Als der Sultan endlich seiner Gastgeberschaft müde wird, Karl XII. sich aber um die deutlichen Winke, es sei nun seines Aufenthalts in den Reichen der Hohen Pforte genug, durchaus nicht kümmert, kommt es m Bender in Bessarabien zu dem berühmten Uebersall auf ihn und seine Handvoll schwedischer Ofsiziere. Einen Tag lang rauft Karl mit seinen zwei Dutzend Offizieren gegen 14 000 Janitscharen und Tataren. Erst als das Haus, in dem sich der König mit seinem Gefolge verteidigt, in Flammen über ihnen zusammenstürzt, werden sie umringt und gefangen. Es war ^nehr ein Triumphzug als eine Gefangennahme. So hingerissen waren die Krieger des Sultans von diesem Heldentum. Aber Karl Xll. drängte es nun doch nach Schweden. , .
Nur mit wenigen Begleitern bricht er auf. In einer Novembernacht tritt er als fein eigener Kurier vor den Festungskommandanten von Stralsund. Und als der über die nächtliche Störung ungehaltene Geiwral ihn nicht erkennt, schlägt er ihm lachend auf die Schulter und ruft: „Wie, General, erkennen mich meine Getreuesten nicht mehr?" — Nach einem Ritt von sechzehn Tagen über die Diagonale Europas von der Türkei nach Stralsund. Hundertvierzig Kilometer im Tage!
Ein Jubel sondergleichen geht durch Schweden. Ruhmvoll leitet er noch die Verteidigung von Stralsund. Auf einer kleinen Brigantine entkommt er knapp vor der unabwendbaren Kapitulation, und betritt nach fast 15 Jahren wieder schwedischen Boden. Aber Stockholm sah er nicht wieder. Dorthin wollte er nicht eher heimkehren, als bis er als Entgelt für die vielen Provinzen, die Schweden in diesen Jahren verlor, Norwegen für die schwedische Krone erobert hatte.
In diesen Kämpfen gegen Norwegen sank drei Jahre spater vor der norwegischen Festung Frederikshall sein von der Kugel einer feindlichen Wallbüchse zerschmettertes Haupt auf die Brüstung des Laufgrabens vor der Schanze Gyldenlöwe. . ., r, .
Ein Heldenleben fast ohnegleichen war zu Ende. Heute noch geht stolz die Sage von diesem König und seinen blauen Jungen durch Sveas Land, wollen die Lieder nicht schweigen von „Kung Carl, den unga hjelte" — von König Karl, dem jungen Helden.
Am Sarge Karls XII.
Von Alma Hedin.
Der berühmte schwedische Tibetforscher Sven Hedin hat in seiner Schwester eine vorzügliche Biographin gesunden, die in dem Buch „Mein Bruder Sven" (Verlag Brockhaus, Leipzig) ein aufschlußreiches Lebensbildnis des großen Schweden gibt. Darin hat sie auch die in Gegenwart Sven Hedins und des bedeutenden schwedischen Dichters Verner von Heidenstam im Sommer 1917 erfolgte Oeffnung des Sarges Karls XII. in einer eindrucksvollen Schilderung festgehalten.
Ein Ereignis in diesem Sommer, das Sven aufs höchste interessierte, war die Oeffnung des Sarges Karls XII.; die Leiche des Königs sollte untersucht werden. Die Geschichtsforschung hatte nicht klarftellen können, ob er durch eine feindliche Kugel gefallen oder von feinen eigenen Leuten erschossen worden war; der Schuß war zur einen Schläfe hinein und zur anderen^ hinausgegangen; man glaubte jetzt feststellen zu können, von welcher Seite die Kugel gekommen ist. Der Kopf und der Übrige Körper sollten sorgfältig geröntgt werden. Der König war bei mehreren Gelegenheiten verwundet worden, und man bekam jetzt Klarheit über die Be- schassenheit seiner Verwundungen. Kurz vor der Schlacht bei Pultawa erhielt er einen Schuß in den Fuß. Diese Wunde war die Ursache der Niederlage, der ein Unglück für Schweden nach dem anderen folgte.
Als der Sarg geöffnet wurde, waren U. a. auch Verner von Heidenstam und Sven zugegen. Es war ein feierlicher, ergreifender Augenblick, als der Deckel abgehoben, das Kiffen mit Kräutern, das das Gesicht verdeckte, entfernt und der Tote sichtbar wurde. Die Sonne schien scharf durch die kleinen Fensterscheiben und beleuchtete die wunderbare Gruppe. Die übrige Kirche lag im Dunkel. Aerzte in langen weißen Mänteln und Krankenschwestern standen um das Lager des Toten. Auf die Zuschauer wirkte es, als handelte es sich um einen Verwundeten.
