■ Verantwortlich: Nr. Hans Thyriot. - Druck und Verlag: Brühl'fch-e Univrrf itäts°Vuch- und Steindruckerei, R. Lange, ®icBtri
Hand. , 1
2[[g sie s,ch nach einer Weile wieder erhob und ihren Weg inmitl« der Fahrstraße fortsetzen wollte, hörte sie, daß in ihrem Rucken, w, 5 , Groß-Haldern her, ein Wagen in raschem Trabe herankam Und sif ■ umwendend, sah sie, daß es dieselben Personen waren, die wahrend h ' Trauerseier mit in dem herrschaftlichen Kirchenstuhle gesessen hatten. 4 dem letzten Wagen aber saß Waldemars Oheim, den Sommeruberziehr
in ihm aussteigenden Verlegenheit rasch Herr werdend, erhob er sich k Wagen und lud sie durch eine freundlich-verbindliche Handbewegung M Einsteigen ein. Ueber Stines Züge ging ein Leuchten, das der schönste Dai! für des alten Grafen, bei Gelegenheiten wie diese nie versagende Jutte- -ichkeit war, aber zugleich schüttelte sie den Kopf und ging unter gelegt lickein Verweilen und sich dadurch absichtlich verspätend auf Klein-Halden zu' von dessen Kirschallee aus sie bald danach die weihe Dampswolke d» auf die Hauptstadt zueilenden Zuges sah. Eine Stunde spater soviel wuß! sie kam ein zweiter Zug, und bis dahin allein zu sein, war ihr keinensall! unwillkommen, ja recht eigentlich das, wonach sie sich sehnte.
Dazu ward ihr freilich nun mehr Gelegenheit, als ihr lieb war. Die Z-il wollte nicht enden, und sie sah unausgesetzt den langen Schienenweg hinaH immer nach der einen Seite hin, von der der Zug kommen mußte. W gebens er schien ausbleiben zu wollen. Und doch war sie todmüde wl Erregung und Anstrengung und fror, und ihre Füße trugen sie kaum not Endlich aber sah sie, daß die Signale gezogen wurden, und bald bona auch daß die großen Feueraugen immer näher und naher kamen. U« nun'Halt. Eine Kupeetür wurde geöffnet, und rasch emsteigend, druclli sie sich Wärme halber, in eine der Ecken und zog ihre Manttlle fester um ihre Schultern. Aber es half zu nichts, und ein Lieber Mittelte |it während der Zug nach Berlin weiterdampfte.
zusah verweilt hatte, wär unter den letzten die die Kirche verlieh.". Sie hielt sich abseits, ging noch eine Weile zwilchen den Grabern aus un| ab und trat dann langsam ihren Ruckweg nach dem Klem-Halderiu, Bahnhof hin an. Alles war still, es klangen keine Glocken mehr, und [1 hörte nichts als die Lerchen, die mit ihrem Twill aus der ringsum^ in Garben stehenden Mahd in die Luft empörst,egen. Eme stieg hoher al; die andere, und sie sah ihr nach, bis sie hoch °l»en .m Blau verschwun. war In den Himmel ... Ach, wer ,hr folgen konnte Leben: leb« müssen ..." Und im Uebcrmaß^schmerzlicher Erregung und emer Ohnm^
geherrscht hatte. . I
So ging es nach Klein-Haldern hinein, ohne daß man etwas anderes als die Schulglocke gehört hätte: kaum aber, daß man nach Passierung I der Schmiede — mit der das Dorf nach der anderen Serie hin "bschloß, I in die von Klein-Haldern nach Groß-Haldern hinüberführende, beinah laubenartig zusammengewachsene Rüsterallee elnmundete, so nahm auch I schon ein allgemeines Läuten, daran sich die ganze Gegend beteiligte, seinen I '»bifanq Die Groß-Halderner Glocke, die sie die Türkenglocke nannten, weil I He von Geschützen gegossen war, die Matthias von Haldern aus dem I Türkenkriege mit heimgebracht hatte, leitete das Lauten em: aber ehe ste I noch ihre ersten fünf Schläge tun konnte, fielen auch schon die Glocken I von Crampnitz und Wittenhagen ein, und die von Orthwig und .lafsenheide I folgten. Es war, als läuteten Himmel und Erde. I
