ganz klar in der Idee. Es ist allzu gedehnt, besonders, da es im Anfang steht. Was soll wohl die Phrase bedeuten: .Ihr seid die Bewahrer des Glücks einer großen Nation?' Bor allem stimmt das nicht. Wenn dieses Glück wirklich von ihnen abhinge, dann ginge ja alles gut. Meinst du am Ende, daß die Nation das Verderben der Feinde von ihrer Wachsamkeit zu erwarten habe ...? Ja, warum sagst du es dann nicht derb heraus, ohne eine unverständliche Phrase zu wählen? .Das Feuer der Freiheit', .In seiner Tätigkeit nicht erlahmen', ist schwach und sogar platt. Ich meine damit, daß ..
Hier reißt das vergilbte Papier ab. Nielleicht hat Joseph den Rest ärgerlich zerknittert und weggeworfen. Schade, denn das Rezept ist gut: Einfachheit, Sachlichkeit, Kürze, die Ideale, die Napoleon in seinem eigenen Stil erreichte und die ihn zum einslußreichsten Stilmeister eines Jahrhunderts machen sollten.
©er Totenwächter von Basardschik.
Von Hans T r ö b st.
Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten.
Schade, daß Edgar Allan Poe oder E. T. A. Hofsmann niemals dieses Basardschik besucht haben! Sie hätten sicherlich nicht versäumt, dem merkwürdigen Totenwüchter, der dort auf dem bulgarisch-türkisch-jüdisch-rumü- nischen Heldenfriedhof die Wache hielt, ein literarisches Denkmal zu fetze», das sich den phantastischsten Schöpfungen dieser phantastischen Männer ebenbürtig an die Seite gereiht hätte.
Leider bin ich kein Hoffmann oder Poe, sonst hätte auch ich sicherlich diesen „Besuch im Beinhaus" zu einer mitternächtlichen, grausigen Groteske, mit dem gespenstischen Wachtmeister im 'Mittelpunkte, ausgestaltet. So bleibt mir nur übrig, nüchtern und sachlich zu erzählen und zu berichten, was ich gesehen habe. Ding dann jeder sich sein Teil dazu denken und die Geschichte weiter ausspinnen. Wie Poe oder Hossmann es getan haben wurde. *
Um die Mittagsstunde war ich "mit dem Auto in diesem reizlosen Basardschik angekommen, das nicht schöner und nicht häßlicher ist, als alle anöeren Dobrudscha-Städte und das einen sonderbaren Mischmasch von türkisch-bulgarisch tatarisch-rumänischer Architektur und Kultur darstellt. Zunächst hatte ich einen Bummel durch die baumlose, schlammige, im Sommer sicher unerträglich heiße Stadt gemacht, hatte das Kriegerdenkmal bewundert, die grellen Kinoplakate studiert und war dann im türki- chen Viertel herumgestromert, wo in den engsten winkligen Gassen die Frauen noch tief verschleiert herumhuschen. Hier philosophierte ich etwas mit einem uralten tatarischen Bettler, der schon von weitem bei meinem Anblick freudig erregt ausgerufen hatte: „Ha! Welch frommen Mann erblicken meine erfreuten Augen! Er wird mir sicherlich ein Bairam Backschi sch geben!" — Ich hatte es ihm gegeben, den Segen des Weltenbaumeisters auf mich herabflehen lassen und war schließlich in einer kleinen, windschiefen Spelunke, einem mazedonischen Kaffeehaufe gelandet, wo die Gäste, „alles sehr liebe Leute", jeden Eintretenden kritisch auf seine Wur- digkeit, erstochen, erschossen oder „gesprengt" zu werden, abzuschätzen schienen. Der dicke Wirt brachte mir eine Schale schwarzen, glutheißen Kassees, blies eine Tabakwolke über mich hinweg und fragte mich aus nach Nam und Art und Zweck und Ziel. Er lobte die Schönheit feiner Stadt, zählte die Sehenswürdigkeiten auf, fragte, ob ich am Abend das Kino zu besuchen gedächte, wo man einen Film aus Deutschland zeige und kam zum Schluß aus den Heldensriedhof zu sprechen. Deutsche Soldaten lagen dort zwar nicht, aber er sei einer der prächtigsten in der ganzen Dobrudscha und seinerzeit von den Deutschen angelegt, als diese mit Mackensen Ton auf dem ersten „e" — hier durchgezogen feien.
Schön! Ich trank meinen Kaffee aus und wanderte langsam an großen Holzlagern und Delrefernoiren vorbei, vor die Tore der Stadt. Neugierig bestaunt von kleinen Kindern, die Mund und Nase aussperrten, auch die alten Händler traten aus ihren Kramläden heraus und sahen mir kopte schüttelnd nach. Fremde scheint es nur sehr wenige zu geben, Die sich nach diesem Basardschik verirren ... _ . , , .
