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Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
)ahrgangl9Z2 Freitag, den 25.November Nummer92
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Von Hugo von Hofmannsthal.
Sie trug den Becher in der Hand, ihr Kinn und Mund glich seinem Rand. So leicht und sicher war ihr Gang, kein Tropfen aus dem Decher sprang. So leicht und fest war sein« Hand: Er saß auf einem jungen Pferde, und mit nachlässiger Gebärde erzwang er, daß es zitternd stand. Jedoch, wenn er aus ihrer Hand den leichten Becher nehmen sollt«, so war es beiden allzuschwer: denn beide bebten sie so sehr, daß keine Hand die andre fand und dunkler Wein am Boden rollt«.
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Erste Liebe.
Von Max Halbe.
Max Halbe, der Dichter der .Lugend" erzählt unter dem Titel „Scholle und Schicksal" die Geschichte seines Lebens. Mit Erlaubnis des Verlags Knorr & Hirth, München, entnehmen wir dem gut ausgestatteten Band (5,50 RM., Leinen 7,30 RM.) die schlichte Erzählung seiner ersten Liebe, die der Vorwurf seines so erfolgreichen Dramas „Jugend" werden sollte.
Wenn ich ein Bild meiner Kusine Adele geben soll, so ist es wohl das Beste, es mit den Worten zu tun, die sich mir über sie aufdrängten, als ich vor neunundreißig Jahren mein Drama „Jugend" schrieb. Es war damals feit jenem ersten Besuch in ©nebenan (Rosenau) erst neun Jahre her, ich hatte sie inzwischen ein paar Mal gesehen, ihr Bild stand noch in starken Lebensfarben vor meiner Phantasie. Ich könnte es heute gewiß nicht ähnlicher, nicht treffender malen, als ich es damals tat. Ich folgte also jener Beschreibung aus jungen Tagen. Sie lautete:
„Annchen, seine (des Pfarrers) Nichte. Sie ist achtzehn Jahre alt. Ihre braunen Augen sind leicht verschleiert. Das aschblonde Haar fällt kraus und wirr in die Stirn. Es ist slawischer Schlag, das Gesicht rundlich, eine warme Fülle des Wuchses, naive Sinnlichkeit, etwas Empfangendes, weich Weibliches, Hingegebenes. Auch in der Art, wie sie sich trägt, gibt sich etwas Schmiegsames, Biegsames. Sie liebt bunte Farben. Um den Hals hat sie an einer Schnur ein kleines goldenes Kreuz."
Dies also war Kusine Adele, das Annchen der „Jugend", dessen Urbild sie war. Ich kam mir vom ersten Augenblick an, den ich im Psarrhof von Skiebenau zubrachte, wie verzaubert vor. Vielleicht war ich es schon die zanze Nacht gewesen und auch den Abend vorher, in dunkler Erwartung von etwas Besonderem, das mir bevorstehe. Aber was war es, das jetzt mit mir geschah? Das Besonderste und das Natürlichste, das es auf der Welt gibt, beides zugleich: die Liebe. Das große Wunder war über mich jefommen. Es war in mein Leben getreten, wie Geburt und Tod und alles Große und im Grunde Einmalige (trotz aller Wiederholung) m unser Leben zu treten pflegen: ganz einfach, ganz schlicht, ganz |elbft= verständlich und gerade durch seine Einfachheit, durch seine Selbstverständlichkeit am überzeugendsten. Wenn ich mir heute den Zustand zuruckruse, in dem ich mich damals als noch nicht Achtzehnjähriger befand, und mir He Frage vorlege, wie er an dieser Stelle, im Rahmen meiner Sehens- Erinnerungen, am besten sinnfällig zu machen und in ein Bild zu bringen lei, nachdem ich ihm doch bereits vor vierzig Jahren seine endgültige lichterische Gestalt verliehen habe, so kann die Antwort nur lauten, bafe •uf meiner heutigen Warte mir Selbstbescheidung geziemt. Jeder Verlach, „Jugend" noch einmal in erzählender Form schreiben zu wollen, färe sinnlos und müßte mißlingen. Ich kann nichts tun, ww mir scheint, Hs einfach berichten, was geschah, und muß auf >edes Beiwerk vzch. Sielleicht fügt sich aus solchen Farben unb Ionen ein Bild zusammen, •ns den Reiz des Erlebnisses und der Wirklichkeit besitzt. .
Es war äußerlich wenig genug, was geschah. Alles war nachi innen drängt, war Stimmung des Augenblicks unausgesprochenes Ge uhl »ar bereites Schweigen, hastiges, stockendes Wort. Der dramatis-ye Rowr fehlte, der das Drama „Jugend in Bewegung setzt. Wir waren Minter nur drei im Psarrhof. der Onkel, Adele und ich. Vielleicht hantierte «och eine Maruschka bei den Kochtöpfen Ich ^innere mich ihrer mchtz Zber das Entscheidende: es war kein Kaplan «nd kein Amandu- d.. eie sind erst lange Jahre später, als alles nur noch Melancholie und Erinne
rung war, in die dramatische Vision eingetreten, haben ihr die markanten Diagonalen gegeben. In jenem Psarrhof zu Griebenau ift_ kein Kampf, kein Auseinanderfetzen gemefen, kein hartes oder böses Wort einander bestreitender Weltanschauungen ist gefallen. Höchstens einmal ein kleiner Zank hat stattgehabt, wie es unter Liebenden Brauch, seitdem die Welt besteht, und wie er zur Würze der Liebe gehört. Ansonsten war nichts in uns und um uns als schnell wirkender Zauber, den jeder vom Munde des andern trank. Versunkensein Auge in Auge, Blick in Blick, hin- gegebener Genuß der niemals wiederkehrenden Stunde, viel Kuchen, Kaffee und Ungarwein, Klavierspiel, Gesang und Wagenfahrten und erstes Frühllngsahnen.
