nur sah er sie, nein, er blieb auch noch stehen und verharrte in bedrückendem Still chweigen hinter Lüsches Rücken, deren Kopf immer tiefer sank.
„Ist da was?" fragte er endlich. „Hm? Ein Tier? Käfer vielleicht?" Und mit einem Schritt war er neben Lusche, die, unangenehm berührt, die Haare zurückschüttelte und finster zu ihm aufsah. „
„Nichts!" äußerte der Fremde enttäuscht, denn der Käfer war langst entschwunden. „Sag' mal, was machst du eigentlich?"
„Sie wollen wohl zu Großpapa?" fragte Lusche zurück. „Da müssen Sie geradeaus weitergehen und an der Gartentür klingeln. Dies -ist noch nicht der Garten, dies ist bloß der Obernlandstrich."
„Was ist dies? Obern...?"
„Obernlandstrich! Na?" sagte Lusche verletzend deutlich.
„Obernlandstrich! Aha, oberer Landstrich, verstehe! So, so."
Jetzt war es an Lusche, erstaunt zu [ein.
„Oberer Landstrich? Oberer Landstrich?" wiederholte ste in fassungslosem Ton, „heißt es so? Ach!"
Sie sah den Mann mit offenem Munde an. „Komisch!" fügte fic überwältigt hinzu.
„Warum denn komisch?"
„Na, zu komisch! Wir sagen immer nur: Obernlandstrich, ich geh' in'n Obernlandstrich, so ganz schnell. Und ich habe noch nie nachgedacht, was es eigentlich heißt. — Oberer Landstrich!" wiederholte sie noch einmal nachdenklich und fast ein wenig betrübt.
„Ja, ja", sagte der Fremde teilnahmsvoll, „so bilden sich Begriffe. Warum sitzest du eigentlich hier im Grase?"
„Wollen Sie nicht zu Großpapa?"
„Nein!" lachte er, ohne alles Schuldbewußtsein, „ich gehe hier — doch man so."
„Am Tor ist eine Tafel!" bemerkte Lusche streng.
„Ja, mein Kind, gewiß, mein Kind, ich habe sie auch gelesen. Unbefugten, nicht wahr, und so weiter. Ach, es gibt so viele solcher Tafeln, aber sie gelten nie für mich, mußt du wissen, ich gehe immer da, wo mir's gefällt. Und euer Obernlandstrich gefällt mir sehr."
„Ja!" Lusche strahlt auf. „Fein, nicht wahr? Passen Sie mal auf, ich will Ihnen was zeigen..."
Sie sprang auf, stutzte, wurde rot und sah verlegen nieder.
„Na, was denn nun?" fragte der Fremde erstaunt.
„Weil... Ich habe doch keine Strümpfe an ..."
„Wenn's weiter nichts ist", beruhigte er, „als ich so alt war wie du, hatte ich nie welche an."
„Also!" sagte Lusche begeistert, — „es ist nur, weil Tante Hanna immer sagt: eine angehende junge Dame... Wissen Sie."
„Lieber Gott!" sagte der Fremde mitleidig, „du bist doch höchstens fünfzehn!"
„Dreizehn!" sagte Lusche mit Nachdruck.
Sie gingen über das Stück Grasland, das, in einer Krümmung des Bachbettes liegend, ringsum von hohem, dichtem Gesträuch umschlossen ward, in dem Waldrebe und Jelängerjelieber wucherten und in lichten, duftenden Netzen herabhingen. Eine zerfallene Brücke führte hier über den Bach. Lusche wies pfiffig darauf hin: „Voriges Jahr war sie noch heil. Jetzt traut sich keine Tante mehr hinüber. Uff die Brücke gehn sie nicht!"
„Du scheinst auch nicht hier groß geworden zu sein", meinte ihr Begleiter lächelnd.
„Nein", — Lusche wurde etwas tragisch. „Ich bin aus Berlin. Leider!"
Aber nun hob sie die niederhängenden, breiten Aeste der schwarzgrünen, turmhohen Tanne auf, vor der sie stehengeblieben waren. Sie traten ein paar natürliche, durch große Wurzeln gebildete Stufen hinunter, und Lusche sah begeistert zu dem Fremden auf.
„Na?" fragte sie gönnerhaft.
Der graue^Mann sah sich kopfnickend um.
„Allerdings", sagte er, „du hast recht! Es lohnte sich!"
