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Unterhaltungsbeilage zum Eichener Anzeiger
Jahrgang 1(932
Montag, den 27. Juni
Nummer 49
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Hurra, und Flammen.
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Wanken.
Fahnen ['altern.
Gebt meinen Hengst mir, den Hengst, den Hengst!
Mir nach, mir nach! Degen heraus jetzt! Sturmmarsch hör ich schlagen, höre euer In Rauch und Blut seh ich euch, in Rauch Degen heraus jetzt!
Mir nach, mir nach!
Zum Sieg, zum Sieg! Erde, erbebe!
Pulverdampf und Leichen. Vorwärts ohne Durch Glanz und Glut geht die Bahn; die Erde, erbebe, zum Sieg, zum Sieg!
Komm, Tod! komm, Tod!
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Letzter Wunsch.
Von Detlev von Liliencron.
Den Hengst, den Hengst!
Gebt meinen Hengst mir!
Schaum spritzt ihm vom Zügel, seine Flanken zittern.
Der Grimm umrast mir den Helm, das Auge leuchtet.
Feind ist erschlagen!
Letzte Kugel, triff mich! Strahlend bricht mein Aue
Mein Vaterland hat den Sieg! Es lebe, lebe!
Feind ist erschlagen!
Komm, Tod! komm, Tod!
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Oer letzte Wiking.
Zum 250. Geburtstage Karls XII. von Schweden am 27. Juni.
Von Alfons von Czibulka.
Als der achtzehnjährige König Karl XII., von seinem Großvater her in Wittelsbacher, seine kleine Armee aus Sveas Land nach Dänemark iihrte, um es für sein Bündnis mit Peter dem Großen und August dem Starken von Sachsen und Polen zu strafen, da warf er von dem Bug eines Flaggschiffs die barocke Allongeperücke mit einem Schwung in den Üeresund. Fortan trug er das hellbraune Haar frei wie seine Soldaten s trugen. Und als dann die Dänen sich wehrten, Musketen- und Kanonen- lmgeln sangen, da rief er: „Dies soll fortan meine Musik fein!"
Er hat über diese kriegerische Musik manchmal sein Königtum vereisen. Denn es ist dieser Karl XII., der sein Stockholm nie wiedersehen vllte, wiewohl in seinem Wesen so viel königliches war, zumeist gar kein König gewesen, sondern sein eigener Soldat. Er hat trotz himmelstürmen- i*n Plänen, durch die er den Zaren, ja sogar den römisch-deutschen Kaiser :i°n ihren Thronen stürzen wollte, fast nichts von dem staatsmännischen Sense seiner Vorfahren Gustav Wasa und Gustav Adolf. Er ist durch die l-nbändigkeit seines Willens, durch die Maßlosigkeit seines Handelns Wm Abenteurer unter den Königen geworden. Durch seine Kriege ohne "nde, durch seine erhabenen Donquichotterien stürzte er das große Hühende Schweden von der Höhe der nordischen Großmacht, in politische Ohnmacht und wirtschaftliche Bedeutungslosigkeit. Und dennoch lebt dieser "önig in der Erinnerung seines Volks, das er um Macht und Reichtum pachte, von dem er ungeheuerliche Blutopfer forderte, fort als <5ä)toe= •m größter Sohn. Das mag unserer Zeit, die alles nur nach dem sich iwgebenden Gewinn berechnen möchte und das Gefühl für Unwägbares Floren hat, zu denken geben. .
In der von Unwettern durchtobten Nacht des 27. Juni 1682 wurde nrl XII. im alten Stockholmer Königsschloh geboren. Die Auguren jener -eit, die Astrologen, weissagten, es werde die Regierung dieses Fürsten yrenöoU, aber blutig (ein.
Schon seine Kindheit ist voll eines ungewähnlichen Willens und Htbänbiget Wildheit. Und als er sich nach dem Tode seines Vaters in 1 nee stürmischen Reichstagssitzung als Fünfzehnjähriger die Krone selbst Mss Haupt drückt, ist er fürs erste als König nicht anders denn als Mge. Halsbrecherische Ritte mit nicht viel älteren Gefährten, tollkühne ■rogben, auf denen gegen Bären, Wölfe und Sauen nur Spieß und • mschfänger, aber keine Feuerwaffen gebraucht werden durften, hielten s-n Hof in Atem. Es gab Nächte, in denen bei wilden Gelagen — wie- ‘W Karl schon damals mäßig lebte — die Einrichtungen ganzer -chioßsäle in Trümmer gingen. Man hetzte, wenn das Wetter für die ;-»3d zu schlecht war, Hasen im Reichstagssaal. Man schlug, nachts durch e Straßen galoppierend, den Bürgern die Fenster mit Degen und Sau- ! der ein. Nackt, nur mit Ihren Degen umgürtet, sollen Karls Kumpane ''solcher Gelegenheit hinter dem allerdings bekleideten König drein- i^uten sein. Man benahm sich so unköniglich an diesem Hofe, daß die
Geistlichkeit, gegen dieses sinnlose Treiben wetternd, von den Kanzeln über den Text aus dem Buche Salamonis zu predigen wagte: „Wehe dem Lande, dessen König ein Kind ist".
