Gießener ZainilienbMer
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang <952 Freitag, den 26. Zebruar Nummer l6
Das Herz.
Bon Earl Spttteler.
Es kam ein Herz an einem Jahrestage vor seinen Herrn, zu weinen diese Klage: „So muß ich Jahr um Jahr denn mehr verarmen! Kein Gruß, kein Brieslein heute zum Erwärmen! Ich brauch ein Tröpslein Lieb, ein Sönnchen Huld. Ist mein der Fehler? Jst's der andern Schuld? Hab jede Güte doch mit Dank erfaßt und auf die Dauer niemand je gehaßt. Noch ist kein Trauriger zu mir gekommen, der nicht ein freundlich Wort von mir vernommen. Wer weiß es besser, wie man Gift vergibt? Wer hat in Strömen so wie ich geliebt? Doch dieses eben schmeckt so grausam schnöde: Da, wo ich liebte, grinst die leerste Oede." Auf seinem Schreibtisch waltete der Herr, schaute nicht auf und sprach von ungefähr: „Ein jeder wandle einfach seine Bahn.
Ob öd, ob schnöde, ei, was geht's dich an? Was tut das Feuer in der Not? Es sprüht. Was tut der Baum, den man vergißt? Er blüht. Drum übe jeder, wie er immer tut. Wasch deine Augen, schweig und bleibe gut.“
Fridolin.
Bon Jakob Schaffner.
Das Leben ist nichts als die Frage nach der Anpassung. Wer sich gut anpaßt, der kommt gut fort. .
Sehe ich zum Beispiel unseren Fridolin an. Ihm ist >n der Wiege keineswegs gesungen worden, welcher Art Leben auf ihn wartete. Seme Wiege war ein schwankendes, luftiges Ding, um das die Seesturme brausten und Lichter und Finsternisse käinpften. Bald war sie naß, bald war sie trocken, wie das bei den Wiegen nun einmal so ist. Schwarze Flügel umflattern sie. Seine Mutter ist ein starkes weibliches Wesen von großen: Mut und bedeutender Findigkeit, aber sie hat etwas Dusteres das ihr dis Leute abgeneigt macht, ist eine Figur grau IN grau, unabhängig, scheu, mit durchdringend blickenden Augen und einer großen schnabelförmig ausgebildeten Nase. Der Bater kann kaum viel schöner sein. Ein blonder Engel wird sich nicht zu ihr gefunden haben.
Ihr Sohn, eben der genannte Fridolin, ist ihr Ebenbild. Er hat ihre graue nebelhafte Figur, ihren durchdringenden Blick, ihren frechen Schnabel und sogar ihre krächzende Stimme. Er ist zudringlich und respektlos und im übrigen wie sie kühn, findig und rasch. Da er in der allerersten Jugend in ganz fremde Verhältnisse versetzt worden ist, geriet er, der Zigeuner, in die bürgerliche Ordnung. Wenn es nach der Rami ging so bewohnte er den Buchenforst, der sich zwischen unserem »)aus und der See hindehnt, den die schweren Stürme durchbrausen, den die linden Frühlingswinde durchseufzen, den der Frost der nördlichen Region krachen macht, in dem die Sommersonne sich einnistet wie das Feuer im Stroh, und in dem das Mondlicht webt und schwebt mit geisterhafter Schönheit und Einsamkeit. Das ist Fridolins Urheimat. Fridolin i|t eine Dohle aus dem Nienhagener Forst. Ein Waldarbeiter hat tbn aus dem ie*@leicfHein erstes Auftreten war überraschend. Der Junge des Waldhüters brachte ihn an, als ich eben dabei war/Tomaten »n Garten zu pflanzen. Ich steckte ihn einstweilen in eine Kiste, die in der Waschküche stand, legte ein Drahtgitter darüber, und begab mich wieder zu meiner Plantage. Das Mädchen, eine junge Riesendame von 175 Pfund und einundzwanzig Jahren, war nach dem Backer nusgegangen. Mit zwei Broten beladen kam sie ahnungslos nach chache. «obnld sie m die Waschküche trat und Fridolin etwas Lebendiges horte stieß er ein lautes Gekrächze aus, welches Klara zum Anlaß nahnh beide Brote fallen zu lassen und sich rückwärts in eine Bütte mit Seifenlauge zu sehen, die noch von der Wäsche dastand. Infolge der Begleiterscheinungen bei seinem Eintritt gab ihm meine Frau mit Recht den 'Hamen tyrioohn.
Fridolin erfaßte seine neue Lage sofort, obschon letzt feste Wände seine Wiege umgaben und nicht mehr rauschende Blatter, und obwohl in seiner Umgebung Windstille und stabile Verhältnisse herrschten anstatt des bereits gewohnten Schwankens aller Beziehungen. Am zweiten ~age schon begriff er, daß nicht flatternde schwarze Flügel das Rahen der Nahrung ankündigten, sondern klingende Tritte ^ul Zementboden und ein pirolartiger Pfisf oder eine Helle menschliche stimme weiblicher Abkunft, die meiner Frau gehörte. Da er Hunger hatte, |o fragte er nicht
danach, woher das Futter kam, sondern er tat das Vernünftige, schüttelte bettelnd und fordernd die Flügel und sperrte krächzend den Schlund auf, in den dann eins von uns, wer gerade des Weges kam, ein paar Brocken aufgeweichtes Weißbrot tief hineinfkopfte. Nach einer Woche war er schon so weit, daß er freudig zu krächzen begann, sobald er eins von uns in der Küche nebenan merkte.
