Brüber, einer nach dem andern, um nach dem toten Vater zu sehen. 21ber wie erstaunten sie, als der Tote nicht zu finden war, und als sie am aus- aebrochencn Fußboden entdeckten, daß die Erde ihren Vater samt seinen drei Särgen in die Tiefe gerissen und begraben hatte. Das junge Mädchen sah aus und sagte: „Ahr sollt nicht staunen, ich habe als unnutzes Mädchen gewünscht, den Vater zu begraben. Verzecht mir, daß mein Wunsch für mich gehandelt hat; ich weiß, daß ich als Mädchen kein Recht zu handeln hatte." , , _.
Da freuten sich die fünf Brüder und antworteten ihr: „Die Sarg- Händler dürfen keinen Toten mehr ausgraben, der einmal unter der Erde ist Wenn du den Vater mit deinem stillen Wunsch begraben konntest, Schwester, dann bist du als schwaches Mädchen stärker mit deinem Weinen und Wünschen gewesen als wir Männer mit allem Handeln.
- Vom Nutzen der Modelle.
Von Dr. Hellmut Thomasius.
Wie im Leben überhaupt, so ergeben sich auch im technischen Leben Crsahrungen über Erfahrungen, deren Ausnützung die Quelle neuer Fort chritte bildet. Im Leben kann und muß man meist auf diese Erfahrungen warten. In der Technik ist man gleichfalls häufig darauf angewiesen bis irgendein Zusammenwirken von Umständen, bis vielleicht ein Zufall' eine neue wertvolle Erfahrung bringt. Ein derartiges Zuwarten hat aber feine bedenklichen Seiten. Es kann dadurch viele Zeit verlorengehen, manche Arbeit zunichte gemacht werden. Deshalb sucht man die Verhältnisse, wie sie sich voraussichtlich gestalten werden, sucht man den Zufall, der eintreten könnte, auf künstlichem Wege herbeizuführen.
Das stößt bei der fertigen Maschine, beim großen Schiff und in vielen sonstigen Fällen auf Schwierigkeiten. Zuviel steht dabei auf dem Spiel. Darum hilft man sich mit Modellen. In eigenen Wasserbehältern werden Schiffsmodelle dahingezogen, um an ihnen die günstigsten Verhältnisse für die Linien des Rumpfes zu finden. Sie find aus Paraffin hergestellt und können deshalb in ihrer Form leicht verändert werden. Modelle von Flugzeugen werden vor Windkanälen aufgehäNgt. Sie dienen dazu, auch hier die günstigsten Umstände für den Bau zu ermitteln. Aehnliche Modelle und Modellversuche gibt es noch eine ganze Reihe weiterer.
Ein neues derartiges Modell von sehr großen Abmessungen ist eben im Entstehen begriffen. Bei zahlreichen technischen Unternehmungen spielt das Wasser eine'große Rolle. Es verändert die Ufer, an denen wir bauen wollen. Es muß aus dem Boden entfernt werden, auf dem wir Häuser errichten. Die Flüsse, auf denen unsere Schiffe dahingleiten, schwemmen hier Sand weg und lagern ihn anderseits in Gestalt mehr oder minder mächtiger Sandbänke wieder an. Ihr Bett verändert seine Gestalt. Wo ein Schiff heute noch fahren konnte, findet es nach einigen Monaten vielleicht keine Fahrrinne mehr. Felsen werden durch das Wasser unter« höhlt. Die gegen die Brückenpfeiler gerichtete Strömung erfordert oft besondere Maßnahmen. Lange Zeit kann vergehen, bis in diesen und in einer Reihe sonstiger Fälle die nötigen Erfahrungen vorliegen, deren man bedarf um überall Sicherheit zu schaffen, Gefahren abzuwenden und aus den sich ergebenden Verhältnissen den richtigen Nutzen zu ziehen. Deshalb ist man dabei, in der Hauptstelle für wissenschaftlich-technische Untersuchungen der Vereinigten Staaten ein riesiges Modell herzustellen, das zum Studium so ziemlich aller mit dem Wasser zusammenhängenden Angelegenheiten bestimmt ist. Ein eigenes Gebäude wurde errichtet, dessen einer dreistöckiger lang dahingestreckter Flügel das Modell eines Wasserlaufes aufnimmt. Am einen Ende dieses Flügels erhebt sich ein höherer turmähnlicher Bau, in bestem oberen Teil sich die Wasserbehälter befinden, die den durch bas Modell sich hindurchziehenden kÜnstlichen Flußlauf fpeifen wollen. Das Wasser wird aus den Behältern in die verschiedenen im langen Flügel enthaltenen Versuchsräume geleitet. Das eine Stockwerk enthält den eben erwähnten Flußlauf. Er hat eine Länge von 70 und eine Breite von durchschnittlich vier Meter. Diese ist aber den natürlichen Verhältnissen entsprechend nicht immer die gleiche. Es gibt Verengungen und Erweiterungen Außerdem hat der künstliche Fluh zahlreiche Biegungen, Windungen und scharfe Ecken. Er strömt über groben und feinen Sand, an Felsenufern und Mooren vorbei. Die mannigfachsten natürlichen Verhältnisse sind nachgebildet. Alles hat derartige Abmessungen, daß die mit den Versuchen betrauten Ingenieure genau wie in einer Landschaft am Ufer entlang gehen ober sich bort niebersetzen können.