Die zwei Jahrhunderte, die vergangen waren, seit König Karl fiel, hatten seine wohlbekannten Züge nur wenig verändert. Er behielt noch im Tode seine Majestät. Wenn die Soldaten, die die Wache an dem Sarge hatten, eintraten, grüßten sie ihn wie einen lebendigen König.
Die Untersuchung dauerte mehrere Tage. Die ganze Garnison von Stockholm und die darum gebeten hatten, dursten den König sehen. Es war eigenartig, die zu beobachten, die von dem Toten kamen. Sie waren alle ernst und tief ergriffen. Ein junges Mädchen weinte heftig, viele hatten Tränen in den Augen. So stark ist noch heute die Macht dieses Königs über die Gemüter der Schweden.
Heidenstam und Sven waren in diesen Tagen oft in der Riddarholms- kirch->. Sie waren ganz erfüllt von dem Gedanken an den Toten, und sie fühlten eine große Leere, als das Grab wieder geschloffen worden war. Sven hatte vieles aus feinem wechfeloollen Leben vergessen, aber niemals roirb er vergessen, daß er Karl XII. von Angesicht zu Angesicht gegenüber gestanden hat.
Die Landwehrmänner.
Eine Geschichte aus Schweden.
Von Selma L a g e r l ö f.
Im Jahre 1810, als Großmutter mehrere Jahre verheiratet war und schon zwei Kinderchen hatte, saß sie eines Abends am östlichen Fenster der Küchenftube. Die Dämmerung war hereingebrochen, und da der Marz schon weit vorgeschritten war und sie kein Licht anstecken wollte, hatte sie ihren Strickstrumpf ergriffen, denn stricken konnte sie auch in der tiefsten Dunkelheit. Wie sie so bei ihrer Arbeit faß, hob sie ganz unwillkürlich den Kopf und sah durchs Fenster hinaus. Doch da wollte sie kaum ihren Augen trauen. Noch vor ganz kurzem war es draußen still und klar gewesen, und nun herrschte dichtes Schneegestöber. Der Schnee fiel so dicht,
daß sie kaum den Lichtschein des gerade gegenüberliegenden Fensters der Gesindestube unterscheiden konnte. Der Wind fegte in heftigen Stoßen daher, der Schnee prasselte gegen die Wände, und in der kurzen Zeit, die Frau Lagerlöf dagesessen hatte, waren von dem immer dichter fallen- den Schnee schon die Büsche und der Lattenzaun ganz bedeckt. Die Dunkelheit war seit dem Ausbruch des Unwetters rasch tiefer geworden, aber Frau Lagerlöf konnte doch sehen, daß meherere große Tiere durch die Schneewehen nach dem Hinteren Hofe jagten. „Hoffentlich nehmen sich die Mädchen in acht und gehen nicht hinaus, um Holz zu holen", dachte ie, „denn die Graubeine sind heut abend unterwegs."
Gleich danach hörte sie einen Schrei und sah einen Wolf vom Hintern Hose herkommend an ihrem Fenster vorbeilaufen. Er trug etwas im Rachen, das sich wehrte und Widerstand leistete. Frau Lagerlöf meinte auch, es fei ein Kind; aber was für ein Kind hätte das fein sollen? Ihre eigenen waren an ihrer Seite, und andre Kinder gab es nicht auf dem Hofe.
Aber siehe, dicht hinter dem ersten Wolfe kam auch sofort ein zweiter dahergekeucht, und auch dieser trug ein Kind im Rachen. Da litt es die Großmutter nicht länger auf ihrem Stuhle. Sie fuhr so schnell empor, daß der Stuhl umfiel, eilte in die Küche und durch die Küchentür hinaus ins Freie. Aber dort blieb sie stehen. Vor ihr lag die klare, stille, liebliche Frühlingsnacht. Nirgends eine Spur eines Schneegestöbers und nirgends ein Wolf. Sie muhte über ihrem Strickstrumpf eingenickt fein, und was sie gesehen hatte, war nur ein Traum gewesen.
Doch dahinter mußte etwas Ernsthaftes verborgen liegen, das verstand die Großmutter. „Wir müßen jedenfalls gut auf die Kinder achtgeben", sagte sie zu den Dienftleuten, „das war kein leerer Traum, sondern eine Warnung."
Doch den Kindern stieß nichts Gefährliches zu; sie wuchsen und gediehen, und das Gesicht oder der Traum, oder was es nun war, geriet in Vergessenheit, wie so vieles andre dieser Art.