Nach vier Wochen fanden wir, es sei jetzt an der Zeit, ihm größeren Spielraum zu geben. Ich schnitt ihm die Flügel, wozu er gewaltig schimpfte und klagte, und ließ ihn laufen, wohin er wollte. Zunächst hielt er sich an uns. Da gab es ja fo viele unbekannte Räume, Abgründe, Gefahren und Verließe, drohende Gestalten und andere noch ganz undefinierbare Verhältnisse, zwischen denen es sich zurecht zu finden galt.
Aber er sah, was zu tun war, untersuchte, was er brauchen und nicht brauchen konnte, und stellte fest, was ihn weiter brachte. Er konnte ungefähr alles brauchen, wie sich bald zeigte. Sobald er herausgebracht hatte, daß Wesen unserer Art sich zu beschäftigen pflegen, macht er sich daran, sich zu beteiligen. Pahlten die Frauen Erbsen aus, so holte er sich still und emsig eine Schote nach der anderen und brachte sie in Sicherheit, so daß er schließlich ungefähr die Hälfte auf seiner Seite hatte. Blieb ihm Zeit dazu, so setzte er sich oben auf seinen Haufen und gab sich der Stimmung hin, die man nach ordentlich vollbrachter Arbeit hat. Gern saß er auf dem Rand des Kohlenkastens neben dem warmen Herd.
Früh entwickelte er eine Leidenschaft dafür, sich im vollen Schweineeimer vom Rand herab zu baden, wobei er auch einmal hineinfiel. Dann zeterte er laut und durchdringend und wurde gerettet, worauf er unzufrieden und etwas verwirrt weglief, weil es nicht nach feinen Berechnungen abgegangen war. Am nächsten Tage badete er wieder. Später ging er dazu über, jedes flachere Gefäß, daß mit Wasser gefüllt irgendwo stand, für feine Zwecke mit Beschlag zu belegen.
Natürlich versah er alle Böden mit seiner Interpunktion. Es waren keine übermäßig großen Ablagen, eben so, wie ein Vogel feiner Art sie der Erde schuldet. Aber Klara verlangte von ihm fliegenartige Ausscheidungen, und da er an den Gebräuchen feiner Sippe festhielt, so begann sie ihn aus der Küche zu jagen. Schließlich lief er schon, wenn sie nur schimpfte.
Er war ein Dieb von Geburt, er stahl, was nicht niet- und nagelfest war, Gabeln, Messer, Löffel, Nadeln, Bleistifte, Manschettenknöpfe; alles, was Glanz oder Farbe hat und zu bewegen ist, das zieht er in den Kreis feiner Unternehmungen. Steht irgendwo ein zugedeckter Topf, und der Deckel mag noch so schwer sein, so schiebt er den frechen unverzagten Schnabel darunter: ein Stoß, ein Ruck, der Deckel fällt herunter, und er steht droben, um den Inhalt zu untersuchen. Findet er Kartoffeln, Milch ober Gemüse darin, so bedient er sich.
In dem Idyll seines Daseins sand er aber auch Figuren, die ey als bedrohlich und mit Vorsicht zu behandeln erkannte. Da gab es ein ebenfalls graues Wesen mit leisen schleichenden Bewegungen, ein dreijähriger Angora-Kater, der auf den Namen Murr ober Murribus hört. Den grauen Vogel sehen, sich langsam zur Betrachtung nieberbucten und bann' erwägend' mit der Schwanzspitze zu wippen anfangen: das alles war ein vollkommen richtiges Benehmen für eine Katze von Temperament und Charakter. Fridolin stellte sich hoch auf die Beine und machte einen langen Hals. Dann begann er langsam von dem langhaarigen Bruder in der Richtung auf uns zu abzurllcken. Da wir dabei standen, erwuchs ihm keine unmittelbare Gefahr, und das ganze war auch nur auf eine Jnstruktionsstunde für den Kater angelegt. „Murr!“ liefe nun meine Frau ihre Stimme ertönen: „Unke-steh dich!" Murribus hatte gehört und begriffen. Von da an ging er an dem neuen Hausgenossen vorbei, ohne ihn zu beachten.
Weitere Feinde erschienen im Hof, als die erste Glucke mit ihrer Gefolgschaft von dottergelben Küken auftrat. Er hatte noch keinen rechten Begriff von der Artung dieser großen Kusinen. Zweifellos waren es Vogel und zwar waren es bestimmt keine Raubvogel. Dabei war er geneigt, sich vorläufig zu beruhigen. Aber Thusnelda, die große rote Glucke war keineswegs geneigt. Den kleinen, kecklich auftretenden schwarzgrauen Gesellen bemerken und sich sofort mit gesträubten Gefieder und geblähten Flügeln wie eine Fregatte auf ihn losstürzen, war eins. Er hatte gerade noch Zeit, sich Hals über Kops auf einen Haufen von Pflastersteinen hinaufzuretten. Dort saß er zwei Stunden lang, regte sich nicht und beobachtete nur die böse Bestie, die scharrend und glucksend wie ein Dämon mit ihren Jungen im Hof herumfegte.
Unser Asfenpinscher ist eine Macht, die bei Fridolins Einzug noch nicht vorhanden war. Vom Vogel aus gesehen, ist er ein ebenfalls graues, wolkiges, langhaariges Großgeschöpf vom vierfachen Maß des Katers, das ewig in der Weltgeschichte herumrast, seine Nase überall hineinsteckt, fortwährend gellende Laute ausstößt, über alles hinweg rennt, überhaupt sich einer vollkommen unverständlichen Aufführung befleifeigt. niemand macht sonst so viel Lärm, wirbelt eine solche Menge Staub


