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Unordnung, wie ein

verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. - Druck und Derlag: Drühl'sche Universitäts-Buch. und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.

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Sein Aerger hatte einen ganz vernünftigen Grund: denn Heinrich kam Herrn Gruner, dem anderen Substituten, bald darauf, daß er von seinen Rechenkünsten einen sehr schlechten Gebrauch machte. Gruner war früher Kaufmann in Stettin gewesen, hatte sich in das Amt einge­schlichen, um mit früheren Handelsgenossen besondere Geschäfte zu machen.

Heinrich hatte schon immer geahnt, daß es mit Gruner nicht recht stünde. Doch als der ihm einen Danziger Kaufmann zuschob, der Häute liefern wollte, stellte Heinrich bei der Besichtigung fest, daß die Häute übel stanken. Durch einen Gerbermeister ließ er sich's bestätigen, daß die Ware faul wäre. Nun meinte der Danziger, für die Vermittlung würde er gern hundert Taler für einen frommen Zweck opfern: den frommen Zweck zu finden, wolle er dem Herrn Sekretarius überlassen.

Es mar Heinrich höchst widerlich, doch als er ein paar weitere solcher Fälle gesunden, hielt er Arnim und Stülpnagel Vortrag. Beide verständigten Puttkamer und gingen dann kavaliermäßig vor, wie sich's Heinrich nie gedacht: Sie nahmen Reitpeitschen, gingen ins Büro, ver-

Ach", erwiderte Stülpnagel,vielleicht kann der neue Sekretär mit Arnim zusammen ausbrütenl"

Arnim brummte: er wäre selber auch gern nach Drebkow geritten, nahm Heinrich mit sich in sein Zimmer. Hier wurde es nun klar, Arnim viele Skripturen liegengelassen hatte, das Schreiben machte

möchte ich um Jnstruktiones ersuchen, da ich einen Brief nicht emp­fangen habe."

Der Brief ist untersiegelt und hinausgesandtl"

Bitte abermals um Pardonierung! Ich war in Familienangelegen­heiten in Halle und erfuhr dort von meiner Berufung ourch den General­leutnant von Winterfetdt, von dem ich dieses Billett an den Herrn Herzog zu überbringen habe." Und er zog das Schreiben aus der Brufttchche hervor.

Der Herzog schüttelte den Kopf: der Adjutant schüttelte ebenfalls den Kops.Reglementswidrig!" brummte der Herzog.Reglementswidrig!" bestätigte Der Adjutant. Dann schaute der Herzog ihn groß an aus seinen leeren Augen:Er scheint diffizil zu sein, wenn auch eifrig ... Herr von Buch, teilen Sie aus dem Notenbuch mit, was die Instruktion besagt!"

Heinrich fühlte, wie ihm die Ungeduld aufstieg ob so vieler Umständ­lichkeit. Die Instruktion, die er nach den Notizen des Schreibers jetzt erfuhr, lautete:Nach der Vorstellung beim Herzog von Bevern haben Sie sich zum Herrn von Puttkamer auf das Proviantkommissionsamt zu begeben und sich dort in Ihre Dienste einweisen zu lassen!"

Das tat Heinrich nun und fand in dem Herrn von Puttkamer einen würdigen, braven, alten Mann, der zu dick und unbeholfen war, um seinen Schreibsessel zu verlassen. Er ließ sogleich die beiden anderen Chefs kommen, einen Herrn von Stülpnagel und einen Herrn von Ar­nim. Beide traten ein in Reithosen, Stiefeln und Kavaliersrock. Von ihnen bekam Heinrich alsbald einen günstigen Begriff: sie waren lebhaft, freundlich.

Der Herr von Puttkamer reichte dem Herrn von Stülpnagel einen Brief mit der Abrechnung über Mehl von der Mühle in Drebkow.Ist sofort zu erledigen! Schreiben Sie hinüber!"

Aber Stülpnagel meinte:Es sind ja nur zwei Meilen Wegs nach Drebkow: da reit' ich gleich und mach's persönlich ab!"

Es sind doch auch noch die Quäskuren zu erledigen!"

ihm Mühe. Heinrich blätterte die Briefe durch und trug knapp vor, wie er es bei Schwerin gewohnt war, was Inhalt und Materie war. Da zeigte sich Arnims anschlägiger Kopf: denn für jede der Fragen hatte er eine präzise Antwort. Heinrich schrieb sie sich in abgekürzter Schrift nieder.

