Ausgabe 
25.11.1932
 
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seins* Ich erwiderte kurz, ich hätte mich anwerben lassen, weil ich glaubte, daß mein König setzt Soldaten gebrauchen könne. Da fragte er den Kapitän der Kompanie: Zst das wahr? Hat der Mann gute Papiere?' Und als er hörte, daß mein Abgangszeugnis als königlicher Förster ein sehr gutes sei, sah er mich freundlich an und verhieß mir: ,Er ist ein braver Mann!- Halte Er sich als Soldat nur gut so soll Er bald avancieren! Ich werde Seiner nicht vergessen £ Nun, dann sind wir hermarschiert nach Prag, und -ich kann dir sagen, es war mir nicht wohl zumut und den anderen auch nicht, als wir znm ersten­mal Kanonenkugeln sausen hörten. Wer man hielt uns fest am Band, und dann schmetterten Trommeln und Pfeifen den Sturmmarsch, und wir stürmten hinauf mit angezogenem Bajonett. Aber was eigentlich vorgefallen ist, das hab' ich nicht erfaßt. Plötzlich waren wir unter den weißröckigenHalters" und standen neben den Geschützen. So ein« Schlacht ist ein verfluchtes Ding, bei der man viel aushält und nichts sieht."

Dann mußten sich di« beiden trennen. Heinrich tonnt« lange nicht schlafen. Am Morgen, als er endlich zur Ruhe gekommen war, wurde er von einem Adjutanten des königlichen Dienstes geweckt, der sich sämt­liche Papiere des Grafen Schwerin ausfolgen ließ. Rach der Durchsicht erhielt Heinrich die Kisten mit den Akten, die auf Familienangelegenheiten Bezug hatten und führte sie mit einem sicheren Transport nach Pom­mern über. Hier hatte er mit der Rechnungsablage und sonstigen Ge­schäften durch Wochen Hin zu tun; dafür empfing er eine anständige Extrabelohnung und war dann nach, langer Zeit sein eigener Herr.

Es war an einem Sommerabend, da es schon dunkelt«, als er durch die Aecker ritt. In den stahlblauen Himmel schnitten di« Türme und Dachpfannen der hohen Häuser von Kolberg. Vom Meer aus kam ein erfrischender Windhauch, und über di« Roggenfelder ging das leise Sirren der Aehren.

Der alte Torschreiber Hans kam aus der Pforte..Ach, der Herr Pastorensohn!" rief er.Sind wohl zurück aus dem Krieg? Hab' ge­hört: .Waren auch bei der Prager Schlacht dabei!"

Heinrich grüßt« den Alten, gab ihm ein paar Groschen, um einen Trunk auf das Wohl des Königs zu tun, und ritt über das Hol per- "Pflaster der Gaff«. Wie eng erschien ihm di« Straße, wie unansehnlich die Häuser, roi« fern seine Jugend hier! Er kam vors Haus der Mutter, sah di« Tur mit den zwei Stufen und das Dach, das auf den Mauern saß, wie eine zu tief herabgezogene Mütze.

Licht war im Stübchen; eine Helle Mädchenstimm« rief:Ein Reiters­mann ist vor der Pforte!" Und die Stimme der Mutter antwortete:Es wird doch teilte schlechte Nachricht sein?"

Er sprang ab und führte das Rößlein in den Garten, wo er es an den Apfelbaum band. Dann nahm er seine Satteltaschen und den Maniel- sack. Als er sich umwandte, stand vor ihm eine schlanke Gestalt.

Es war Dorchen.Die Freude!" rief sie.Heut kommt auch alles zusammen! Dmk an: Ein Brief ist angelangt von Friedrich Wilhelm! Es geht ihm gut er ist zum Korporal befördert. Und Joachim Nettel- beck tst zurückgekehrt von der Insel Madeira im Ozean. Er hat den Theodor getroffen. Der ist Kaufmann gewesen in Afrika und fährt jetzt in das Land Indien. Und er hat der Mutter zwanzig holländische Du­katen und zwei große Hörner geschickt, wie sie die Antilopen tragen."

Heinrich fand seine Mutier schwach und müde, aber sie freute sich, daß sie die Arm« um den Hals des Sohnes legen konnte, und weinte.

Ja, es war eine wichtige Veränderung im Hause vorgegangen: Der Herr Vormund war gestorben, und nun war Dorothee ganz bei der Mut­ter und half im Haushalt und auch in der Schule.

Heinrich mußte erzählen vom Kriegszug, vom Feldmarschall Schwerin, von der Prager Schlacht, vom König, vom Bruder Friedrich Wilhelm. Aber «r mußte nicht-nur zu Hause erzählen er ward aber auch in manches Haus geladen, das ihm früher verschlossen gewesen. Und wenn er mit Joachim Nettelbeck ausging und' sie zusammen einen Krug tranken, mar alsbald eine große Menge um sie versammelt, denn beide waren Wunderkinder der Stadt. Der Joachim, weil er so weit mit dem Schiff herumgesegelt war; und Heinrich, weil er aus dem Krieg kam.

