Spiel um Tod und £e$en.

Eine Kriminalgeschichte von Wilhelm Weldin.

Wie gesagt, ich hasse, daß Sie meinen Rat beherzigen werden', sagte der Chef der Kriminalabteilung und zerdrückte nachdenklich seine Zigarette in der großen silbernen Aschenschale.Dieser Redclisfe weiß, daß Sie allein ihm heute gewachsen sind ... und Sie wären nicht der erste begabte junge Detektiv, der ihm in die Falle ging. Erinnern Sie sich an Meunier von der Pariser Surete? Vierundzwanzig Stunden, bevor er Redclisfe fasse wollte, war er tot. Selbstmord ... sonderbar genug war der Fall ..."

Leslie Erskine lächelte das zuversichtliche Lächeln der Jugend.Bei mir soll Redclisfe an den Unrechten kommen", sagte er und knöpfte seinen weiten, bequem geschnittenen Ulster zu.Jedenfalls danke ich aber für den wohlgemeinten Rat. Guten Abend, Inspektor!"

In drei Tagen habe ich ihn, diesen Redclisfe, dachte er noch, als er schon elastisch die Stufen des großen grauen Polizeigebäudes hinunter- eille. Und dann dachte er an ganz etwas anderes.

Wenn ein junger Detektiv ein Rendezvous hat, kann ihm auch ein sechsfacher Mord, Betrug, Einbruch und Bankraub zu einem verstaubten Akt werden, den man gern für eine Stunde aus der Erinnerung löscht

Die Uhr auf dem Armaturenbrett von Erskines kleinem Cabriolet zeigte auf fünf Minuten nach sechs. Es war also noch Zeit, nach Hause zu fahren und sich umzukleiden.

Um halb sieben hielt der Wagen vor der etwas einsamen einstöckigen Villa in'dem kleinen Londoner Vorort. Es war alles wie sonst. Kein Licht in den Fenstern. Der Garten voll lastender Schatten, wie immer, wenn Leslie Erskine, ost spät nachts über den leise knirschenden weihen Kies­weg schritt, der zum Eingang führte.

Erst als Erskine das elektrische Licht in seinem Arbeitszimmer an- gedreht hatte, merkte er, daß doch etwas anders war als sonst.

In dem schweren Klubsauteuil vor dem Kamin saß ein Mensch.

Dieser Mensch war Allan Redclisfe.

Leslie Erskine war nicht eine Sekunde darüber im Unklaren, was der Besuch dieses Mannes für ihn zu bedeuten hatte. Einen Augenblick tauchte das Bild eines Mädchens vor ihm auf, das sich Gladys nannte, einen Augenblick verspürte er einen Stich in der Herzgegend ... aber nur einen Augenblick. Dann fühlte er plötzlich jene elastische Angespannt­heit aller Nerven, jene Bereitschaft zu jäher, sprunghafter Handlung, die allen Menschen eigen ist, die es gewohnt sind, Gefahren zu meistern.

Nicht die Spur eines Erstaunens war Erskine anzumerken, als er leichthin sagte:Gott Sie haben mich beinahe erschreckt, Redclisfe!"

Der Mann vor ihm war in Abendkleidung. Seine Haltung hatte etwas Lässiges. Das glänzend schwarze Haar, das glatt an seinem Kopf lag, war tadellos gescheitelt.

Setzen Sie sich!" sagte Redclisfe und wies auf den leeren Klub- fauteuil, der dem seinen gegenüberftanb.Ich habe mit Ihnen zu reden."

Sehr lieb von Ihnen, daß Sie mich in meinem eigenen Hause so sreundlich empfangen... Erlauben Sie nur, daß ich mir eine Zigarette aus dieser Schatulle hole..." Erskine ging auf seinen Schreibtisch zu und öffnete mit einem schnellen Griff das Kästchen, in dem er seinen Revolver wußte.

Es war leer.

Keine Zigaretten im Haus ...?" fragte Redclisfe ironisch.Wenn Sie wollen, kann ich Ihnen aushelfen ..."

Die Lage war ernst. Erskines Gedanken drehten sich wie wahnsinnig in einem Kreis, aus dem es kein Entrinnen zu geben schien. Dennoch lächelte er unbefangen, beinahe freundlich. Dieses Lächeln war augen­blicklich seine einzige Waffe.

Nehmen Sie doch Platz!" sagte Redclisfe wieder, und diesmal klang es fast wie ein Befehl. Etwas Metallisches blitzte in seiner Hand auf. Es war ein Revolver. Leslie Erskines Revolver.

Ohne mit der Wimper zu zucken, schlenderte der Detektiv in Schuß­linie auf Redclisfe zu und ließ sich in den Fauteuil fallen.Zweifellos eine interessante Situation", bemerkte er spöttisch.

