9tr letzte Tag meines Besuches im Psarrhof van Griebenau war da und zog vorüber. Noch einmal durchlebte ich wie im Traum alle die kleinen Begebnisse, die mich gestern und vorgestern beglückt und entzückt hatten. Auch das Unscheinbare wurde bedeutungsvoll. Nichtiges wandelte sich in Wichtiges, denn die Stunde des Abschieds nahte heran. Eines Abschieds wer weiß auf wie lange, vielleicht für immer und alle Zeit. So mag es dem Sterbenden zumute fein, der noch einmal fein Leben vorüberziehen und alle die kleinen Dinge, die holden Nebensächlichkeiten dieser schönen Welt wie vom Glanz der scheidenden Abendsonne vergoldet sieht. Schon seit dem ersten Augenblick war dieses Bewußtsein von der Flüchtigkeit und Unwiederbringlichkeit der uns geschenkten Stunden mir nicht von der Seite gewichene in den ersten Trunk aus dem Kelch des Glücks war schon die süße Bitternis des nahenden unentrinnlichen Abschieds gemischt gewesen. Wir beide wußten es; es war umsonst sich dagegen zu wehren. Jetzt wie die Stunden flogen, krampften sich unsere Herzen, daß wir glaubten, wir ertrügen es nicht. Aber von außen war uns nichts anzusehen. Wir gingen im Garten nebeneinander hin und lachten vergnügt, wenn wir dem brevierbetenden Onkel begegneten. Des Mittags bei Tisch wurde noch einmal das Lieblingsthema besprochen, ob Polnisch oder Deutsch. Meine Base spielte und sang: „Lang lang ift’s her". Der Onkel summte seine Leibmelodie und schlug den Takt dazu. Des Abends kamen der Dekan von Unislaw und der Pfarrer von Nawra auf Besuch zu uns. Es wurde ein kleines Fest, auch zum Abschied für mich. Zum letztenmal funkelte der Ungarwein in den Gläsern. Wir alle stießen an und tranken auf meine Studentenzeit. Gegen Mitternacht ließen die beiden geistlichen Herren anspannen und verabschiedeten sich. Der Onkel begleitete sie hinaus. Adele und ich standen im Halbdunkel des Fensters und hielten uns noch einmal umschlungen. Es wurde nicht viel gesprochen. Ich glaube, uns beiden liefen die Tränen herunter. Am nächsten Morgen um fünf Uhr fuhr ich ab.
Was Spinoza für die deutsche Kultur bedeutet.
Zum 300. Geburtstage des Philosophen.
Von Dr. Georg Kuhn.
Ein Geist, wie der S p i n o z a s, der mit Plato und Kant das leuch- tendste Dreigestirn am Himmel der Philosophie darstellt, kann in seiner Wirkung auf die Menschheit nie erlöschen. Vielmehr wird sich sein Einfluß immer mehr verstärken und vertiefen, je tiefer er im Boden der Kulturen verwurzelt ist. Wir stehen heute in einer neuen Spinoza-Renaissance, in der man sein Werk besonders in seiner religiösen Bedeutung und als 'Ausdruck feiner Zeit würdigen gelernt hat. Der Spinozismus erscheint nunmehr — besonders durch die Arbeiten von Carl Gebhardt — nicht als „metaphysische Mathematik", sondern als ein von den tiefsten und höchsten Kräften beseelter Glaube. Die internationale Spinoza- Gesellschaft, die zur Feier feines 250. Todestages das Haus im Haag, in dem er zuletzt gelebt fjat, ankaufte und zum Mittelpunkt des modernen Spinoza-Studiums machte, wirkt in dem Sinne eines lebendigen Fortwirkens der Lehre dieses genialen Denkers. Sie ist aus der modernen Geistesgeschichte und besonders aus der deutschen nicht fortzudenken.
Als der stille Weife am 21. Februar 1677, mit 45 Jahren von der Schwindsucht aufgezehrt, die großen dunklen Augen zum ewigen Schlummer geschlossen, da waren seine wichtigsten Werke noch nicht veröffentlicht, und als sie aus feinem Nachlaß erschienen, lebte der Mann, den man den „Fürsten der Atheisten" nannte, zunächst gleichsam unterirdisch nur unter den Freidenkern weiter. In der Oeffentlichkeit sprach man von ihm nach Lessings Wort, wie von einem „toten Hunde". Selbst Leibniz, der einzige, dessen Höhenflug den feinen erreichte und der so viel von seinen Ideen in sein Weltbild übernahm, der ihn kurz vor seinem Tode besuchte und wenigstens seine persönliche Makellosigkeit anerkannte, bekreuzte sich vor der „grundschlechten" und „erbärmlichen" Lehre dieses irreligiösen Schriftstellers. Noch einflußreicher aber war die Verbannung seiner Philosophie durch den freigeistigen Kritiker seiner Tage, durch Pierre Bayle, der vier Jahre nach Spinozas Tode in feinem berühmten „Wörterbuch" fein System „die abscheulichste und absurdeste Hypothese, die man sich denken kann", nannte.
