Oer Sturz in den Malstrom.

Erzählung von Edgar Allan Poe.

(Fortsetzung.)

Ich stellte mich so, wie er es wünschte, und er begann:

Ich und meine beiden Brüder besahen einmal ein als Schoner auf- getakeltss Küstenschiff von etwa 70 Tonnen, mit dem wir zwischen den Inseln hinter Moskoe nahe bei Burrgh auf den Fischfang fuhren. In allen heftigen Meereswirbeln ist besonders gute Gelegenheit zum Fischen, wenn man nur den Mut hat, sie zu ergreifen, aber von allen Küstenbewohnern der Lofoten waren wir drei die einzigen, die regelmäßig ein Geschäft daraus machten, zu den Inseln zu fahren, wie ich Ihnen schon sagte. Die üblichen Fischplätze sind ein großes Stück weiter nach Süden. Dort kann man zu allen Zeiten ohne große Gefahr Fische fangen, und deshalb werden diese Plätze bevorzugt. Die ausgesuchten Stellen hier um die Felsen enthalten aber nicht nur die vorzüglichsten Arten, sondern diese auch in größeren Mengen, so daß wir ost an einem einzigen Tage soviel fingen wie die ängstlichere Mannschaft nicht in einer Woche zusammen­kratzen konnte. Tatsächlich setzten wir unseren Stolz in rücksichtsloses Wagen die Lebensgefahr ersetzte die Arbeit, und der Mut entsprach dem Kapital. Wir verwahrten das Schiff in einem Schlupfhafen etwa fünf Meilen weiter oben an der Küste. Und es war unsere Gewohnheit, bei schönem Wetter die fünfzehn Minuten Stillwafser auszunutzen, um über den mittleren Kanal des Malstromes vorzudringen, weit über den Wirbel, und dann stromab zu treiben nach einem Ankerplätze bei Otter­holm oder Sandflesen, wo die Strudel weniger heftig sind als anderswo. Hier blieben wir dann, bis die Zeit des Stillwassers beinahe wieder ha war, um den Anker zu lichten und heimwärts zu fahren. Wir zogen nur dann auf diese Unternehmungen aus, wenn für die Hin- und Rückfahrt ein steter Wind von der Seite wehte, ein Wind, von dem wir sicher waren, daß er uns nicht vor der Rückfahrt im Stiche lassen werde: und wir verrechneten uns selten in diesem Punkte. Zweimal in sechs Jahren waren wir genötigt, die ganze Nacht vor Anker zu liegen wegen voll­ständiger Windstille, die gerade hierzulande sehr selten ist; und einmal mußten wir fast eine Woche sortbleiben und starben fast vor Hunger, denn ein Sturm war kurz nach unserer Ankunft ausgebrochen und machte den Kanal zu ungestüm, um an Abfahrt zu denken. Bei dieser Gelegenheit hätten wir trotz allem in die See hinausgetrieben werden müssen (denn die Wirbel warfen uns so heftig herum, daß sich schließlich unsere Taue verwickelten, und wir vor Anker trieben), wenn wir nicht in einen der zahllosen Gegenströme geraten wären, die heute hier und morgen dort sind, der uns in den Schutz von Flimen brachte, wo wir glücklicherweise vor Anker gehen konnten.

Ich kann Ihnen nicht den zwanzigsten Teil aller Schwierigkeiten erzählen, die uns auf den Fischplätzen entgegentraten sie sind schon ein böser Aufenthalt bei gutem Wetter, aber wir bemühten uns immer, ohne Unfall das Wagnis mit dem Malstrom aufzunehmen, wenn mir auch manchmal das Herz im Halse schlug, weil wir eine Minute früher oder später kamen als das Stillwasser. Zuweilen war der Wind nicht so stark, als wir bei der Abfahrt glaubten, und dann legten wir weniger Weg zurück als wir gewünscht hätten da die Strömung das Schiff unlenksam machte. Mein ältester Bruder hatte einen achtzehnjährigen Sohn, und ich selbst hatte auch zwei kräftige Buben. Diese hätten uns zu solchen Zeiten gute Dienste tun können, beim Rudern sowohl als hinterher beim Fischen, aber irgendwie wagten wir nicht, unsere Jungen in die Gefahr zu bringen, der wir uns selbst aussetzten, denn nach allem war es eine schreckliche Gefahr, das ist die Wahrheit.

In einigen Tagen werden es drei Jahre, daß sich zutrug, was ich Ihnen erzählen will. Es war am 10. Juli 18.., ein Tag, den die Men­schen, die diesen Teil der Erde bewohnen, nie vergessen werden, denn damals tobte der schrecklichste Orkan, der je vom Himmel kam; und doch hatten wir den ganzen Morgen und bis spät in den Nachmittag hinein eine günstige und steife Brise aus Südwesten gehabt, während die Sonne hell schien, so daß die ältesten Seeleute unter uns nicht ahnen konnten, was folgen sollte.

