unb nahm beiden das Versprechen ab, daß sie auf der ganzen Reise nur Wasser trinken sollten, damit nachher das Treffen im Keller um so glorreicher würde: Gutkunst aber der Hauptmann, mußte seine rote Nase mit einer künstlichen Salbe anstreichen, auf daß sie weiß aussah, damit man nicht merke, welch ein Kunde er sei.

Ganz elendiglich vom vielen Wassertrinken kamen die beiden nach der Stadt Bremen, und nachdem sie bei dem Bürgermeister gewesen, sagte dieser zum Senat: ,O! was hat uns der Schwede für zwei bleiche, magere Gesellen geschickt; heute abend wollen wir sie in den Rats­keller führen und zudecken. Ich netjme den Gesandten auf mich ganz allein, und der Doktor Schnellpfeffer muß auf den Schreiber/ So wur­den sie denn abends nach der Betglocke feierlichst in den Ratskeller ge­führt, der Bürgermeister führte Gutkunsten, den Hauptmann, der Doktor Schnellpfeffer, was auch ein guter Trinker war, führte den Reitknecht am Arm, der, als Schreiber angetan, sich recht züchtiglich gebärdete: hinter ihnen gingen viele Ratsherren, die zur Verhandlung geladen waren. Hier in diesem Gemach setzten sie sich um den Tisch und ver­speisten zuerst Hasenbraten und Schinken und Heringe, um sich zum Trinken zu rüsten. Dann wollte der Gesandte ganz ehrbar mit der Ver­handlung anfangen, und sein Schreiber zog Pergament und Feder aus der Tasche: aber der Bürgermeister sprach: .Mit Nichten also, ihr edlen Herren; so ist es nicht Gebrauch in Bremen, daß man die Sache also trocken abmacht; wollen einander vorerst auch zutrinken nach Sitte unserer Väter und Großväter.' .Kann eigentlich nicht viel vertragen', antwortete der Hauptmann, .dieweil es aber Seiner Magnifizenz also gefällig, will ich ein Schlücklein zu mir nehmen.' Run tranken sie sich zu und hielten ein Gespräch über Krieg und Frieden und über die Schlachten, so geliefert worden; die Ratsherren aber, um den Fremden mit gutem Beispiel voranzugehen, tranken sich weidlich zu und bekamen rote Köpfe. Bei jeder neuen Flasche entschuldigten sich die Fremden, wie sie gar den Wein nicht gewohnt wären und er ihnen zu Kopf steige; des freute sich der Bürgermeister, trank in seiner Herzenslust ein Paßglas um das andere, so daß er nicht mehr recht wußte, was zu beginnen. Aber, wie es zu gehen pflegt in diesem wunderbaren Zustand, er dachte: .Jetzt ist er betrunken, der Gesandte, und auch dem Schreiber hat der Doktor tüchtig zugesetzt'; und sprach daher: .Nun wollen wir anfangen mit unserem Geschäft.' Das waren die Fremden zufrieden, taten, wie wenn sie voll Weines wären und tranken auf ihrer Seite den Herren weidlich zu.

Da wurde nun gesprochen und getrunken, gehandelt und wieder ge­trunken, bis der Bürgermeister mitten im Satz einschlief und der Doktor Schnellpfeffer unter dem Tische lag. Da kamen denn die andern Rats­herren und tranken den Fremden zu und führten die Verhandlung fort; aber trank der Hauptmann lästerlich, so machte es sein Reitknecht nicht schlimmer; fünf Kiiper mußten immer hin- und herlaufen und ein­schenken, denn der Wein verfchwand von dem Disch, als wäre er in den Sand gegossen worden. So geschah es, daß die Gäste nacheinander den ganzen Rat unter den Tisch tranken bis aus einen.

Dieser eine aber war ein großer, starker Mann, mit Namen Walther, von welchem man allerlei sprach in Bremen, und wäre er nicht im Rat gesessen, man hätte ihn längst böser Künste und Zauberei angeklagt. Herr Walther war seines Zeichens eigentlich ein Zirkelschmied gewesen, hatte sich aber hervorgetan in feiner Gilde, war unter die Aeltermänner ge­kommen und nachher in den Senat. Dieser hielt aus bei den Gästen, trank zweimal soviel als beide, so daß ihnen ganz unheimlich wurde, denn er war so verständig wie zuvor, während der Hauptmann schon trübe Augen bekam und glaubte, es gehe ihm ein Rad im Kopf herum. So oft der Senator Walther ein Paßglas getrunken, fuhr er mit der Hand unter den Hut, und dem Reitknecht kam es vor, als sehe er ein bläuliches Wölkchen, ganz fein wie Rebel, aus feinem rabenschwarzen Haar hervorsteigen. Er trank wacker darauf los, bis der Hauptmann Gutkunst selig entschlief und fein Haupt ganz weich auf des Bürger­meisters Bauch legte.

