Nummer 40
Freitag, den 27. Mai
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Morgenlied.
Bon Conrad Ferdinand Meyer.
Mit edeln Purpurröten und Hellem Amselschlag, mit Rosen und mit Flöten stolziert der junge Tag. Der Wanderschritt des Lebens ist noch ein leichter Tanz, ich gehe wie im Reigen mit einem frischen Kranz.
Ihr taubenetzten Kränze der neuen Morgenkraft, geworfen aus den Lüften und spielend aufgerafst — Wohl manchen ließ ich welken noch vor der Mittagsglut; zerrissen hab ich manchen aus reinem Uebermut!
Mit edeln Purpurröten und Hellem Amselschlag, mit Rosen und mit Flöten stolziert der junge Tag — Hinweg du dunkle Klage aus all dem Licht und Glanz! Den Schmerz verlorner Tage bedeckt ein frischer Kranz.
billig auszukaufen und ihn dann in China, wo es jetzt immer weniger Jade gibt, teuer zu verkaufen, und will mir bald ein Vermögen machen, um den Vater zu beerdigen."
Der zweite der Brüder sagte: „Du wirst mit Jade nicht viel verdienen; ich werde nach Hongkong reisen und einen großen Opiumhandel anfangen. Mit meinem so erworbenen Vermögen werde ich die Särge eher bezahlen können als du."
Der dritte sagte: „Jade und Opium stehen schlecht heute: ich werde nach Schanghai reisen und dort an der ausländischen Börse Geldmakler werden. Dort lehren uns die Fremden, deren Kriegsschiffe den Schanghaihafen füllen, daß man ohne Waren schneller ein Vermögen an der Börse machen kann als mit einem Lager von Jade und Opium. Ich werde mit schnell erworbenem Gelde den Vater früher beerdigen lassen können als ihr."
Der vierte der Brüder weinte und seufzte: „Ich werde hier am Sarge wachen, bis ihr drei wiederkommt und werde jeden Morgen in die Opfer« taffen frischen Tee auffüllen und Wachskerzen kaufen und Sandelräucherwerk. Und der fünfte Bruder soll inzwischen den Laden hüten und mit den Jaderesten handeln, die wir noch besitzen, um wenigstens das Geld für die täglichen Ahnenopfer zu verdienen."
So verabredeten es alle fünf und kehrten aus der Grabkammer zurück, um den letzten Nachmittag im Jadeladen zusammen zu verbringen. Keiner der fünf hatte an die einzige Schwester gedacht, an das junge Mädchen, das ohne Vater und Mutter allein hinter dem Laden in den Wohnzimmern zurückgeblieben war. Sie saß dort unbeachtet im hintersten Zimmer, in der kreisrunden Tür, hinter dem Topfpflanzengarten und meinte in ihren seidenen Aerrnel.
„Die Mädchen dürfen meinen und wünschen, die Männer müssen handeln", hatten die Brüder einmal verächtlich zu ihr gesagt. Gemeint hatte sie schon viel: aber was sollte sie sich wünschen?
Sie schaute in das leere Haus, darinnen nur die dunkeln Perlmutter- möbet glitzerten. Verzweifelt nahm sie ihren grünen Jadepfeil aus dem schwarzen Haar und wollte ihn sich ins Herz stechen. Aber der glatte Pfeil sprang ihr aus den Händen, fiel hinaus auf das Porzellanpflaster des Gartens und zerbrach.
„Ich wünsche also nicht zu sterben", sagte sie zu sich, „ich wünsche also weiter zu leben, sonst wäre der Pfeil nicht in meinen Händen zerbrochen. Der Pfeil ist vor meinem Lebenswunsch ausgewichen."
Und das Mädchen mar froh, daß sie doch noch den Wunsch zu leben hatte, denn eigentlich starb sie nicht gern. „Aber was soll ich mit dem Lebenswunsch anfangen", dachte sie: „den Vater kann ich nicht begraben lassen, wie die Brüder können, also ist mein Leben unnütz. Wenn ich doch den Vater begraben lassen könnte, weil die Brüder jetzt kein Geld haben!"
Wie die junge Chinesin noch grübelte, was sie tun sollte, begann der Fußboden zu zittern, die bunten Glasscheibenwände, welche die Wohnzimmer voneinander trennte, begannen laut zu klirren, und im kleinen Gartenhof ertönte ein hohler Metallklang. Das junge Mädchen blinzelte erstaunt. In der Mitte des Hofes stand ein Silberbecken, darin sonst aus einer Metallspitze eine kleine Silberkugel balancierte; die Kugel roar mit weithin tönendem Laut in das Becken gefallen, das bedeutete Erdbeben, und bei dem Metallton mußten alle Hausbewohner flüchten."
