Bis jetzt hab' ich gemeint, ich müßte verrückt werden, wenn mein Sohn nicht zurückkäme", sagte sie.Aber jetzt danke ich Gott, daß er nicht unter diesen Gerippen ist."

Die Landwehrmänner rasteten eine ganze Woche in Marbacka. Dann setzten sie etwas gestärkt und erquickt ihren Weg nach Norden {ort. Aber sie hatten die Ruhr zurückgelassen. Alle Leute auf dem Hofe erkrankten schwer, aber es starb niemand außer den beiden Kinderchen der Groß­mutter. Sie waren noch zu zart, um dieser Krankheit widerstehen zu können. Als die beiden Kinder in ihren Särgen lagen, da dachte die Großmutter:Wenn ich getan hätte wie die andern, wenn ich das fremde Bolk nicht ausgenommen, sondern sie mit Steinwürfen fortgejagt hätte, dann wären meine Kinder noch am Leben."

Aber wie sie das dachte, da fiel ihr wieder das Gesicht von jenem Frühlingsabend ein, nämlich die Wölfe und die Kinder, die jene fort­geschleppt hatten.Unser Herrgott trägt keine Schuld", sagte sie,er hatte mich gewarnt." Die Kinder waren ja nicht gestorben, weil sie barm­herzig gewesen war, sondern weil man sie nicht mit der nötigen Vorsicht vor Ansteckung behütet hatte.

Als die Großmutter so erkannte, wieviel sie selbst Schuld daran hatte, daß ihre Kinderchen nun tot und begraben waren, wollte sie der Schmerz fast überwältigen.Das kann ich nie verwinden", dachte sie.Ich werde nie wieder ein ganzer Mensch werden." Was ihre Verzweiflung noch vermehrte, war der Gedanke, wie ihr Mann den Verlust der beiden Kleinen aufnehmen werde. Er war seit mehreren Monaten nicht mehr daheim gewesen. Die Schwermut hatte wohl die Oberhand gewonnen, und nun wagte er sich nicht zurück in sein Haus. Wo er jetzt war, wußte sie nicht. Sie konnte ihm nicht einmal Nachricht von dem Vorgefallenen geben. Nun würde er gewiß denken, es sei die Strafe Gottes, weil sie sich geheiratet hatten. Vielleicht würde er überhaupt nicht mehr zu ihr zurückkehren. Jetzt aber war sich die arme Frau nicht mehr klar darüber, ob er nicht doch am Ende recht hätte. Vielleicht war es das beste, wenn sie sich nie wiedersahen.

Alle Leute auf dem Hofe waren tief betrübt über diese schwere Trauer der Großmutter, und sie wußten nicht, wie sie ihr helfen sollten. Aber der lange Bengt, der älteste Knecht von allen, war nicht bange, auch ein­mal aus eigene Faust zu Werke zu gehen, und jetzt begab er sich zum zweitenmal nach Kymsberg, um zu versuchen, den Hausherrn herbeizu­schaffen.

Dieses Mal dauerte es keine zwei ganzen Tage, bis der lange Bengt zurückkam. Er hatte den Regimentsschreiber richtig gefunden und sein Anliegen vorgebracht; aber kaum war er fertig mit seiner Rede, da ließ der Hausherr auch schon ein frisches Pferd vor den Wagen spannen. Ohne anzuhalten, fuhr er die ganze Nacht hindurch, so daß er schon am andern Morgen in Marbacka war.

Und als er ankam, war er nicht steif und rauh. Er schloß seine Frau sanft in die Arme, wischte ihr die Tränen ab und tröstete sie mit den mildesten Worten. Es war, als vermöge er ihr erst jetzt, wo er sie ver­nichtet und schmerzerfüllt sah, die ganze Gröhe seiner Liebe zu zeigen.

Sie empfand es wie ein Wunder.

Und ich glaubte, ich müsse auch dich noch verlieren", sagte sie.

Ich bin nicht der, den man im Leid verliert", erwiderte er.Dachtest du, ich könne dich verlassen, weil du zu barmherzig gewesen bist?"

In dieser Stunde tat sie einen tiefen Blick in sein Herz; nun verstand sie ihn besser als je zuvor. Ja, nun wußte sie es: in frohen, guten Tagen, da muhte sie auf eignen Füßen stehen, und dazu war sie auch imstande. Aber im Leid, int Kampf und in ernsten Zeiten, da würde er allezeit an ihrer Seite stehen als ihr Schirm und Schutz.

