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(Fortsetzung folgt.)

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Glanz der mittäglichen Sonne.

Die Wolken auf des Philipp Stirne verflüchtigten sich. Wenn einen das Schicksal zerschmettern wollte, mußte man den Mut haben, ihm zu trotzen. Er hatte ihn. Heitere Bilder stiegen vor ihm auf. Da war die hübsche Ladenmansell, der er seine Gunst geschenkt. Noch zierte sie sich, aber ihr Nein durfte man ruhig als Ja buchstabieren. Da waren die

den Schlag würde er nicht verwinden.

Den nichtig Zuschreitenden überholte der Postkreuder mit seinem Wägelchen. Der hielt an, und der Philipp schwang sich auf den Bock.

Der Postkreuder war ein unterhaltsamer Mann, der, obwohl ihn das Schicksal rauh angesaßt, seinen Humor nicht verloren hatte. Sein Weib war ihm gestorben, sein einziger Sohn war als Taugenichts nach Amerika, ausgewandert und verschollen. In juugen Jahren hatte er geglaubt, was er im Sinne habe, müßten alle Glocken läuten. Später hatte ihn das Leben gelehrt, Kordel nachzulassen und alles in die Geduldsbrühe tunken. Als ein richtiger Neuigkeitskrümer verstand er's, den Leuten Ohren zu kitzeln. Heut war er voller Schnaken und Schnurren, daß Philipp nicht aus dem Lachen kam.

In einer knappen Stunde hatte der Wagen die Höhe der Straße wonnen. Drunten lag die Stadt mit ihren Mauern und Türmen

Lügenkönige in derTanne", mit denen er zu Mittag speiste. War einer noch so mißgestimmt, hier fand man das befreiende Lachen. Den Abend würde er im Spiegelsalon einkehren. Da sah er unter lauter Studierten, er, der Bauernsohn, der Sägemüllerl Und sie betrachteten ihn wie ihres­gleichen, erwiesen ihm Achtung und herzliche Freundschaft. Wahrhaftig, ec hatte es doch zu etwas gebracht. Und wem verdankte er das? Nur sich elbst. An sich glauben war doch das Höchste.

VII.

Die ganze Nacht über und noch während der Morgenstunden wirbelten die Flocken vom Himmel. Ein Klingen und Knistern erfüllte die Luft, wie wenn feine Messer aneinanderschlügen. Die Landschaft war von einem spärlichen Licht erhellt. Gegen Mittag brach die Sonne durch, mrd mit einem Male traten Häuser, Bäume und Berge in unendlicher Klarheit hervor Unter der weißen Decke draußen war das Leben erstarrt. In den Häusern aber sahen die Frauen und Mädchen beim Ofen und liehen das Spinnrad schnurren. Die Männer und Burschen machten sich im Stall zu schassen oder sie besserten die schadhast gewordenen Ackergeräte aus. Was die Maschine noch übrig gelassen, wurde auf der Tenne gedroschen. Das Klappern des Dreschflegels ist des Bauers Wintermufik.

Beim Einuhrläuten verließ die Annegret die warme Stube und stapfte eilends durch den fußhohen Schnee. Sie trug einen Henkelkorb. Daraus stieg ein kräftiger Duft empor. Sie hatte Zwiebelkuchen gebacken, der ihr vortrefflich gelungen war, und ihr Jugendfreund, der Mandlersfranz, sollte, womöglich noch warm, sein Teil davon haben.

