auf Raubwild, bas sollen die Jägerburschen tun, ich schieße überhaupt nicht mehr, nie mehr, ich kann nicht mehr schießen, es geht Nicht stun halten Sie mich wohl für einen Narren? Ich wollt, ich war ein Narr, Herr, denn wär ich ein Narr, so hätte ich Ruh in der Nacht und konnte einmal wieder friedlich schlafen. Aber man wird nicht so schnell ^verrückt man wird es nicht, und wenn man tausendmal drum bittet.
Un er Weg mündete in eine Lichtung. Ein Specht hämmerte, fern- her rief ein Kuckuck, die Bäume warfen über den weiten Schlag lange Schatten. Der Förster b-lieb stehen und hielt sich die Hand vor das Gesicht: „Es ist keine lange Geschichte, Herr, es tut mir wohl, wenn ich wieder einmal darüber sprechen kann, sie wird auch ihr Herz bedrücken aber wenn ein anderer mitträgt, wird einem leichter. Der Förster' blickte flüchtig auf, kehrte sich ab und begann mit gepreßter Stimme zu erzählen: , m , ,
„Ich war im Krieg Feldwebel an der Kartnerfront. Wochenlang fiel "dort kein Schuß, der Schnee machte uns in den Bergen mehr zu schaffen als der Feind. Da kommen eines Tages Offiziere von der Brigade herauf, die Seilbahn bringt Verpflegung und Munition, Patrouillen werden vorgetrieben, wir konnten es uns an den Fingern abzählen, daß es bald losgehen mußte. .
Einmal, gegen Sonnenuntergang, an einem solch stillen Dag wie wir ihn heute haben, merke ich, daß ich draußen meinen Feldstecher vergessen habe. Ich lasse meine Patrouille einrücken, ich lauf allein zu- rück. Richtig, da vorne, bei dem Auslug, liegt der Stecher. Und keine fünfzig Schritt vor mir, zwischen den beiden Stellungen, steht ein kleiner schwarzbärtiger Italiener und winkt mir mit der -uand. Vielleicht, denk ich mir, ist es ein Ueberläuser, der mir zeigt, daß nicht geschossen werden soll. Ich richte mich auf und deute ihn mit der Hand, näher zu kommen. . .
Der kleine schwarzbärtige Mann schüttelt den Kops, schaut einige - Male scheu zurück, dann winkt er mir wieder und zeigte. — wie das eben die Italiener tun, mit Armen, Händen und nacheinander in die Höhe schnellenden Fingern: Ich die Hälfte — du die Hälfte er meinte, wir sollten einander entgegenkommen.
Der kleine schwarze Kerl dort drüben, dachte ich mir, soll nicht glauben, daß ich mich vor ihm fürchte. Ich entsichere rasch meine Pistole und springe los: ich das Ganze! In ein paar Sätzen bin id) bruben bei ihm, ducke mich und warte keuchend, was er von mir will. Aber da seh ich zu meinem Schrecken, daß der Mann nicht mehr von demselben Regiment ist, das uns seit Monaten gegenuberliegt, denn mit dem früheren Regiment der Italiener sind wir ganz gut gestanden, der harte Winter hatte uns verträglich gemacht, wir hatten nur hie und da aufeinander geschaffen, wenn aus dem Tal Inspektion gekommen war, und auch dann nur ein paar Schuß, mehr nicht. Wird der Mann da vom neuen Regiment sich auch an dieses stillschweigende Abkommen halten? Weiß er davon? Was will er von mir? Ich bereue meinen Leichtsinn ich werde argwöhnisch, weil biefer Mensch immer wieder zurückblickt. Warum zieht er mich beim Arm zu sich nieder? Warum fuchtelt er mit den Händen, warum rollt er mit feinen schwarzen Augen, was will er denn, warum zeigt er immer wieder auf die verschneiten, im Abendrot glühenden Berge? ....
Rein, denk ich mir, so dumm bin ich nicht, daß ich mich hier von dir beim Aermel festhalten lasse, bis deine Kameraden da sind, mich gefangennehmen und bis nach Sizilien schleppen, nein, mein Lieber, dazu mußt du dir einen Dümmeren aussuchen. Loslassen! sag ich und geb dem kleinen Kerl einen Stoß, sofort loslaffen! Aber der Mann versteht mich eben nicht, der Mann lacht und packt mich nun bei der Hand und sagt etwas, als wollt er mich verhöhnen! Da bleibst du letzt, glaub ich, jagt der Mann, ich hab dich jetzt und laß dich Nicht mehr los Nein, in so eine plumpe Falle geh ich nicht, ein Ruck, der Kerl fliegt zur Seite, ich spring auf und greif nach meiner entsicherten
^Herr, so wahr mir Gott helfe, bei der Gesundheit meiner Kinder, Herr, der kleine Mann lacht noch immer, er lacht immer lauter, er rudert mit den Händen herum, es stößt ihn vor Lachen — er greift — und das kann ich beschwören bei allem, was mir heilig ist, nach der- selben Tasche seines Rockes, wo ich in meiner Bluse die Pistole stecken hab.
