umgab und na-
Staccato- und Flageolett-Spiel, das Pizzicato mit der linken Hand, das Spiel auf einer Sait« usw. Durch diese musikaltfchen Ungeheuerlichkeiten schuf er obenso wie durch seine grotesken Verbeugungen, dos Marionetten, hafte feiner Haltung jene Sphäre des Unheimlich-Gespenstischen, Phan- tastisch-Dämonischen um sich. Das „Geheimnis" seiner Kunst, das er an. geblich der Nachwelt hinterlassen wollte und das jeden jungen Musiker in drei Jahren zu einem Paganini machen sollte, war nur einer seiner vielen Reklametricks. Immerhin hat er die Technik des Dtolinspiels auf eine solche Höhe der Vollendung gebracht, daß seitdem das Niveau der Geiger sich -außerordentlich gehoben hat. So verdankt ihm die musikalisch« Entwicklung außerordentlich viel: „Wäre Paganini nicht gewesen, müßten die neuzeitlichen Komponisten ihre Anforderungen an die Orchestertechnik erheblich einschränken" — sagt ein Historiker der Violinkunst.
erkennung von Rossini und Brahms gefunden haben. Auch Liszt hat sein Schassen bewundert. Man muß dabei bedenken, daß Bachs und Mozarts Geigenkonzerte damals nicht mehr, Beethovens noch nicht gespielt wurden. Die zeitgenössischen Getgen-Kompositionen überragte er. „Seine Harmonik, die uns heut veraltet erscheint", urteilt darüber Peter Raabe, „war zu jener Zeit, wenigstens auf das Wolinspiel ange< wendet, durchaus neu; neu waren seine Rhythmen, neu der ganze Hexen, spuk von Doppeltrillern, Akkorden, Tremolos und chromatischen Läufen, den er heraufbeschwor. Das Allerneueste aber, das Entscheidende seines ganzen Künstlerwesens war, daß er das Riesenausgebot von Technik nur gebrauchte, um jene phantastische Erregung zu erzeugen, die auf sein« Hörer berauschend gewirkt hat." Paganini leistet im Vortrag seiner eigenen Werke das Höchste, weil sie sein Persönlichstes enthielten. „Ich habe meine individuelle Methode", sagte er einmal; „ihr bequeme ich meine Kompositionen an. Würde ich fremde Stücke spielen, dann müßte ich sie erst noch meiner Art zurichten." Das hat er auch getan. Selbst beim Vortrag Mozartscher und Beethovenscher Quartette „schienen durch die Ideen dieser Meister stets sein« eigenen durchzuklingen".
3m puttman-Waqen nach Buffalo.
Eindrücke von einer Reise ins Dollarland.
Don Editha Kühn, Dresden.
Da die amerikanischen Eisenbahngesellschaften Privatunternehmen sind, die sich zum Wohl der Reisenden gegenseitig Konkurrenz machen, gibt es mehrere Linien, die denselben Ort zum Ziel haben. So kann man von Neuyork nach Buffalo und Niagara Falls sowohl vom Grand Central als von Pennsylvania Station fahren.
Der Pennsylvaniabahnhos ist gerade so sehenswert wie der Neuyorker Grand Central. Er ist so ausgedehnt, daß er zwei ganz« „Blocks" zwischen 7. und 8. Längs«venu« und 31. und 33. Querstraße bedeckt. Die große Haupthalle mit dem Tonnengewölbe und der Kassettendecke erinnert an den Leipziger Hauptbahnhof, mit dem Unterschied, daß j man zu den Zügen keine Treppen hinauf-, sondern fünfzehn Meter hinab- I steigen muß zu Fernbahngleisen, von denen in der Stunde zweihundert Züge abfahren, die dann durch eiserne Röhrentunncl unter 1 dem Hudson hindurchgleiten. Im Gegensatz zu Leipzigs sachlicher mo- ; derner Bahnhofsschauseite haben sich bi« amerikanischen Baumeister römische Kaiserthermcn zum Vorbild genommen. Die hohen dorische» Säulen der Kolonnade und die Treppen sind aus Steinen erbaut, dl« aus der römischen Campagna stammen. Alles ist in so großen Maße» gehalten, daß sich -die Reisenden wie Zwerge in der Riesenhalle verlieren, di« sich gerade so hoch über den kleinen Menschlein wölbt, wie dl« Vrooklynbrück« über den Hudsondampfern.