Da erstand plötzlich, mehr als hundert Jahre nach seinem Tode, sein Geist aus dem Grabe eines anderen Großen wie eine Feuersäule auf, entfesselte den Streit der Meinungen und erleuchtete mit seinem klaren reinen Licht das größte Zeitalter unserer Kultur. Friedrich Heinrich I a • cobi, ein anregender, aber unklarer Kops, machte in feinem 1785 erschienenen Buch „lieber die Lehre des Spinoza" die überraschende Mitteilung, Lessing sei „Spinozift" gewesen. In dem Wunsche, die unheimliche Lehre des Holländers, die ihm als die „tonfequentefte" erschien, zu widerlegen, war er 1780 nach Wolfenbüttel gekommen, um bei Lessing Unterstützung zu finden, und muhte nun in langen Gesprächen, deren Wiedergabe durch Jacobi unverkennbar Lessingsche Prägung trägt, erfahren, daß der Dichter des „Nathan" sich uneingeschränkt zu der Lehre von der „Einheit alles Seins" bekannte und einen persönlichen Gottesbegrisf ablehnte. Diese Anerkennung des lange versehmten Systems wurde durch den ältesten Freund Lessings, Moses Mendelssohn, heftig bekämpft, der zwar die Reinheit des Menschen Spinozas warm würdigte, aber nie und nimmer zugeben wollte, daß Lessing sich zu dieser „Irrlehre" bekannt habe. Der so entfesselte Streit wogte nun durch ganz Deutschland. Plötzlich stand der bis dahin nur von wenigen Fachgelehrten gekannte „Jude von Amsterdam" im Mittelpunkt des Interesses. Moses starb aus Gram über die „Anklage" seines verehrten Meisters; über seinem Leichnam aber ging die Sonne des Spinozismus strahlend auf.
Ein Gedicht Goethes, fein „Prometheus", hatte den zufälligen Anlaß zu Lessings Erklärung gegeben. Aus Weimar kam nun die eigentliche Ehrenrettung unb Wiedererweckung Spinozas, die weit über Jacobis verklausulierte unb im Grunb ablehnende Wertung hinausging. Herders Feuergeist geriet durch die Berührung mit dem „Heiligen Spinoza" in helle Flammen. Hatte er ihn schon in Bückeburg studiert und „weitgehende Ucbereinftimmung" gesunden, so wurde er jetzt durch Gespräche mit Jacobi, der seinen alten Freund Goethe besuchte, noch mehr in
seiner Auffassung bestätigt, und sein 1787 erschienenes Buch mit dem auffälligen Titel „Gott" ist das erste leidenschaftliche, aus tiefem Verstehen geborene Bekenntnis zu Spinoza, das mit den Fehlurteilen über ihn aufräumt und den „sanftmütigen stillen Geist" nicht als Atheisten, sondern als „Schwärmer für das Dasein Gottes" erkennt. Durch Herder wird die Anschauung Spinozas „zu einem Leitfaden für die denkende Betrachtung des Universums", der in feinen „Ideen zur Philosophie der Geschichte" weiter durchgeführt wurde. Durch Herder wird Spinoza zum Seelenführer der Romantik, vor allem aber Goethes.
War Goethe Spinozift? Man hat diese Frage ebenso mit einem entschiedenen Ja wie mit einem schroffen Nein beantwortet, aber es genügt wohl zum Beweise für die lebenslängliche Verbundenheit des Dichters mit feinem „Herrn und Meister" auf den Ausspruch Goethes hinzuweisen, daß Spinoza neben Shakespeare und Sinne die größte Wirkung auf ihn gehabt habe. Freilich ist Goethes Spinoza-Liede gleichsam vorbestimmt in seinem Wesen. Schon als Zwanzigjähriger, da er von Spinoza nur durch Bayles Zerrbild weiß, betont er die Einheit von Gott und Natur. Als er sich in ihn vertieft, strahlt die All-Liede des Philosophen wieder in den pantheistifchen Hymnen des „Werther" unb des „Urfaust", im „Prometheus" und im „Ewigen Juden", der nach dem ursprünglichen Plan Spinoza besuchen sollte. Ein neues Spinoza-Studium Goethes beginnt bann in Weimar gemeinsam mit Herber, bas in bem Bekenntnis bes jebenfaUs von Goethe angeregten Aufsatzes „Natur" sich zuerst offenbart. Begeistert begrüßt er von Rom aus Herders „Gott", dieses Büchlein „voll würdiger Gottesgedanken", als „liebwertestes Evangelium" und nennt den Philosophen den „christlichsten" und „gott- erfüUteften". 1812 kehrt Goethe noch einmal zu Spinoza zurück, um in ihm „zu leben und zu weben". Aber nicht dieses öftere Studium ist das Entscheidende, sondern die Durchdringung seiner ganzen Weltanschauung, Forschung und Dichtung mit dem Geist Spinozas, die er selbst in der Einleitung zum vierten Buch von „Dichtung und Wahrheit" hervorgehoben hat. Die Ueberzeugung von dem Wirken der Natur nach ewigen, notwendigen, göttlichen Gesetzen, das Gefühl, ein Teil dieser Natur zu [ein und in ihr zu handeln, ein lebensfreudiges Entsagen — das find wesentliche Züge seiner Stellung zum Dasein, die er Spinoza verdankte. Dabei hat er — wie schon Lessing und Herder — manches seiner Lehre, das Rationalistische, Passive, Unpersönliche, abgelehnt und ist mehr Leibniz und dem von Spinoza berührten englischen Pantheisten S h a f t e s = bürg gefolgt, aber durch sein Schaffen erhielt die ganze deutsche Dichtung eine spinozistifche Prägung, die ihr unverlierbar ist. Goethe ist nicht der „Spinoza der Poesie", wie ihn Heine genannt hat, aber das all- beseelende Naturgefühl dieser Lehre durchflutet seitdem wie ein befruchtender Golfstrom unsre Dichtung.