Oh", rief Arnim,Er scheint ja ein Donnerwetter-Schreiber zu sein! Das ist gut!" Und lächelnd fügte er hinzu:Stülpnagel und ich haben vor Schreiben die allerhöchste Angst! Darum kommen die Ge­schäfte nicht weiter ... Das Nächste reiten wir ja alles ab, aber für die Ferne muh man doch schreiben so unangenehm es ist!"

Im Flug war die Zeit bis Mittag vergangen. Arnim führte Heinrich in das Büro der Substituten, seiner eigentlichen Kollegen. Sie hörten schon aus dem Flur einen heftigen Streit. Heinrich sah zwei sich gegen­überstehen: einen kurzen, beleibten Mann in Ueberrock und Stulpstiefeln, dem, wie einem Viehhändler, eine dicke Kette über dem Bauch baumelte, und einen anderen, Schwarzgekleideten in Strümpfen und Schuhen. Die beiden schrien sich an.Es ist aber ausgemacht, daß die Stadt die Schafe übernimmt! Wir brauchen keine Angestellten! Was soll werden, wenn die Schafe abgetrieben sind? Es ist Unsinn!" Der Schwarze hingegen meinte:Ordnung muß sein!"

Arnim gebot Stille, stellte den neuen Kollegen vor und machte, daß er hinauskam. Jetzt schauten sich die drei an, und Heinrich merkte wohl, daß der in Stulpstiefeln, namens Braun, angetrunken war. Aber der andere, der sich jetzt geschmeidig verbeugte und Heinrich bat, am heutigen Tag sein Gast zu sein im Luftdichten", war ihm noch unangenehmer. Was half es? Er mußte die Einladung annehmen, um die Kollegen nicht vor den Kopf zu stoßen.

Es zeigte sich nun, daß die Besoldung, die für das Amt ausgewor­fen war, nicht gerade bedeutend ausfiel. Alles in allem durfte Heinrich auf zweihundertfllnfzig Taler im Jahre rechnen. Doch er fand Quartier bei einer Witwe, die ihn für drei Groschen täglich verpflegte. Freilich, viermal die Woche gab es Fisch und des Abends fast immer Hering. Bald wurde er bei einer solchen Mahlzeit schon vom Ansehen satt, so sehr hatte er sich von den vielen Fischen übergegessen.

Die Arbeit war groß: denn das ganze Rechnungswesen stak voller Unordnung, wie ein Garten, der nicht gejätet wird, voller Unkraut.

Braun, der früher Oekonomieinspektor gewesen war, erwies sich als tüchtig in der Abnahme und in der Kontrolle des Viehs, aber zumeist war er in einem Branntweinrausch, darum immer heftig und streit­süchtig.

i droschen den Halunken und erklärten ihm: Wenn er wiederkehre, würde er eine neue Tracht Prügel beziehen. Und Gruner steckte es ein. Er

' schwur zwar Heinrich Rache, schäumte Wut, aber Arnim, der es hörte, kam zurück und beförderte ihn mit einem Fußtritt hinaus.

Nach dem Rausschmiß Gruners nahm sich Heinrich einen Kauf- j mannskommis zur Hilfe, und nun zeigte es sich, daß bei guter Registra- i tur das ganze Amt gar nicht so schwer zu verwalten war. Gruner hatte ! Konten und Gegenkonten angelegt und sich großgetan mit seinem kauf­männischen Wissen um Handelskunde nur, um Verwirrung zu stiften. Eintragbücher mit angehefteten Quittungen wurden angelegt, alles ver­einfacht, und bald wußte das Guvernement bis auf jeden Mehlsack und jede Nummer genau Bescheid, wieviel an Vorräten vorhanden war.

Als das Frühjahr kam, mußte Heinrich mit hinausreiten, um die Le­bensmittelbestände der Güter aufzunehmen. Dabei gewann er einen Einblick in das, was das Land leistete und dem König darbrachte. Die * Junker waren einfache, tüchtige Männer, die in Feld und Wald genau Bescheid wußten: aber mit dem Schreiben haperte es bei manchem. Die Gesinnung gegen den König war die treuester Vasallen. Es war selbst­verständlich, daß die Söhne, sobald sie dreizehn und vierzehn Jahre waren, sich zum Kadettenkorps meldeten und mit fünfzehn bereits ins Heer eintraten. Die Frauen waren tüchtig, packten mit an im Stall und in der Kunkelwirtschaft. Sie lasen auch Bücher, wie zum Beispiel die Fabeln von Gellert und neuerdings GleimsLieder eines preußischen Grenadiers".

Heinrich galt als ein Ausbund von Wissenschaft, daß er Gellerts Fabeln auswendig konnte: und daß er ein gutes Französisch sprach, erregte allgemeines Erstaunen, denn nur in den gräflichen Familien wurde das Französische von Hausmeistern gelehrt. Die Kenntnis dieser Sprache galt als erstrebenswert und unerläßlich für ein Fortkommen, wenn ein junger Herr oder eine junge Dame an den Hof gehen wollte.

