Ausgabe 
25.7.1932
 
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Beraniwortlich: L>r. Hans Thhriot. Druck und Verlag: Brühl'fche Aniverf itäts-Vuch- und öteinörudetei, R. Lange, Gießen.

noch ein anderer sie gefangen halte, aus dem sie nicht so leicht entrinnen sollte. *

Am nächsten Sonntage, es war schon gegen Adend, fuhr in drei Wagen eine Gesellschaft seiner Leute an derWald- und Wasserfreude vor Herr Zippel, dem vorher nichts angemeldet worden, geriet in große Aufregung, als man ihm ankündigte, hier sei die letzte otation der heutigen Lustfahrt: man wolle nun mit Abendbrot und Tanz den Kehr­aus machen. Der Doktor dagegen schien von allem unterrichtet: er war sogleich zur Stelle, hals den alten und jungen Damen vom Wagen und chatt die jungen Herren, daß sie sich unterwegs so lange aufgehalten.

Kätti stand, nach der Flußseite, halbverdeckt hinter der Ecke des Hau,es Untätig, mit düsteren Augen und herabhängenden Armen, horte und beobachtete sie alles, was hier oorging: dann, als die Gaste von ihrem Vater in das Haus hineinkomplimenttert waren, schlich sie sich zögernd durch den Garten in die Küche. ra .

Nicht lange nachher erschien sie mit Tischzeug und Geschirr in der Veranda und begann unter Herrn Zippels kreuz und quer fliegenden Befehlen die Abendtafel herzurichten. Während sie leicht und sicher eines nach dem anderen an seinen Platz setzte, wandelte d.e Gesellschaft plau. dernd und lachend auf den Gängen des sich unterhalb ausbre.tenden Gartens, und Satti konnte es nicht lassen, mitunter halbbettommen einen Blick hinauszuwerfen. Die jungen Damen waren ihr fast alle bekannt, mit mehreren hatte sie einst aus derselben Schulbank gesessen, und - ste zog grübelnd eine ihrer schwarzen Flechten über die Brust hinab von keiner war sie noch begrüßt worden. Aber freilich, sie war bei ihrer An­kunft ja auch hinten um das Haus herumgelaufenl Nur eine, die hübscheste, ein schlankes, blondes Mädchen, war ihr fremd: ste hatte was Vornehmes in dem lässigen Neigen ihres Kopfes, und Katt, selber mußte immer die Augen nach ihr wenden. Aber es war noch ein anderes wo­durch die blonde Dame wie magnetisch die Blicke des braunen Mädchens auf sich zog. Es war nicht zu verkennen, daß sie sich immer wieder wie von selber mit dem Doktor Fedders zusammenfand, und eben setzt gingen beide ohne Begleitung den Seitensteig zum Flusse hinab und konnten der überhängenden Büsche wegen von der Veranda aus "'Al mehr gesehen werden. Kätti blickte auf die Stelle, wo die lugendlichen Gestalten verschwunden waren, bis sie vor der scharfen Stimme ihres Vaters auf- schreckte und nun emsig in ihrer Arbeit fortsuhr.

Als sie die letzte Schüssel aufgesetzt hatte, sah ste das Paar aus der Tiefe des schon dämmerigen Gartens auf dem an der Veranda vorbei- führenden Steige heraufkommen. Das blonde Mädchen hatte e,ne feine, weiße Hand erhoben und redete lebhaft zu dem jungen Doktor. Gewiß, sie war die Hübscheste: aber Kätti wußte nicht recht weshalb auch wohl die Stolzeste! . . .

Und jetzt näherten die beiden sich der Veranda, und da ste auf dem Steige langsam vorübergingen, ließ die junge Dame ihre blauen Augen eine Weile betrachtend auf Küttis Antlitz ruhen und fragte dann wie .gleichgültig, sich wieder zu ihrem Begleiter wendend:Wer ist das Mas­che»^" Sie hatte laut genug gesprochen, und in dem Ton der Frage lag kein Bemühen, sie vor ihrem Gegenstände zu verbergen.

Es ist die Wirtstochter", sagte der Doktor leise und schien rascher vorllbergehen zu wollen.

Aber Sattis feine Ohren hatten auch das gehört.

Die junge Dame hob den blonden Kopf und sprach lächelnd ein paar Worte aus Französisch, und Wulf Fedders erwiderte ihr in derselben Sprache. Dann gingen sie vorüber, und Kätti hörte ste von hinten in den Saal treten. m

Der Garten drunten hatte sich geleert; die übrige Gesellschaft war am Flußuser auf und ab gegangen und kam jetzt die große Felstreppe wieder herauf, welche zu der Anfahrt des Hauses führte.

