sie mit ihrer Musik, ihrem netten Ke- ch schön vorzulesen, ein wahres Labsal,

verantwortlich: l)r. Hans Thyriot. Druck und Derlag: Brühl'sche Universitäts-Duch- und Steindruckerei. A. Lange, Gieße».

Lichtgrün standen die Saaten: die Lerchen stiegen auf zum hellblauen Himmel? An Bäumen und Sträuchern zeigten sich die ersten Sprossen und Blütenkeime; die Luft war herb und weckte den Wan-dertrotz. Heinrich kam sich vor wie ein unabhängiger, erwachsener Mann, und sein Selbst­gefühl wuchs, als er in einer Dorfkneipe, drei Meilen von Kolberg ent­fernt, einen Eierkuchen zu Mittag bestellte und aus eigenem Beutel zahlte. Nachdem er weitere zwei Meilen gewandert, fand er einen Pfarr­hof, dessen Herr ein früherer guter Bekannter seines seligen Baters war. Mit großer Gastfreundschaft ward er ausgenommen, Arn andern Mor­gen spürte er zwar nach dem ungewohnten Marsch seine Glieder, aber er schüttelte die Müdgigkeit ab und marschierte nun als ein rüstiger Wanderer ohne besondere Abenteuer und Fährl-ich leiten weiter, schlief in Pastorenhäusern und kam am fünften Tag in Stettin an.

Die ganze Fußreise hatte nur zwei Taler gekostet. Und das war gut: denn mehr als hundert Taler jährlich konnte die gute Mutter selbst bei der größten Aufopferung nicht hergeben, und von diesem Gelde mußte er Wohnung, Nahrung, Kleidung, Schulunterricht und Bücher bezahlen. Doch hatte er von Kolberger Freunden und Schützern Empfehlungsbriefe an Kaufleute und Schiffer in Stettin erhalten und hoffte, dadurch in der Woche einige Freitische zu bekommen. Ebenso hatte sein Seelsorger den Rektor des Stettiner Gymnasiums gebeten, den Waisenknaben sürs halbe Schulgeld aufzunehmen,

(Fortsetzung folgt.)

gehen.

Zum Oktober traf ein Brief der Freifrau von Wedell ein, in dem sie die Mutter bat, ihr doch Christine zurückzugeben, denn gerade an den langen Winterabenden wäre sie mit ihrer Musik, ihrem netten Ge­plauder und ihrer Kunst, ein Buch schön vorzulesen, ein wahres Labsal.

Trotz ihrer Besorgnis entschloß sich die Mutter, dem Wunsche zu will­fahren. Heinrich selbst redete zu:Hier fühlt sie sich unglücklich; die Bürger wissen nicht, als was sie sie achten sollen. Wir müssen abwarten, was draus wird!"

Da die Mutter gesundet war, ging der Haushalt zu zweien während des Winters gut dahin. Das Geld für das Gymnasium war auch glück­lich zusammengespart, und nach einem tränenreichen Abschied wanderte am 15. April 1749 Heinrich aus Kolbergs Tor nach Stettin. Den Koffer mit Büchern und Habseligkeiten nahm ein Kllstenschiffer mit für zwei Flaschen Schnaps, die Joachim Nettelbeck, der den Geschmack des Schif­fers kannte, besorgt hatte. So hatte Heinrich nur ein leichtes Ränzel auf dem Rücken und wanderte in den schönen, hellen Frühling hinein.

Ehrfurcht vor Christine. Auch wo sie eingeladen war, glänzte sie durch -ihre guten Manieren, ihre feine Ausdrucksweise und das schöne Spiel auf dem Cembalo. Ihre Stimme war, wie bei all den Fritschenkindern, -chön und rein, und sie erfreute Gesellschaften gern durch ihren Gesang und ihr Gitarrespiel.

Heinrich war ganz stolz auf diese Schwester und empfand es als -elbftverständlich, daß das kleine Dorchen lieber zu dieser jungen, schonen Schulfee lief als zu ihm, dem kümmerlich gekleideten Schulmeisterlein.

Es war am Samstag vormittag, als die Mutter Christine an ihr Bett rief und ihr gebot:Heute mußt du die Straße segenl"

Die Straße?'? . , ..

Ja daß des Sonntags, wenn die Leute -in guten Kleidern zur Kirche gehen, der Bürgersteig sauber ist und auch nicht so viel Schmutz auf dem Fahrweg liegt; denn sonst werden die Kirchgänger mit Schmutz beworfen durch die rollenden Räder."

Heinrich sah, wie Christine den Mund schürzte und ein entsetztes Ge­sicht machte. Und da sie, wie die anderen Mädchen, draußen zu fegen ansang, wurde sie rot, kam zurück und sagte:Mir schwindelt!"