Die Bahnen zweier gewaltiger Denker kreuzten sich damals im deutschen Geistesleben und entbanden im steten Ringen ungeahnte Kräfte. Gegenüber dem „Alleszermalmer" Kant bot Spinoza das Gegengewicht einer Versenkung in die Natur, die besonders die Dichter beglückte. Die Romantiker verehrten den Mystiker, den Novalis einen „gottrunte- nen Mann" nannte. Schleiermacher, der in den „Reden über die Religion" begeistert anhebt: „Opfert mit mir ehrerbietig eine Locke der. Manen des heiligen verstoßenen Spinoza"! nimmt in seiner Darstellung des Spinozismus eine Mittelstellung zwischen Kant und Spinoza ein; Friedrich Schlegel, der ihn mit Schleiermacher zusammen studiert, findet in seinem Pantheismus den milden Widerschein der Gottheit im Menschen, den Urgrund aller Poesie. Vor allem aber ist es Schelling, der durch den Anschluß an Spinoza die Wendung zur romantischen Naturphilosophie vollzieht und damit dem deutschen Denken einen neuen folgereichen Weg bahnt, aus dem viele deutsche Denker von Hegel uni Schopenhauer bis zu Lotze und F e ch n e r gewandelt sind. Jeder Philosoph muß sich von nun an mit der Gedankenmacht Spinozas auseinandersetzen, und durch Vermittlung der Philosophie strahlt sein Wesen auf die Dichtung aus; fo ist z. B. Gottfried Keller die fpinozistische Naturvergöttlichung durch Ludwig Feuerbach vermittelt worden, und Wilhelm Raabe mag zu der spinozistischen Färbung feines Weltbildes durch Schopenhauer angeregt worden fein. ' '
Das „junge Deutschland" suchte das menschliche Schicksal des aus- gestoßenen Juden als ein Märtyrertum für Gedankenfreiheit und religiöse Toleranz auszudeuten. So fügte Gutzkow feinem „Uriel Acosta", bet das ähnliche Geschick eines Vorgängers dramatisch schildert, eine Szene mit Spinoza ein. Auerbach, der durch seine ^Übertragung der Werke viel zur Popularisierung feiner Philosophie beigetragen hat, schlachtet fein Leben zu einem rührselig-breiten Roman aus. Auch Heine in feinem Buch über „Religion und Philosophie in Deutschland" feiert mehr den Kämpfer als den Denker, und fein wundervolles Leben in Entsagen und Bedürfnislosigkeit wird nun manchem zum Vorbild, so Anzengruber, der ausruft: „Glas schleifen und tief im Herzen die Gedanken verschließen"! und der durch seinen Steinklopferhannes der „Kreuzeischreiber" einen naiv-volkstümlichen Spinozismus predigt. Neu erlebt und geseheA hat den holländischen Weisen dann Nietzsche, der ihn unter (eine „Vorfahren" rechnet und ihn mit den schönen Versen zeichnet:
„Dem .Eins in Allem' liebend zugewandt, Amore dei, selig aus Verstand —
Die Schuhe aus! Welch dreimal heilig Land!"
Wenn er dann die Philosophie des „Einsiedlers" aus einem „heimlich glimmenden Rachebrand" erklärt, so sucht er das tiefste Geheimnis dieser gottlos-gottliebenden Seele freilich recht paradox zu ergründen. Das rätselvolle Wesen Spinozas, das in so vielen Dichtungen unsrer Tageais Stimmung anklingt, ist wohl am schönsten gedeutet worden in E. Kolbenhcyers Spinoza-Roman „Amor Dei“; hier tönt „jene Hohr Weise,
die klingen wird, wo eine Menschenbrust sich öffnet, ihre Welt ins All zu gießen, sich weitet, Ewigkeiten zu umschließen, unb gibt und nimmt in gottestrunfner Lust".