Der Mandlersfranz wohnte mit seiner Schwester, der Lene am Ziegen­pfad in einem ärmlichen Häuschen, das den Geschwistern nach dem Tode Fichtenhof, der Franz verdiente als Korbmacher seinen Unterhalt. Ec hatte in früher Jugend sein Augenlicht verloren, hatte in der Blinden­anstalt zu Hainstadt Ausnahme gefunden und war nach fast neun,ahriger Abwesenheit in die Heimat zurückgekehrt. Sein Handwerk bewahrte ihn vor der Demütigung, auf das Gnadenbrot der Menschen angewiesen zu sein. In Hainstadt war er als ein begabter und pflichttreuer Schuler der Liebling seiner Lehrer gewesen. Der wohlgeleitete Unterricht, der sich auch auf die Musik erstreckte, hatte seinem Innersten einen Reichtum von Ge­danken, Bildern und Tönen erschlossen, der auf seinen dunkeln Lebensweg einen hellen Lichtschein warf. Und wohl bedenkend, daß der Unglückliche der mit seinem Schicksal hadert, doppelt schwer an seiner Bürde tragt, hatte er seine Seele auf eine heitere Ruhe gestimmt, die alle wohltätig empfanden, die mit ihm in Berührung kamen. Der Direktor der Blinden­anstalt, der den Mandlersfranz Jahr für Jahr besuchte, hatte die Ge- chicklichkeit seines Zöglings als Korbflechter schätzen gelernt, insbesondere auch seine Fähigkeit, den Schicksalsgenossen die Handgrifte beizubringen. Als er ihm einmal den Vorschlag machte, den Aufenthalt auf dem Dorf wieder mit der Anstalt zu vertauschen und dort in der Handwerkerabtci- lung das Amt eines Werkführers zu übernehmen, lehnte der Franz mit den Worten ab:Der Herr Direktor weiß, wie ich an der Anstalt hang, und daß ich nie net vergeß, was ich da Liebs und Guts erfahren hab . Aber deheim is deheim. Ich bin hier zufrieden und macht hier bleiben Trat man in des Blinden Stübchen, hallte einem Vogelgesang entgegen. In geräumigen Käfigen hielt er Finken und Drosseln, mit deren <>ucht und Behandlungsweise er wohl vertraut war. Fragte man ihn, warum er die Tierchen nicht allerlei Stücklein lehre, erwiderte er:Wann sie nachpfeifen, was ich ihnen vormach', verlernen sie ihre eigenen Lieder. Und das ollen sie net." Nach getanem Tagewerk holte er seine Geige herbei die ihm der Musiklehrer in der Blindenanstalt geschenkt hatte. Er spielte schlichte Volksweisen, aber auch, was er frei erfand und was ihm aus dem Herzen strömte. Die Musik war ihm die Vermittlerin der heiligsten Gefühle, in Wohlklang und Rhythmus gewann das Allerge­heimste Leben, das er scheu vor den Menschen verbarg. Deshalb war er nicht zu bewegen, so oft er auch darum angegangen wurde, sich in dec Spinnstube, geschweige aus dem Tanzboden hören zu lassen. Als Burschen- von sieben Jahren war er von seiner Mutter einmal zum Kramer geschickt worden, Rüböl zu holen. Damals schon halbblind, sollte er sich nützlich erweisen sollte mancherlei besorgen, was im Haushalt notwendig war. Das konnte er, weil er die Wege dem Gefühl nach fand. Beim Krämer bekam er fein Rüböl und trippelte heim. Plötzlich entglitt die Flasche seinen Händen und zersplitterte in tausend Scherben. Auf sein gotts­erbärmliches Geschrei sprang ein kleines Mädchen herzu und suchte ihn zu trösten. Das war die Annegret. Der Franz aber wollte sich nicht beruhigen, er wußte, die Mutter würde ihn grausam schlagen. Da schlang die Annegret in überwallendem Mitgefühl ihren Arm um seinen Hals, führte ihn zu ihrer Patin und ruhte nicht, bis diese eine neue Flasche und Geld für Rüböl hergegeben hatte. Daß dem Franz kein neuer Unfall begegne, geleitete ihn die Annegret zum Kräiner, von dort zu seiner Mutter. Die schaute das Pärchen mit großen Augen an, sagte jedoch kein Wort. Ob der Franz hernach doch seine Prügel gekriegt hat, darüber ist nichts laut geworden. Von diesem Tage an sah man die Annegret als Hüterin des unglücklichen Buben. So ernsthaft nahm sie ihren Samariterdienst, daß sie ihre Spiele vergaß. Schmerzten den Franz die entzündeten Augen, legte sie ihre Händchen daraus und pflegte ihn wie ein echtes Hausmütterchen. Als er nun völlig erblindet war und auf die Fürsprache des Pfarrers hin in der Anstalt Unterkunft finden sollte, weinte er bitterlich. Nicht, daß ihm der Abschied von den Eltern schwer gefallen wäre, die Trennung von der Annegret schnitt ihm ins Herz. All die Jahre, daß er der Heimat fern war, hörte er nichts von der Jugendgefährtin, allein er vergaß sie nicht und gedachte ihrer in unauslöschlicher Dankbarkeit. Nachdem er zurückgekehrt war und siw in seinem Häuschen eingerichtet hatte, stellte sich sogleich die Annegret ein, und der alte Freundschastsbund wurde erneuert. Sie brachte ihn' Leckerbissen, plauderte mit ihm und las ihm wohl auch aus der Zei-

schent' ich sie Euch alle zweiunddreißig." Der Kaufmann runzelte die Stirn als ob es sich um die Lösung eines schwierigen Rätsels.handle, und erwiderte:Ihr werdet wohl zweiunddreißlg haben? .Krieg die Krammenot", sprach die Berwel,Ihr habt s geraten Seid Ihr aber gescheit!" Ein andermal hatte sie bei demselben Kaufmann ln emem großen Spiegel ihr Ebenbild erblickt.Ei s Gewerzel , rtef sie,da, i» ja noch ein bekannt Mensch. Da können wir beisammen nach heim gehn. Diese und ähnliche Schnurren gingen van Mund zu Mund und erregten Stürme van Heiterkeit.