Jetzt, denk ich mir, jetzt kommt es darauf an, wer schneller ist. Mein Schuß kracht früher, der Mann fällt hintüber zusammen, seine braunen, kleinen Hände rupfen das kurze Gras, die Füße schlagen und schnellen noch ein wenig und dann wird es, während das Echo aus allen Wänden meinen Schuß zurückwirft, als wollten die Berge ihn nicht behalten, hier oben zwischen den Schützengräben stille.
Ich beuge mich über den kleinen Mann. Der Schuh ist ihm durch die zur Abwehr erhobene linke Hand gerade ins Herz gedrungen. Kein Zucken, nichts mehr, aus. Nun will ich dem kleinen Mann die Pistole abnehmen, ich zieh ihm die Hand aus der Tasche, Herr, wissen Sie, was der Mann in der Hand hält? Herr, können Sie das erraten? Es ist so furchtbar, Herr, daß es kein Mensch erraten kann. Er hält eine Photographie in der Hand, eine kleine Photographie und auf ihr ist eine kleine schwarze Frau und drei Kinder, drei Kinder, Herr, nicht älter und nicht jünger als meine drei Kinder zu Hause.
Da stand ich nun neben dem Toten und nun begannen die Italiener, unruhig geworden durch meinen Schuß, aus dem naheliegenden Graben zu schießen, rings um mich schlugen die Kugeln in das Gestein, ein Maschinengewehr begann zu rattern, ich hielt noch immer das Bild in der Hand, ich deckte mich nicht, ich duckte mich nicht, ich hoffte, nun werde doch auch eine Kugel so barmherzig sein und mich treffen.
Dem toten Mann, Herr, war nicht mehr zu helfen, aber dein lebenden auch. Hätte mich bas Bild nicht an meine eigenen Kinder erinnert, ich hätte mich neben den Toten gelegt und mit eigener Hand meinem Leben ein Ende bereitet.
Wie ich dann, im ärgsten italienischen Feuer in die eigene Stellung zurück bin, langsam, Schritt für Schritt, immer noch auf einen Gnadenschuß hoffend und doch nicht einmal von einer Kugel gestreift, fiel mir ein, wie mich bei Iwangorod ein riesiger Sibirier mit dem Kolben niedergehauen hatte, weil meine Pistole eine Ladehemmung gehabt hat. Uno
3n diesem Lande sind die Romer zuerst heimisch geworden, als sie anfingen, Germanien zu kolonisieren, und es mag chuen Nicht übel gefallen haben. In diesem Lande hat die deutsche, mittelalterliche Frömmigkeit eine ihrer ersten Heimstätten gesunden: Baden ist ^ne starke Provinz des Romanischen geworden — wie heute noch die drei Munster auf der Insel Reichenau im Bodensee großartig und innig bezeugen: drei mächtige romanische Kirchen, die ravennatischen Geist atmen — im Untertoieb von Ravenna freilich umgeben von der köstlichsten Fruchtbarkeit (wie paradiesisch ist es dort zur Zeit der Bohnenblute!). Lang vor dem Jahre 1000 schon sind die Benediktiner in Sankt B! a (i en rühmlich zu Hause gewesen. Der südöstliche Teil des Landes ,st die West des „Ekkehard". . .
Das gotische Zeitalter hat im Badischen einige seiner schönsten baulichen Urkunden geschrieben: im Freiburg des rötlichen Münsters, im Konstanz der Aera des Hus, der Aera des großen Konzils. Der immer so wunderliche Begriff der „deutschen Renaissance ist in Freiburg und vollends in Heidelberg zur Wirklichkeit geworden — und nach der Renaissance des Heidelberger Schlosses tritt das Barock mit feiner gründenden Fruchtbarkeit in den badischen Landschaften, in den badischen Städten auf: Mannheim quadriert sein Straßennetz, erbaut ein Schloß, das neben dem von Versailles nicht abfiele. Karlsruhe breitet den Fächer feines alten Planes und findet damit einen der liebenswürdigsten Plangedanken der barocken Welt; Karlsruhe erbaut fein scharmantes Schloß und läßt es die Arme um die ganze eigentliche Markgrasenstadt breiten. Der Bischof von Speyer erstellt sich in B r u ch- sal ein Herrenschloß, das man kennen muß, wenn man wissen will, welcher Entfaltung die Pracht einer ekklesiastischen Feudalwelt fähig gewesen ist In Schwetzingen wachsen die Spargel, die ich persönlich für die besten der Welt halte; dort sind aber auch Schloß und Schlohgarten, die so sehr zum Wesen der barocken Schönheit gehören, wie Nymphenburg und Schleihheim und Veitshöchheim und Ludwigsburg — oder was sonst es sei! Da ist Schloß Rastatt, Schloß Favorite. Aber auch Freiburg, sonst so sehr dem Gotischen und der Renaissance verpflichtet, hat die barocke Wendung gefunden — und dies in einer Art, die an Oesterreich denken macht. Wahrhaftig hat Oesterreich ja auch einmal bis in diesen äußersten deutschen Westen, bis an die Grenzen des französischen Lebens vorgereicht ... Und dann — wo cf) einmal: dann kommt die Zeit eines Karlsruhe, das viel mehr, als man gemeinhin weiß, ein Denkmal des Empire-Klassizismus geworden ist.