Da sprach der Senator Walther mit sonderbarem Lächeln zu dem Schreiber des Gesandten: .Lieber Geselle, du führst einen mächtigen Zug, ich vermeine aber, daß du mit dem Roßstriegel besser fortkommst als mit der Feder.' Da erschrak der Schreiber und sprach: .Wie meinet Ihr dies, Herr! ich will nicht hoffen, daß Ihr mir Hohn sprechen wollt; bedenket, daß ich Seiner Majestät Gesandtschaftsschreiber bin.'

.Hohoh!"' ries der andere mit schrecklichem Lachen, .seit wann haben denn ordentliche Gesandtschaftsschreiber solche Kittel an und führen solche Federn bei der Sitzung?' Da sah der Reitknecht auf sein Kleid und be­merkte mit großem Schrecken, daß er seinen gewöhnlichen Stallkittel anhabe, er sah auf seine Hand, und siehe da, statt der Feder hielt er eine ganz gemeine Kratzbürste. Da entsetzte er sich und sah sich ver­raten und wußte nicht, wie ihm geschah. Herr Walther aber lächelte seltsam und höhnisch und trank ihm einen Humpen von anderthalb Maß zu auf einen Zug, fuhr dann mit der Hand hinter die Ohren, und der Reitknecht sah ganz deutlich, wie ein seiner Nebel aus seinem Kopf kam. .Gott soll mich^bewahren, Herr! daß ich fürder mit Euch trinke', rief er; 3br seid ein Schwarzkünstler, wie ich nun vermute, und könnt mehr als Brot essen.'

.Darüber wäre noch vielerlei zu sagen', antwortete Walther ganz ruhig und ^freundlich, .aber es würde dir auch nicht viel helfen, wert- geschätzter Stallknecht und Roßmann, wenn du mir fürder zusetztest mit Trinken, mich trinkst du nicht unter den Tisch, was maßen ich einen kleinen Hahnen in mein Gehirn geschraubt habe, durch welchen der Weindunst wieder herausfährt. Schau' zu!' Dabei trank er ein großes paßglas aus, wandte feinen Kopf herüber zu dem Reitknecht Ohnegrund strich sein Haar zurück, und siehe da, in seinem Kopf steckte ein kleiner, silberner Hahn, wie an einem Faß: da drehte er den Zapfen um, und ein bläulicher Dunst ftrömete hervor, so daß ihm der Weingeist'keine Beschwerden machte in der Hirnkammer.

Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. - Druck und Verlag: Brühl

Da schlug der Reitknecht vor Verwunderung die Hände zusammen und rief: .Das ist einmal eine schöne Erfindung, Herr Zauberer! könnet Ihr mir nicht auch so ein Ding an den Kopf schrauben, um Geld und gute Worte?' .Rein, das geht nicht', antwortete jener bedächtig; ,do seid Ihr nicht erfahren genug in geheimer Wissenschaft; aber ich habe Euch liebgewonnen wegen Eurer absonderlichen Kunst im Trinken, darum möchte ich Euch gerne dienen, wo ich kann. Zum Beispiel, es ist gegenwärtig die Stelle des Kellermeisters vakant allhier. Balthasar Ohnegrund! verlaß den Dienst dieser Schweden, wo es doch mehr Wasser als Wein gibt, und diene dem wohledlen Rat dieser Stadt; wenn wir auch einige Lasten Wein mehr brauchen des Jahrs, die du heimlich saufest, das tut nichts, ein solcher Kapitalkerl hat uns längst gefehlt; Balthasar Ohnegrund! ich mach' dich morgen zum Kellermeister, wenn du willst. Willst du nicht, so ist's auch gut; dann weiß aber morgen die ganze Stadt, daß uns der Schwede einen Reitknecht als Schreiber ge­schickt.' Dieser Vorschlag mundete dem Balthasar wie edler Wein; er tat einen Blick in dieses unermeßliche Weinreich, schlug sich auf den Magen und sagte: .Ich will's tun.' Nachher machten sie noch allerhand Punkte aus, wie es gehalten werden soll nach Ohnegrunds zeitlichem Hinscheiden mit seiner armen Seele. Er wurde Kellermeister, der Hauptmann Gut­kunst aber zog mit zweideutigen Bedingungen ab ins schwedische Lager, und als nachher die Kaiserlichen in die Stadt tarnen, war der Bürger­meister und Senat froh, daß sie sich mit dem Schweden nicht zu tief eingelassen, obgleich keiner recht wußte, wie es so gekommen war."

So erzählte die Rose, die Apostel und ich dankten ihr und lachten sehr über die beiden Gesandten, Paulus aber fragte:Und Balthasar Ohne­grund, der wackere Kunde, was ist aus ihm geworden? blieb er Keller­meister?" Die Rase aber wandte sich um mit Lächeln, deutete aus eine Ecke des Gemachs und sagte:Dort sitzt er ja noch, wie vor zweihundert Jahren, der wackere Zecher." Mir graute, als ich hinsah; eine bleiche, abgehärmte Gestalt faß in der Ecke, schluchzte und weinte sehr und trank dazu sehr viel Rheinwein; aber es war niemand anders, als eben der Kellermeister Balthasar, der aus Unser Lieben Frauenkirchhos herabge­kommen war, nachdem ihn Matthäus aus dem Schlaf geschellt.