Finden Sie?" ... sagte Redcliffe und seine Lippen spalteten sich in einem haardünnen Lächeln.Sehr unvorsichtig übrigens, Ihren Revolver fo offen herumliegen zu lassen!"

Ein Fehler, wie er jedem einmal passiert. Auch jedem Verbrecher. Meinen Sie nicht, Redcliffe?"

Redcliffe nahm von dieser Bemerkung keine Notiz.Sie wissen doch, warum ich gekommen bin?" fragte er kühl.

Ich warte noch auf Ihre Erklärung."

Redcliffe ließ den Revolver auf das Rauchtischchen gleiten, das zwi­schen den beiden Fauteuils stand, zündete sich nachlässig eine Zigarette an, machte einen tiefen Zug und sah dem Detektiv gerade ins Gesicht.

Für einen von uns beiden ist kein Platz mehr auf dieser Welt", sagte er langsam. Sie sind mir hart auf den Fersen. Niemand durfte bis jetzt ungestraft so weit kommen, wie Sie. Niemand aber wurde auch je von mir aus dem Hinterhalt erschossen. Ich sage Ihnen von Angesicht zu Angesicht, wie ein Mann: ich werde Sie jetzt und an dieser Stelle töten. Meine Karten liegen offen vor Ihnen. Fair play."

Zwei tadellos gekleidete Herren sahen an einem Rauchtischchen und unterhielten sich miteinander in einem ruhigen, gedämpften Tonfall. Ziga­rettenrauch schwebte zwischen ihnen ... ein kleines behagliches Wölkchen. Die glänzenden Scheitel spiegelten die Strahlen der Lampe wider. Der Revolver auf dem Tischchen wurde im Rahmen dieses Bildes zu einem originellen elektrischen Zigarrenanzünder ... Scherzartikel eines eleganten Galanteriewarengefchäftes.

Leslie Erskine blickte einen Augenblick gedankenvoll in den blauen Rauch, dann sagte er sachlich:Die Partie fteht ungleich, Redcliffe. Sie stellen ein Schachbrett vor mich hin, auf dem Weih schon beinahe matt ist, und wollen mich zwingen, diese Partie zu Ende zu spielen. Ich finde das nicht fair."

Sie vergessen, daß Sie noch zwanzig Figuren in der Reserve haben ', lächelte Redcliffe.Ihr Detektivkorps wo ist es?" fügte er etwas sarkastisch hinzu.

beugte sich interessiert

Ich habe Sie für klüger gehalten, Redcliffe. Ich hatte eine sehr hohe Meinung von Ihrer Kombinationsgabe."

Sehr schmeichelhaft! Wie meinen Sie das übrigens?'

Ich meine, daß ich es Ihnen nicht zugetraut hätte, daß Sie sich fo offen Ihr eigenes Grab schaufeln.'

Sie scherzen, mein Freuiü) ...ich schaufle das Ihrige, ober richtiger, es steht schon offen."

Sie vergefsen eines, Redcliffe. Sie haben sechs Morde begangen, die wir Ihnen bis jetzt nicht genau nachweifen können, obwohl nur Sie allein als Täter in Betracht kommen ..."

Ah! Und ...?'

Und wenn Sie mich jetzt töten, wird man ganz genau wissen, daß Sie der Mörder waren, und es wird ein Leichtes fein, Sie zu über­führen."

Redcliffe lachte keife in sich hinein.Sie unterschätzen mich, Erskme! Sie vergessen, daß ich Sie mit Ihrer eigenen Pistole erschießen werde. Selbstmord, Sie verstehen ... maximal fünf Zentimeter Schußlinie, Brandring und alles, was dazugehört ..."

Leslie Erskine antwortete nicht gleich. Er schien zu überlegen.Wie­viel Zeit veranschlagen Sie zu dieser Prozedur?" fragte er dann kalt­blütig.Ich habe in einer Stunde ein Rendezvous und liebe es nicht, Damen warten zu lassen. Wenn es Ihnen fo besser paßt und Sie mich einen Augenblick entschuldigen würden, könnte ich eventuell auch der

Dame telephonisch absagen ..."

Galgenhumor und ein Bluff! Sie müssen mich für sehr dumm halten, wenn Sie glauben, daß ich Sie lebend ans Telephon lasse."

Wie Sie wünschen ...", sagte Erskine fachlich.Ich habe immer geglaubt, daß Sie ein Gentleman sind, nun ... Uebrigens erfüllt man auch dem zum Tode Verurteilten einen letzten Wunsch ..."