Bald war ich am Ziel: eine im Kapellenstil gehaltene Toreinfahrt bildete den Eingang zu dem großen Soldatenfriedhof, wo sich unabsehbar die Steinkreuze und Stelen auf niedrigen, kahlen ®rabf)ugeln dehnten. Unter diesem Torweg stand ein untersetzter, sehniger Mann mit tiefge- surchten Zügen, Er trug hohe Stiefel, eine grünlich verblichene Kommiß- hose und ein dunkelfarbiges rauhes Wollhemd darüber. Man sah ihm aus hundert Meter den altgedienten Wachtmeister ober Feldwebel der guten Vorkriegsausgabe an, dem überdies ein zehnjähriger Krieg testen unauslöschlichen, unverkennbaren Sonderstempel aufgedrückt hatte. Merkwürdig ... aber ich fühlte mich sofort zu diesem ausgedörrten Rumänen, der aus dem „Alt-Reich" zu stammen schien, hingezogen Ehe wir nur ein Won miteinander gesprochen hatten, war bereits ein unerklärlicher Konnex Zwischen uns hergestellt. Fast schien es, als habe er mich hier erwartet: er trat auf mich zu, in jener halb strammen, halb legeren Haltung, die jeder Soldat anzunehmen pflegt, wenn er mit einem Menschen spricht, in dem er einen „Vorgesetzten in Zivil" vermutet und fragte ob er mir feinen Friedhof zeigen Dürfe. Jetzt sähe er zwar noch recht traurig aus ober die Regierung habe kürzlich Gelder bewilligt und bald könne er enfangen, Blumen zu pflanzen und alles auf das schönste herzurichten ...
Gemeinsam wanderten wir über den großen Friedhof, der em Gräuel - Hostes Zeugnis ablegt von den erbitterten Kämpfen, die die Molker de - einst um diele Dobrudscha geführt haben. Zuvorderst logen an die zwanzig bulgarische Offiziere, dahinter die Soldaten, jedes Grab mit einem Sle,n> kreuz geschmückt. In der zweiten Stössel die Juden, aus deren Hutzeln Obelisken ober Stelen mit hebräischem Tert standen, darüber der David- flern. Es folgten in langen Reihen die Türken: vor der ^™nf roieber die Offiziere, dahinter zahllose Massengräber deren halbnwndgeschinuckte Denksteine nur vermeldeten, daß hier die „unbekannten turkilchen Jrieg ruhen. Dann kamen die Rumänien .. auch die Russen fehlten aus diese merkwürdigen Friedhof nicht, der friedlich alle Volker und Rassen ver- einte, die einst um die friedlose Dobrudscha gerungen ...
Der Alte ging an meinen Unten Seite, einen halben Schritt rückwärts geftaffelt, wie es die alten Wachtmeister oder Feldwebel zu tun pflegen, und erzählte von feinen Feldzügen. Balkankrieg, Weltkrieg ... zehn lange Jahre war er nicht daheim gewesen . . Plötzlich standen wir vor der Friedhofskapelle. Mein Begleiter schloß auf. Eine Kapelle wie jede andere: Altor, vergilbte Kränze mit verblichenen Schleifen, viele Heiligenbilder ... in der Ecke eine in die Tiefe führende steinerne Wendeltreppe ... langsam stiegen wir hinab. Schon im nächsten Augenblick prallte ich erschrocken zurück: Im Zwielicht des Spätnachmittags, das den Keller in ein seltsames, magisch gedämpftes Licht hüllte, sah ich an den Wänden mächtige Schränke mit gläsernen Türen stehen. Jeder Schrank batte zahlreiche Querbretter, alle sauber mit bunten Papieren ausgelegt. Auf diesen Brettern standen Köpfe. Lauter Köpfe. Hunderte von Köpfen. Einer neben dem andern. Schneeweiße Totenschädel. Davor zwei große Kisten aus Glas, gefüllt mit Arm- und Beinknochen, mit Oberschenkeln, Gelenken und Schulterblättern. Modergeruch über dem ganzen ... verwesende Blumen ... Stille des Todes. Nur zögernd trat ich mit dem alten Wachtmeister an den rechten Flügel der schauerlichen Schrankgalerie heran. „Das find meine Toten", sagte er. „Die Bauern bringen mir die Köpfe, wenn sie im Acker pflügen. Ich sorge für alle diese Stopfe. Am Heldengedenktage, wenn die Priester aller Religionen hierherkommen, um zu beten, wasche ich sie mit Spiritus und taufe neues Papier für die Unterlagen. Denn man muß auch für die toten Soldaten sorgen. Niemand kennt sie.- Aber ich kenne sie alle."
Unwillkürlich sah ich mir den alten, seltsamen Wachtmeister näher an. Glimmte nicht etwa der Wahnsinn in seinen Augen??
„Seht, Herr", sagte er plötzlich, r,bas hier war ein Bulgare ..." und Dabei zeigte er auf den zweiten Schädel von rechts. Es klang mißbilligend und verächtlich. Als wollte er sagen: „Selben sich Herr Hauptmann mal diesen Mann hier an! Er hat sich schon wieder die Stiefel nicht gepulst."
