Hand und fugte:Nun, heute werden Sie wahrscheinlich das Spektakel einer großen Bataille erleben! Sehen Sie, wie ich mich schon dazu ge­putzt habe! Der österreichische Feldmarschall Graf Braun, der uns gegen­über kommandiert, ist ein alter guter Bekannter von mir, ein sehr tapferer, umsichtiger Kriegsmann. Ein preußischer General, der gegen ihn ins Feld zieht, muß ihm zu Ehren schon seine beste Uniform und seine höchsten Orden anlegen!" Dann gab der Graf noch mehrere Be­fehle und verfügte, daß Heinrich sich während der Bataille mit dem Gepäck bei dem Haupttrain des Heeres, der eine starke Bedeckung er­hielt, aufhalten sollte.

Während dieser Reden kam der Hauptmann von Platen und meldete, die Pferde seien vorgeführt: der Herr Feldmarschall möge rasch auf­sitzen eine Husarenpatrouille hätte gemeldet, Seine Majestät der König fei in Hosterwitz angekommen.

Also, vorwärts zum Siegel" rief der Feldmarschall, ging leichten Schrittes aus dem Zelt «und schwang sich in den Sattel des großen, braunen Engländers, den er ritt.Au revoir, mein Lieber!" wandte er sich an Heinrich.Führen Sie aus, was ich befohlen!" Und galop­pierte davon.

Heinrich stand allein vor dem Zelt und fühlte sich fast wie ein Feig­ling, daß er als junger, kräftiger Mann diesseits der Gefahr blieb. Am liebsten hätte er eine Muskete ergriffen und sich dem ersten besten preu­ßischen Regiment, das mit festem Schritt vorbeimarschierte, angeschlossen. Aber die Reitknechte begannen, das Zelt abzubrechen. Darum mußte er die Skripturen zusammenraffen und alles, was zum Schreibdienst ge­hörte, verpacken. Dann stieg er auf (ein polnisches Pferdchen und ritt auf einen Hügel, der kaum eine Viertelstunde von dem Ausstellungsplatz der Bagagewagen entfernt mar; mit ihm ritten ein Feldprediger und ein Offizier der Wache, in der Hoffnung, einen Teil der Schlacht mit ansehen zu können.

Heinrich hatte eines der guten Fernrohre des Feldma-rschalls bei sich. Das Schauspiel war seltsam ergreifend: Vorwärts auf den Höhen waren die Linien der Oesterreicher deutlich zu erkennen. Die weißen Röcke ihrer Infanterie, und schweren Kavallerie schimmerten im hellen Glanz der Maisonne aus dem frischen Grün der Saatfelder, in,denen sie standen; auch waren die blanken Rohre der vielen Geschütze leicht erkenntlich.

Das ist ein hartes Stück Arbeit für unsere braven Truppen, wenn sie diese starken Positionen erstürmen sollen!" sagte der Offizier und kraute sich hinterm Ohr. Der Feldprediger meinte:Das, was wie Wiesen aussieht, sind doch Sümpfe, und nur die schmalen Dämme führen hindurch!"

Vor dieser grünen Fläche unter den Höhen sahen sie nun, wie auf dem Exerzierplatz, die langen dunkelblauen Linien der preußischen In­fanterie aufmarschierten/ Die Sonne blitzte auf den Bajonetten, und die blanken Blechmützen der Grenadiere spiegelten im Sonnenglast. Die Kavallerieregimenter ritten hm und her. Deutlich erkennbar waren die braunen Wernerschen und die weißen Puttkamerschen Husaren; sie hatten die Flanken überschwemmt und schar mützelte-n schon mit den ungarischen Husaren. Um neun Uhr morgens rollte der erste Kanonendonner durch das Tal, feierlich fast, als er im langen Echo von den Berghängen zu­rückkehrte. Die österreichischen Batterien antworteten. Der Kampf ent­brannte nun mit voller Kraft. Bald zogen so dicke Pulverschwaden durch den Talkessel, daß das ganze Bild verhüllt war.