Die braune, schmächtige Wirtstochter stand noch immer m der Veranda, unbeweglich -an derselben Stelle; sie wußte selbst nicht, was sie über­kommen war. aber sie fühlte, wie ihr das Herz fast schmerzhaft lchlug und wie ihr ganzer Körper bebte. Plötzlich warf sie, was an Gerat noch in ihren Händen war, fort und lief in den Garten hinab. i^od) eine Weile faß sie unten vor der Abnahmewohnung auf dem großen Feldstein, der unter den Fenstern ihres Gastes lag. Es war ganz einsam hier: nur der Fluß rollte in dem Abendwind, der sich erhoben hatte, eintönig seine Wellen an dem Uferrand hinauf. Kätti starrte auf das immer wieder­kehrende Spiel des Wassers; sie hatte keinen Gedanken, sie fühlte sich nur ganz verachtet und vernichtet. Aber jetzt hörte sie oben vom Hause her die Stimme ihres Vaters:Satti! Kätti!" rufen und dann scharfer unv lauter:Rosalie!" und noch einmal:Rosalie!"

Sie wußte wohl, jetzt, während die Gäste in der Veranda tafelten, sollte sie mit Sträkelstrakel spielen und zur Gitarre ihre Lieder singen. Aber vor jenem blonden Mädchen? Sie hätte sich eher die Zunge ao- gebissen. Und selbst vor ihren früheren Schulkameradinnen auch vor denen nicht; nein, nun und nimmer wieder!

Vorsichtig stand sie auf; aber sie ging nicht, wohin sie gerufen wurde. Seitwärts unter alten Nußbüschen war ein niedriges Rohrdach auf dem Boden Eingebaut, ein Aufbewahrungsort für allerlei Gerumpel, noch von dem vorigen Wirte her. In deni hintersten Winkel, hinter leeren Tonnen und Bienenkörben hatte Kätti sich jufammengetauert. Sie horte noch einmal ihren Vater rufen, aber sie achtete nicht darauf; sie hielt sich mit beiden Händen die Ohren zu und stützte die Arme aus ihre Knie. Doch saß sie jetzt nicht mehr in dumpfem Hinbrllten;die Wirtstochter!" iprach sie halblaut vor sich hin,nur die Wirtstochrer!" Er hatte vor Jahren auf dieselbe Frage ja ganz dieselbe Antwort gegeben, und sie hatte sich damals kindisch darüber gefreut; warum denn brannte heut das Wort wie eine Kränkung in ihrer Brust? Aber es war ja auch nicht jenes Watt allein: wie anders als gegen sie war fein Benehmen jenem blonden Mao- chen gegenüber? Sie hatte früher nie daran gedacht; aber jetzt wallte e» fiebenb in ihr auf: er hatte keinen Anfkanb genommen, sie noch immerfort zu buzen, so wie sie selber es bisweilen mit dem armen Sträkelstrakel \ machte! (Fortsetzung folgt.)

Aber die Alte rückte ihr einen Stuhl zum Tische und nötigte sie wiederholt, wenn auch vergebens, ein Schlückchen aus ihrer Tasse zu I probieren; von dem Hunde aber wollte sie nichts gesehen haben.Es ist meine Katze gewesen," sagte sie;die läuft mir oftmals nach; sieh f nur, dort liegt sie unterm Ofen!" ;

Und wirklich lag dort eine schwarz und weiß gefleckte Katze, die sich, rote ihr behagliches Schnurren zu erkennen gab, um all die abgezogenen Fellcken draußen wenig zu bekümmern schien. .

Aber Kätti traute doch nicht; sie drückte dem Weibe das Geldstück in die Hand und sagte:Da habt Ihr ein Trinkgeld; mein kleiner Hund ßeißt Fidel, und wenn Ihr ihn uns wiederbringt, so gibt mein Vater Euch gern das Doppelte!" . . ,

Ich weiß nichts von deinem Hund", rief die Alte unwirsch.Jaber , fuhr sie wie in plötzlichem Besinnen fort,du sollst den Weg doch nicht umsonst gemacht haben! Kennst du, was man den Speiteufel heißt k Kätti schüttelte den Kopf.

,Es ist ein Pilz, und es gibt deren blaue, rote und auch grüne; aber von dem roten muß es fein; er wächst hier im Holze, just um diese Seit."

Das Mädchen sah gespannt die Alke an.

Wenn du dir wieder An Hündchen ziehen willst, so tupfe mit dem Finger in den roten Schaum, der auf dem Hut liegt, und netze das mit deinen Lippen! Es brennt ein wenig; aber bas schabet nicht. Warte nur, es ist auch ein Spruch dabei!" Sie zog ihre Tischschublade auf, kramte darin umher und holte endlich einen schmutzigen Zettel daraus hervor, den sie Kätti vor die Augen hielt.Das muß dabei gesprochen werben, jagte sie;wenn bann das Hündchen davon frißt, so wird es nimmer von dir weichen."

Die lange Irina rückte näher und fuhr mit ihrer harten Hand über die Wanae des Mädchens.Es hilft nicht bloß für Hündchen", sagte sie heimlich;"die gelbe Marthe weiß wohl, warum sie jetzund auf ber großen Hufe sitzt; der Niklas hatte zwei und mußte nicht, an welche er sich hängen sollte."

Kätti faß plötzlich wie mit abwesenden Augen; ihr dunkles Gesicht war merklich bleich geworden.