Die Alte humpelte auf den Sägemüller zu.

Macht Ihr dann heut in die Stadt?"

Der Philipp drehte sich um.

Warum fragst du?"

Die Berwel fuhr mit der Hand über die Nase.

Ei, weil ich hier emal gründlich säubern wollt. Ihr kommt ja im Dreck um."

Wenn du nur nicht an deiner Putzwut erstickst, brummte der Philipp.

Die Alte kicherte vor sich hin. Beim Hinausgehen sagte sie:Der Hahn von Gellshausen is auch wieder da."

Er soll hereinkommen", befahl der Philipp.

Der Holzhändler hatte beim Bürgermeister kein Glück gehabt Dieser hatte ihm großpratschig erklärt, er gebe nichts Schriftliches von sich. Was sein Sohn kaufe, werde der auch bezahlen. Dafür komme er, der Bürger­meister, auf. Und das genüge. So war Hahn unvernchteter Sache ab­gezogen. In jedem Fall wollte er bei dem Sagemuller auf Zahlung

An den Eintretenden richtete der Philipp zuerst das Wort.

Herr Hahn, Sie wollen Ihr Geld?"

Jawohl, Herr Wallenfels."

's paßt mir heut nicht."

Ich muß meinen Gläubigern auch gerecht werden, Herr Wallenfels." Daß weiß ich."

So geben Sie mir ein' Wechsel, der net zu lang läuft."

Wie lang denn?"

Vier Wochen."

Meinetwegen. Her den Wisch."

Der Holzhändler zog ein Wechselformular aus der Tasche.

Der Philipp setzte seinen Namen daraus.

Abgemacht!"

Ein Löschblatt war nicht vorhanden. Damit die Unterschrift schneller trockne, schwenkte Hahn den Wechsel ein paarmal hin und her und sagte:

Wollen Sie sich dann net den Verfalltag notieren, Herr Wallenfels?" Behalt's schon", entgegnete der Philipp, griff zu Hut und Stock und verließ zugleich mit dem Händler die Stube.

Draußen machte er seinen Hund vor der Kette los und rief den Rohnspeter herbei, allerlei Anordnungen zu treffen. Mit einem buschikos herau geworfenenMorjen!" wandte er sich darauf dem Fahrweg zu, der eigens für die Sägemühle angelegt worden war und in die Staats­straße'mündete.

Er war noch nicht hundert Schritte weit gekommen, als er stehen blieb. Es fiel ihm ein, er hatte vergessen, auf dem Wechsel den Betrag seiner Schuld auszufüllen. Ob er nicht doch lieber umkehren sollte? Ah bah! Der Hahn war kein Nullmacher, von dem hatte man keine Un­redlichkeit zu befürchien. .

Er setzte seinen Weg fort. In vier Wochen, überlegte er, wurde er bet dem schlechten Eingang der Ausstände das Geld schwerlich zusammen- brtngen, den fälligen Wechsel zu decken. Da mußte der Alte halt wieder blechen. Daß er das tat, war seine Pflicht und Schuldigkeit. Mit Geld wär gar nicht gutzumachen, was er an ihm gesündigt hatte. Der Alte saß in der Wolle. Wie er zu seinem Wohlstand gekommen war, pfiffen die Spatzen auf den Dächern. Wenn in der Stadt in seinem Kreise von Ausbeutern auf dem Land gesprochen wurde, stieg ihm das Blut zu Kopf. Das Beste, was ein Vater seinen Kindern hinterlassen konnte, war ein guter Name. Der Bürgermeister durfte sich dessen nicht rühmen. Schon waren die Geister der Rache am Werk. Aus den Reihen der Pariser, die er hatte vernichten wollen, war dem Alten eine gefährliche Gegnerschaft erwachsen. Wenn nicht alle Zeichen trügten, würde er bei der Wahl unterliegen. Den Alten focht so leicht nichts an. Und doch,

^erar-twörtlich: Dr. Hans Thyriot. Druck und Verlag: Brühl'sche Universitäts-Buch- und Steindruckerei, B. Lange, Gießen.