Aber keiner von allen sah mehr so mißmutig aus wie vor einer halben Stunde: im Gegenteil, ihre Augen glänzten.

Denn alle dachten, wie gut es sei, zu wissen jawohl, ob es auch noch so weit entfernt lag und man niemals hinkommen würde, so sei es doch gut, zu wissen, daß es ein Land gab, wo Branntweinberge standen und goldene Wälder wuchsen.

Das Ms-Ob im täglichen Leben.

Don Geheimrat Prof. Dr. Hans Vaihinger, Halle.

Geheimrat Vaihinger beging dieser Tage seinen 80. Ge­burtstag. Wir bringen aus diesem Anlaß einen Artikel aus der Feder des Schöpfers derAls-Ob-Philosophie" und Gründers der Kant-Gesellschaft.

Es ist ein Vorurteil, daß die Philosophie des Ms-Ob eine hyper­moderne Erfindung von mir sei: ich habe verschiedentlich gezeigt, daß fiktive Vorstellungsweisen, d.h. bewußt falsche Als-Ob-Betrachtungen, in der Kulturgeschichte der Menschheit von jeher eine große Rolle spielten. So ist es auch ein Vorurteil, daß die Als-Ob-Betrachtun nur eine Sache der abstrakten Wissenschaft sei, sie spielt vielmehr auch im täglichen Leben eine gewaltige Rolle. Ehe ich darauf eingehe, will ich aber doch noch kurz von der wissenschaftlichen Fiktion sprechen.

Im 17. Jahrhundert begann die fiktive Methode, die schon immer tn der juristischen Wissenschaft eine wichtige Rolle gespielt hatte, auch in der Mathematik ihren Siegeszug. Wie Kepler, Cavalieri, Leibniz und New­ton sich derselbe^ bedienten und durch die Fiktion des Unendlichkleinen die Infinitesimalrechnung schufen, hat diePhilosophie des Als-Ob" im einzelnen geschildert, und es ist seitdem oft wiederholt worden. So ist auch in weiteren Kreisen schon hinreichend bekannt geworden, daß fran­zösische Schriftsteller des 18. Jahrhunderts, besonders Condillac und Dide­rot, die Fiktionen auch in die philosophischen Wissenschaften gelegentlich einsührten, und daß dann Kant von der Fiktion einen ausgiebigen und grundlegenden Gebrauch in allen Teilen feines kritischen Systems gemacht hat, besonders in seiner Jdeenlehr«: Gott, Freiheit und Unsterblichkeit sind für Kantheuristische Fiktionen",Rur-Ideen",Dichtungen der Vernunft", die er mit dem VorzeichenAls-Ob" einführt, also bloßeMs- Ob-Betrachtungen". Ebenso ist bekannt geworden, daß dann um jene Zeit Forberg Niese Betrachtungsweise weiter bildete zu einer Religion des Als-Ob, auch -daß und wie dann später F. A. Lange in seinerGeschichte des Materialismus" diese Betrachtungsweise unter dem NamenStand­punkt des Ideals" erneuert hat, endlich, daß bei Nietzsche die Als-Ob- Betrachtung selbständig und von ganz anderen Voraussetzungen aus wieder austaucht, derart, daß die von mir neu gegründeteVereinigung der Freunde und Förderer des Positivistischen Idealismus" Nietzsches Lehr« von den Fiktionen zum Gegenstand einer Preisaufgabe machen konnte. ' ,

All dieses will ich also nicht nochmals wiederholen. Lieber will ich einiges Neues sagen. Auch in unserem alltäglichen Leben spielt die Fiktion, d.h. das bewußte Als-Ob, die bewußte Einführung erdichteter Vorstellun­gen, eine bedeutsame Rolle, so daß in der ZeitschristDie Tat" Dr. M al- lachow einem Artikel hierüber den bezeichnenden Titel geben konnte: Von der Allgegenwart des Als-Ob". Ich wähle mit Absicht ein fast banales Beispiel. Wer einen ihm unbequemen Besuch damit ablehnt, daß er dem an der Tür Wartenden sagen läßt, er sei nicht zu Hause, oder wer, wenn er allein in seiner Wohnung ist, in solcher Lage aus die Tafel vor der Tür die Worte schreibt:Nicht zu Hause", macht keine Vorspiegelung falscher Tatsachen, keinen Betrug und keine Lüge, sondern er bedient sich einer berechtigten und allgemeinen anerkannten gesellschaft­lichen konventionellen Fiktion. Er hat vielleicht schon einen anderen Be­such, dem er sich allein widmen muß, oder er steckt in der Vorbereitung zu einem Vortrag, den er in einer Stunde halten muß, oder er schreibt einen eiligen und sehr wichtigen Bries, an dessen rechtzeitiger Absendung die schwersten Folgen hängen, oder er ist körperlich oder seelisch sehr angegriffen, ohne sich doch krank nennen zu können: kurz, tausend Gründe, die andere nichts angehen und die man anderen nicht detaillieren kann, können uns das Recht geben und sogar die Pflicht auserlegen, den Be­sucher nicht zu empfangen. Aber abgewiesen zu werden, wenn der zu Besuchende zu Hause und nicht krank ist, ist überaus peinlich und direkt beleidigend. So hat man die gesellschaftliche Fiktion eingeführt, daß der Betreffendenicht zu Hause" ist. Letzterer handelt also so, als ob er nicht zu Hause wäre.