Eine kleine Bank mit einem rohen, in den Boden gepfählten Tisch stand am Stamm der Tanne. Er ließ sich nieder, behandelt« seine Stirn und sein üppiges, sahlblondes Haar mit dem bunten Tuch und sah sich wiederum befriedigt um. Sie befanden sich in einer tiefschattigen, von den Tannenästen gebildeten Höhle, die sich nach vorn zum Bach hin öffnete. Die Schlucht war hier durch eine Ausbuchtung des jenseitigen Ufers zu einem Becken erweitert, in dem das fchnellstürzende Wasser sich staute und einen beruhigten, goldbraun klaren Spiegel über den glatten Kieseln und dem feinen angeschwemmten Sand des Grundes bildete, von dem aus zartes, verflochtenes Geriesel sich den Ausweg zwischen großen, moosüberzogenen Steinen suchte. Das andere Ufer war hoch, steil und lehmig, Gras und Blumen nickten über [einen Rand. Aber hier hinunter drang das Licht nur verstohlen durch das Gezweig, wenn der Wind es rührte, tanzte über das Wasser hin ober rollte in goldenen Bällen über die dunklen Abhänge. — Lusche hatte sich auf den Tisch gesetzt, die Füße auf der Bank neben dem neuen Freund, die Ellbogen auf den Knien, und alle zehn Finger in ihrem hellen Haar vergraben.
„Hier bin ich voriges Jahr immer mit Tante Eugenie gewesen." Sie verzog bas Gesicht und fuhr in hohen Tönen fort: „Mein Lieblingsplätzchen! Hier ruhe ich, hier träum' ich, — hier schwärme ich!"
Der Fremde lächelte: „Sagte sie so?"
Lusche nickte mit verächtlichem Gesicht: „Damals wußte ich noch gar nicht, was .Schwärmen' ist."
„Nun, und jetzt?"
„Ach", sagte Lusche und schnellte sich herum, daß sie ihm den Rücken wandte. „Sehen Sie, dort unten kann man feine Brücken bauen! Einmal hab' ich da eine Forelle gefangen! Mit der Hand. Angeln Sie eigentlich?"
„Zeitweise", erwiderte der Fremde zerstreut. Er sah vor sich hin, schien ein wenig zu lächeln und und richtete seine grauen Augen plötzlich
voll auf Lusche, die ihn über die Schulter hinweg etwas mißtrauisch ansah.
„Du sprichst soviel von Tanten", sagte er, „du hast wohl sehr viele hier?"
„Viere", sagte Lusche und hielt ihm vier Finger unter die Nase. — „Und eine kommt noch!" setzte sie seufzend hinzu und ergänzte das Finger» symbol durch Hervorschnellen des Daumens.
„So, — hm, hm. Sag mal, ist da wohl eine Dame namens — nun, -ist vielleicht ein Fräulein Claaßen darunter?"
„Claaßen?" Lusche lachte. „Claaßen heißen sie beinahe alle! Tante Hanna, Tante Lalla, Tante Cornelia Claaßen, bloß Tante Magdalena, die Mutter von Paul, die heißt Arnholz."
Er sah sie unruhig an.
„Nun, und Katharina — Fräulein Katharina Claaßen?"
„Ach die", sagte Lusche gleichmütig, „ja, die kommt noch. Diese Woch^ glaub' ich. Kennen Sie die? Ich noch nicht."
„Ich kenne sie", sagte der Fremde und lächelte etwas geistlos, ohne Lusche anzusehen. „Ich kenne sie ein wenig. — Aber sie wird sich nicht an mich erinnern", fügte er hastig hinzu. —
In diesem Augenblick kam ein anschwellendes Dröhnen durch die Lust, erstarb einen Augenblick und wuchs wieder schollernd an. Lusche fuhr entsetzt herum. „Das Tamtam!" rief sie. „Meine Strümpfe! Das Mittagessen! Oh, ich sollte ja das weihe Kleid anziehen!"
Sie war in den Strümpfen, ehe das wilde Geräusch ausgetobt hatte, und verließ den grauen Fremden ohne langen Abschied.
„Es gibt SchlagsahntütchenI" rief sie ihm noch zu, während sie durch das hoye Gras lief und er am Ausgang der Schlucht stand und seinen formlosen Hut feierlich hinter ihr drein schwenkte---
*
„Die Knickse kannst du dir jetzt abgewöhnen!" sagte Paul mißbilligend zu Lusche. Er hatte eben einen älteren Schulkameraden begrüßt, der zur Sommerfrische im Dorf wohnte, und hatte dabei peinlich berührt wahr- genommen, daß Lusche an seiner Seite hurtig zusammensank und wieder hochschnellte.