Im Fluß wirb alles mögliche errichtet werden, was man eben gerade braucht. Es ist an Verpfählungen, an Pfahlroste, an Holzgeräte, an Brückenböcke und an Brückenpfeiler der verschiedensten Arten gedacht. Ganze Brücken sollen in verkleinertem Maßstab entstehen, ebenso Dämme, die aus den verschiedensten Stoffen hergestellt werden. Um genaue Untersuchungen darüber zu ermöglichen, wie sich alles dieses, wie sich insbesondere die Ufer und das Flußbett gegen das Wasser und feine Strömungen verhallen, sind Einrichtungen getroffen, um die Geschwindigkeiten sowie die Menge des Wassers beliebig zu verändern. Diese Veränderungen werden teils dadurch hervorgebracht, daß man Wasser aus einem höher oder aus einem tiefer stehenden Hochbehälter einftrömen läßt, teils dadurch, daß man es durch Pumpen unter verstärktem Druck setzt. Besondere Einrichtungen dienen zum Messen der Wassertiese, der Strömungsgeschwindigkeit, des Wasserdrucks und der Wassermenge. Für gewisse Zwecke sind Vorrichtungen angebracht, durch die der Wasserspiegel ganz genau auf einer gewünschten bestimmten Höhe gehalten wird. Das in den Fluß eingelassene Wasser strömt unten in einem besonderen Behälter ab, aus dem es wieder in die Hochbehälter hinaufgepumpt wird, von wo es in stetem Kreislauf von neuem in den Fluß gelangt.
Außer diesem großen Flußlauf ist in den anderen Stockwerken noch eine Reihe kleinerer vorhanden, die für Sonderzwecke benutzt werden sollen. In ihnen können bestimmte -Untersuchungen vorgenommen werden. Es lassen sich darin mehr ober minder kräftige Wirbel erzeugen. Alle diese Flußbetten sind so eingerichtet, daß man die unter dem Wasserspiegel sich abfpielenbcn Vorgänge von der Seite her durch dort angebrachte Fenster und teilweise durch gläserne Wandungen verfolgen kann,
in ähnlicher Weise, wie man in einem Aguarium von der Seite her hinein- blickt. Zahlreiche Laboratorien, in denen Untersuchungen der mannigfachsten Art vorgenommen werden, stehen zur Verfügung.
Bei unseren Verkehrsmitteln hat man gleichfalls aus der Erfahrung. Diel gelernt. Es wäre aber verfehlt, wollte man warten, bis jeder einzelne" Lokomotiv- und Slrahenbahnführer feine eigenen Erfahrungen gc fummelt hat. Deshalb hat man auch hier zu Modellen gegriffen. Sdjon eit geraumer Zeit gibt es Modelle, die einen Schienenftrang zeigen, auf dem alles erdenkliche vor sich geht, was sich auf der Strecke ereignen kann., f Der Straßenbahnfahrer steht vor einem derartigen Modell, das mcijt das. Bild einer Straße zeigt. Bald taucht auf dem Schienenstrang plötzlich * ein Fußgänger auf, bald wieder ein anderes Hindernis. Es wird ihm gc- 1 zeigt, welche Maßregeln er im einen oöjr im anderen Fall zu ei- j greifen hat. ...
Für das Flugzeug ist nunmehr ähnliches von einem amerikamscheir Erfinder in eigenartiger Weise durchgesührt worden. Wir kennen bir Wandelpanoramen, wie sie teilweise auf der Bühne Verwendung fiiidkil: und wie sie vor allem aber benutzt werden, um eine Reise vorzutauschen Die Zuschauer fitzen in einem Eisenbahnwagen ober befinden sich aus einem Schiff. Draußen gleitet eine Landschaft, gleitet das Ufer vorüber, die auf eine Leinwand aufgemalt find. Diese rollt sich von einer (enfrenjt stehenden Rolle ab und auf eine andere auf. Der „Reisende" hat das Gefühl, daß er durch ein fremdes Land dahinfahre.