Nun verließen die drei den Hügel, und Heinrich ritt zu dem Platz zurück, auf dem das Gepäck des Feldmarschalls aufgefahren war. Jetzt dröhnte der Kanonendonner so stark, daß die Erde unter den Füßen Zu zittern schien. Nun langten Bahren an, auf denen die ersten Opfer des blutigen Tages herangetr-agen wurden. Verwundete schleppten sich mühselig herbei, um sich auf den Verbandplätzen, die dicht neben der Bagage eingerichtet waren, in Arbeit nehmen zu lassen. Ein junger Offizier schrie:Es ist unmöglich, die Regimenter zu entwickeln l Wir müssen in schmalen Kolonnen über Dämme, und mit Kettenkugeln reißen uns die andern nieder, wie sie mögen!"

Der Tag wurde heißer und heißer. Es war nach elf Uhr morgens, als der junge Kornett, der aus einer Stirnwunde blutete, angaloppiert kam:Oh, das Unglück! Herr Doktor, wissen Sie es noch nicht? Unser Feldmarschall ist erschossen und liegt als Leiche am Boden." m H.^urich sprang herzu, um Näheres zu erfahren, aber der junge Atensch sank vom Roß, erschöpft vom Blutverlust. Andere Verwundete kamen, und unter der Bagage verbreitete sich die Nachricht:Unser Feldmarschall ist von fünf Kartätschenkugeln getroffen, Hauptmann von Platen an feiner Seite -schwer verwundet!"

Heinrich stürzten die Tränen aus den Augen. Er schloß sich einem OfslZier, der sich hatte verbinden lassen und wieder aufs Schlachtfeld zurückkehrte,. an, um die Stelle zu finden, wo fein erschossener Herr liegen sollte.

3e weiter er nach vorn kam, desto stärker war die freudige Be­wegung.Die Feinde weichen!" schrie es.Die Unfern dringen vor!" jubelte es.Die «schlacht wird gewonnen!"'sang es.

Die Leiche feines Herrn, des Feldmarschalls von Schwerin fand Heinrich unter einem Baum etwas abseits von der eigentlichen Schlacht- ftatte die bezeichnet war durch verlorengegangene Gegenstände Helme Gewehre und auch Gefallene. Ein Stabsarzt, mehrere Offiziere von denen einzelne leicht verwundet waren, und einige Soldaten standen in ber Runde und blickten mit starren Augen auf den Körper. Die Uniform mar von Kugeln durchlöchert, ganz mit Blut überdeckt, denn fünf Kar- tat|d)en hatten Brust und Unterleib getroffen, so, daß er auf der Stelle lautlos vom Pferde gestürzt war. Sein Gesichtsausdruck war ruhig und friedlich. 3

Heinrich vernahm, wie es vor sich gegangen war. Ein Hauptmann er« ja ölte es eintönig:Die Bataillone der Regimenter Kreuzen, Fouque und Schwerin, zu dem ufj selbst gehöre, waren bestimmt, dort auf dem schmalen Damm durch die «Sümpfe die Stellung der Oefterreicher zu sturmen, aber die Kartätschenfalve schmetterte uns ab. Alles drängte

zurück, hjnd dieses Gedränge war furchtbarer als der Angriff selbst; denn wir waren unbeweglich, Schlachtfetzen für die da oben. Das sah der Feld­marschall, der unmittelbar rechts neben dem Damm hielt. Er sprengte in die verwickelten Knäuel und rief mit lauter Stimme: ,Pfui der Schande! Seid ihr keine Preußen mehr? Wollt ihr fliehen?' Im selben Augenblick wird der Stabskapitän von Rohr, der die Fahne von meinem zweiten Bataillon aus der Hand des gefallenen Fahnenträgers genommen hatte, schwer verwundet. Der Feldmarschall steht das, nimmt die Fahne hoch aufs Pferd, fchwingt sie, daß der Adler weithin in der Sonne blitzt, und ruft: »Vorwärts, Soldaten! Folgt mir nach!' Di« Knäuel wickeln sich auf, die Rotten parieren. Doch kaum reitet der Feld­marschall an, da treffen ihn die Kartätschen; stürzt mit der Fahne aus dem Sattel."

Heinrich rief nach einer Bahre und half, den Leib des Grafen darauf­legen, säuberte selbst unverzagt die Brust von -dem Blute, deckte den grauen Mantel des Toten darüber und pflückte Grün vom Saum. Während er so noch für den Toten sorgte, hieß es plötzlich:Seme Maje­stät der König kommt!"

