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Damit der harmlose Spaziergänger Lust bekommt, den Pullmanschtaf- magen zu benutzen, ist ein halbierter Wagen ausgestellt, in dem man alles ansehen und befühlen kann. Das Publikum geht vorbei, schaut hinein und staunt. Auf den Bahnsteigen fauchen lindwurmähnliche K ü h l - Maschinen Eisluft in die Speisewagen mit ihren blinkend meisten Damastdecken und ihren schwarzen Kellnern, in di« Rauchsalons mit ihren Lehnseffeln, Zeitschriften und Schreibtischen und in die Schlafwagen mit ihren zwanzig oberen und unteren Betten zu beiden Seiten des Ganges, di« tagsüber durch Klappvarrichtungen und zweckmäßige Verstauung in einen Tageswagen verwandelt werden.
Wenn man dann in dem Sarg eines Pullmanbettes liegt und durch die Nacht nach Buffalo rost, erlebt man allerlei Ueberraschungen. Gegen die Außenwelt ist das Lager durch Segeltuchvorhänge abgeschlossen. Beim Ausziehen sind akrobatische Künste nötig. Erst nachdem man mit dem Kops mehrmals gegen di« durch das obere Bett gebildete niedrige Decke gestoßen hat, kommt man auf den Gedanken, sich auf den Rücken zu legen und so die Kleidungsstück« abzustreifen. Für dicke Leute muß das Ausziehproblem noch schwieriger sein. Wenn dabei der Zug in eine Kurve geht, läuft man Gefahr, mangelhaft bekleidet unter dem Vorhang durch aus dem Bett zu fallen. Sollte man aber so fürwitzig sein, die Füße herauszustrecken, dann tritt einem sicher ein vorübergehender Schwarzer auf di« Lackschuhe.
Streckt man sich endlich zum Schlummer aus, dann entdeckt man, daß man dank der vorzüglichen Ventilation in einem Luftzug liegt, der den Windstöhen auf dem Dach des Schneefernerhauses gleicht, zumal, wenn man den Vorhang hinaufgeschnellt hat, um anfangs die Lichtreklamen am Hudson zu bewundern. Später ist gar nicht daran zu denken, den Vorhang dort zu befestigen, wo er hingehört. Die Klingel zum diensteifrigen Neger, der den Hut in eine Papiertüt« steckte und jedem das richtige Köfferchen ins Netz legte, ist nicht zu entdecken. Denn dies« Klingel ist braun wie die Wand. Man stößt erst im Schlaf dagegen. Dann allerdings fährt man tödlich erschrocken in die Höhe, wenn einen durch den Vorhang ein weißes Gebiß in einem schwarzen Gesicht anfletscht.
Von Zeit zu Zeit fährt man auf. Denn der Zug, der mit unheimlicher Geschwindigkeit durch die Nacht jagt, heult wie ein gequältes Tier auf, wenn er sich Bahnübergängen und menschlichen Behausungen nähert. Am Morgen wäscht man sich in großen Mahagonigemächern, mit großen Spiegelscheiben, warmem und kaltem Wasser, Papierbechern und in Marmorplatten eingelassenen Zinkwaschbecken. Es ist alles vorhanden, was die amerikanische Zivilisation vorschreibt. Aber es fehlt ihnen der höchste Luxus, der der Einsamkeit. Denn wie bei uns in den Jugendherbergen, sind sie für ein halbes Dutzend Menschen bestimmt, die sich hier gleichzeitig waschen.
Ja, es ist ein nicht zu unterschätzendes, abwechslungsreiches Vergnügen, im amerikanischen Pullmancar zu schlafen!
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Mit Buffalo am Nordostende des Eriesees nähern wir uns dem Bereich der Niagarafälle. Es gibt Leute, die behaupten, daß eine amerikanisch« Provinz st adt der andern gleiche. Das kann ich nicht sagen. So viele wie ich vom Osten bis zum mittleren Westen sah, habe ich doch bei jeder individuelle Verschiedenheiten feststellen können. Zwar siird sich alle in dem Ehrgeiz gleich, wie Neuyork einen Broadway zu besitzen. Das ist die jeweilige Main Street, die Hauptstraße, an der das neue Rathaus zu stehen hat, das Hauptpostamt, die Haupt- banken, die Hauptwolkenkratzer, das erste Hotel und das größte Kino. In der Nähe wird sich der Athletic Club und di« „Väterliche Bruderschaft des Ordens der Elks" — Best People on Earth — befinden.