Dann langten zwei Nachrichten nacheinander an. Der einen lief ein Gerücht voraus: Der König hab« eine große Schlacht verloren; bei Solin wäre es gewesen, daß zum erstenmal der preußische Adler nicht zur Sonne des Sieges gestiegen fei. Die Bürger wollten es nicht glauben; der

Nettelbeck erklärt« es für eine ausgestunkene Lüge. Da ward die Nachricht bestätigt, und alle, die vorher noch grohaetan hatten, wurden ganz klein.

In diesen schwarzen Tagen überbracht« die Post an Heinrich einen schwarzgestegelten Brief. Die Frau Pfarrerin Mahlmann meldete, daß ihre liebe Tochter Emma, die Braut Heinrichs, dem Lazarett fieber zum Opfer gefallen fei. Es waren hoffnungslose Zeilen, aber darunter stand SstnsfAt in kleinen, flüchtigen Buchstaben:Lieber Herr Fritsche, seien Sie barmherzig kommen Sie zu uns! Es wird di« Mutter und auch mich trösten. Klara."

Ein seltsames Empfinden ergriff Heinrich. War es nicht ein Unrecht gerne en von ihm, daß er damals versäumt. hatte, über Halle zu reifen und feine Brau, wiederzusehen? Jetzt war das Versäumnis nicht wieder gutzumachen. Aber wenn er sich aufrichtig Antwort gab, fo hatte es ihn mehr gedrängt, die Mutter zu sehen als Emma. Nun war das Mädchen richt mehr, und seltsam es tat ihm nicht so weh, wie es hätte sein ollen .. . Er schalt sich innerlich als roh und bar eines natürlichen M«n- chengemuts. Jedoch, wenn er die Mutter ansah und Dorchen, so war es nm, als ob das Haus der Pfarrerin in Halle ein ganz fremdes fei, das ihn schier nichts anginge.

Den ganzen Tag lief er herum und trug schwer an dem Gefühl »einer Unzulänglichkeit. Er empfand es fast wie Hohn, als er die Mutter fer|e öu Dorchen sagen hörte:Sei behutsam zu ihm es geht ihm doch schrecklich nahe!

Verantwortlich: Dr. HanS Thyriot. - Druck und Drrlag: Brühl

Das tonnte er noch weniger vertragen, daß ihm ein Gefühl zugetraut wurde, das er nicht hatte. In feiner Qual erklärte er; ,^Ich muß nach Halle! Ich muß die Pfarrerin sprechen!"

Was willst du da hinunterreiten?" barmte trie Mutter.Ge­mähtes Korn kann der Mensch nicht wieder aufrichlen ...

Aber ein gutes Wort im Unglück kann viel helfen!" meinte Heinrich.

Ist die Klara «in ebenso hübsches Mädchen, wie ihr« Schwester ei mar? fragte Dorchen und schaute auf Emmas Schattenriß, den Heinrich neben den Ohrenstuhl der Mutter gehängt hatte..

Darauf hab' ich nie geachtet!" fuhr Heinrich auf.

Unruhe war in ihm. Er setzte den Tag seiner Ab reis« fest und nahm Abschied. Am frühen Morgen schwang er sich aufs Rößlein. Da kam Dorchen aus dem Haus. Sie hatte- Tränen in den Augen und sagte: wollte, du rittest nicht fort!"

Das war ein trübsinniges Reiten. Auf den Wegen traf Heinrich riete Trupps neugeworbener Rekruten, die scharf bewacht waren von Unter« Offizieren und alten Mannschaften. Alle Kantonements mußten frisch« Leute ab geben, um di« Lücken auszufüllen, di« die großen Schlachten der preußischen Arme« geschlagen.

Die sonst fo heiter« Stadt Berlin fand Heinrich sehr bedrückt. In den Konditoreien saßen die Leute beisammen, lasen Gazetten und machten lange Gesichter. Und die Offiziere mochten sich noch so sehr Mühe geben, zu beweisen, es wär« Uebermacht und eine Reihe besonderer Umstände, der Glaube, König Friedrich sei unbesiegbar, war dahin ...

Das Herz Im Leibe tat Heinrich weh, als er von Berlin wegritt. In dieser Stimmung langte er in Halle an. Die Frau Pastorin Mahl« mann schloß ihn weinend in ihr« Arm«; Klara kam ihm errötend ent­gegen und küßte ihn auf die Wangen. Es war ihm ganz seltsam, da er nieder saß und hinüberblickte zu dem leeren Stuhl, auf dem sonst Emma gesessen mit einer Arbeit in der Hand.