Die drei Zigeuner.

Don Nikolaus Lenau.

Drei Zigeuner fand ich einmal Liegen an einer Weide, Als mein Fuhrwerk mit müder Qual Schlich durch sandige Heide.

Hielt der eine für sich allein In den Händen die Fiedel, Spielte, umglüht vom Abendschein, Sich ein feuriges Liebel.

Hielt der zweite die Pfeif im Mund, Blickte nach seinem Rauche, Froh, als ob er vom Erdenrund Nichts zum Glücke mehr brauche.

Und der dritte behaglich schlief, Und sein Cimbal am Baum hing, lieber die Saiten der Windhauch lief, lieber fein Herz ein Traum ging.

An den Kleidern trugen die drei Löcher und bunte Flicken, Aber sie boten trotzig frei Spott den Erdengeschicken.

Dreifach haben sie mir gezeigt, Wenn das Leben uns nachtet. Wie rnan's verraucht, verschläft, vergetgt Und es dreimal verachtet.

Nach den Zigeunern lang noch schaun Muht ich im Weiterfahren, Nach den Gesichtern dunkelbraun, Den schwarzlockigen Haaren.

Paradies.

Novelle von Ina Seidel.

Die Kleinen nun ja, wer wollte es anders von ihnen erwarten? die klabasterten natürlich nur der Wibele wegen so eilig die Wendeltreppe hinauf, und daß man sie zu Großpapa emporhob, um sich küssen zu lassen, das war ihnen Nebensache, ihre Augen waren bei der schlanken Blech­büchse, die auf dem Seitentischchen rechts neben Großpapas riesigem Lehnstuhl stand.

Früher, dachte Lusche ach, warum dachte sie jetzt nur so ost früher ...", war es nicht erst ein Jahr her, seit sie zuletzt in Landseck gewesen war? früher freute ich mich, glaube ich, auch nur der Wibele wegen auf den Guten-Morgen-Kuh. Aber in diesem Jahr konnte sie es kaum erwarten, Großpapa selbst zu sehen, wie er in seinem thronsessel­artigen Stuhl saß, die kranken Beine hochgelegt und in eine Decke gehüllt, über den Knien ein leichtes, hochbeiniges Tischchen mit verstellbarer Schreibplatte, das ganz mit Büchern und Papieren bedeckt war. In dem flachen Tintenfaß glänzte die Tinte wie ein violetter Edelstein; der sil­berne Deckel war zurückgeschlagen, er war rund und hohl und mit ein­geritzten Linien überzogen wie eine kleine Erdkugel. Großpapas ge­drungene, wohlgeformte Hand glitt ohne abzusetzen auf dem großen Bogen hin und her und hinterließ als Spur festgefügte Zeilen jener winzigen runden Buchstaben, die kein Kind je entziffern konnte und die deshalb ähnlich rätselvoll waren wie die seltsamen Hieroglyphen auf den ägyptischen Pyramiden, die Großpapa offenbar waren, als sei er viel­tausendjährig und vertraut mit versunkenen Zaubervölkern. Er sah nicht gleich auf, als die Kinder eintraten, dann aber hob er die Augen und spähte über die Brillengläser hinweg, ohne den Kopf zu bewegen. Nun schrieb er lächelnd noch einen Satz zu Ende und legte den Feder­halter nieder. Er nahm die Brille ab und sah die Kinder an, wie der liebe Gott ein paar neue Engel ansehen mag, die erst gestern abend in seinen Himmel gekommen sind.Habt ihr gut geschlafen, und was habt ihr geträumt in der ersten Nacht?" fragte er etwa; und Lusche wußte, das waren Fragen, auf die man nicht zu antworten brauchte, denn Groß­papas Hand suchte schon nach der Wibelebüchse, während die Kleinen, von Mama hochgehoben, sich mit offenen Mäulchen gedankenlos küssen ließen. Lusche aber stellte sich auf die Zehenspitzen, und behutsam, um nicht an das kranke Bein zu rühren, reckte sie sich und beugte sich über das Tisch­chen. Großpapas Bart war weiß wie Schaum und krauste sich über den rosigen Wangen in festen, durchsichtigen Löckchen. Nur um den Mund herum war er angeraucht und vergilbt wie altes Elfenbein. Und Lusche küßte weihevoll in diesen wunderschönen Weihnachtsmannbart hinein, und befriedigt nahm sie wahr: ja, er duftet immer noch so köstlich nach Myrrhen, ebenso wie Großmamas schöne Hände von dem Dust jener märchenhaften Seife umhaucht waren, dieä la Reine des Abeilles" hieß, was so gut zu Großmama paßte.

