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Faustische Gestalten in deutscher Zeitenwende.

Von Professor Willy Andreas.

Ein Meisterwerk geistes- und kulturgeschichtlicher Darstel­lung hat der Heidelberger Historiker Andreas in seinem bei der Deutschen Verlags-Anstalt in Stuttgart erschienenen WerkDeutschland vor der Reformation. Eine Zeitenwende" geschaffen. Die Epoche, eine der großartigsten und zugleich gefährdetsten der deutschen Geschichte, die in ihrer Stellung an der Wende zweier Zeitalter mit der unsrigen manches gemein hat, besitzt in der von der Sage gesteigerten, von der Dichtung verklärten Gestalt des Faust einen reprä- entativen Charakter. Diesen faustischen Zug schildert der Ver- asser in einem Abschnitt, aus dem wir einige Teile als Probe einer glänzenden Darstellungskunst wiedergeben.

Don allen Geistern der deutschen Renaissance gleicht Paracelsus am meisten dem Bilde des F a u ft, so wie ihn Goethe gezeichnet hat, der einiges aus seinem Leben und seinen Schriften als Modell verwandte. An den wirklichen Faust erinnern allenfalls einige äußerliche Züge, die Unrast seines Wandels, das Aufsehenerregende der ganzen Erscheinung. Aber auch sie gleichen ihm nur auf den ersten Blick oder Schein. Denn selbst die großen Worte des Hohenheim und einige seiner Hemmungs­losigkeiten erklären sich doch aus dem Kämpfertum des schassenden Genius. Das Quackjalbertum jenes Doktor Faust stand tief unter der Kunst des Paracelsus, wie er auch menschlich eine minder wertvolle Persönlichkeit war. Merkwürdig aber: Deutschland brachte in der Schwüle der Zeiten­wende eine Gestalt nach der anderen hervor, an denen diese oder jene Eigenschaft faustischen Anstrich hat, sei es im Sinne höchsten Erkenntnis­strebens, sei es dunkler Künste, oder auch der Verbindung von beibem. Als ob die Volksseele trächtig sei mit Kräften solcher Art, die ans Licht wollen! Traten sie aber hervor und gewannen sie Gestalt, so war es immer nur ein Bruchstück des großen Faust, den die kreisende Welt schien gebären zu wollen, ein Fragment mit Unvollkommenheiten und allzu Menschlichem behaftet, oder eine Spottfigur des Uebermenschentums, dem sie vergeblich sich zu nähern suchten.

War Paracelsus derjenige unter ihnen, der nach Anlagen und Größen­ausmaß dem Goetheschen Faust am nächsten kommt, so nimmt der wirk­liche Doktor Faust seiner eigenen dichterischen Verklärung gegenüber Die niederste Stufe ein. Der ungewöhnliche Eindruck, den er auf seine Zeit­genossen machte, und seine tiefe Nachwirkung wären kaum erklärbar, hätten nicht die Seelensttmmung der Menschen und das Helldunkel der ganzen Wissenschaftssituation die Anziehungskraft des seltsamen Mannes in ihren Leitanschauungen wankend gewordenen, aber noch nicht aus vermehrt Günstig war seinem Auftreten die innere Unsicherheit einer neuen, festen Grund gekommenen Zeit, der Ueberdruß an der Gegenwart und der Hunger nach etwas Unerhörtem, kurz die mangelnde Gleich­gewichtslage des spätmittelalterlichen Menschen. Wie hätte stmst ein prah­lerischer Schaumschläger eine solche Rolle spielen können? Denn das war Faust wennschon einer, der vermutlich mit hypnotischen oder suggestiven Kräften ausgestattet war und dank dieser oder ähnlicher Gaben seine Zuhörer in Bann zu ziehen wußte. Arzt, Sterndeuter, Schwarzkünstler und Goldmacher in einer Person, erschien der verbummelte Herumtreiber, den es von Ort zu Ort, von Universität zu Universität trieb bald im Lichte des Ungewöhnlichen, und es ist nicht weiter verwunderlich, wenn man ihm, be? sich selber als Philosoph ber Philosophen unb zweiten Magus bezeichnete, Umgang mit dosen Machten nachsagte Sem iah.s, vielleicht gewaltsames Enbe, bas er spater m Staufen >m Breisgau fand wurde denn auch so gedeutet, sein Pakt mit ber Holle fei abgelaufen gewesen, unb es habe ihn buchstäblich ber Teufel geholt.