Redcliffe schien betroffen.Sie sollen sehen, daß Sie sich irren!" sagte er sehr korrekt.Ich bin ein Gentleman und bin es immer gewesen. Stellen Sie eine Bitte, die nicht mit der Befreiung aus Ihrer jetzigen Lage zusammenhängt, und sie soll Ihnen erfüllt werden."

Alle Verbrecher sind eitel, dachte Erskine und beugt ~ '

vor.Ich nehme Sie beim Wort!"

Bitte ..."

Sie werden aus eigener Erfahrung wissen, daß man von seinem Beruf besessen sein kann. Auch der Detektiv ist es. Sie wissen auch, daß ich Ihnen seit zwei Jahren vergeblich nachstelle, daß ich auf nichts bren­nender gewartet habe, als auf den Augenblick, da ich Sie zu Boden ge­rungen habe mit List, Gewalt und allen Mitteln, die mir zur Verfügung stehen, und Sie gestehen müssen. Verschaffen Sie mir vor meinem Tode noch die eine Befriedigung, Ihr Geständnis in der Hand zu haben ... fchwarz auf weiß."

Eine Sekunde dachte Redcliffe mit gerunzelten Brauen angestrengt nach, dann machte er eine lässige Handbewegung.Ihr Wunsch ist erfüllt."

Ich danke Ihnen..." sagte der Detektiv und griff in seine Brust­tasche.

Hall!" Der Revolver zuckte auf.

Nur mein Füllfederhalter..." lächelte Erskine, zog die Feder und schraubte sie auf.

Ach so ... aber bitte schnell!"

Leslie Erskine riß von einem auf dem Rauchtischchen liegenden Block ein Blatt Papier, warf ein paar flüchtige Zeilen darauf und reichte Red­cliffe den Zettel.Unterschreiben Sie das! Es ist das formelle ©eftänb- nis Ihrer sechs Morde. Sie können es ... nachher ... wieder vernichten."

Redcliffe nahm Erskines Füllfeder und unterschrieb das Blatt, ohne es auch nur anzusehen.Bitte", reichte er bann Blatt und Feder dem Detektiv zurück.Sind Sie jetzt bereit?"

Leslie Erskine blickte fasziniert auf seine Füllfeder, in deren glänzen­dem Knauf die Lichter der Lampe funkelten.Einen Augenblick!" sagte er abwehrend.Sie gestatten noch eine Frage?"

Redclisses Augen unter den halbgesenkten Lidern waren ganz klein und grün geworden. Mord lauerte in ihnen. Er zuckte ungeduldig die Achseln:Nun?"

Haben Sie zufällig von jenem Chinesen gehört, dem die Polizei vor kurzem eine furchtbare Mordwaffe abgenommen hat: einen Füllfeder­halter, in dessen Hülse sich zwei mit Strychnin vergiftete Stahlpfeile befinden, die durch eine starke Feder abgeschnellt werden und es an Durchschlagskraft mit jeder Pistalenkugel aufnehmen?"

Nicht, daß ich wüßte..."

Leslie richtete lächelnd die Spitze feiner Füllfeder gerade gegen Reb- cliffes Brust.Es ist diese Füllfeder!" sagte er lakonisch.

Im Bruchteil einer Sekunde war Redclisfe seiner Verblüffung Herr geworden und hatte die furchtbare Gefahr erkannt, in der er schwebte. Sein Revolver war unentwegt auf Erskine gerichtet gewesen, blitzschnell drückte er ab

Zweimal knackte die Waffe, sonst tat sie nichts.

Leslie Erskine war aufgejprungen, alles Verbindliche war aus seinem Wesen gewichen.Ich wußte ja, daß der Revolver nicht geladen war", sagte er mit eisigem Spott.Hände hoch!"

Noch ehe Redcliffe ganz erfaßt hatte, was geschehen war, schnappten ein Paar Handschnellen um seine Gelenke.

Leslie Erskine trat an das Telephon:Polizeipräsidium!"

Und zu Redcliffe gewandt, sagte er mit einem spöttischen Lächeln: Mein letzter Zug Schachmatt!" *

Eine halbe Stunde später reichte Leslie Erskine in einem Restaurant in Piccadilly dem Mädchen, das sich Gladys nannte, eine dicke, schwarze Füllfeder.Diese Füllfeder hat mir heute beinahe das Leben gerettet... , bemerkte er lächelnd.

Das Mädchen betrachtete den Füllfederhalter neugierig, schraubte ihn auf und fah bann Erskine etwas enttäuscht an.Das ist doch eine ganz gewöhnliche Füllfeder..." ....

Ja eben!" sagte Leslie Erskine.Eine ganz gewöhnliche Fuu- feber..

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