War denn auch wirklich alles noch wie früher?

Da lag es, das braune Krokodil mit dem gekerbten Lederrücken, das sich auseinanderklappen ließ und in seinem rotgefütterten Bauch das elfenbeinerne Falzbein barg. Da standen auf dem Seitentischchen jene geheimnisvollen Gefäße aus lichtblauem Glas Wasserkanne, Becher, ein Schälchen mit silbernem Deckel, wozu dienten sie nur? Und die große Lupe mit dem perlmutternen Griff lag da, durch die betrachtet der Rücken der eigenen Hand wie ein Stück Fell von einem fremden Tier, borstig und löcherig, aussah. Die Wibelebüchse aber war gefüllt wie nur je, und als Lusche das winzige Gebäck verschämt in den Mund schob, denn Großpapa hatte gefragt:Darf man das denn der jungen Dame noch anbieten?" da klinz-klangte hell und melodisch die alte Repetier- uhr in Großvaters Hand, auf deren dunkelblauem Emailzifferblatt zwei silberne Indianer mit Hämmerchen an eine Glocke pinkten; in seinem Messingdrahtbauer plusterte sich der Gimpel zu einer roten Federkugel auf und flötete ehrgeizig feinAch, wie ist's möglich dann" dazwischen und versagte mitten drin mit einem erstaunten Pfiff, von draußen aber kam mit der unsäglich reinen Morgenlust, die den gelblichen Vor­hang vor der offenen Balkontür zärtlich schwellte, der sonnenwarme, süße Dust der Hängenelken.

Lusche hatte im See gebadet, hatte auf dem Steg, dessen glühende Bretter die nackten Sohlen fast versengten, in der Sonne gelegen, und nun ging sie, Schuh und Strümpfe in der Hand, behutsam auftretend, denObernlandstrich" entlang. Dieser Teil des Gartens ward durch den Seeweg, der dem allgemeinen Verkehr offen stand, von dem Anwesen getrennt und verband es mit der Landstraße. Hasel- und Erlengebüsch zog sich an der Schlucht des Baches hin und bildete köstliche, unwegsame Höhlengänge; auf dem schmalen Wiesenstreifen jenseits konnte man völlig in Verschollenheit eingehen. Lusche liebte den Ort. Sie trottete mit hängendem Kopf dahin, benommen von der Sonne und dem Heuduft der nahen Wiesen. Aber hier wucherte das Gras noch üppig in üb er­blühter, bräunlicher Fülle, und Lusche sah dankbar das Zittergras nicken und blickte schläfrig nachdenklich zu den Kronen der Kirschbäume auf, die mit braunen, harzglänzenden Stämmen am Wege standen und noch vereinzelte Kirschen trugen, an denen Buchfinken und Amseln pickten. Bei der alten Buche wollte Lusche zum Bach hinab, aber sie lauerte zunächst einmal nieder, um den Lauf eines großen, bronzegoldenen Käfers zu verfolgen, der über die Gräser hinhastete. In diesem Augenblick hörte sie Schritte, und ausblickend gewahrte sie einen glattrasierten Herrn in einem fälligen, grauen Anzug, der feinen Panamahut in der linken, ein buntseidenes Taschentuch in der rechten Hand trug, mit dem Ausdruck harmloser Selbzusriedenheit in den geröteten, etwas plumpen Zügen, als wandele er auf seinem eigenen Grund und Boden. Lusche hielt ihn für einen Besucher Großpapas, und ihre nackten Beine waren ihr auf einmal höchst peinlich.

Früher, dachte sie gerade noch, war mir so 'was vollkommen piepe!

Dann sank sie ganz ins Gras, so daß ihr Sommerkleid die Füße bedeckte, und blickte, vom Wege abgewandt, angelegentlichst auf eine Skabiose nieder, erfüHt von der unwahrscheinlichen Hoffnung, der Fremde würde sie nicht fehen, wenn sie ihn nicht sah. Aber vergebens! Denn nicht