Es ist als ob ber Zeit in biefer abenteuerlichen Gestalt des Doktor Faust das ins Ungeheuerliche verzerrte Spiegelbild ^er eigenen Unraft entgegentrete In seiner anscheinend pathologischen Pers0nllch keit halt ihr^Suchen und Fragen die Züge ber Pseudowisienschast unb größen­wahnsinnigen Marktschreiertums angenommen, bezeichnete sich doch Faust, als er sich an ber Ruperto-Carola fürs Stubiurn der Theologie e n- getorieben hatte, als Hemitheos Heidelbergensis (HeibAberger H ld- qothi Fernst soll verunglückte Flugversuche angestellt unb sich mit Gelster- chwörungen abgegeben haben; er behauptete verlorene Hanbschnsten herbeischaffen ober aus bem Gebächinis wiederherstellen zu tonnen In Würzburg brüstete er sich, er tonne °«e Wunder Christi vEnngen, L'« a« >2

S"sch7n° Mtf'SÄS'tS*- ^sittlicher unb geistiger Hinsicht wesentlich hbcher als Faust stand T r i t h e m i u s, der im Jahre vor L u t h e r s Thefeimnilyiag , Abe? mich @11 ÄS

hat Trithem den wirklichen Faust, obwoh s ch d» er »-»«eM'^ihm bürg aufgehalten haben soll, offenbar mch . b über

s-rngehalten. Die Schilderung des berühmten Tr.tyemiimorie^, bas Treiben Fausts Kunde gibt, lautet l &ifcrrud)t empfand gegen dahin, ob der gute Abt nicht eme Spur' J bn Geheimfächern den unlauteren Wettbewerb d'eses Nebenbuhlers^in de^Gey^^I t der Wissenschaft, oder ob er m Faust wohl d n t ion unb bie

^r dies alles ist bezeichnendfür die geyiiqe schwelgerische

E '?ge des Zeitalters, bei vw Wissen und ein erwartungs-

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schen nach dem Unerforschlichen Ms zur Jagd nach dem Verbotenen unb eine gewisse Freude am geistigen Abenteuer, bie deutlich auch an Trithe- mius hervortritt, wiewohl ihm, dem Mann der Kirche, nicht ganz ge­heuer dabei zumute ist. Denn er betonte stark, daß die wunderbaren Weisheiten, über bie er verfügte, sich nur zur Mitteilung an wenige und einen kleinen Kreis von Eingeweihten eigneten, da ihr Mißbrauch Staatsumwälzungen heraufbeschwören, ihr Bekanntwerden alle möglichen Verbrechen begünstigen könne. Insonderheit, meinte er, sollten regierende Herren diese Geheimlehren sich zu eigen machen und die Art, wie er in seinen Vorreden und vertraulichen Briefen sie ankündigte, rückt ihn etwas in bie Nähe geistiger Taschenspielerei...

Gestalten wie ber Doktor Faust unb Trimethius, aber auch die ernste­ren Vertreter deutscher Naturphilosophie sind in Wesen und Wirkung erst voll zu begreifen, wenn man sich vergegenwärtigt, welche geistige Atmo­sphäre sie umgab. Diese an inneren Gegensätzen schier berstende Zeit erzeugte aus sich heraus sonderbarste Gegenstücke zur Schärfe antikirch­licher Kritik und zur Entfaltung verstandesmäßiger Klarheit: Uralte, halb verschüttete dunkle Überlieferungen brachen mächtig hervor, die sich dem erwachenden Natursinn, bem (Ertenntnisbrang und Lebensgefühl einer neuen Generation aufs eigenartigste »ermäfjlen. Doch war es keineswegs nur dem deutschen Geiste vorbehalten, seine Walpurgisnächte zu feiern, begegnen wir doch auch in der Renaissancephilosophie des Südens und sogar bei ihren Größten, Männern wie Gi 0 rdan 0 Bruno und Campanella, ähnlichen Erscheinungen: einer bisweilen hemmungslosen Phantastik, der inneren Unrast und der Abenteuerlichkeit der Lebensgänge, dem Allesergreisenwollen und der Kräftevergeudung. Auch ihre Geistesaufschwünge enthalten trübe Beisätze von Aberglauben unb Allerweltskönnerei. Man muß sich daraus besinnen, daß selbst ein klarer Kopf wie Leonardo trotz hellsten Wirklichkeitsblickes sich Ab­schweifungen schwärmerischer, ja visionenhafter unb apokalyptischer Art gestattete. Cs finben sich in seinen Fragmenten solche, bie sich orakelhaft über Menschen unb Naturgeheimnisse auslassen. Einigen Raum nahmen immerhin auch bei ihm Magie, Mystik, Alchemie ein, Dinge also, bie bei anderen Renaissancemenschen mehr in ber Mitte gelagert waren ober gerabezu überwucherten. Drängten sie bei ihm auch nicht so erhitzt und zügellos hervor wie bei jenen, etwas von solcher Phantastik lebte auch in ihm, bem ewig Unruhigen unb Fragenden, der gewiß Verkörperung neu­zeitlichen Forschersinns ist.