Wir drei, meine Brüder und ich, kreuzten zu den Inseln hinüber etwa um 14 Uhr und hatten bald unser Schiff voll schöner Fische geladen, die, wie wir alle bemerkten, an diesem Tage reichlicher vor­handen waren, als wir jemals erlebt hatten. Es war genau sieben auf meiner Uhr, als wir Anker lichteten, um heimzufahren und das Schlimmste zu schaffen, während im Strom Stillwasser war, und wir wußten, daß dies um 8 Uhr sein mußte. Wir brachen auf bei frischem Wind von Steuerbord und fuhren einige Zeit sehr schnell dahin, ohne von Gesahr zu träumen, denn wir hatten wirklich nicht die geringste Ursache zu Befürchtungen. Da wurden wir ganz plötzlich von einer Brise, die von jenseits des Helseggen kam, zurückgerissen. Das war ganz ungewöhnlich etwas Niedagewesenes und mir wurde un­gemütlich, ohne daß ich genau wußte warum. Wir brachten das Boot an den Wind, konnten aber gar nicht vorwärts kommen wegen der Strudel, und ich wollte, gerade Vorschlägen, zum Ankerplatz zuriickzu- kehren, als wir rückwärtssehend bemerkten, daß der ganze Himmel mit sonderbaren tupferfarbigen Wolken bedeckt war, die mit erschreckender Schnelligkeit auszogen.

Inzwischen war die Brise, die uns von vorn entgegengeblasen hatte, weggefallen, und wir trieben in totenähnlicher Ruhe nach allen Seiten. Dieser Zustand dauerte aber nicht jo lange, daß wir Zeit hatten, dar­über nachzudenken. In weniger als einer Minute war der Sturm über uns, in weniger als zwei der Himmel vollständig überzogen und es wurde nun so dunkel dazu noch bei der tosenden Gischt daß wir uns gegenseitig im Book nicht sehen konnten.

Es wäre Wahnsinn, wollte ich versuchen, einen Orkan wie den, btt damals tobte, zu beschreiben. Die ältesten Seeleute in Norwegen fjafcti nie etwas Derartiges erlebt. Wir hatten unsere Segel eingezogen, bi. vor er uns vollständig faßte; aber beim ersten Windstoß gingen unfere beiden Maste über Pord, wie wenn sie abgesägt wären und dir Hauptmast riß meinen jüngsten Bruder, der sich der Sicherheit Ijalb-r daran angebunden hatte, mit sich fort.

Unser Boot war wie die leichteste Feder, die jemals aus dem Wassjir schwamm. Es hatte ein ganz flaches Deck mit nur einer einzigen 8ule in der Nähe des Bugs, und diese Luke pflegten wir zu verschalle,, wenn wir den Strom kreuzen wollten, aus Vorsicht gegen das Stoff in , der See. Aber bei dieser Gelegenheit hätten wir sofort finken müsse,, denn wir lagen einige Augenblicke vollständig begraben. Wodurch men ältester Bruder damals dem Tode entging, kann ich nicht sagen, bern I 77 ich hatte niemals Gelegenheit, es sestzustellen. Ich meinerseits wmf ! M mich, nachdem ich das Focksegel gesetzt hatte, flach auf das Deck, bie 55 Füße gegen das enge Schanzdeck auf dem Bug gestemmt und be Hände an den Ringbolzen nahe beim Fuß des Focksegels getlammeit. Lediglich mein Instinkt hieß mich dies tun, was übrigens entjcfjieW das Beste war, was ich tun konnte, denn ich war viel zu aufgeregt, um zu denken. Während einiger Augenblicke waren wir völlig über­flutet, und während dieser ganzen Zeit hielt ich den Atem an uto krampfte mich an den Bolzen. Als ich es nicht mehr aushielt, er­hob ich mich auf die Knie, ohne die Hände loszulassen und madjre so meinen Kops frei; augenblicklich schüttelte sich unser kleines Boot m p ein Hund, der aus dem Wasser kommt, und befreite sich einigermafjun von den Wogen.

Ich versuchte nun die Betäubung zu überwinden, die mich ergriff hatte, und meine Sinne zusammenzunehmen, um zu überlegen, was je gt ; zu tun sei, als ich fühlte, daß mich jemand am Arm ergriff. Es tw mein ältester Bruder, und mein Herz hüpfte vor Freude, denn ich haäü sicher geglaubt, er sei über Bord gefallen, aber im nächsten Äug« blicke verwandelte sich die Freude in Entsetzen, denn er näherte [einen ] Mund meinem Ohr und schrie nur das eine Wort:Malstrom".