Noch ein Beispiel aus ganz anderem Gebiet. Tante Frieda hat eine reizend« Nichte, die sie gern unter die Haube brächte. Zu diesem Zweck arrangiert sie einen Kaffee, zu dem sie einen jungen Herrn einlädt, den sie vor kurzem zufällig auf der Reise kennengelernt hat und der sie jetzt während eines flüchtigen Aufenthaltes in ihrem von seiner Heimat weit entfernten Wohnort ausgesucht hat. Sie ist überzeugt, daß beide vor­züglich zueinander passen und sagt das sogar auch beiden vorher. Und richtig nach einem halben Jahre haben sich die Fäden zwischen beiden verknüpft. Gott Amor hat beider Herzen verbunden in wahrster Siebe; Verlobung findet zu Ostern statt.Wir beide sind von der Ewigkeit her füreinander bestimmt. Nicht der Zufall, sondern eine ewige Vorherbestim­mung hat uns zusammengesührt usw." Dies ist die Ueberzeugung der beiden und kann auch bei beiden sogar religiöser Glaube sein. Es kann aber auch eine bewußte Selbsttäuschung sein, eine absichtliche Selbst- juggeftion, eine bewußte Fiktion, die beide glücklich macht und erhebt.

Zehn Jahre später, und die beiden haben ein Töchterchen, das mit seinen Puppen spielt. Das achtjährige Kind weiß ganz sicher, daß die Puppe aus Porzellan, Leder, Sägemehl ober einem anderen Füllsel besteht. Aber für das spielende Kind ist die Puppe etwas Lebendes. Das Kind spricht mit seiner Puppe, als ob diese lebte, als ob sie Empfindungen und Bewegungen zeigte. Alles Spielen der Kinder, so z. B. auch, wenn die JungensRäuber spielen", heruht auf solchen bewußten Fiktionen. Es wäre ein grober Erziehungsfehler, vom Standpunkt der Logik aus die spielenden Kinder aus diesenbewußten Selbsttäuschungen", aus diesem selbst klar durchschauten Traumleben aufzuwecken, und nur ein roher

Pedant könnte einen solchen Frevel an dem selbsterbauten Tempel der Jugend ausführen, und die in ihrem Traum gestörten Kinder wurden ihn mit Entrüstung fortjagen.

Eine Fiktion ist es auch, wenn jede politische Partei behauptet, ste spreche denWillen des Volkes" aus: derBolkswille" ist eine Fiktion, die auch nicht durch die vornehmer klingende Formella volontä generale zur Realität wird, aber eine zweckmäßige und notwendige Fiction des Staatsrechts. Bon solchen politischen Fiktionen guter und schlimmer Art ist unser Leben durchsetzt. Die größte derartige Fiktion der neuesten Zeit ist der vielberufene Paragraph des Versailler Friedens, der die alleinige Schuld Deutschlands am Weltkriege ausspricht, allerdings eine verhängnis­volle Fiktion.

Wie alles in der Welt, so kann auch die Fiktion mißbraucht werden, aber auch hier gilt: Abusus non tollit usum (Der Mißbrauch ist kein Gegengrund gegen den richtigen Gebrauch). Einen solchen stellt auch die zweckmäßige und notwendigeLebenslüge" Ibsens dar, worüber Dr. Sternberg in denAnnalen der Philosophie" mit besonderer Rück­sicht auf die Probleme derAls-Ob-Betrachtung" im zweiten Bande aus­führlich spricht. Ebendaselbst findet sich auch ein anziehender Artikel von Dr. Hüttner:Der biologische Wert der Illusion als das Stoffproblem von Thomas Mann". Einen sehr fruchtbaren Gebrauch von der Fiktion macht man neuerdings in der so schwierigen Frage derSozialisierung' der Betriebe. Hierüber orientiert die soeben erschienene Schrift von Dr. Fritz K r a s p e r :Der Arbeitsfriede durch Arbeiterkapitalisten. Eine kritische Untersuchung der nach dem November 1918 gemachten Vorschläge und Versuche zur Beteiligung der Arbeitnehmer durch reale und fiktive Einlagen am Ertrage von Kapitalgesellschaften." Der Autor behandelt darin erstens den Vorschlag von Piechottka:Beteiligung durch fiktive Einlagen in der Höhe des Zinses der kapitalisierten Arbeitskraft", zweitens einen Vorschlag von Dewitz:Beteiligung durch fiktive Ein­lagen in der Höhe der Äufzugskoften des Arbeitnehmers".