In Buffalo kommt dazu noch ein Millionärsklub, die Loge der Columbusritter und der Frauenklub des zwanzigsten Jahrhunderts. Die meisten dieser Klubhäuser liegen inmitten von Rasenteppichen und Baum- gruppen gleich den großen und kleinen Dillen der erfolgreichen Geschäftsleute. Bei einer Rundfahrt wird der Führer mit schuldiger Ehrfurcht vor dem Gott des Mammons die Häuser der reichen Stahlmagnaten, Seifen- fabrikanten, Getreidehändlern zeigen und damit gleichzeitig «ine gedrängte Uebersichf über die Industrie der Gegend geben. Da ist beispielsweise die Good-Year-World-Villa mit einem Zimmer, das allem vierzigtausend Dollar gekostet haben soll. Die Besitzerin eines Fünf- und Zehn-Cent- 6tore hat es auch zu einer beträchtlich großen der kostbaren Residenzen gebracht, die an der schönsten Längsstraße, der, Delaware Avenue, liegen. Kein Zaun und kein« Mauer trennt die Besitzungen voneinander, die höchstens durch die Andeutung einer niedrigen Hecke vom Nachbarn geschieden sind. Sie liegen wie in einem Riesenpark beisammen und betonen so das demokratische Prinzip. m
Die St. Iosephskirche kündet noch di« Zeiten der Prosperity mit dem vielstimmigen Glockengeläut, das aus Deutschland stammt und den schweren Bronzetüren, bei denen weniger die Reliefs als das Gewicht der Buffaloer mit Stolz erfüllt. „Was ihr mcht wagt, hat für euch kein Gewicht" sagt Goethe. „Was ihr nicht faßt, das rnernt ihr gelte nicht." Darum wird alles in Zahlen gefaßt, d« irgendwi« das Größte in der Welt bezeichnen. Natürlich ist die Kilometerzahl der Asphaltstraßen, Zement- und Kiesweg« in den Parks beträchtlich, zuma 'diese Parks besonders groß und mit ihren Teichen und Säulenhallen be- londers schön sind. . , . «-„v.
Der löbliche Brauch, seine Kunstsammlungen nach
der Stadt zu vermachen, ist in Amerika viel verbreiteter als in Eu opa. 6o besitzt mich Buffalo «ine Kunstgalerie, die ihr Dasem der Opferfreud g- keit seiner Bürger verdankt. Wie das Neuyorker Metropolitan roirö auä) dieses Museum von Stiftungen unterhalten. Doch sind hier rme ander, wörts in Amerika die noch vor zwei Jahren unbegrenzten Geldmittel erheblich geringer geworden. _ .. „
Ein Kolossalbronzeabguß von Michelangelos Da v r d.verdankt rinem Bewunderer Italiens seine Airfstellung vor den D°keball-und «olfplätzen in Buffalo in USA. Das Denkma l^rd's «gt darwn Zeug- nis ab, daß der gebildete Bürger von Buffalo nicht nur Iazzrm'sik schätzt, sondern auch Opernarien auf GrammophonIpatten andacht g lauscht, vor allem wenn sie von den „hochstbezahlten Künstlern d Welt" auf „seines Herrn Stimme" gesungen werden.
Daß Buffalo auch historische Erinnerungsstätten besitzt, verdankt es dem Präsidenten Mac Kinley, der hier 1901 während der Panamerikanischen Ausstellung in der einen Straße das Opfer eines anarchistischen Attentats wurde und in einer andern Straße starb. Literaturfreunde besuchen Mark Twains Haus, der die Abenteuer der unsterblichen Lausbuben Tom Sawyer und Hucklebery Finn der ganzen Welt hinterließ.
Außer in Battle Creek auf dem Wege nach Chikago, wo sie selbst- geflochten« Körb« verkaufen, habe ich Indianer nur auf Denkmälern gesehen. Wie in Boston und in Philadelphia hat man auch in Buffalo einer berühmten Rothaut ein Denkmal gesetzt. Dieser Indianer und fein Hund erinnern mich an die Gruppe des „Gezüchteten" von Einar Jonsson, die ich in Reikjawik auf Island sah: in beiden Kunstwerken di« Tragik des dem Untergang Geweihten.
Bor dem Lehrerseminar parken zu Hunderten di« Autos der Studenten. Auch der Scherenschleifer kommt im Auto durch die Parkstrahen gefahren. Für ihn und seinen elektrisch betriebenen Schleifstein scheint mir ein dringendes Bedürfnis vorhanden $u fein. Denn so viele stumpfe Messer wie in den Hotels und Privathaushalten der Vereinigten Staaten wird man so leicht nicht in einem andern Lande antreffen. Dafür haben die USA.-Messer den Vorzug, schön vernickelt zu [ein.
lieber den Niagarafluß, den wir dem Eriesee entströmen sehen, wölbt sich eine Fünf - Millionen - Dollar - Friedensbrücke, an der uns weniger der hohe Preis als die Aesthetik des Eisens bewundernswert erscheint. Darunter trägt der Wellandkanal die Schiffe von den großen Seen zum Ozean, und der Niagarafluß eilt auf seinem Wege zum Ontariosee mit großer Schnelligkeit den Niagarafällen entgegen ...
Oer Kriegskommiffar des Königs.
Roman von Friedrich F r e k f a.
