GiehenerZamilienblätter
Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger
Jahrgang 1932 Zreitag, den 2b. August ' Nummer 66
Oer Bahndamm.
Von Edmund Finke.
Damals auf dem Bahndamm trugen Rad und Achsen unsre Sehnsucht kaum zum nächsten Kornfeld hin, rundherum war wilder Mohn gewachsen, Wolken standen zart wie Porzellan aus Sachsen in der himmlischen Vitrine drin.
Damals auf dem Bahndamm — Margueriten schmiegten sich bestürzt an deine Knie, Gras und Haare waren kurz geschnitten, und die goldnen Sommerstunden glitten unbekümmert über deinen Mund, Marie.
Damals auf dem Bahndamm, als der Reigen fremder Welten jäh vorüber brach, lauschten wir in riesengroßem Schweigen ängstlich erst, dann wieder still dem Steigen einer sommerfrohen Lerche nach.
Damals auf dem Bahndamm! Heut' nach Jahren — kühl und herbstlich wehte schon der Wind — sind wir wieder dort vorbeigefahren und ich sah in deinen braunen, klaren Augen, daß wir noch so froh wie damals sind.
Oas badische Land.
Lin Blick in die Heimat.
Von Wilhelm H a u s e n st e i n.
Das „Badische" ist von erstaunlicher Mannigfaltigkeit; nicht minder als Bayern, das mit Berchtesgaden etwa und mit Würzburg ja auch zwei Pole umfängt. Von Süden gegen Norden ist das badische Land ja auch kaum weniger „hoch" als das bayerische Land. Aber im übrigen ist es freilich kleiner wie der Name „Ländle" ja auch andeutet. Doch hat auch dies wieder seinen Reiz: denn auf schmalerer Basis vereint werden die mannigfaltigen Schönheiten Badens unmittelbar empfunden.
Im staatlichen Sinne eine Schöpfung des napoleonischen Zeitalters, das bekanntlich einigermaßen mechanisch zu Werke ging, hat dies mannigfaltige Baden seine politischen Voraussetzungen. Hütte man sich beides, das Politische und das Landschaftliche, nun nicht organischer denken können? Seit ich in Karlsruhe aufs Gymnasium ging und beim alten Gustav Wendt mit der Lektüre des Plato und der heraklitischen Fragmente die Grundzllge tieferen Nachdenkens kennengelernt Habe, bin ich die Frage nicht los geworden: weshalb ist zum Exempel nicht das badische Oberland mit dem Elsaß eins geworden? Denn diese Gaue sind in Wahrheit eine ntürliche Einheit: vom Schwarzwald bis in Die Vogesen, um die Achse des oberen Rheins geordnet volklich eine Gleichung, sprachlich auch (im Alemannischen), eine Gleichung auch un Wachstum, denn hüben wie drüben gedeiht ein guter Wein, mit dem die Speisen aus verwandten Küchen behaglich begossen werden. In diesem Umkreis schaut die Welt sich selber an: der «chwarzwald „blickt auf die Vogesen" (nicht umsonst hat damit der in Badenweiler wohnende Elsässer Schickele den Titel eines seiner schönsten Romane genommen): und umgekehrt schauen die Vogesen aus Kcuserstuhl und Schwarzwald. Man könnte sagen: Schwarzwald und Wasgenwald der
eine sei des anderen Spiegel. Wie, wenn man will, yreiburg der Spiegel Straßburgs ist und Straßburg der Spiegel Freiburgs ... Em solches Baden hätte ich mir also denken können und denken mögen. Aber die Dinge sind ein wenig anders gekommen — und Gott verhüte, daß ich dem Schicksal darüber grolle! Es ist anders gekommen• '=’*?“ eines kreisrunden Landes im Süden, vom Schwarzwald zu d n -o - Seien, ist das lange badische Ländle entstanden — der lange hohe Stiesel; und, damit ich es sogleich aus vollem Herzen gestehe, ein Stiefel mindestens so schön wie der italienische! Vielleicht ist er . ch Koner (der badische); noch eleganter. Und da ich auf den Umriß eines Landes wert lege, da ich ihn zu lesen liebe und beinahe geneigt bin, aus ihm etwas' zu schließen, stelle ich die Feinheit der Kontur des badischen Landes immer aufs neue mit einem wahren Entzücken fest. Die Grenzen find in der napoleonischen Zeit also wohl doch nch s willkürlich so mechanisch gezogen worden. Eine so hübsche Grenze kann man ja gar nicht ,"machen"; sie entsteht; sie hat ihren S,nn auch lenseits der Willkür.
Da haben wir nun also das langgestreckte, ein wenig ausweichende, aber auch gleichsam höflich sich hinziehende Gebilde des Heimatlandes. Mir ist es rechts Denn was alles enthält es nun in seinen anmutigen Randlinien, die nichts Geringeres als den Rhein zur Basis haben? Den lichten Odenwald mit dem reizenden Neckartai und seinen Burgen, aber auch den dunklen Schwarzwald. Konstanz und Mannheim; Meersburg überm Bodensee (mit dem köstlichen Weißwein zu den köstlichen Felchen) und Wertheim am Main — an einem Main, der von Würzburg mäandrisch herllberkommt und ein Stück lang die badische Nordgrenze bildet; und Heidelberg, das pfälzische, mit Freiburg, dem alemannischen — und so fort. Geht es nicht gut? Ist es nicht ein herrlicher Reichtum geworden? Stehen diese beiden, Freiburg und Heidelberg, beide sandsteinrot, nicht so richtig in diesem zusammengesetzten Land, wie die Brennpunkte inmitten des gestreckten Umschwungs einer Ellipse? Nein, gegen das badische Ländle, so wie es ist, bleibt nichts einzuwenden. Es ist gut, wie es ist Der Himmel behüte und begnade es, wie er tut!