Die Kriegsnot wuchs gewaltig. Die Gutsherren klagten darüber, daß, wenn sie Schmiedwerk, Seilerei oder andere Handwerkswaren ein­kaufen wollten, sie für taufend Taler oft hundert in sechs Monaten Zinsen auforingew mußten. Heinrich sah innerhalb eines halben Jahres, wie manche Herren, die über drei schuldenfreie Güter verfügten, Silbergerät gegen Zinn umtauschten nur, um das Notwendigste zahlen zu kön­nen an Löhnen. In der Stadt aber wurde mancher Roßtäuscher oder Krämer plötzlich reich und stolzierte in Samtrock und Perücke einher.

Die Schweden kamen ins Land, schrieben Lieferungen aus an Güter und Städte. Heinrich mußte den Herrn von Arnim als Vertreter der Ritterschaft begleiten, damit auch diese Kriegsgeschäste des Zwanges ordentlich abgewickelt würden. Der Hauptteil der Verhandlungen fiel Heinrich zu, da er französisch parlieren konnte, und die Schweden zu­meist dieser Sprache mächtig waren, während sie Deutsch nicht verstanden.

Die schwedischen Soldaten erwiesen sich als gutmütige Burschen, die aber wenig leisteten, weil sie wenig herangenommen wurden. Von den Offizieren wußte keiner Bescheid, und so wurden Arnim und Heinrich von Kommando zu Kommando weiterbefördert, bis sie zuletzt im Kriegs­lager von Anklam anlangten, wo der General Graf Hamilton komman­dierte. Der empfing Arnim und Heinrich stehend, ließ sich die Schrift­stücke überreichen, sah sie durch.

Arnim versuchte französisch zu sprechen, verfiel aber alsbald ins Deutsche. Hamilton antwortete auf französisch und bemerkte dabei, die Bildung sei in Preußen wohl nur auf den Kopf des Königs beschränkt, der ja lieber französisch als deutsche rede, und er sehe ja nun ein, daß sich der preußische König offenbar der Unbeholfenheit seiner Untertanen schämte.

Da griff Heinrich ein und bemerkte, daß der pommersche Adel aus seinem eigenen Grund gewachsen sei und nicht in sich so viele Fran­zosen und Engländer aufgenommen habe wie der schwedische Adel, der ja groß geworden sei durch die Kriegszüge weiland Gustav Adolfs und des großen Königs Karl XII., über dessen Charakter heute die Welt durch die Schriften Voltaires Bescheid wüßte.

Hamilton horchte auf und begann, sich mit Heinrich zu beschäftigen. Ja, das Gespräch über Voltaire fesselte ihn so, daß er diesen preußischen Sekretarius und Doktor an seine Tafel bat. Von Arnim erfuhr Hein­rich, daß das als ein unerhörtes Faktum von den schwedischen Ofsizieren aufgenommen sei: denn der Graf Hamilton sähe sonst als Menschen nur solche an, die zumindest Oberst und Baron wären.

Die Wohlgelittenhelt beim Grafen Hamilton kam Heinrich sehr zu­statten. Er erkannte ihn als einen stolzen Herrn, der aber innerlich milde und gerecht war. In der Kriegführung leistete er wenig, well er dem Krieg überhaupt abgeneigt war. Es gab da unter den Schweden zwei Parteien, die der Hüte und die der Mützen. Niemals wurde es Heinrich klar, was den Unterschied der beiden Parteien ausmachte, ober sie waren da sie beeinflußten die Politik des Landes. Die Hüte schienen die Vornehmeren zu fein: sie waren gegen den Krieg. Die Mützen, die auch eine Adelspartei darstellten, waren für den Krieg.

Später unterhandelte Heinrich mit dem General von Recklinghausen. In dem lernte er einen ehrenfesten Mann kennen von preußischer Her­kunft: doch die galt jetzt nicht mehr er hatte der blauen Fahne mit dem gelben Kreuz geschworen und stand nun als Schwede da, für Schwe­den ehrenhaft bereit. Der schimpfte auch über die lasche Kriegführung, ober er konnte es nicht ändern.

Im Herbst des Jahres gingen die Schweden wieder zurück auf ihre Basis, und der Feldzug hatte ein Ende. Die Not des Landes Pommern war wieder mehr gestiegen. Die Grundbesitzer wurden ärmer, die städti­schen Händler reicher.

(Fortsetzung folgt.)