„Das hier war ein Türke" ... der Wachtmeister stellte es fast zärtlich fest. Denn die Türken mar en die menschlichsten im unmenschlichen Kampf um die Dobrudscha gewesen. Fast von jedem Schädel wußte der Wachtmeister irgendeine Geschichte zu erzählen, als wir beide langsam die Front dieser Toten abschritten. Immer, wenn ich einen Augenblick stehen blieb, nahm der Alte an meiner Seite die Hacken zusammen, und wenn ich fragte, antwortete er kurz, knapp und militärisch.
„Wie merkwürdig ist doch das Sieben!" dachte ich. Jetzt gehst du mit einem rumänischen Feldwebel die Front einer toten Kompanie entlang und er redet und spricht zu dir mit der gleichen Sachlichkeit, wie einst ein anderer Feldwebel, mit dem zusammen du jo oft die Front der Lebenden abgeschritten hast ... Merkwürdig, zwischen dem Wachtmeister und seinen Stopfen schien irgendein persönlicher Stornier zu bestehen, er kannte jeden einzelnen so genau, wie ein Kind seine Zinnsoldaten. Die tote Kompanie bildete dem obgedankten Wachtmeister vielleicht ein Ersatz für die lebende von einst. Weil er für die Lebenden nicht mehr sorgen konnte, seitdem der Frieden gekommen war, sorgte er jetzt für die Toten. Wusch die Stopfe mit Spiritus, richtete sie aus. Besorgte ihnen neue Uniformen in Gestalt bunter Papierunterlagen ... sprach mit ihnen ... schauerlicher Gedanke!
Er war sehr stolz auf feine Kompanie, dieser Wachtmeister. Jeder Kopf war ohne Fehl. Nirgends fehlte ein Zahn oder ein Kiefer. Denn die andern Stopfe, „bei bereit Anblick die Frauen zu meinen beginnen", hatte er ausrangiert und abseits in einen besonderen Schrank gestellt, den er nur den kriegserfahrenen Männern zeigte. Weil diese eingeschlagenen, zertrümmerten Schädel das „gleichmäßige Bild" gestört hüllen.
Schweigend traten wir in die Mille des Raums. Die Hunderte von Stopfen in den gläsernen Schränken sahen uns starr mit „Augen-gerade- aus" an. Als warteten sie auf irgendein Kommando.
„Der Herr ist ein Deutscher? Der Herr ist vielleicht auch im Kriege gewesen? Der Sjerr ist vielleicht sogar Offizier gewesen? ..." begann der unheimliche Wachtmeister plötzlich eine Art von Selbstgespräch. ,Der Krieg ist schlimm." Und wieder sah er seine Stopfe an. „Man weiß wirklich nicht ob es nicht besser ist, seinen Stopf auch in diesen Schrank zu stellen, statt ihn noch weiter mit sich herumzutragen. Platz habe ich noch
V?ich begann es auf einmal in der Grabeslust zu frösteln. Zwiespältiger Gesichte voll, drückte ich dem seltsamen Totenwächter die Hand und stieg mit immer rascher werdenden Schritten die steinerne Wendeltreppe hinauf Oben drehte ich mich noch einmal um. Der Alte stand noch immer vor seiner „Kompanie" und die Schübel sahen ihn starr, wie unter „Stillgeftanbcn", an. Als warteten sie auf bas befreienbe Kommanbo: "WegtretenI" ...
Stine.
Roman von Theodor Fontane.
(Fortsetzung.)
Siebentes Kapitel.
Der nächste Tag verging, ohne daß sich die Schwestern auch nur gesehen hätten: die Pitlelkow halte wieder Ordnung zu schlissen, und Stine sollte bis Samstag noch eine große Rahmenstickerei nbliefern.
Und still und ohne Begegnung wie der erste Tag schien auch der zweite vergehen zu sollen. Niemand kam zu Stine hinaus, und diese — nachdem Olga den Drücker gebracht halte — wußte nur das eine, daß ihre Schwester Pauline mit beiden Kindern in die Stabt gegangen fei Langsam schwanden die Stunden, und die niedergehende Sonne hing schon tief zwischen den zwei Türmen des Hamburger Bahnhofs, als ein elegant gekleideter Herr die Jnvalidenstraße heraufkam und in Nähe des von Stine bewohnten Hauses eine Häusermusterung begann. Es war der junge Graf, der, seinem Sehen und Suchen nach zu schließen, die Pittelkowsche Hausnummer samt ihrem a, b, c vergessen haben mußte, trvtzaber darauf rechnete, sich in dem Wirrwarr zurechtzufinden. Und, sei's nun aus Zufall ober mit Hilfe kleiner Zeichen, er traf es wirklich, und als er gleich danach auf dem ersten Treppenslur „Witwe Pittel-