Ein Klassiker wie Goethe gestand, daß ihm d-i« Basis für den Genuß seines Spiels fehle. Ein Romantiker wie Heine fühlte sich durch ihn zum eigenen Schaffen, zum Schwelgen in bunten Phantasien angeregt. Mit der in grellen Gegensätzen die unbewußten liefen des Gefühls aufwühlenden Problematik feiner Musik traf er fein Publikum mitten ins Herz. Man bemühte felbst die Philosophie und bezeichnete ihn als den Künstler der „tragischen Ironie", „der mit dem Höchsten, was er eben erschuf, nur zu scherzen scheint, indem er es selbst wieder zerstört, diese Zerstörung jedoch immer wieder zu einem neuen Kunstwerk zu gestalten weiß." Aehnlich urteilte der Berliner Kritiker Re llstab: „Paganini ist nicht er selbst; er ist Lust, Hohn, Wahnsinn und glühender Schmerz, bald dieses und bald jenes. Die Töne sind ihm nur Mittel, sich auszusprechen, und selbst die Rührung, die er 6«reitet, zerstört er im Augenblick durch grelle Striche, durch freche Kapriccios." „Paganini ist gleichsam der Gott", meint ein anderer Kritiker, „der uns bei der Weltschöpfung zugegen sein läßt und vor der entzückten Seele bald ein brausendes Meer, bald einen stillen Sternenhimmel, bald den rollenden Donner, bald di« mit Blumen bekränzt« Quelle vorüberführt; und darüber schwebt er selbst, der Geist über seiner Schöpfung, die er jeden Augenblick zu zerstören scheint, um sie immer wieder neu und schöner aufzubauen." Das Wunderbarste aber war feine Kantilene. Schubert, der ausrief: „So ein Kerl kommt nicht wieder!" schwärmte nach seinem Konzert: „Ich hab« einen Engel im Adagio singen gehört", und Jules Janin schrieb: „Ich sah ihn, als er an einem herrlichen Frühlingsabend „Mojes' Gebet" (von Rossini! sang, wie es nur di« fj eilige Caecili« in Mozarts Paradies fingen könnte." Dieser Gesang einer leidenschaftlichen Menschenseele in den Saiten war Paganinis reinstes künstlerisches Bekenntnis; es offenbarte hinter dem Virtuosen das Genie, und diese Verklärung des Virtuosentums hat auf di« besten feiner Zeitgenoffen als Offenbarung gewirkt, hat u. a. Liszt die Bahn gewiesen, aus dem Klavier das ,zu erreichen, was Paganini auf 6er Violine erreicht. So ist der „Teufels-Geiger" nicht nur die exotischste, sondern auch eine bedeutende Gestalt der Musikgeschichte geworden."
Das eigentliche „Geheimnis" Paganinis lag in feinem schöpferischen Genie, in der Fähigkeit, das Wesen einer genialen Persönlichkeit zum stärksten Ausdruck zu bringen. Daß er ein bedeutender Musiker war, bezeugen seine Kompositionen, die er zwar mit einem gewissen Mysterium ich Opus 6 nicht mehr drucken ließ, di« aber die An- Rossini und Brahms gefunden haben. Auch Liszt
Oer Teufels-Geiger.
Ium 150. Geburtslage von Riccolo paganini.
Von Dr. Friedrich S p r e e n.
Paganini 1 Unvergessen und unoeigängiid) ist der Name, obwohl von seinem Träger heute nichts mehr übrig .st als ein paar Kompositionen, die niemand spielt. Aber feine Unsterblichkeit wird durch eine volkstümlichere Macht getragen, als die größten Leistungen darstellen, durch die Legende, den Mythos, der die Gestalt des Genuesen zum Sinnbild aller Zauberkraft der Geige, ja des Virtuosentums schlechthin gefteigert hat. Wie ihn Delacroix gemalt hat: als den Dämon der Musik, der mit seinem Instrument zur Einheit verwachsen ist — so hat ihn Heinrich Heine geschildert: „Endlich kam eine dunkle Gestalt zum Vorschein, dl« der Unterwelt entstiegen zu sein fchien. Das war Paganini in feiner schwarzen Gala. Der schwarze Frack und di« schwarze Weste von einem entsetzlichen Zuschnitt, wie er vielleicht am Hose Proserpinens von der höllischen Etikette vorgeschrieben ist. Die schwarzen Hosen ängstlich schlotternd um di« dünnen Beine. Di« langen Arme schienen noch verlängert, mde-m er in der einen Hand die Violine und in der anderen den Vogen gesenkt hielt und damit fast die Erde berührte, als er vor dem Publikum [eine unerhörten Perbeugungen ausframte. In den eckigen Krümmungen feines Leibes lag eine schauerliche Hölzernheit und zugleich etwas närrisch Tierisches, daß uns bei diesen Verbeugungen eine sonderbare Lachlust an- wandeln muhte, aber sein Gesicht, das durch die grelle Orchesterbeleuch- tung noch leichenartig weißer erschien, hatte alsdann so etwas Flehendes, so etwas blödsinnig Demütiges, daß ein grauenhaftes Mitleid unsere Lachlust niederdrückte. Hat er diese Komplimente einem Automaten abgelernt oder einem Hunde? Ist dieser bittende Blick der eines Todkranken, ober lauert dahinter der Spott eines schlauen Geizhalses? Ist das ein Lebender, der im Verscheiden begriffen ist und der dos Publikum in der Kunstarena, wie ein sterbender Fechter, mit feinen Zuckungen ergötzen soll? Oder ist es ein Toter, der aus dem Grab« gestiegen, ein Vampir, der uns, wo nicht das Blut aus dem Herzen, doch auf jeden Fall das Geld aus den Taschen saugt?"