„Eine Dame grüßt so, — siehst du!"
Er oollführte mit dem Kopf eine gemessene Beheizung, wobei ihm der Kneifer von der Nase sprang und den Ausdruck zurückhaltender Liebenswürdigkeit zerstörte, der dieser Gruhbewegung die Weihe geben sollte.
Lusche sah gläubig zu ihm auf.
„Mama wird es nicht erlauben", bemerkte sie schüchtern.
„Na, wenn du mit mir gehst und ich meine Freunde grüße, jedenfalls!" entschied Paul. „Einmal muß man doch aufhören, Kind zu sein. Du bist nun vierzehn ..."
„Dreizehn!" schob Lusche ein.
„(Egal! Die Schwester von Benz ist zwölf, und ich sage dir: reif für sechzehn! — Eigentlich könntest du auch Handschuhe anziehen, wenn wir zusammen ins Dorf gehen, — es gehört nun 'mal zum Straßenanzug!"
Lusche, die ein etwas verwaschenes blaues Kattunkleid mit halblangen Aermeln anhatte, blickte auf ihre braunen Arme und Hände, lachte ein bißchen und sah Paul freundlich-verlegen an.
„Im Sommer hab' ich nie welche", gestand sie. — Dann triumphierend: „Du hast ja auch keine an!"
„Bei Herren ist das anders", war die strenge Erwiderung. „Du kannst jetzt ,mal zu Peter Bockmeier reingehen wegen der Hausmacherwurst, ich...", Paul blickte gleichgültig in die Ferne, errötete aber trotzdem, „ich muh mich heute rasieren lassen, warte nachher an der Ecke auf mich!"
Und während Lusche eilfertig die Stufen zum Metzgerladen hinauflief, froh über die Unterbrechung dieses Gespräches, berührte er im Weitergeben vorsichtig sein Kinn, um sich von dem Vorhandensein schüchterner, kleiner Stoppeln zu überzeugen. Er hätte nicht sagen [ollen „heute rasieren lassen" — nein, einfach „muß mich rasieren lassen" — überhaupt selbstverständlich „rasieren lassen!" Das ging doch niemand etwas an, daß es einstweilen nur alle vier Wochen nötig war. —
Als er unter dem blanken Messingbecken des Baders wieder auf die Dorfstahe hinaustrat, fühlte er sich gehoben, wenn schon etwas zerschunden um Kinn und Wangen herum. „Der junge Herr haben noch eine gar so feine Haut", hatte der alte Eisele gesagt; — war das nun eine Schmeichelei gewesen? — Lusche war natürlich nicht an der Ecke. Erst nach einer Weile suchender Umschau entdeckte er sie vor einem Bauernhause, wo sie mit baumelnden Füßen auf der Deichsel eines Leiterwagens saß und wippte. Und auf der anderen Straßenseite mußte aus- Serechnet der Rudi Lechler vorbeigehen, — wie der dicke Kerl zu Lusche inübergrinfte und den Hut nicht von dem runden Krauskopf tat.
„Grüß dich, Lechler!" sagte Paul etwas schneidig und berührte nachlässig seine Hutkrempe. „Kennst meine Cousine scheint's nimmer!"
„Ja, der Paul!" sagte Lechler gemütlich. „Bist du auch einmal wieder da? Wieso soll ich deine Cousine nicht kennen? Lusche heißt sie, und aus« schauen tut sie wie immer." Er lächelte mit listigem Zwinkern seiner braunen Augen zu Lusche hinüber, die ihn unter ihrem breiten Strohhut finster ansah.
„Weil du sie nicht grüßt", bemerkte Paul steif.
„Sie grüßt mich ja auch nicht", sagte Rudi gelassen. „Hast schon geschwommen heut, Paul? Ich schon! Hast du's aber eilig! Servus, Paul!"
„Servus, Lechler!"
Lusche sprang von der Deichsel, daß die Wagenkette klirrte, und lief zu Paul hinüber. Eine Weile gingen sie schweigend im weißen Kalkstaub der Straße, auf dem die Mittagssonne lag, blendend, wie auf den weißen Wänden der Fachwerkhäuser.
(Forffetzung folgt.)
Schriftleitung: i. V. Dr. Fr. W. Lange, Gießen. — Druck und Verlag: Brühl'sche Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange in Gießen.