Ja, es war wenig zu berichten. Plötzlich war das Uebel ausgebrochen, und nach wenigen Tagen war das junge Mädchen eine Braut des Todes. Sie gingen auf den Friedhof, über den die ersten Herbstbiätter raschelten. Die Mutter schluchzte, und Klara weinte still; beide Frauen mußte Heinrich tröften. Des Abends faßen sie beisammen und sprachen von der Not der Zeit. Jetzt merkte Heinrich, wie gealtert bi« Pfarrerin war 'in dem einen Jahr, da er sie nicht gesehen hatte.

Er wollte sich verabschieden und gehen, aber sie winkt«, Klara sagt« gute Nacht, und die Pfarrerin ergriff Heinrichs Hand.Mir ist so angst", sagte sie.Sind wir doch eigentlich hier in dieser Stadt, meine Tochter und ich, allein, und können nicht vergessen, daß wir immer zu dritte ge­wesen sind!" Sie schaute Heinrich mit bangem Mick an.Es wird Ihnen wunderbar vorkommen, mein lieber Doktor, was ich Ihnen jetzt Jage. Es drückt mir das Herz ab, wenn ich daran denken muß: Auch mich kann's eines Tages dahinraffen, und 'bann steht Klärchen allein in dieser Welt! Wenn ich nur wüßte, daß ein Mensch da wäre, der für sie sorgt, der ihr Stecken und Stab wär« in der Einsamkeit und Not, bann wär' mir's leichter. Ich weiß ja, sie ist nicht roi« Emma sie ist lustiger und un­beschwert. Emma wäre so recht eine Pfarrersgattin gewesen, aber Sie, mein lieber Doktor, werden ja auch nicht auf der Kanzel stehen, sondern mit beiden Beinen ins Leben treten und es, bei Ihrem Geist und Ihren Gaben, wohl bald zu etwas bringen ... Um Emmas willen bitte ich Sie: Denken Sie nach, ob Sie dem Mädchen nicht selbst die Schwester ersetzen wollen und ihr eine Stütze fein, die sie vielleicht notwendig braucht!" Dabei legte sie ihr Haupt auf Heinrichs Brust und schluchzte.

, Heinrich war von dem allen so überrascht, daß er nur immer sagen konnte:Aber, liebe Frau Pastorin, Sie dürfen mir vertrauen Sie können auch mich bauen! Wär ich denn hergekommen, wenn ich Ihnen nicht hätte Zuspruch leisten wollen?"

Ich weiß. Sie sind ein guter Mensch und Christ", schloß di« Pasto­rin.Und Sie werden es nicht bereuen: Klärchen wird es Ihnen lohnen!"

Heinrich war ganz verwirrt, als er die Pfarrerin verließ. Er war gekommen, um eine Braut zu betrauern, und sollte nun eine neue haben? Und dabei mußte er sich mit Beschämung sagen, daß er Klär­chen gern ungeschaut hatte heute. Freilich hatte er immer nur Erinnerung an die Schwester gesucht, mit der sie im Gang und in der Bewegung viel Aehnlichkeit besaß. Aber wie anders war die Stimme und das Lachen! Und ganz und gar fehlte ihr die Bescheidenheit Emmas.

Wie er so nachsann, mußte er Dorchens gedenken, die ihn gefragt, ob Klara so hübsch sei wie Emma, und zum Schluß so herzlich bat, er möge nicht reiten ... Aber Dorchen war ein dummes, kleines Mädchen!

Heinrich wollte sich frei machen von all diesen Gedankendingen und Gefühlen. Er ging in den Ratskeller, saß in einer Nische, ließ sich einen Trunk warmen Würzweins geben und eine Pfeife. Die Bürger ringsum redeten und rauchten.

Da klangen Schritte Neuankommender herab.Wollen bis zum frischen Vorspann hier unten von dem guten Wein einen Becher nehmen unb einen Imbiß dazu!" rief eine Helle Kommandostimme.

Heinrich schaute auf und erhob sich.

Eintrat der Generalleutnant von Winterfeldt mit ein paar höheren Offizieren des Königs.Sie spielen mir einen schönen Streich, Doktor!" rief der General wohlgelaunt.Hab' gerade einen Bries expediert an den verzog von Braunschweig-Bevern, den Gouverneur von Stettin. Der Gras Schwerin, der Neffe unseres Feldinarschalls, hat sich für Sie ver­wandt, daß Sie als Sekretär bei der Proviantkommisfion der Ritterschaft für das Herzogtum Pommern angcstellt werden, und ich hab' Ihren eine gute Konduitenliste geschrieben. Sie werden in Kolberg gesucht, Herr Doktor, und sind in Halle?"

Heittrich setzte mit knappen Worten den Grund seines Daseins aus­einander.

(Fortsetzung folgt.)

'sche UniverfitätS-Buch. und Steindruckerei. R. Lange. Gießen.