Das Mädchen hörte Geschrei an allen Enden, es sah die Leute und die Wienerinnen kreischend durch das Haus fortstürzen. Die Wände schienen plötzlich zu wandern, die Zimmerdecke hob und senkte sich, die 'Blumentöpfe im Garten drehten sich alle im Kreis, die gelben und blauen Porzellanpflastersteine tanzten auf den Wegen. Das junge Mädchen sprang auf aber wagte sich nicht vor und nicht zurück. Sie stand unter der Tür und klatschte in die Hände, um sich die Furcht zu vertreiben. Dann wurde die Lust grau von Staub, daß sie nichts mehr sah. Die Ratten aus dem Haus liefen an ihr hoch, und eine blieb auf ihrem Kopf fest sitzen. Da rannte das Mädchen mit der Ratte auf dem Kopfe geradeaus durch die zerbrochenen Glaswände der Wohnzimmer; sie mußte über gestürzte Stühle und große rollende Blumenvasen klettern. Sie lief blind durch die dicken Staubwolken, darinnen Hunderte von unsichtbaren Gegenständen krachten und stürzten. Sie wagte nicht mit den kleinen Händen nach der großen Ratte auf ihren, Kops zu greifen. Aus dem Jadeladen waren ihre fünf Brüder in alle Winde fortgelaufen. Der rote Ahnenaltar am Eingang roar eingestürzt, das junge Mädchen sprang über die Trümmer und wäre längst liegengeblieben, hatte sie nicht noch immer die Ratte auf ihrem Kopfe gefühlt. Sie stürzte durch die staub- qefüüten Straßen, wie von der Ratte an den Haaren durch die Lust gezogen. Sie wußte nicht, daß sie durch brennende Häuser, über Tote und Verwundete hinroeglief, bis es totenstill um sie wurde und sie sich auf einmal in dem Stadtviertel der Gräberhäuser, in der Grabkammer ihres Vaters sah Dort sprang die Ratte mit einem Ouietschlaut von dem Kopf des jungen Mädchens und grub sich vor ihr in die vorn Erdbeben aufgewühlte Erde. Das Mädchen kauerte am Boden und bemerkte gar nicht, öa& der Leichnam ihres Vaters samt den drei Särgen verschwunden mar Als der Staub sich gelegt hatte, erschienen nach Stunden ihr, fünf
Oer unbeerdigte Vater.
Eine Geschichte aus China.
Von Max Dauthendey.
Die Jadestraße von Kanton, die so genannt ist nach den Juweleiüäüen «Hl von kostbarem Jadestein, ist die prachtstrotzendste Straße der Stadt, littst du in diese Straße, die wie alle durch ein Holzgüter von der Trgftraße, Metzgerstraße, Mobelstraße getrennt ist, glaubst du zuerst, ii >1 seist in eine üerfinnlidje Welt geraten. Die Jadeladen sind über und I fer vergoldet und von künstlichem vergoldetem Holzgitterroerk umrankt, iiine Glasscheiben trennen die Ladenräume von der Straße. Wo daste, «crgolbete, und vergoldetes »lattgeroirr, verschlungen in phantastischer Jigurenroelt, hängen wie goldene Gardinen die Läden halb zu. rie | «raße ist wie alle Kantonstraßen kaum für drei Menschen breit. Bei
Ä^senroetter feucht und halbdunkel wie ein langer Kanal; dann grin|en Hi goldenen Ladenreihen wie spukhafte, goldene Scheiterhaufen, und Wiaragdgrüii, indigoblau und purpurrot leuchten die senkrechten Laöen= Wilder wie unzählige Kulissen in der Straße. Drinnen laufen, lautlos Mich iveißen Mäusen, die Chinesen in weißen, lila und hellblauen prletinfleiöern, und ihre Köpfe erscheinen und verschwinden wie gelbe ■Siltmonbe hinter den goldenen Ranken und bunten Kulisfenschildern.
In dieser Gasse hatte Hei-Hee seinen Laden, hier hatte er sein ganzes l&ben lang gelebt und roar kaum je aus den Holzgütern der Straße । Mrausgetommen; erst jetzt, wo er starb, verließ er seit Jahren zu, W>k<en- und letztenmal den Jadeladen. Sein Leichnam wurde zu den ti>rab=i Wimmern gebracht; das sind kleine Häuser in einem besonderen Stadt B’irtet an den Mauern von Kanton, wo die Toten auf die Beerdigung Harten müssen. Als Hei-Hees fünf Söhne die drei carge des Vaters toteilt hatten, den silbernen, den elfenbeinernen und den «andelholzsarg
I to genau ineinander paßten, und darinnen man den reichen ^adehandter ■in der Trabkammer ausgestellt hatte, und ein Bonze den Tag prophezeien ■ölte, welcher der günstigste für die Beerdigung war, da fanden die J-'bne inzwischen, baß ihr Vater nicht der reiche Mann gewesen für den I'h, die Leute bei Lebzeiten gehalten hatten. Nur Schuldscheine und kein U®Hb fand sich im Laden, und alle Jadekunstschatze des toten Händlers ■'ichten knapp, um die Schulden zu decken, aber nicht, um die drei kost- Wren Särge zu bezahlen Die fünf Söhne überlegten eine ganze Rächt tluib wachten im Sarghause bei der einbalfamierten Leiche des
I: b« Sarghändler kamen am dritten Tage und sagten:
„Wir geben euch unbegrenzten Kredit auf die drei Sarge, n t ll'ier Vater nicht mit den unbezahlten Särgen begraben werden und muß !-P der Grabkammer bleiben, bis ihr die Sargkoften bezahlt habt. Was J®« nichts Außergewöhnliches im Kanton, und es ereignete sich öfters, ||M) die einbalfamierten Tvien jahrelang liegen mußten, bis bie Jnge- ■*b trtgen die teuern Sargkosten bezahlen konnten Hei-Hees '-ohne sa ds, ll^rum die Rede der Sarghändler recht und billig und murrten nicht
Sie fünf Sohne berieten von neuem, und der älteste fagte- .-Sch l|M Japan reifen und will dort versuchen, alten chinesischen Jadestem
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Unterhaltungsbeilage zum Siebener Anzeiger