Mehr als zwei Jahre dauerte diese königliche Sturm- und Drangzeit, da war Karl XII. mit einem Male verwandelt: Dänemark, Rußland, Polen und Sachsen hatten ihre Fahnen gehoben. Es war ein Bündnis der jungen Könige, die dem königlichen Knaben in Stockholm Ingermanland, Estland. Finnland, Livland, die einst dänischen, an Schweden verloren gegangenen Gebiete und, wenn Brandenburg mit von der Partie war, auch noch Vorpommern, Stettin und Stralsund entreißen wollten. Sie haben damit jenen großen Nordischen Krieg heraufbeschworen, der, zur gleichen Zeit beginnend, den spanischen Erbfolgekrieg noch um sieben Jahre überdauerte.
Am 3. August 1700 ging der Achtzehnjährige mit nur 6000 Mann über den Oercsund und zwang in zwei Wochen Dänemark zum Frieden. Im schwedischen Heere war man wie verzaubert von diesem Knaben. Und als man wieder die Flotte bestieg, war man der Meinung, es wolle der junge König sein kleines Heer nun im Triumphe nach Stockholm führen. Aber um Meinungen anderer hat sich Karl XII. nie gekümmert. Er hatte erfahren, daß August der Starke das schwedische Riga berenne. Er sah die erstaunten Gesichter nicht, als die Küsten des heimatlichen Schwedens immer ferner vorüberzogen und plötzlich die Orlogflotte auf hohem Meere fuhr. Er hatte Nachricht, daß nicht nur der Polen- und Sachsenherrscher Riga belagere, sondern auch der Zar Peter der Große mit 50 000 Mann vor der schwedisch-livländischen Stadt Narwa liege. Also wollte Karl Narwa entsetzen. Er hatte zwar nur 8000 Mann und der Zar 50 000. Aber mathematische Spitzfindigkeiten interessierten ihn nicht.
Damit aber begann für Karl XII. und seine „Karolinen" die fünfzehnjährige Odyssee eines Soldatentums, die — war sie vielleicht auch Torheit, ja Tollheit — Männer berauschen wird, solange noch eine Spur von Mannesblut in ihren Herzen schlägt.
Illach langen Märschen über verschneite Moore, deren Eisdecke noch nicht tragfähig war, in denen die Armee bis an die leeren Bäuche versank, kam man eines Abends vor Narwa an. Am nächsten Morgen griff Karl mit [einen 8000 Karolinen die 50 000 Russen an. Wenn er sie auch nicht, wie ein Mitkämpfer übertreibend erzählt, „in der Zeit von zwei Vaterunsern" schlug, so rannten doch drei Stunden später die paar taufend Schweden hinter den 40 000 noch am Leben gebliebenen Moskowitern her, die zum Teil, in Klumpen von einer brechenden Kriegsbrücke stürzend, in der Narwa ertranken. 180 Kanonen, 146 Fahnen und Feldzeichen, 15 000 Gefangene brachten König Karls „blaue Jungen" als Beute ein.
In wenigen Monaten hatte der junge König und Feldherr alle feine Gegner besiegt. Und während der Zar aus den Trümmern der geschlagenen Armee, aus frischen Truppen ein neues Heer bildet, in Rußland Volk und Popen, wie Voltaire bissig bemerkt, sich beim heiligen Nikolaus über den Ausgang der Schlacht beschweren und von Zauberei schwätzen, hat Karl auch schon die Sachsen und Polen vor Riga geschlagen und ist schon auf dem Marsche nach Warschau und Krakau.
Bon Warschau geht er nach Thorn, wendet wieder nach Warschau, jagt August den Starken vom Thron und macht durch die überzeugende Wahlagitation seiner Bajonette den Edelmann Stanislaus Leszinski zum willfährigen König von Polen, erstürmt Lemberg und beginnt mitten in einem so eisigen Winter, daß sein Zelt mit glühenden Kanonenkugeln geheizt werden muß, einen neuen Feldzug. Zweimal schlägt er Augusts General, den braven Grafen Schulenburg, der dann als Feldherr der Signorie Venedigs Korfu so mannhaft gegen die Türken verteidigte und stürmt nach Wolhynien, um den Zaren zu suchen. Er findet ihn nicht, macht kehrt und marschiert in einem berauschenden Zuge von Wolhynien nach Sachsen, wo er im Frieden von Altranstädt, zwischen Leipzig und Merseburg, August den Starken zum Verzicht auf die polnische Krone zwingt.
Ein Jahr bleibt Karl in Sachsen. Dann bricht er mit einem großen Heere nach der Ukraine auf. Im Bündnis mit dem Kosakenhetman Ma» zeppa will er auch den Zaren zum Frieden zwingen. Rußland wird zu Szene und Schicksal. Napoleonische Visionen steigen auf. Auch Karl XII. scheitert an Rußlands unermeßlichen Weiten.
Geschwächt von endlosen Märschen, entblößt von Proviant und Munition, durch die Verwundung des Königs der Führung beraubt, unterliegen die Karolinen bei Poltawa am 9. Juli 1709 dem Heere des Zaren. Widerstrebend, von seinen Generalen fast mit Gewalt dazu gezwungen, verläßt der König kurz vor dessen Kapitulation das Heer und betritt, den Dnjepr überschreitend, türkisches Gebiet.
Aus die Hilfe des Sultans gegen die Russen hoffend, verbringt er, halb als Gast, halb als Gefangener des Großherrn fünf lange Jahre auf türkischem Boden. Er ist nicht müßig. Die Fäden seiner politischen Pläne und diplomatischen Verhandlungen gehen durch ganz Europa. Nebenbei kümmert er sich um die innere Verwaltung seines fernen Schwedens, erläßt Befehle zur Verschönerung Stockholms, für den Bau eines neuen Königsschlosfes, zur Förderung wissenschaftlicher Bestrebungen.