Run, alter Balthasar", rief ihm Jakobus zu,du hast also als Reit­knecht gedient beim Hauptmann Gutkunst und warst sogar Gesandtschasts- schreiber oder Sekretär, ehe du Kellermeister wurdest? Was machte denn der Herr, so den Hahnen im Hirnkasten hatte, für Bedingnisse?"

,/D Herr!" stöhnte der alte Kellermeister aus tiefer Seele, und es war, als ob ihn der ewige Tod auf dem Fagott begleitete, so greulich tönte es aus feiner Brust,o Herr, fordert nicht von mir, daß ich es sage."

Heraus damit", schrien die Apostel,was wollte der mit dem Spiritusableiter, der Weingeistschröpfer, was wollte er?"

Meine Seele."

Armer Kerl", sagte Petrus sehr ernst;und um was wollte er deine arme Seele?"

Um Wein", murmelte er dumpf, und mir war es, als ob eine Stimme ohne Hoffnung spräche.

Rede deutlicher, Alter, wie hat er es gemacht mit deiner Seele?" Er schwieg lange; endlich sprach er:Warum dies erzählen, ihr Herren? Es ist grausig, und ihr versteht doch nicht, was es heißt, eine Seel« verlieren.

Wohl wahr", sprach Paulus,wir sind fröhliche Geister und fchlum mern im Weine und freuen uns ewiger, ungetrübter Herrlichkeit und Freude, darum kann uns aber auch kein Grauen anwandlen; denn wer hat Macht über uns, daß er uns elend mache oder uns schrecke? Darum erzähle!"

Aber es sitzt ein Mensch am Tisch, der kann es nicht vertragen", sprach der Tote,vor ihm darf ich es nicht sagen."

Nur zu, immerzu", erwiderte ich, an allen Gliedern schauernd,ich kann eine hinlängliche Dosis Schauerliches ertragen, und was ist es am Ende, als daß Euch der Teufel geholt?"

Herr, es wäre Euch besser, Ihr betetet", murmelte der Alte,aber Ihr wollt es so haben, so höret: der Mensch, der in jener Nacht in diesem Zimmer bei mir faß, es war ein böses Ding mit ihm. Der hatte seine Seele dem Bösen verhandelt, und es war dabei bedingt, daß er sich loskaufen könnte durch eine andere Seele. Schon viele hatte er aus dem Korn gehabt, aber allemal waren sie ihm wieder entgangen. Mich faßte er besser. Ich war wild ausgewachsen ohne Unterricht, und das Leben im Kriege ließ mich nicht viel nachdenken; wenn ich so über ein Schlachtfeld ritt, und der Mondschein fiel herab, und Freund und Feind niedergemähet dalagen, da dachte ich: sie sind jetzt halt tot und leben nicht mehr; von der Seele hielt ich nicht viel und von Himmel und Hölle noch weniger. Aber weil man so kurz lebt, wollt' ich 's Leben recht genießen, und Wein und Spiel war mein Element. Das hatte mir der Höllenknecht abgemerkt und sprach zu mir in jener Nacht: ,So zwanzig, dreißig Jahre zu leben in diesem Kellerreich, in diesem Weinhimmel zu trinken nach Herzenslust, nicht wahr, Balthasar, das müßt' ein Leben sein?' ,3a Herr', sprach ich, .aber wie könnte ich dies verdienen?' ,An was liegt dir mehr', fuhr er fort, .hier recht zu leben nach Herzens­lust auf der Erde, hier im Keller, oder an den Geschichten, die sich nach­her begeben, wo man gar nicht weiß, ob man nur noch lebt und Wein trinkt?' Ich tat einen gräßlichen Schwur und sagte: .Meine Gebeine wer­den dahinfahren, wo die Gebeine meiner Gesellen liegen; ist der Mensch tot, so fühlt er nicht und denkt nicht; hab' es an manchem Kameraden erlebt, dem die Kugel das Hirn zerschmetterte, darum will ich leben und lustig sein.' Er aber sprach zu mir: .Wenn du Berzicht leisten willst auf das, was nachher kömmt, so ist es ein Leichtes, dich hier zum Kellermeister zu machen, schreib' nur deinen Namen in dies Büchlein und tue einen rfcht tüchtigen Schwur dazu.' .Was nachher mit mir geschieht, das kümmert mich nicht', sprach ich; .Kellermeister will ich hier sein immerdar und ewiglich, solang' ich bin, und der Teufel ober wer will kann das andere haben alles, wenn sie mich einst einscharren.' (Forts, folgt.l

'sche Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gieren.