Die Alte sah sie schmunzelnd an; dann ergriff sie eine ihrer schwar­zen Flechten und zog den Kops des Mädchens an den ihren, während ein lüsterner Zug den groben Mund umspielte.Du", flüsterte sie,du bist wohl gar um beffenmitlen hergekommen; du hast wohl auch so einen Hin-und-wieder-Burschen! Streich's ihm auf ein Pröbchen, auf ein Stück­chen Zucker; es gibt Rat für alles in der Welt! Nur merk's dir, fürsichtig mußt du jein; ein wenig macht lebendig, zu viel da könnt' der Teufel leicht fein Spiel gewinnen!"

Wie aus einem dösen Traume [prang das Kind empor.Nein, nein! Laßt mich los; ich will nichts von Euren Teufelskünsten wissen!"

Sie war schon draußen vor der Haustür; aber das Weib tarn hinter­her.Narre, Narre, wohin läufst du?" rief sie, als sie bas Mädchen auf dem Wege sah, ber um bas Holz herumführte. Sie war zu ihr getreten und zeigte auf einen Eingang in ben Tannenschlag:Dort", sagte sie, unb immer gerabeaus, so kommst du auf den Fahrweg!" Sie führte Kätti an ber Hand, dis wo ber Fußsteig beutlich zu erkennen war.Nun lauf; und wenn du dich besonnen hast, in einem halben Stündchen kannst du bei mir fein!"

Fast willenlos hatte Kätti sich in den finsteren Tannensteig hinein« führen lassen. In ihrem Köpfchen war kein Raum jetzt für die Furcht; das Hürdchen freilich war vergessen, aber statt seiner hatte ein Men­schenbild sich unerbittlifter als je ber jungen Phantasie bemächtigt. Schon vordem, mit der qualvollen Spürkraft der Eifersucht, hatte sie heraus- empfunben, wohin bie Stabtbesuche ihres Gastes zielten; bei ben auf­regenden Worten des argen Weibes hatten plötzlich alle Zweifel sie verlassen; aber zugleich auch war eine wilde Hoffnung in ihr ausge­stiegen, die sie vergebens zu verjagen strebte. Wie betäubt ging sie jetzt dahin auf dem einsamen Waldsteige; immer wieder schwebte der schmutzige Zettel ihr vor Augen, und mechanisch murmelten ihre Lip­pen die unverständlichen Worte, die sie daraus gelesen hatte.

Dann wieder sah sie jäh empor, als suche sie Zuflucht in dem reinen Aetherblau, bas hoch über ihr am Himmel staub; sie schüttelte wie zornig ihr buntles Köpfchen, als könne sie so bie unheimlichen (Bebauten von sich werfen aber immer roieber unb immer unabweisbarer brang es auf sie ein. Unwillkürlich suchten ihre Blicke hin unb roieber, unb halb folgten auch bie Füße seitwärts vom Wege ab; ihre Augen streiften alles, was hier burcheinanber aus bem Dunst bes Pobens aufgeschossen war; auch Pilze von allerlei Form unb Farben sah sie, nur waren es bie rechten nicht. Unb weiter ging sie, ohne auf ben Weg zu achten, ohne aufzusehen. ba, am Raube einer feuchten Lichtung, stockten ihre Schritte. Sie glaubte erst, es fei eine Blume, was so zinnoberrot unter bem grünen Farrenkraut hervorleuchtete; aber batb fah sie es beutlich, es war ber Hut eines großen Pilzes, ber hier jetzt hießt vor ihren Füßen staub.

Ein Laut gleich einem Stöhnen kam über ihre Lippen; sie schloß bie Augen wie vor einem bösen Trugbilb; aber als sie sie wieder öffnete, stand es noch immer da und bot, wie in einem Näpfchen, ihr ben roten Schaum entgegen. Ohne baß sie es wollte, hatte sie sich hinabgebückt; in ihren Gebauten rief es:Gift! Gift! Es ist Gefahr babei!" aber ihre flürmenben Pulse antworten:Es ist um befto besser!"

Ihre Lippen begannen roieber bie unsinnigen Worte Herzufagen, unb schon hatte sie ben Arm, ben Finger ausgestreckt, ba bewegte sich ber Hut bes Pilzes; ein Schauer zog burch ben Walb, unb bie Bäume rauschten wie vom Obern eines Unsichtbaren angehaucht.

Es war nur ber Abendroinb, ber sich erhoben hatte; aber bas Mäb- chen mar aufgesprungen: vom Schrecken ber Einsamkeit erfaßt, rannte sie ohne Aushör in ben Walb hinein; ohne umzufehen, ohne zu achten, baß bie Fetzen ihrer Kleiber an ben Büschen blieben, bis sie enblich in gutem Glück auf den ihr bekannten Fahrweg hinauskam.

Ihr wurde plötzlich leicht ums Herz; sie atmete auf, als ob sie jetzt bem Zauberbann ber argen Frau entronnen wäre. Ihr fiel nicht bei, baß