In ähnlicher Weise wird im zukünftigen Flieger die Vorstellung erweckt, daß er über eine Landschaft dahinflöge. Das Flugzeug ist naiur- lich wieder ein Modell, lieber ihm wölbt sich der blaue Himmel, eine Art von Kuppelhorizont. Unter ihm breitet sich die Landschaft aus. Dieser Eindruck wird dadurch erweckt, daß die Landschaft auf den unterem Teil des Kuppelhorizonts aufgemalt ist, der hier in eine flache Scheibe übergeht. Horizont und Scheibe find beweglich. Je nach dem sie mehr oder minder geneigt, nach rechts ober links gekippt werden, zeigen sich« andere Teile der Landschaft und des Himmels. Das Gefühl des Fliegens mit feinen wechselnden Bildern entsteht, verschiedene Zufalle treten auf, die der Schüler durch entsprechende Maßnahmen unschädlich madjem muß. Der Lehrer sitzt hinter ihm und leitet von hier aus die Bewegungen des künstlichen Himmels und der künstlichen Landschaft, im das Fiugzeug auf einem hohen Bocke hoch über dem Boden steht, fmtD die Schwingungen des Modells sehr weit, es ist also reiche Abwechslung, möglich.
Oer Lausbub.
Cine ketzerisch« Betrachtung.
Von Egon F r i e b e 11.
In Franksurt am Main war ich nur drei Jahre aus dem Gymnasiuni- Dann wurde ich hinausgeworfen. Mein Ordinarius erklärte eines Tages, einer von uns beiden könne die Klasse nicht mehr betreten. Der Direktor: entschied sich für mich. Als meine Anverwandten weinend bei jenem Lehrer erschienen, und ihn fragten, was denn um Gotteswillen gegen mich norläge, da ich doch im verflossenen Semester nur ein einziges Mol das Löschblatt vergessen hätte, und von der Politik völlig irrige Vorstellungen hätte, erwiderte er: „Es ist nichts Bestimmtes gegen ihn z» monieren. Aber er ist ein Lausbub!" Er strich seinen Bart und fügte drohend hinzu: „Mit fünfzehn Jahren!"
Ich weiß nun allerdings nicht, ob der Professor damals nicht übertrieben hat, denn der Begriff der ßausbüberei war bei ihm ein sehr umfassender, aber cs wäre mir sehr lieb, wenn er sich nicht nur damals mit seinem Urteil nicht geirrt hätte, sondern sogar noch heute recht fjättr Denn ich habe inzwischen über diese Frage noch öfters nachgedacht unö gesunden, daß ein Lausbub etwas sehr Erfreuliches ist. Ich habe nämlich erkannt, daß die Menschen überhaupt nur in zwei Gruppen zerfallen, Im Lausbuben und in sogenannte „ernste Menschen", oder wie einer meine» Freunde, der langjährige Dramaturg der Reinhardtbühnen, Arthu» Kahane es manchmal zu nennen pflegt, in „Samumisten", das heißt Menschen, die wie Samum wirken, indem sie alles Lebendige im Keime ersticken. Es gibt nur zweierlei Menschen: luftige und lächerliche. D« ersteren sind "talentiert und lebensfähig, die letzteren sind untalentiert unc verdienen aufgehängt zu werden!
„Seriöse" Menschen zum Beispiel sind meistens Samumisten unö daher so ziemlich die unbegabtesten Mitglieder der menschlichen Gesellschaft. Künstler dagegen sind immer Sausbuben, und daher so ziemlich die begabtesten Lebewesen. Will man sich diesen Gegensatz recht unzweideutig anschaulich machen, so braucht man bloß bei irgendeinem großen Dichter nachzulesen. Der Narr in „Was ihr wollt" ist ein Bausbub unö eine Künstlernatur, Malvolio ist ein Samumist und eine seriöse Natur Dasselbe Verhältnis besteht zwischen Hamlet und Polonius oder zwischen Eilert Lövborg und Jürgen Tesman. In fast allen bedeutenden Dich- tungen findet sich dieser Kontrast bewußt oder unbewußt ausgeprägt.
Ich sagte: ein Lausbub fein heißt ungefähr ebensoviel wie: Talent haben, und ich muß nun hinzufügen, daß der Grad bis zu dem di» Büberei in einem Menschen entwickelt ist, im geraden Verhältnis zu bei Tiefe und dem Umfang ferner Begabung steht. Um dies empirisch ZU beweisen, müßte ich die ganze Weltgeschichte erzählen, ich beschränke mich daher auf ein paar Beispiele, und auch die find ja nur zur Widerlegung der Samumisten notwendig. BismarctJjat doch wohl ziemlich unbezweiseU bare positive Leistungen vollbracht. Seine Freude am Witzereißen und Anulken war aber so unbezähmbar, daß sie ihn nahezu niemals verlieh-, obgleich er sich im Laufe seines Lebens in mehr als einer recht ernsten und verantwortungsvollen Situation befand. Statt irgendeiner der Zahl losen Anekdoten, die hierüber berichtet werden, will ich nur auf «in einziges Faktum Hinweisen, das mehr beweist als alle Anekdoten, näm lich eine Stelle aus dem Tagebuch Kaiser Friedrichs. Dieser, Bismarck Roon und Molkke waren am 15. Juli 1870 dem König Wilhelm, der au? Ems nach Berlin kam, bis Brandenburg entgegengefahren. Unterwegs hielt dann Bismarck dem König einen zusammenfassenden Vortrag ubci die europäische Sage, und der Kronprinz fügte hinzu: „Mit großer Klar