Copyright 1931 by August Scherl, G. m. b. H., Berlin.
(Fortsetzung.)
Aber was kommen soll, das kommt: Eines Abends im März trat Joachim Nettetaeck geheimnisvoll bei Heinrich ein und bracht« ihm einen Brief von Theodor, den er von einem Schiffer im Stolberger Hasen erhalten.
Heinrich brach das Schreiben auf und las: „Lieber Heinrich! Ich bin heimlich aus der Lehre fortgetaufen und mit dem Stolberger Schiff „Christian", welches dem Schiffer Hansen gehört, als Schiffsjunge vorläufig nach Amsterdam gesegelt. Von da will ich weiter nach Amerika oder Afrika oder in irgendein fernes schönes Land reifen. — Gestern abend war der Meister wieder voll betrunken, wollte mich schuriegeln und nahm zuletzt einen großen Stock, um mich zu prügeln. Da ist mir die Geduld endlich doch gerissen! Ich hab' dem Meister den Stock aus der Hand gerungen und ihn, der hin und her taumelte, gezüchtigt, wie er es verdiente, in seine Kammer gedrängt, aufs Bett geworfen und eingeschlossen. Es ist klar, daß danach meines Bleibens nicht länger sein konnte. Hab' darum meine Siebensachen zusammengepackt und bin 3um Schisser Hansen gelaufen, dessen „Christian" segelfertig im Hasen lag. Hansen hat sich immer freundlich zu mir gezeigt, und ich hab' ihn fo lange gebeten, mich doch mitzunehmen, bis er ja gesagt hat. Es ist furchtbar schwer für mich, ohne Abschied von der Mutter in die weite Welt zu segeln, aber ich habe nicht anders handeln können. Und ich wollt' auch nicht vor di« Mutter treten, damit fie mir nichts von meinem Entschluß wieder abdingen könne. Sei ein guter Bruder, Heinrich, und bring' der lieben Mutter allmählich dies« traurige Nachricht bei! Umfaß ihr« Knie und bitte sie vieltausendmal um Verzeihung, daß ich ihr jetzt solch schweren Kummer bereiten muß! Ader ich will in der Fremde stets in Ehren leben und unserm Namen feine Schande machen. Und ich hoffe, dereinst geachtet und geehrt in die Heimat zurück kehren zu können. Bevor ich aber fein« feste Stellung in der Welt errungen hab«, werdet Ihr nichts mehr von mir hören!"
Als Heinrich diesen Brief, der mit Bleistift in hastigen Zügen geschrieben war, zu Ende gelesen hatte, stürzten ihm die Tränen aus den Augen.
Joachim Nettelbeck schlang die Arme um ihn, rüttelte ihn und suchte zu tröffen: „Wie kann Sie das so betrüben, daß der Theodor jetzt zu Schiff gegangen ist? Kein besseres Leben gibt es auf der Welt, als das eines Seemanns! Und wenn mein Vater wollte, ich sollt« auch so ein Farbenkleckser und kein Schiffer werden — ich liefe zehntausendmal fort und ginge zur See, auch wenn er mich mit Ketten hier festschließen sollte!"
Dem Heinrich war das Herz wie ein Stein in der Brust, als er mit der Schreckensnachricht nun zur Mutter ging. Aber er kam zu spät. Denn die Mutter stürzte ihm totenblaß entgegen und rief: „Nicht wahr, Heinrich, es ist gelogen, was mir eben die Krumphaarin erzählt hat, daß unser Theodor feinen Meister geprügelt und zur See entwichen sei?"
Heinrich wußte sich nicht zu helfen. Stillschweigend gab er ihr Thedors Brief zu lesen. Sie ging damit in ihr« Schlafkammer. Er hörte, wie sie laut schluchzte und ausrief: „Mein Sohn, mein Sohn, wie kannst du mir solchen Kummer bereiten!"
Nun kam di« Krumphaarin wieder nebst einigen anderen Weibern, um die Mutter zu trösten; aber eigentlich wollten sie nur ihre Zungen meßen, schwätzen und skandalieren. Darum drückte Heinrich sie zur Stube heraus und stellte sich davor, damit nicht noch Ungerufene kämen, um die Mutter zu behelligen.
Während er so vor der Tür stand, sah er den alten, versoffenen Anstreichermeister pustend und schnaufend die Straße heraufeilen: ihm nach liefen Joachim Nettelbeck und dessen jüngerer Bruder, der inzwischen auch Unterricht bei Heinrich hatte. Der Meister hatte nach seinem schweren Rausch, den er in der Nacht ausgeschlafen, sich am Morgen wohl erinnert, daß ihm der Lehrjunge ein paar Hiebe gegeben und fortge- 1 laufen sei. Er schien auch wieder getrunken zu haben: denn er sah ganz rot im Gesicht aus und schrie schon aus weite • Entfernung, daß es die ganze Straße hören konnte und di« Nachbarmnen die Köpfe aus den