Ich hatte nur drei Tage für Griebenau Zeit. Dies war von vornherein beschlossen, stand unzweifelhaft fest. Am vierten Tage mußte ich zum achtzigsten Geburtstage des Großvaters wieder in Dirschau sein. Vielleicht lag es an diesem strengen Zeitrahmen, daß alles sich so zu- sammendrängte und damit Das dramatische Tempo annahm, das der Handlung im übrigen fehlte. An jenem ersten Morgen gesellte ich mich, wie ich ging und stand, zu Onkel und Kusine an den Kaiseetisch. Nicht lange, und der Onkel wurde abgerufen. Ein Sterbender in einem fern gelegenen Dorf der Pfarrei verlangte geistlichen Zuspruch. Wir beiden Achtzehnjährigen waren allein. Adele und ich. Cs war ein verschleierter Vorfrühlingstag, nicht sonnenhell und nicht ganz trübe: die Stimmung, die jener schwermütigen Landschaft am besten zu Gesicht stand. Wir saßen nebeneinander auf dem Sofa und hielten uns bei den Händen. Als der Onkel gegen Mittag zurückkam, hatten wir uns alles gesagt. Aber unser Herz war dadurch nicht leichter, nur schwerer geworden. Wir hatten entdeckt, daß jeder von uns auf den andern gewartet hatte und beide alles so hatten kommen sehen, wie es jetzt gekommen war. Der Onkel fragte, ob wir uns gut unterhalten hätten. Ich glaube, wir wurden beide rot, aber Adele war gewandter als ich und half mir mit einem Scherz aus der Verlegenheit.
Nachmittags spielte Adele Klavier, es war ein altes wohlklingendes Instrument, ich glaube, ein Tafelklavier: dazu fang sie mit ihrer hübschen Stimme polnische und deutsche Volkslieder, die mich tief ergriffen. Das alte „Lang lang ift's her" war auch dabei. Es gehört für mich untrennbar mit in das Bild jener drei märchenhaften Vorfrühlingstage im Pfarrhof zu Griebenau. Stets wenn ich es in einer Aufführung meiner „Jugend" erklingen höre, zieht es mich wie mit Geisterhänden zurück in das friedliche weltentlegene Pfarrhaus und die trauliche Wohnstube mit den Biedermeier-Möbein, in der ich es vor bald fünfzig Jahren zum ersten Male von den Lippen des geliebten Mädchens vernahm.
Am Abend dieses ersten Tages fuhren wir im Verdeckwagen des Onkels zum Pfarrer von Nawra. Der Onkel und ich faßen rechts und links. Adele faß in der Mitte zwischen uns. Es hämmerte bereits, wurde dunkel, aber wäre es auch pechschwarze Nacht geworden, wir beiden hätten nichts dagegen gehabt. Leider war die Fahrt nur kurz. Der Pfarrer von Nawra war ein polnischer Herr, sehr liebenswürdig und verbindlich, mit dem mein Onkel, trotz des nationalen Gegensatzes, sich vortrefflich stand. Auch hier war wieder, neben Seelsorgerfragen und gutmütigem Nachbarnklatsch, Hauptthema Polnisch und Deutsch, Aber jeder Teil nahm sich sehr zusammen, dem andern nicht gar zu nahe zu treten. Ich wurde mit Interesse gewahr, daß auch der Onkel diplomatisch zugeknöpft fein konnte. Tokaier und Bordeaux beflügelten die Stimmung. Man aß vortrefflich, wie übrigens in Griebenau und überall hierzulande. Jdele spielte wieder und fang. Meine Blicke hingen an ihr. Meine Gedanken flogen in eine nebelhaft ferne, rosenrote Zukunft voraus, die doch vom nahe bevorstehenden Abschiedsschmerz bereits ins Tragische gefärbt war. Die beiden geistlichen Herren rauchten ihre Zigarren, potulierten fleißig dazu und setzten halblaut ihren amtsbrüderlichen Schwatz und Klatsch fort. Spät am Abend ging es nach Griebenau zurück. Die Fahrt erschien uns beiden noch kürzer als vorher. Der Onkel war friedlich eingenickt.
Am zweiten und dritten Tage wiederholte sich alles beinahe auf die gleiche Weise wie am Tage meiner Ankunft, nur daß der Onkel nicht gerade zum Kranken fuhr, aber doch wieder durch Beruf und Amt den ganzen Vormittag serngehalten war und uns unferm Schicksal überließ. Wir steckten im Garten und Haus so viel zusammen, wie es nur ging, denn auch mein Böschen hatte ja Hausfrauenpflichten. Das erste Radieschen fand sich im Beet, die Knöspchen der Fliederzweige spitzten aus dem Gebüsch. Ich schoß mit dem Tesching nach der Scheibe. Am Abend ging es nach Unislaro zum Dekan. Dort war die große Zuckerfabrik, viel deutsche Beamte und Angestellte. Auch der Dekan war ein Deutscher, ein großer starker Mann: es hieß, daß er gelegentlich mit den Polen paktiere. Empfang und Aufnahme waren wieder von der gleichen gastfreundlichen, beinahe überströmend herzlichen Weise, die dort des Landes der Brauch. Die nächtliche Heimfahrt war diesmal von längerer Dauer. Uns erschien sie immer noch kurz genug. Der Onkel nickte in noch tieferem Frieden als gestern.