Und nun würde wohl die Schulfrage kommen: Was für große Dichter und was für große Meister der bildenden Künste dortzulande daheim gewesen seien? Geben wir Badener es zu: da stockt die Statistik vielleicht ein wenig. Aber einige sind da — wahrhaftig; und einige, di« sich sehen lassen können! Vorab ein Dichter, so groß etwa wie weiland Cervantes: Hans Jakob Grimmelshausen, der deutsche Dichter des Dreißigjährigen Krieges — Schultheiß in dem Stabilem Renchen, das heute der Schnellzug Frankfurt—Basel streift. Und nachher: Johann Peter Hebel, der Kalendermann des rheinländischen Hausfreunds, ein deutscher Prosaist von der vordersten Ordnung der Weltliteratur — obwohl sich die wenigsten Leute über dies« Tatsache Gedanken machen. Unter den Malern hat Baldung, der Nach- gotiter, der Renaissancemaler, von Straßburg herüber mit dem Badischen zu tun gehabt; für üb n er, in seinen Anfängen groß, und Rottmann sind von Heidelberg ausgegangen; Thoma ist gegen 1870 vom Schwarzwald herabgestiegen, um Dinge zu malen, die der Geschichte des malerischen Realismus als Zeugnisse von allzeit be- weisender Schönheit angehören. Und noch einmal: in " Weinbrenner brachte das Badische einen der größten Baumeister der neueren Zeit hervor. Aber auch die humaniore Gelehrsamkeit fand im Badischen ihre Zeugen: M e l a n ch t h o n aus Bretten und den R e u ch l i n aus Pforzheim. Es gibt noch andere. Aber ist es nicht genug?
Im ganzen ist dies badische Land eine Sphäre intimer Behaglichkeit, die das Große und das Kleine gerne ausgleichtz damit ein Lebenston gemütlicher und gleichsam verwandschaftlicher Gegenseitigkeit entstehe. Man ist nicht von der Gier gepeinigt, es aller Welt zuvorzutun — und doch ist man das „Musterländle geworden, ganz im Stillen, sozusagen mit einem familiären Stil der Oesfentlichkeit.
Die Badener lieben private Abseitigkeit; sie sind nicht ohne epikureische Züge, trinken ihren Schoppen und gehören, nicht nur für mein allzu beteiligtes Gefühl, zu den aUernetteften Menschen der Erde. Damit man aber nicht meine, es fehle diesem Lande an der weltbürgerlichen Weite, hat es seine Fäden doch in alle Welt hinausgewvben. Wohin in alle Welt sind die Badener ausgewandert (um Badener zu bleiben, versteht sich)! Der Hafen van Mannheim ist ein weltwirtschaftliches Phänomen. Und die - Welt kommt auch ins Badische herein: die Rennen von Iffezheim bei Baden-Baden — das ist nicht anders als Epsom, Auteuil und Longchamps.
Oie unsühnbare Schuld
Von Bruno Brehm.
Einmal traf ich den Mann, der immer allen Leuten so scheu aus- wich, an einer solch schmalen Wegstelle und so unerwartet für ihn, daß eine Begegnung unvermeidlich war. Er nahm seinen Jägerhut ab, bot mir einen Guten Tag, ich war unschlüssig, ob ich stehenbleiben ober weitergehen sollte, ich erzählte ihm, daß ein Fuchs meinen Weg gekreuzt habe, er horchte unaufmerksam zu und lachte seltsam vor sich hin. Dann fragte er, wohin ich gehe und als er mein Ziel gehört hatte, meinte er, daß er mich begleiten könne. Er ging eine Weile stumm neben mir her und begann auf einmal zu sprechen: „Herr, Sie haben sich wohl einen Revierförster anders vorgestellt, roie£ Keine Kugel im Lauf, keine Patrone in der Tasche — nichts." Er senkte sein durchfurchtes Gesicht, er hatte wohl einen Anlauf genommen, kam aber nun nicht weiter. Ich wollte ihm helfen: „Sind denn nicht viele Wilderer in dieser Gegend?"
„Mehr als man glaubt. Die können ja schießen, die sollen nur schießen. Herr, ich schieße nicht zurück. Ich nicht Ich schieße auch nicht