So ergriff er denn selbst den Besen und fegte für die Schwester die Straße. Die Mutter war sehr unzufrieden damit:Du bist eine Zi-er- liese geworden! Was die anderen Kolberger Mädchen können, das magst du auch tun!"

Aber es zeigte sich, daß sie wirklich nicht konnte, was die Kolberger Mädchen täglich taten. Wurde sie ins Gärtchen geschickt, um Gemüse- beete auszujäten, so zog sie sich Handschuhe an. Als die Mutter ihr ge- bot, die große Wäsche zu besorgen, rief sie:Aber mit der Lauge verderb« ich mir ja die Händel"

Es war ein rechtes Kreuz mit ihr. Die Mutter klagte Heinrich ihr Leid:Was soll aus dem Kind werden? Ach, der Dater hat rechtgehabt, daß er uns gewarnt hat, sie zu den Wedellschen zu geben. Was ist sie nun nütz? Keine Hausarbeit will sie verrichten: nicht kochen, nicht braten, nicht scheuern, nicht die Straße fegen!"

Heinrich, der seine Schwester wirklich als etwas Besseres empfand als die anderen Mädchen, wagte nicht zu antworten. Christine war trotzig und verschlossen.

In dieser Zeit geschah es, daß das kleine Dorchen des Vormundes, das auch die Frau Pfarrerin recht liebaewonnen hatte, weil das Kind, wann es konnte, mit einem selbstgepflückten Feldblumensträ-ußchen seine Aufwartung machte, die Mutter fragte:Sagen Sie, Frau Pastorin, ist es eigentlich wahr, was die Hede immer sagt?"

Was sagt sie denn?"

Ach, Frau Pastorin, sie sagt immer: .Pastors Kinder und Mullers Vieh gedeihen selten oder nie!"

Der Mutter verschlug es den Atem, aber Heinrich mengte sich ein: Das ist ein Bosnickel, die Hede! Die hat's dem Kinde beigebr-acht, das zu fragen; genau wie sie -ihm Angst gemacht hat mit dem Nürnberger Trichter!"

Aber die Hede hat auch gesagt", fuhr die Kleine fort,der Theodor sei fortgelaufen und Pirat geworden, und die Fräulein Christine sei ein Fräulein und doch keins!"

Ja", sagte die Mutter, ,/und die Hede hat einen Beistand und doch keinen; denn wer die Bosheitsbrill« auf der Nase hat, wie sie, schaut nur das Häßliche, aber niemals das Gute ... Und ich werde mit deinem Vater einmal darüber sprechen!"

Der Vormund, der einsichtig genug war, hieß di« boshafte Magd

Fensterrahmen steckten:Wo ist der Halunke, der Taugenichts? Mein weggelaufener Lehrbursche? Lebendig will ich ihm das Fell über die Ohren ziehen! Und hauen will ich ihn, daß der Anstrich von Gelb und Grün einen Monat lang auf seinem Rücken blüht!"

Heinrich verdroß solch rohes Geschimpfe, und er schrie heftig dawider: Mach' Er, Trunkenbold, nicht einen solchen Lärm auf der Straße!

Mein Bruder, der Theodor, ist fort zur See und schwimmt schon jetzt mit der SchonerbriggChristian" auf dem Wasser. Er, Saufaus, allem mit seinem rohen, gemeinen Betragen trägt Schuld daran, daß meine Mutter sich jetzt grämt. Hätt' Er meinen Bruder b-ehandelt wie ein rich­tiger Lehrherr, wär' der nicht fortgelaufen!"

Da tobte der Meister in Zorn und Wut:Was? So sm rotznäsiger Schulbube, wi-e du bist, will mir noch Vorwürfe machen? Der weg- gelausene Lehrbursch ist ein Halunke! Er ist ein Spitzbube, der noch mal am Galgen baumeln wird! Ich will nur rasch sehen, um was mich der Bursche bestohlen hat! Zutrauen kann man dem Galgenvogel alles!

Das war mehr, als Heinrich ertragen konnte: -daß der Kerl es wagte, seinen Bruder zu verunglimpfen. Er ballte di-e Faust, trat zu ihm hin und schrie:Wahre Er seine Zunge, Er besoffener Grobian! Wie kann er sich unterstehen, den ehrlichen Namen meines Bruders zu schänden und ihn eines Diebstahls zu beschuldigen?"

Was? Du grüner Junge willst mir gar noch drohen?" antwortete der Malerm-oister und packte Heinrich am Strogen, um ihn beissitezu- schi-eben.

Der aber ward der Angegriffene so zornig, daß er an keine Folgen mehr dachte, und hieb mit der geballten Faust dem Schäumenden so heftig ins Gesicht, daß ihm gleich das Blut aus der N-as-e stürzte.