Das Satanische, das die düstere Figur des „Teufels-Geigers" mit einer höllischen Purpurwolk« umhüllt, ist eine Huldigung der Romantik an den Künstler, der die Kreisler-Phantasten des „Teufels-Hoffmann" verkörperte. Geheimnisvoll ist fein Leben und fein Spiel geblieben bis auf den heutigen Tag, gewiß mochte er manches aus seinen Anfängen zu ' verbergen haben; noch mehr aber war zweifellos geschickte Reklame, durch , die er den Nimbus des Unheimlichen und Magischen um sich zog. Als ; Sohn eines Genueser Hafenarbeiters geboren, zeigt er früh feine must- . kalische Begabung: die ungewöhnlich breite und reich durchgebildete Ohrmuschel verrät sein feines Gehör, die fabelhaft biegsame, für jeden kühnsten Griff geeignete linke Hand läßt den großen Geiger erkennen. Der Vater, von dem der Sohn die Habgier geerbt hat, will ihn rasch als Wunderkind ausnutzen: der Knabe spielt schon in Kirchenkonzerten und entfaltet, alles zu Erlernende überflügelnd, die Eigenart seines Genies, zugleich aber die ihm [o eng verschwisterte Wildheit eines vulkanischen Temperamentes. Der Fünfzehnjährige entflieht dem strengen Gefängnis väterlicher Obhut und stürzt sich in wilde Ausschweifungen. Spiel und ■ Weiber sind die Dämonen, denen er sich hingibt. In Livorno verspielt er sogar feine Geig«, bi« ihm di« Großmut eines Mäzens durch ein« herrliche Guarneri, fortan sein ßieblingsinftrument, ersetzt. Dies« Jahre des rücksichtslosen Genusses sind in Dunkel gehüllt. Immer wieder ist behauptet worden, er habe eine ungetreue Geliebte erstochen, sei auf di« Galeere gekommen und habe hier auf einer kümmerlichen Geige, die nur noch die G-Saite hatte, die Satans-Technik ausgebildet, die später di« Welt in Taumel versetzte; auch fein breitbeiniger Gong sollte von der Cisenstange herrühren, an die die Sträflinge gefesselt waren. 1804 taucht Paganini wieder auf, widmet sich der Komposition, erringt, als Geigenvirtuose, von Ort zu Ort eilend, in Italien immer steigenden Ruhm. Seine Leidenschaft hat er an die Kette gelegt. Der Geiz ist stärker als die Spielwut, und er zieht die sicher« Goldgrube seiner Kunst dem Zufall des grünen Tisches vor. Seine Liebesabenteuer treten gegen die bürgerliche Beziehung zu einer kleinen Sängerin zurück, bi« ihm einen fanatisch geliebten Sohn Senkt. Das Feuer feiner Natur strömt nun ganz in feine Kunst, die rch Krankheit, Folge feines allzu stürmischen Geniehens, vertieft und vergeistigt wird.
Der Ruf feiner unerhörten Meisterschaft dringt über bi« Alpen. So berichtet 1814 die maßgebende „Allgemeine Musikalische Zeitung" über ihn: „Sein Spiel ist wahrhaft unbegreiflich. Er hat gewisse Gänge, Sprünge und Doppelgriffe, die man noch von keinem Violinkünstler gehört hat; er spielt die schwersten zwei-, drei- und vierstimmigen Sätze, ahmt viele Blasinstrument« nach: er gibt in den allerhöchsten Tönen ganz dicht am Steg die chromatische Skala so rein zu hören, daß es beinahe unglaublich scheint; er spielt zum Erstaunen die schwierigsten Sätze auf einer Saite, kneipt auch wohl, wie im Scherze, auf den anderen den Baß dazu; oft kann man sich kaum überzeugen, daß man nicht mehrer« Instrumente höre." Doch erst 1828 begann der rätselhafte Italiener seinen Triumphzug durch die zivilisierte Welt Europas, mit einer Begeisterung ausgenommen, die selbst in dieser Epoche der Virtuofen-Dergötterung einzigartig war. Einige Jahre rast er. Millionen aufhäufend, durch die Welt; doch schon 1835 beginnt die „Flammen- und Wolken-Säule", wie ihn Goethe genannt hat, zu verblassen. Die Kehlkopf-Schwindsucht gestattet ihm nur noch selten, feine Geige zu ergreifen, der er Töne entlockt wie keiner vor ihm und nach ihm, und 1840 stirbt er nach langem Leiden.
Worin bestand nun seine Einzigartigkeit? Sicherlich nicht nur in seiner so viel betonten Technik. Technisches kann ja stets nur Grundlage, nie das Wesentliche großer künstlerischer Wirkung fein, und daß Paganinis Spiel echteste Kunst war, das haben die besten Beurteiler, Meister wie Schubert, Liszt, Rossini, Meyerbeer, Kenner wie Marx, Guhr u. a. in überschwenglicher Bewunderung bestätigt. Die Mätzchen und Clownerien, durch die er der großen Meng« imponierte, sind gewiß fabelhaft; sie zeigen nach einem Wort Riemanns alle Eigenschaften vereint, von denen ander« Virtuosen höchstens eine belaßen: die Doppelgriffe im