Noch ein Beispiel:Das Formular zur Veranlagung für die preußische Einkommensteuer sprach vor wenigen Jahren noch von einerfingierten" staatlichen Grundsteuer, die gar nicht existiert, deren fiktive Ansätze aber als Grundlagen zu weiteren Steuerberechnungen dienten. Ach, wären doch all« Steuern so fiktiv!

Ein berechtigter Gebrauch der Fiktion findet tausendfach in allen Religionen statt. Im Anschluß an Kant hat in Frankreich der protestan­tischeSymbolo-Fideismus", d. h. der sich symbolischer bildlicher Vor­stellung bedienende Glaube der Schule von Sabotier, sowie der katholische Modernismus" von Le Roy, dem auch schon Renan vorgearbeitet hat, das offen ausgesprochen, und damit das mythische Element in der Religion anerkannt.

Oefterreichische Stifter an der Donau.

Von Wilhelm Hausen st ein.

Klosterneuburg.

In Wien merkt man die Donau nicht, aber wenn man nach Kloster­neuburg hinaussährt, dann sieht man sie. Man fährt an ihrem User hin; nach der aruberen Seite streift man den Leopoldsberg, die Weinhänge, die zusammen mit dem Laubwald, der Umgegend Wiens fo viel von ihrem Zauber geben, und das entzückende Kahlenbergerdorf, in dem man wohnen möchte, wenn man zu Wien gehörte. Das gesamte Dorf ist so schön wie ein Lied von Schubert.

Den Hügel von Klosterneuburg überhöhen zwei gotische Kirchtürme, die nicht recht sprechen, und zwei niedrig aufsitzende, aber riesige Kup­peln, in der Hellen Farbe des Grünspans, die das beherrschende Wort sagen: das Stift der Augustiner Chorherren, der Ort, die liebliche Land­schaft gehört diesen Kuppeln. Dem Ankommenden, der die Höhe auf alten Staffeln, zwischen altem Mauerwerk erstiegen hat, stellt sich heraus: an den Türmen hat das neunzehnte Jahrhundert seinen Anteil, aber die Kuppeln sind Kundgebungen des herrschaftlichsten Barocks, und auf ihren Scheiteln tragen sie Kronen die österreichische Herzogskrone, die Kaiser­krone des heiligen römischen Reichs Deutscher Nation.

Die Kronen behaupten nicht mehr, als wahr ist. Denn dies Stift Klosterneuburg hat nicht weniger werden wollen als das Escorial von Wien! Der Stiftsbau, auf jede barocke Art gesättigt, pompös, triumphal, von der großartig phrasierenden Hand eines Mailänder Baumeisters zu südlicher Größe gebildet, ist ein Kaisergedanke, der sich zu Kirche und Kloster bekennt und dort, zugleich mit der Steigerung, den Frieden, die letzte Sicherheit, die Grenzen sucht. Klosterneuburg ist ein Kaisergedanke des sechsten Karl, des Vaters von Maria Theresia, der in seiner schöpfe­rischen Stärke noch nicht genug erkannt, in der Entfaltung des Wesens und der Form einer der mächtigsten Habsburger gewesen ist. Er war der Vater dieser Tochter... Ihm waren in dem freilich nie zu vollen Um­fang des riesigen Plans ausgebauten Stift die warmen Kaiferzimmer zugedacht, aus denen nun der Blick eines kargen Zeitalters auf einen stillen Obstgarten fällt und auf die ewig gleiche niederösterreichische Land­schaft, die der Großartigkeit dieser kaiserlichen Eremitage auch noch den Rahmen der Lieblichkeit hinzusügte. Denn so ist es in dieser österreichi­schen Welt: auch das Verpflichtende, das Strenge liebt noch die barocke Fülle der Form und ist einer Landschaft leibeigen, in der die Linien und Lichter lauter sanft beglückende Annehmlichkeiten sind.

Freilich war das Bild des Hügels von Klosterneuburg einmal härter. Die Urform der Stiftskirche, noch gut zu erkennen, ist romanisch gewesen. Man sieht es außen; man merkt es innen, wo eine romanische Enge den üppigen Freiheiten des Barocks heimlich entgegensteht. Das romanische Urwesen der Kirche hat in der Krypta Urkunde und Siegel empfangen und bewahrt beides bis 3um heutigen Tag: Gold und Email des Ver­duner Altars, der, seinem mit Verdun verbundenen Meister geheißen, das gleichsam Unbedingte romanisch-sakraler Gewerbekunst durch ein Jahr­tausend aufrecht und blank erhält. Dennoch ist nicht weniger wahr, daß spätere Zeiten diese Kirche barock gewandelt haben man darf wohl behaupten, Oesterreich habe auch in dieser Kirche die Gestalt gesucht, m der es sich eigentümlich vollenden konnte: die barocke.