Zwischen Freiburg und Heidelberg ist am Ende — wirklich am Ende, nämlich erst 1715 — eine Stadt entstanden, die nachmals die Hauptstadt des Landes werden sollte, und dieser Rolle auch gar nicht so übel entsprechen lernte, wie die bösen Zungen manchmal behauptet haben: Karlsruhe. Ich wenigstens lasse nichts auf Karlsruhe kommen. Neun Jahre Gymnasium, Karlsruher Gymnasium (was für ein treffliches, überzeugendes, nachhaltiges Gymnasium), die Erinnerungen an das reißende Rheinbad in Maxau, die Erinnerungen an Streifereien im Hügelland um den lurmberg, über Durlach — dies und anderes verpflichtet ein Leben lang! Und war es etwa nicht auch inmitten der Stadt schön genug, wenn wir nachts von der Pennäterkneipe kamen und unterm Vollmond auf dem antikifchen Forum standen, das ein großer Meister des klassischen Stils, ein badischer Napoleon der Baukunst, im Herzen der Stadt errichtet hat — Friedrich Wein b renne r? Hätte er die lange Straße so ausbauen dürfen, wie er gewollt hat, bann -hätte die Münchner Ludwigstraße einen gefährlichen Konkurrenten bekommen; aber die Ludwigstraße hat Glück gehabt. Und wenn Wein- brenners Lange Straße beileibe nicht gebaut worden ist, wenn mir vielmehr nicht ohne Beklemmungen durch die „Kaiserstraße" wandern: so ist doch ein ganzes, kostbar-schlichtes, klassisch-klares und klassisch- graues Weinbrenner-Karlsruhe da. Man muß es kennen; man muß es gefunden und wiedergefunden haben; es ist der Liebe wert, die man für es im Herzen trägt. Gewiß: es ist von seinem Gründer Karl in eine „Ruhe" gesetzt worden, die der Leere ähnelt. Aber man sieht doch die ersten Anhöhen des Schwarzwaldes, und man kann sich in den hellen, lauen Altrheinwäldern verlieren, wo die Iris wild wächst —, und neuerdings hat Karlsruhe ja auch angefangen, das Versäumte nachzuholen, indem es sichmuf den Rhein bezieht. „Karlsruhe am Rhein".
Das erste Zeichen dieses Landes (wenn man es im ganzen nimmt) ist die Wärme. Heiße Quellen entspringen einem Boden, den sie, wie eine Zentralheizung der Natur, erwärmend durchzogen haben. Baden- weiter und Baden-Baden: dies zumal ist Baden! Die Römer schon haben dort in Thermen die erkältenden Grausamkeiten des Nordens ausgeglichen. Der Kaiserstühler Wein — mir der liebste unter den badischen, die meinem Herzen aber alle teuer sind — gedeiht über einem vulkanischen Grund. Die Obstblüten der Bergstraße hinter Heidelberg und die des Bodenseeufers schäumen.unter der Gunst einer südlichen deutschen Sonne; da wächst in der Nachbarschaft des Weins, eines Weines, den die deutsche Menschheit besser kennen sollte, als sie ihn kennt, — in diesem Lande also wächst neben dem guten Wein wälderweise die Edelkastanie; da gedeihen der Tabak, der Mals, sogar di« Mandel. Vom badischen Gemüse, das unsereinem das Leden allein schon lebenswert macht, gar nicht anzufangen. In diesem Lande fängt sogar die Palme an, sich mit dem Norden auszusöhnen; geht einmal auf die Mainau im Bodensee! Oleander mit weißen und roten Blüten vor den Wirtshäusern sind die allermindeste der Selbstverständlichkeiten.
Ich meine: solche Tatsachen entschädigen dafür, daß die Landschaft nicht durchweg von heroischer Größe ist — wie diesem Land wohl nachgesagt werden mag. Ja, es ist wahr: die badische Landschaft neigt melerorten mehr zum Angenehmen als zum Bedeutenden. Aber nun muß ich freilich auch fragen: sollte der Schwarzwaldlandschaft, wie man sie in Tri berg um sich hat oder wie man sie von der Murg aus übersieht, das Großartige mangeln? Sollte der Welt, die man von der Höhe des Feldbergs erschaut, das Bedeutende fehlen? Die Frage stellen heißt sie beantworten. Und ist dies Land ins Liebliche ins Gemütliche gewandt: es entbehrt nicht der tiefen, der schweren Töne. Im Schwarzwald droben, wo die dunklen Bauernhäuser manchmal schon den Ernst von Katafalken haben können und wo die unendliche Grün- heit der Tannen so sehr ins Dunkle geht, daß der Tag sich in eine grüne Nacht verwandeln mag — in dieser Welt spielen Natui und Menschenleben nicht Flöte und Fiedel, sondern das Cello.


