GiehenerKnnilienblötter
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang <952
Montag, -en 26. September
Nummer 75
Nach einem Wandertag.
Von Theodor Kramer.
Draußen geht der Tag zu Ende, in der Kammer rauscht es leer: feucht vom Gras sind deine Hände und vom Rucksacktragen schwer. Nimm den Imbiß noch, ich stecke übers Wandbrett dir ihn zu; aufgeschlagen ist die Decke schon im Bett, bereit zur Ruh.
Dunkel schimmert im Entschlafen unfern Augen noch einmal auf, was unterwegs wir trafen, Klee am Hang, Gebüsch im Tal. Vor dem Quell, aus dem wir schöpften, sehen traumhaft wir uns stehn, auch die Stöcke, wie sie köpften Disteln unterm Weitergehn.
Deine Schulter, die mich duldet, nun $u Ende geht der Tag, dünkt mich fest, doch ausgemuldet wie der Grund, auf dem ich lag. Mit den Schläfen, mit den Wangen schweigsam nahe deinem Hauch, halt ich schläfrig dich umfangen und Gesträuch und Rasen auch.
Das Land der Hoffnung.
Von Selma Lagerlöf.
Da waren gar viele: Lars aus London und Sven aus Paris und Magnus aus Wien und Johann aus Prag und Per aus Berlin und Ole aus Maggebysäter, und der Stallknecht und der Stallbub.
Und Lars aus London und Sven aus Paris und Magnus aus Wien und Johann aus Prag und Per aus Berlin waren gar keine Ausländer, sondern Taglöhner in Marbacka. Das verhielt sich nämlich so: Leutnant Lagerlöf hatte sich den Spaß gemacht, seine Katen nach den Hauptstädten Europas zu benennen.
Lars aus London und Magnus aus Wien hatten den ganzen Tag draußen auf den Feldern gepflügt. Sven aus Paris hatte das Vieh gefüttert und daneben auf dem Kartoffelacker geholfen. Johann von Prag hatte Kartoffeln ausgebuddelt, aber Per von Berlin hatte gar nichts getan. Er hatte Rückenweh gehabt und deshalb nicht arbeiten können, und er war nur nach dem Herrenhose gegangen, um sich ein wenig zu zerstreuen. Der Stallknecht hatte mit den Pferden zu tun gehabt, und daneben hatte er Holz gespalten. Der Stallbub war mit auf dem Kartoffelacker gewesen. Ole aus Maggebysäter hatte überhaupt nicht auf dem Hofe gearbeitet: er war nur gekommen, ein Viertel Roggen zu kaufen.
Es war Herbst und Regenwetter; aber jetzt zwischen halb fünf und fünf war Vesperpause, und so waren alle miteinander samt ihren lehmigen stiefeln, ihren feuchten Kleidern und ihrer schlechten Laune in der Gesindestube versammelt.
Sie zündeten sich ein Feuer aus dürrem Holze im Herd an und setzten sich rings herum. Lars aus London, der die größte Kate hatte und der süchtigste von allen den Arbeitern war, nahm auf dem Hackblock gerade vor dem Feuer Platz, und Magnus von Wien, ein fast ebenso guter Arbeiter wie Lars aus London, setzte sich neben ihn auf den dreibeinigen Schusterschemel. Sven von Paris, der sich für ebenso gut hielt wie jeden andern, obgleich er auf dem Hofe nur das Vieh besorgte, setzte sich sogar auf die Herdplatte mit dem Rücken gegen das Feuer und fragte nichts danach, ob er den andern die Wärme wegnahm. Johann von Prag saß auf dem andern Schusterdreifuß, und Per aus Berlin hatte sich auf dem Gügebocf ein wenig hinter den übrigen niedergelassen. Der «tallknecht >1(3 auf dem Bettrand und baumelte mit den Beinen, der Bub hatte !ich auf die Hobelbank verstiegen, und Ole von Maggebymter thronte leben der Tür auf einem Faß mir roter Farbe und hatte öie Fuße auf 'einen Sack mit Roggen gestellt, den er soeben gekauft hatte.
Lars von London und Magnus von Wien und Fohann von Prag Machten ihren Proviantbeutel auf, und jeder holte seine scheibe Roggenbrot mit einem Buttecklecks in der Mitte heraus. Dann zog jeder |em Resser hervor, das an einem Lederriemen unter dem schurzsell hing; |te itridjen es an der Hose ab und schmierten dann die Butter über das Brot, ichnitten sich Bissen für Bissen herunter und kauten und ichmaulten ,n -Üer Behaglichkeit. ... ... . , „ ,.
Der Stallbub wurde in die Küche geschickt, um für I>ch und den Knech. las Vesper zu holen. Er kam mit zwei halben Roggenlaiben, zwei öutter-
klecksen und zwei Scheiben Käse zurück. Aber Per von Berlin, der heut nicht auf dem Hofe tätig gewesen war, hatte keinen Brotbeutel bei sich und ebensowenig Ole von Maggebysäter, der ja nur gekommen war, um Roggen zu kaufen. Die beiden saßen müßig da und guckten den andern beim Essen zu.