Der brüllte auf vor Zorn, und natürlich hätte der starke Mann den Jungen mit Leichtigkeit ni-edergeworfen, aber da kamen die Nettelbeck- schen Jungen zu Hilfe.Hurra! Drauf auf den Grobian!" schrie Joachim, packte den Malermeister am Vei-n, sein Bruder ergriff das andere, und sie rissen den Trunkenen, der wütend mit beiden Fäusten auf Heinrich einschlu-g zu Boden. Nun knufften und pufften sie ihn, so daß er gar nicht erst einen Arm heben konnte, und ließen ihn durchgeprügelt und -matt liegen. Es war ein Glück, daß die Mutter hinten im Hause in der Hofkammer war und nichts von dem wüsten Streit gehört hatte.

Der Malermeister drohte im Wirtshaus und auf der Gaffe, er wolle Heinrich beim Scyulvorstand und vor dem Gericht verklagen. In feiner Not lief Heinrich zu dem alten Brauer Nettelbeck und bat ihn um Rat. Der hatte inzwischen gehört durch feine Söhne, die ja auch dabei be­teiligt waren, und durch Befragung der Nachbarschaft, daß der Meister Heinrichs Bruder des Diebstahls b-eschuldigte und einen gemeinen Spitz­buben genannt hatte. Und es war klar, daß er -dem Theodor nichts nachweisen konnte. Er ging also zu dem alten Säufer und erklärte ihm, wenn er Geschrei und Gestank mache, so würde er -ihn vor Gericht wegen Verleumdung b-elan-gen. Und da der Maler einsah, es würde -durch Pro­zessieren, wie gewöhnlich, doch nicht viel herauskommen, ließ er die Sache auf sich beruhen.

Die Mutter war durch Theodors Weglaufen f-o vergrämt, und di-e Galle war ihr so stark ins Blut gestiegen, daß sie -an einer Gelbsucht er­krankte und sich niederlegen mußte. Heinrich schrieb an seine Schwester, sie möge doch kommen und aush-elfen. Inzwischen stand er, so gut er's vermochte, selbst der Schule vor. Die Mädchen -machten große Augen, als sie diesen jungen Lehrmeister sahen, aber er hatte das natürliche Talent, zu lehren, und -die Schulstunden gingen gut dahin.

Eines schönen Tages kam -die Magd des Vormundes, ein spitznasiges, schnippisches D-ing, und brachte die kleine siebenjährige Tochter, die der Vormund schickte, da die Gouvernante seines Kindes eines Todesfalls wegen in ihre Heimat hatte a-breifen müssen. Das kleine, hübsche blond­lockige Dorchen sah sich aus großen hellblauen Augen ängstlich um, als die Magd sie mit einem häßlichen Grinsen verlieh. Sie war zufäll-iger- wei-se die erste, die gekommen war, und saß nun allein in der Bank im großen Schulzimmmer.

Heinrich ordnete auf dem Pult Papiere und sah auf die Kleine herab, -die plötzlich b-itterlich zu weinen anfing.Aber was hast du denn, Dor­chen?" fragte er und suchte sie zu trösten.

Ach", bat sie,mach's rasch! Mach's ganz rasch, daß es nicht so weh tut!"

Ja, was soll ich denn machen?"

Schlag mir das Loch schnell ein! Die Hede -hat -gesagt: Je schneller du es machst, desto weniger tut's weh! Ach,-tr -ich's bloß schon hinter mir!"

Ja, was hat denn die Hede dir vorgeschwatzt?"

Du sollst mir doch -das Loch in den Kopf schlagen -und den Nürn- b-erger Trichter ansetzen, damit du mir die Schulgelehrsamkeit eingießen kannst."

Die Schulgehrsamkeit?"

Ja die steht doch droben auf dem Disch!" Und sie wies auf die dicke Tintenflasche, mit der die Tintengläser der Kinder gefüllt wurden.

Heinrich begriff, daß die schlechte Magd dem Mädchen bange gemacht hatte.Früher waren die Leute so, daß sie den Nürnberger Trichter benutzt haben; vielleicht hat d-ie Hede auch ordentlich eins damit in den Kopf gekriegt. Aber bei mir ist das ganz anders!" Durch gutes Zu­reden gelang es ihm endlich, das kleine blonde Ding zu beruhigen. Von nun an hatte er ihre Gunst gewonnen. Sie war ganz zutraulich, da sie m-erkte, daß das Schulegehen keine Schmerzen im Köpfchen ver­ursachte.

Nach ein paar Tagen kam die Schwester Christine, -die den fran­zösischen und deutschen Unterricht der Kinder übernahm, während Hein­rich Rechnen, Schreiben und die anderen Fächer besorgte.

Christine war ein schönes Mädchen geworden. In einem lavendel- farbenen Kleid mit Spitzen stand sie aus dem Pult; in der Hand be­wegte sie ein Lorgnon, durch das sie -die Kinder beäugte, und sowie sie das Lorgnon hob, war allgemeine Stille. Die Mädchen hatten große