber stieg das Verlangen auf, die unruhige, kleine Hand mit der meinen zu umschließen, damit sie sich besänftige. Da blinkte der glatte goldene Reif mich an und hemmte meinen kecken
^5ie mochte erraten, was in mir vorging. Die Hand fiel in den Schoß zurück und übte dort mit gekrümmten Fingern unhörbare Triller.
„Schön ist es, Frau Jngeborg, Sie anzusehen", sagte ich. „Nur muß ich fürchten, daß Sie das langweilt. Wenn Sie sich an den Flügel setzen wollten, wäre uns beiden geholfen." .
Sie erhob sich, sichtlich erleichtert: „Ja, deshalb kam ich ja eigentlich her."
Und alle Befangenheit siel plötzlich von ihr ab. Gelöst, belebt von einem Element, in dem sie heimisch war, begann sie zu spielen.
Auf einmal setzte auch ihre Stimme leise ein, formte Worte, schwoll an zu einem Lied. Jngeborg sang:
„Und so hebst du meiner Seele Schleier mit verwegner Hand, Daß sie nichts mehr dir verhehle, Die erbebend vor dir stand.
Nun entkleidet ihrer Flickern, Nun so scheu in sich geschmiegt, Ueberriefelt sie ein Zickern, Zwischen Glück und vcham gewiegt."
Entzückt lauschte ich auf das kleine, liebe Lied, das mir ein bedeutungsvolles Bekenntnis abzulegen schien. , r , .
Nach der zweiten Strophe brach sie ab und ließ die Hande auf den Tasten ruhen. Kein Zweifel, daß sie sich unterbrochen hatte. Text und Melodie blieben in der Schwebe.
„Wie ich Ihnen danke, Frau Jngeborg, daß Sie das mich Horen ließen! Aber warum verschweigen Sie mir den dritten Vers — die
Sie schüttelte den gesenkten Kopf, daß ihr die Locken über die Stirn fielen: „Ich weiß ihn nicht."
„Dann müssen wir uns auf ihn besinnen.
Als ob sie gegen solch bedrohliche Zumutung sich wehren wollte, schlug sie sofort neue Akkorde an und glitt in eine mir unbekannte Sonate hinüber, die mir mit einem beschwingten, fluchtartigen Presto das Wort ^Der^meite Satz war ein Allegro voll leidenschaftlichen, qualvoll gehemmten Verlangens. Geneigt, es gleich dem Liede auf mim felb t w belieben ließ ich mich dadurch zu einem räuberischen Entschluß entflammen: sobald dieser Satz verklungen wäre, würde ich mit meinen Livven ihren Nacken berühren. Das mußte die ersehnte Losung, die Entscheidung bringen. Was würde daraufhin geschehen? eie wurde aufspringen ...ich würde sie in die Arme schließen.
Während ich mir noch den Ausdruck ihres Erschreckens ihres rasch bezwungenen Widerstandes vorstellte, riß mich ein fast unhörbarer Schritt hinter mir aus meinem schlimmen Rausch.
° Ich wandte mich um. Ein fremdes Bettelkind stand auf der Schwelle und starrte mit großen entgeisterten Augen auf den Rucken der spielenden. Als ich ihr entgegentrat, hob sie flehend ein Brtzchel Blumen zu m'r®arum packte ich sie nicht, ergrimmt über die Störung, und stieß sie wieder hinaus? Warum-nahm ich ihr kümmerliches straußchen wie eine