Im August desselben Jahres kam eine Schar armer Kriegsleute durch Marbacka gezogen. Sie waren zerlumpt, ausgehungert und krank, die Leiber zum Gerippe abgemagert und die Augen gierig wie die wilder Tiere. Alle sahen aus wie vom Tode gezeichnet. Sie erzählten, sie kämen vom oberen Ende des Frykensees und aus dem Bezirk im nördlichen Teil des Frykentals. Jetzt jedoch, wo sie sich ihrer Heimat näherten, feien sie nicht froh, denn sie fürchteten, ihre Angehörigen würden sie nicht wieder erkennen wollen. Vor zwei Jahren waren sie als frische, starke Burschen ausgezogen. Was würden die Leute daheim sagen, wenn sie sie nun so elend wiedersahen? Sie taugten zu nichts anderem mehr, als in die Kirchhofserde gelegt zu werden. Die Armen waren gar nicht im Krieg gewesen, sie waren nur hin und her marschiert in Hunger und Kälte. Sie hatten kein Gefecht gesehen, sondern nur mit Krankheiten und Verwahrlosung gekämpft. Viele Tausende waren sie gewesen, als sie auszogen, aber ein Tausend nach dem andern war umgekomen. Sie berichteten, eine große Anzahl von ihnen sei in offene Prahme gesetzt und gezwungen worden, mitten im Winter über das wilde Meer zu rudern. Wie es auf der Fahrt zugegangen, das wußte niemand; aber als die Prahme an Land trieben, da hatte die Besatzung an den Rudern gesessen, tot, mit Eis Überzogen und erfroren. Die wenigen, die noch am Leben geblieben waren, suchten nun den Heimweg auf eigene Faust. Aber wähend ihrer Wanderung war es ihnen oft begegnet, daß sie, sobald sie sich Ortschaften und Höfen genähert hätten, mit Steinwürfen fortgejagt worden waren. Ein Kummer aber nagte am meisten an ihnen. Ach, daß sie nicht in den Krieg gekommen und totgeschossen worden waren, sondern sich in unendlicher Qual nun weiter durchs Leben schleppen mußten! Sie wußten nur zu gut, in welchem Zustande sie sich befanden, voller Ungeziefer, stinkend vor Schmutz und unheimlich anzufehen. Als sie nach Marbacka kamen, begehrten sie kein Bett und kein Dach; sie baten nur um ein paar Bündel Stroh und ein trockenes Plätzchen, auf dem sie sich niederlegen könnten. Aus Marbacka empfing man die armen Kriegsleute nicht mit Steinwürfen. Der Regimentsschreiber war auswärts, aber feine Frau erlaubte ihnen, ein Lager im Hinteren Hofe dicht am Zaun aufzuschlagen. Grütze und Suppe kochte man für sie in großen Kesseln, und was von Kleidern entbehrlich war, wurde ihnen gegeben. Die Leute vom Hose standen in hellen Haufen unaufhörlich an dem Lagerplatz, um den Berichten dieser armen Menschen zuzuhören. Allerdings, alle konnten nicht reden. Manche gaben auf keine Anrede eine Antwort, so stumpf waren sie. Sie schienen gar nicht mehr zu wissen, wer sie waren und woher sie tarnen. Es war etwas [o Außerordentliches, wie ein Teil dieser Männer verwandelt war, daß das Gerücht davon weit durchs Land ging und die Leute von weit hergewandert kamen, um selbst zu sehen.
„Der dort", sagte ein Fremder, der die bemitleidenswerten Reisekameraden lange betrachtet hatte, „ja, der dort drüben soll der Sohn von Jörgen Persa in Torsby sein! Aber ich kenne Jörgen Persas Sohn. Der wa? ein seiner Bursch. Da ist keine Spur von Aehnllchkeit vorhanden-
Eines Tages tarn eine arme Witwe des Wegs daher. Sie stammte aus einem kleinen Walddörfchen ganz im Norden, wo sie ihr Leben in hartem Kampf mit Hunger und Not fristete.
„Ist einer unter euch, der Börje Knutsfon heißt?" fragte sie, nachdem sie die kranken Landwehrleute eine Weile betrachtet hatte. Keiner aus der ganzen Schar gab Antwort. Die Leute kauerten mit hochgezogenen Beinen auf dem Boden und stützten das Kinn auf die Knie. So faßen sie oft stundenlang, ohne sich zu rühren.
„Wenn einer von euch Börje Knutsfon heißt, fo soll er sich zu erkennen geben, denn er ist mein Sohn", sagte die Frau.
Keiner der armen Elenden sagte ein Wort oder machte eine Bewegung Sie hoben nicht einmal den Blick zu ihr auf.
„Seit er fortgezogen ist, hab' ich jeden Tag geweint", fuhr die arme Witwe fort. „Wenn er unter euch ist, könnte er doch wohl aufftehen uno es mir sagen, denn ich selbst erkenne ihn nicht wieder." Aber alle verblieben stumm, und die Frau ging langsam wieder fort.
Dem ersten Menschen, dem sie begegnete, berichtete sie, was >hr geschehen war. Und dabei war sie ruhig und beinahe ftoh.