Halben Wegs zwischen den Dörfern lief ein Grenzgrabcn, über den eine steinerne Brücke führte. Jenseits der Brücke betrat man d.e Groß- Halderner Feldmark und hier begann denn auch das Spalier, das alt I und jung auf dieser letzten Wegstrecke gebildet hatte. Den Anfang machten die Schulen. Danach kamen die Kriegervereine mit einem Trompeterkorps I ans der nächsten kleinen Garnison, und immer, wenn die Trager an einer Sektion vorüber waren, schwenkte diese dreigliedng em und folgte nut Jesus, meine Zuversicht". Am Schluß aber marschierten em paar Drei- zehner Veteranen mit der alten Kriegsdenkmunze, lauter Achtzigel die den Kops schüttelten: niemand wußte zu sagen, ob vor Alter "der über den Lauf der Welt. Und so ging es nach Groß-Haldern hinein, an dem alten Giebelschlosse vorüber und unmittelbar auf die Feldstemkirche zu, die, hoher gelegen als das sie umgebende Dorf, von terrassenförmig ansteigenden und um diese Jahreszeit dicht in Blumen stehenden Graberreiheir eingefaßt wurde. Vor dem kleinSn Rundbogenportale stand der Dorfgelstliche neben ihm zwei Amtsbrüder, und empfing den Toten an geweihter Statte Zugleich setzten die Träger den Sarg nieder, auf den letzt zunächst Palmen- rweige gelegt wurden, und trugen ihn, als dies geschehen, den Mittel- | gang hinauf bis vor den Altar. Hier stand der alte Genera superintendent, der von Berlin aus mitgekommen war, um die Parentatton zu halten, die großen Lichter brannten, und ihr dünner Rauch wirbelte neben dem großen halbverblakten Altarbilde auf. Es stellte den verlorenen Sohn dar. Aber nicht bei feiner Heimkehr, sondern in seinem Elend und seiner Verlassenheit.
Die Kirche hatte sich, als der Sarg unmittelbar über der Gruftsenkung iiiederqelassen war, auf all ihren Plätzen gefüllt, und auch die seit dem Tode Friedrich Wilhelms IV. sonntäglich meist leerstehende herrschaftliche Loge heute war sie besetzt. In Front erblickte man den alten Grafen, Waldemars Vater, in grauem Toupet und Johanniterkreuz, neben ihm in tiefer und soignierter Trauer die Stiefmutter des Toten, eine noch schöne Frau die was geschehen war, lediglich vom Standpunkte des Affronts" aus ansah und mit Hilfe dieser Anschauung über die vorschriftsmäßige Trauer mit beinahe mehr als standesgemäßer Wurde hm- weqkam. Hinter ihr der jüngere Sohn (ihr eigener), Graf Konstantin, dem der ältere Bruder, um das mindeste zu sagen, in nicht unerwünschter Weise Platz gemacht hatte. Seine Haltung war untadelig und gleichfalls von bemerkenswerter Gefaßtheit, ohne die der Mutter ganz erreichen zu können Ein langes Lied, das teilweis in allerkräftigsten Wendungen allem Erdendunkel einen Riegel vorzuschieben trachtete, wurde gesungen: dann sprach der alte Generalsuperintendent schöne, tiefempfundene Worte — tiefempfundene, weil ihn im eigenen Hause schwerste Schicksalsschlage getroffen hatten —, und als er nun vortrat und den Segen sprach und nach dem Singen des letzten Verses der Ton der Orgel nur noch leise nach- zitterte, senkte sich der Sarg mit all den Kränzen, die ganz zuletzt noch auf ihn gehäuft worden waren, in die Gruft hernieder.
Eine tiefe Stille trat ein, und die fremden Gäste steckten eben die Köpfe zum Schlußgebet in den Hut, als man hinter einem der Pfeiler ein heftiges und beinah krampfhaftes Schluchzen hörte. Die Gräfin sah empört nach der Stelle hin, von der es kam: aber der deckunggebende Pfeiler ließ glücklicherweise nicht erkennen, wer die Anmaßung gehabt hatte, ergriffener sein zu wollen als sie.