Niemand wird je erfahren, was ich in diesem Augenblick empfaiu). I Ich bebte vom Kopf zu den Füßen wie in einem Anfall von heftig: 11 Schüttelfrost. Ich wußte nur zu gut, was er mit diesem einen W»'i 1 meinte, was er mir damit zu verstehen geben wollte. Bei dem:s j der uns jetzt trieb, mußten wir bestimmt in den Strom geraten, uniII nichts konnte uns retten. Sie wissen ja, daß wir beim Kreuzen i nt j, Stromkanal immer ein großes Stück oberhalb des Wirbels bliebet, II selbst beim ruhigsten Wetter, und dann vorsichtig warten mußten, d; [I das Stillwasser kam; aber nun trieben wir genau in den Wirbel urtll dazu bei einem solchen Orkan! Sicher, dachte ich, werden wir gerate ' in der Zeck des Stillwassers ankommen, da ist noch ein wenig Hossnm 1, II aber im nächsten Augenblick fluchte ich mir selbst, daß ich ein solch»: I Narr sei, überhaupt noch von Hoffnung zu träumen. Ich wußte fete I wohl, daß wir verurteilt waren und wenn wir zehnmal ein neunzig«:! I 5i; Kanonenboot gewesen wären. 31

Zu dieser Zeit hatte sich die erste Wut des Sturmes erschöpft, ob«: I vielleicht kam es uns so vor, weil wir vor ihm herliefen, aber jedenfalls (1Bf erhoben sich die Wogen, die bisher durch den Wind niedergehalten flaiq j und schäumend lagen, jetzt zu wahren Bergen. Auch am Himmel zeige I sich eine merkwürdige Veränderung. Ringsum war er in jeder Richtumz .1 I immer noch so schwarz wie Pech, aber säst genau über unseren Stopfen |j| brach ganz plötzlich ein kreisrunder Spalt des klaren Himmels berooc, * so klar in tiefstem Blau, wie ich ihn kaum jemals sah, und durch Wil ,, schien der Vollmond hindurch mit einem Glanze, den ich nie vorh«:»» ,Jr an ihm gekannt hatte. Er beleuchtete alles um uns her mit gröfetar Deutlichkeit aber, 0 Gott! welches Schauspiel war es, das er toi

beschien!

Ich machte nun einen oder zwei Versuche, mit meinem Bruder UI sprechen, aber auf irgendeine Weise, die ich nicht begriff, hatte das 6-f-l töse so zugenommen, daß er nicht ein einziges Wort verstehen tonnt::, | obgleich ich so laut wie möglich in sein Ohr schrie. Bald darauf schütteln! er den Kopf, wurde totenbleich und hob einen Finger in die Höhe all» 1 wollte er sagen:Horch!"

Zuerst verstand ich nicht, was er meinte aber bald blitzte eitl gräßlicher Gedanke in mir auf; ich zog meine Uhr aus der Tasche. 6/1 ging nicht. Ich schaute beim Mondlicht auf das Zifferblatt und brach I Tränen aus, während ich sie weit weg in den Ozean warf. Sie war u® I sieben Uhr stehengeblieben. Wir waren schon über die Zeit der St® I hinaus, und der Wirbel des Stromes in voller Wut!

Wenn ein Boot gut gebaut, richtig ausgerüstet, und nicht zu tl>>! 1 geladen ist, scheint es bei steiser Brise und ungehinderter Fahrt immer,I als ab die Wogen hinter ihm herhüpften; das kommt den ßanbratt/ sehr sonderbar vor und ist was wir in der Seemannssprachereifem, nennen. Also bisher waren wir sehr geschicktgeritten", aber nun ergn t ] uns eine riesige Woge gerade unter der Quittung, trug uns mit v® 1 und stieg hoch immer höher als ab sie in den Himmel rooUtit. 1 Ich hätte nicht gedacht, daß eine Wette jemals so hochsteigen könne. Uw | dann tarnen wir wieder herunter mit einem Schwung, einem ©leite' I und Tauchen, daß ich mich krank und schwindlig fühlte, als ob ich ,IT11 Traume von einem hohen Berge herunterfiele. Aber während wir obei j waren, hatte ich einen raschen Blick rundum geworfen, und dieser | genügte schon. Ich Übersah in einem Augenblick unsere ganze Lage. Dr: Wirbel des Moskoeftroms war etwa eine Viertelmeile unmittelbar tw' uns aber dem alltäglichen Moskoestrom nicht ähnlicher als.cher Wirb:«, den Sie jetzt sehen, einem Mühlgerinne. Wenn ich nicht gewußt bat hi.' wo wir waren und was wir zu erwarten hatten, würde ich die Stell ; überhaupt nicht erkannt haben. Bei diesem Anblick schloß ich unroiJ kürlich die Augen vor Entsetzen. Meine Lider preßten sich jujammM ] wie in einem Krampf.

(Schluß folgt.)

^»ranttvortlich: vr. Hans Thyriot. Druck undDerlag:Brühl'sche Universitäts-Duch- und Steindruckerei, D. Lange, Gießen

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