Das Feuer flackerte und knisterte und verbreitete eine behagliche Wärme, in der die feuchten Kleider trockneten und der Lehm von den groben Stiefeln abfiel. *
Rach beendeter Mahlzeit zogen Lars von London, Magnus von Wien und Sven von Paris und Johann von Prag und der Knecht und der Stallbub kleine Tabakrollen aus der Hosentasche. Diesmal brauchte der Alte von Berlin nicht hintanzustehen. Wie die andern zog auch er eine Rolle heraus. Ader der Alte von Maggebysäter halte nicht einmal ein Röllchen Tabak in der Tasche.
Wieder holten sie ihre Messer hervor, schnitten ein Stück Tabak ab, legten es auf ihr Schurzfell und zerhackten es in kleine Stückchen. Dann zogen sie ihre kurzen Nasenwärmer hervor, die auch im Schurzfell steckten, und stopften den Tabak hinein.
Lars von London hob einen Span vom Boden auf und entzündete ihn an der Herdglut. Damit steckte er seine Pfeife an und ließ den Span an Magnus von Wien weitergehen, Magnus von Wien gab ihn Sven von Paris, Sven von Paris überließ ihn Johann von Prag, und Johann von Prag reichte ihn Per von Berlin, der hinter ihm auf dem Sägebock saß. Per von Berlin reckte und streckte sich, damit der Stallknecht zu dem Feuer gelangen konnte, der Stallknecht steckte seine Pfeife an und hielt den Span brennend in der Hand, bis ber Bub durch die Stube gelaufen kam und ihn holte. Ole von Maggebysäter brauchte natürlich kein Feuer, da er ja weder Pfeife noch Tabak hatte.
Die andern waren nun warm und satt, und die Welt bekam für sie wieder ein anderes Aussehen.
Ole von Maggebysäter war in den Siebzigern und von Gicht gekrümmt. Seine Finger standen wie Haken hinaus, und der Kopf neigte sich auf die eine Schulter herunter. Sein Rücken war gebeugt, und er sah fast nichts mehr, ein Bein war kürzer als das andre, und [eine Körperkräfte waren ebenso schwach wie sein Verstand. Er war recht häßlich und hatte nicht einen Zahn mehr im Munde; im letzten Halbjahr hatte er sich sicherlich weder gewaschen noch gekämmt, und sein Sinnbart hing voller Spelzen und Strohhalmen.
Er besaß eine kleine Kate weit droben im Walde, aber er war nie ein brauchbarer Arbeiter gewesen und hatte die Armut nicht von seiner Hütte fernzuhalten vermocht. Dabei war er von jeher ein mürrischer, verdrossener Kauz gewesen und hatte auch nie einen Freund gehabt.
Während der Tabakrauch der andern die Luft erfüllte, sagte er gleichsam zu sich selbst:
„Ich hab's mein Leben lang schwer und schlecht gehabt, aber nun hab' ich gehört, es gebe ein Land, das Amerika heißt, und dorthin will ich jetzt ziehen."
Die andern saßen in angenehme Gedanken versunken da und gaben dem Alten gar keine Antwort.
Aber Ole von Maggebysäter fuhr fort:
„Ja, seht, mit Amerika ist es nämlich so: man braucht nur mit einem Stock an einen Felsen zu schlagen, und sofort fließt Branntwein heraus. Das will ich sehen, eh ich sterbe."
Die andern sagten noch immer nichts. Sie saßen still da, schauten vor sich hin und lächelten.
Aber Ole von Maggebysäter gab sich noch nicht zufrieden.
„Mich soll keiner dazu bringen, hier weiter in Armut und Elend zu leben, wenn ich weiß, daß es ein Land gibt, wo die Berge voll Branntwein sind."
Die andern sagten immer noch nichts, aber sie verloren keine Silbe von dem, was Ole von Maggebysäter sagte.
„Und das Laub dortzulande besteht aus reinem Golde", fuhr der armselige alte Mann fort. „Da braucht niemand Taglöhner auf einem Herrenhofe zu sein. Man geht einfach in den Wald und holt sich einen Arm voll Laub, dann kann man sich kaufen, was einem gefällt, und das werd' ich mir nicht entgehen lassen, so alt ich auch bin."
In der Gesindestube war's jetzt schön warm, und allen war es höchst behaglich zumute. Sie glaubten das Land vor Augen zu sehen, wo man Branntwein aus den Bergen zapfen und Gold von den Bäumen pflücken kann.
Doch nun erklang die Vesperglocke, und die Ruhepause war zu Ende.
Sie mußten wieder hinaus in Wind und Wetter. Lars von London ging zu seinem Pflug, und Magnus von Wien schloß sich ihm an. Sven von Paris und Johann von Prag und der Stallbub mußten Kartoffeln ausbuddeln. Per von Berlin begab sich heim in seine Hütte und der Stallknecht ans Holzspalten. Ole von Maggebysäter wanderte den Wald hinauf mit seinem Roggensack auf dem Rücken.