Der Kriegskommiffar des Königs.

Roman von Friedrich F r e k s a.

Copyright 1931 by August Scherl, G. m. d. H., Berlin.

(Fortsetzung.)

Der Generalleutnant nickte:Sie sind ein braver Mann aber der ! Men ich soll im Leben nicht über die Trauer stolpern! Genug! Reiten \ Sie morgen gleich nach Stettin stellen Sie sich bem Herzog vor! Sie ' werben gut ausgenommen dafür bürge ich!"

i Heinrich mußte noch ehrenhalber eine halbe Stunde am Tisch des ! Generalleutnants bleiben, schlief dann einen traumlosen, kurzen Schlaf und ging am nächsten Morgen ins Haus der Pastorin, um Abschied zu ! nehmen. . , ,,

Klara kam ihm entgegen, war ganz rot, weinte und lachte:Mutter hat mir gefegt, was Sie für uns tun wallen!"

! Heinrich' war sich's gar nicht bewußt, bah er auf bem Stuhl saß und ! das Mädchen auf [einem Schoß, bas ihn umhalste.

Die Pastorin kam und sagte:Besseres hätten Sie meiner Emma nach ihrem Tode nicht erweisen können!"

Und so war Heinrich verlobt zum zweiten Male und wußte nicht, wie ... Beide Frauen waren hocherfreut, als er ihnen erzählte, welchen Posten er einnehmen würbe.

;Ich weiß ja", rief die Mutter,was für Geschick und was für Gluck Sie" haben! Wenn nur der Krieg erst vorbei ist unb bas muß ja : bald fein, bann werden Sie ein Beamter des Königs, und ich komme mit meiner Tochter zu Ihnen!"

Als er Abschied nahm, begleitete ihn Klara, die ihr Häubchen aufsetzte, auf die Gasse. Sie legte beide Hände um feinen Arm unb bat:Hein­rich kannst bu mich nicht mitnehmen? Ich mag nicht hier in Halle fein!

I Ich'mag nicht in ber Dumpfheit leben und im Erinnern an die Schwe- I ster ... Unruhe ist in mir ... Ich werbe gewiß nicht viel verlangen, i aber behalt mich bei dir!"

i Da schüttelte Heinrich den Kopf:Nein, Kmb! Daraufhin, baß ich jetzt probeweise als Sekreiarius angenommen werde bei der Proviant-

i temmiffion in Pommern, kann ich ein Mädchen nicht aus dem wohl- I behüteten Nest nehmen!"

I , Aber ich sag dir's doch: Ich halte dies Leben hier nicht langer aus! Ein"Tag ist wie ber andere ... Das Gleichmaß der Zeit erdrückt mich!

Auch diese Tage gehen vorüber!" tröftete Heinrich.

Wenn's nur bann nicht zu spät ist!" rief Klara. Ohne zu bebenfen. daß sie auf ber Gasse waren, umhalste und herzte sie ihn und lief schnell zurück ins Haus. #

Zur schicklichen Stunde, um neun Uhr morgens, meldete sich Heinrich in Stettin auf dem Gouvernement. Der Adjutant des H^zogs von Braunschweig-Bevern schien bereits unterrichtet, aber er machte bie Jur Heinrich [onberbare Bemerkung:Pünktlichkeit ist erwünscht lieber« Pünktlichkeit manchmal unbequem unb unangenehm!

I Heinrich wartete; nach anberthalb Stunben würbe er beim Herzog 1 vorgelassen. Der saß, streng frisiert, kerzengerabe, ohne sich anzulehnen, ! in feinem Stuhl, schaute ihn an, manbte bann ben Blick auf eine kleine 1 Marmortafel zur Linken unb bemerkte:Nach meiner Zetttabelle hatte ich Sie für übermorgen erwartet. Es freut mich, baß Sie es mit bem Dienst eilig haben. Wollen Sie sich, wie ich es in meinem Schreiben angegeben haben, sofort zu bem Herrn von Puttkamer begeben!

Heinrich schaute von bem strengen, kühlen Gesicht bes Herzogs hin- über zum Abjutanten unb erklärte: Jnbem ich um Parbomerung bitte,