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Stine, die die Fahrt nach Klein-Haldern schon mit dem Bormittagszuge gemacht und sich, um die Zwischenzeit hinzubringen, eine Stunde lang und länger am Außenrande des Groß-Halderner Parkes und dann wieder auf dem angrenzenden Wiesengrunde, wo sie dem Vieh, das hier weidete,
Shrenfund ei!ie«ttnutt'fpäter sah man nichts mehr als eine Staub
wolke, die'sich, immer dichter werdend, auf dem halbchaussterten Irrwege . Ullu „„ .......... .
dem nächsten Dorfe zu bewegte. ...... I „«he, setzte sic sich auf einen Stein am Weg und barg ihre Stirn in h
aniihr'n S diese Szene sich in Front des Stationsgebäudes ab spielte, j «««£ । » ' ।
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Schritt entfernte Klein-Haldern <jufujjrt , begann . bteÄlem^olbenW ««« » aber hatte sie schon von fern her erkannt und einer lucht, ZU läuten 61118 tldllC Bimmelgl0tke, UlC wenig feierimj I -- • «- -* <--*-*■ —r-1- orhnh t»r firh iti
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mürbe, weil sie bas bedrückende Schweigen unterbrach, das bi.- dahm
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, Stine Kind, wie stehst du beim aus! Dir sitzt ja der Tod um In Nase " So waren die Worte, womit die schon lange am ersten Treppen- aeiänder wartende Witwe Pittelkow ihr Stinechen empfing und M I zuließ, daß sie noch höher hinauf in ihre Polzinsche Wohnung fliege.
Komm Kind, un leg dich man gleich hier aufs Bett! Ra, ich sage[ War'« denn fo toll? Ober haben sie dich geschuppst? Oder haben sie M wegjagen wollen? Oder er vielleicht? Ra, bann erlebt er was, bann j«9 ich ihn zum Deibel. Olga, Bab>), wo bist bu beim? Uff, sag' ich, »u ma* Feuer! Un wenn's kocht, rufst du mir. Hörst du ... Gott, Stine, M bibberst ja man so. Was haben se dir denn gedhan?" Und dabei knop sie der Schwester das Kleid auf und schob ihr Kissen unter und deckte I» mit zwei Deckbetten zu. 1
Nach einer halben Stunde hatte sich Stine so weit erholt, daß I« sprechen konnte. •;
Na nu wird es ja wieder", sagte Pauline. „Wenn die Mühle ert wieder geht, is auch wieder Wind da. Kind, dir war ja die Puste re® weg, un ich' dachte schon, nu stirbt die auch noch."
Stine nahm ihrer Schwester Hand, klopfte und streichelte sie und sag«- „Ich wollte, es wäre so."
Ach rede doch nich so Stine! Du wirst ja schon wieder werden. U- bei "allen« is auch wieder ''n Glück. Gott, er war ja soweit ganz gut 1 eigentlich ein anständiger Mensch, un nich so wie der Olle, der ans G»! schuld is: warum hat er 'n mitgebracht? Aber viel los war nich mit ihn er war doch man miefig."
Stine fühlte sich unter der Schwester Guttat erleichtert, und die Irur.r rannen ihr übers Gesicht. •
„Weine man, Stinechen, weine man orntlich! Wenn's erst roieMi drip'pelt is es schon halb vorbei, gerade wie bei's Gewitter. Un'nu tri» noch ’ne Tasse ... Olga, wo bist du denn? Ich glaube, die Jöhre schnitt« schon wieder ... Un nächsten Sonntag is Sedan, da machen wir auf mub' Finkenkrug un fahren Karussell un würfeln. Un bann würfelst bu wie!« alle zwölfe."
Die Polzin hatte horchend am Treppengeländer oben gestanden n» mit nur zu geübtem Ohre jedes der Worte gehört, womit die PitteW ihr Stinechen unten an der Korridortür empfangen hatte. Gleich ban« aber als sie die Tür unten ins Schloß fallen hörte, war sie wieder in m Stube gegangen, wo sich Polzin eben zu seiner Nachttoilette rüstete. 1™ einer solchen ließ sich wirklich sprechen, denn er trug, weil er anbauer» an einem trockenen Husten litt, auch beim Zubettgehen eine schwarze, H einem dicken Tuchstreifen gefütterte Militärkrawatt'e.
I „Nu?" frug er, während er eben das Leder in die Schnalle schob, „n I sie heil wieder da?"
„Heil? Was heißt heil? Die wird nich wieder."
„Is eigentlich schade drum."
„I wo. Gar nich ... Das kommt davon."