Alle reckten sich gerade auf und stellten sich in Ordnung hin. Im langsamen Schritt kam der König herangeritten, neben ihm Prinz Moritz von Dessau und ungefähr fünfzig Reiter vom Regiment Gardedukorps als Deckung. Der König- -sah die Tragbahre stieg schnell von seinem Engländerschimmel und ging durch die Reihen der Offiziere, die -in­zwischen ein Spalier gebildet hatten, mit leichtem Hutabnehmen:Bon soir, Messieurs!" Er senkte den Äopf, schwieg und sagte nach einer Weile mit kräftiger Stimme:Ser hier liegt, war ein Offizier von den größten Meriten und wohl wert, -daß alle feinen Tod aufrichtig be­trauern. Meine Armee besaß keinen besseren General. Wie sein Leben allen zum Beispiel dienen konnte, so jetzt -auch sein Tod!"

Der König setzte feinen Hut auf. Da gab es eine Bewegung. Ein Adjutant des Generals von Zieten kam herangesprengt und meldete: Die Oesterreichiger fliehen in höchster Eile! Wir beharren in der Ver­folgung! Die Husaren haben eine beträchtliche Menge feindlicher Ge­schütze, Wagen und Gefangener erbeutet. Der Feind leistet keinen Wider­stand mehr!"

Bei dieser Nachricht blitzte das Auge des Königs; er richtete sich aus feiner etwas vorgebeugten Haltung auf.Die Bataille wird der Armer für alle Zeiten zum großen Ruhm -gereichen! Ich danke Ihnen allen für Ihre Hilfe und Tätigkeit dabei. Wir haben wenigstens jetzt dem Fekd- marfchall eine würdige Leichenfeier bereitet!"

Alle Offiziere brachen in den dreimaligen Ruf -aus:Es lebe Seine Majestät, unser König von Preußen!" Und ein paar helle Stimmen klangen dazwischen:Der Sieger von der Prager Schlacht!" Und dieser Ruf pflanzte sich weiter und weiter fort. Auch Heinrich wurde davon ergriffen und schrie es mit.

Seine helle Stimme hatte des Königs Aufmerksamkeit erregt, der ihn über den Platz mit barscher Stimme -anherrschte:Wer ist der Zivilist in dem langen blauen Roguelaure?"

Der Adjutant des Feldmarschalls Schwerin meldete:Eure Majestät, es -ist -der Privatsekretär des Feldmarschalls Grafen Schwerin, ein ge­borener Pommer, vom Baron von Bielfeld und Generalleutnant von Winterfeldt warm -empfohlen; stand -in des Feldmarschalls Dienst feit doni Kriegsanfang hat sich dessen Vertrauen erworben!''

Der König winkte Heinrich, heranzutreten.Mit dem Tod Seines Herrn hat Er einen -harten Verlust erlitten! Ich gebe Ihm den Befehl, mit einem Offizier meiner Adjutantur, den ich bestimmen werde, die hinterlassenen Papiere des Feldmarschalls -durchzusehen, um -abzuson'dern, was für mich und was für die Familie -des Grafen Schwerin von Wich- tigkest ist. Aber sage Er, hab' -ich Ihn schon einmal gesehen? Die Narbe da im Gesicht irritiert mich!"

Heinrich antwortete:Eure Majestät -haben recht beobachtet: Als junger Student der Theologie durfte ich mich -im Garten von Sans­souci vorstellen!"

Der König nickte:Ja, ich erinnere mich Seiner! Aber aus dem Studium der Theologie -ist wohl nun nichts geworden? Er hat da eine Narbe -im Gesicht, die besser für einen Husarenwachtmeister als für einen Pastor auf der Kanzel paßt; damit stellt Ihn kein preußisches Konsisto­rium an. Aber -ich höre. Er ist bei Bielfeld in -einem guten Haus ge­wesen und hat sich auch jetzt bewährt. Es wird sich wohl -im Krieg und später auch -im Frieden für Ihn eine passende Stelle finden!"

Mit diesen gnädigen Worten lüftete der König zum Abschied den Hut und bestieg -sein Roß. Aber -da er sich zur Straße wandte, ward -er mit einem Hurra anmarschierender Truppen begrüßt. Es war ein Bataillon Garde, das, hart mitgenommen, soeben -aus der Schlachtreihe zurückkam. Viele Soldaten bluteten einige hatten in der Eile Not- verbände angelegt; den -meisten hingen die losgegangenen Zöpfe un­ordentlich im Nacken; die Gesichter mären vom Pulverdampf schwarz geroorben.

Der führende Stabskapitän rapportierte dem König. Der' ritt an die Reihen heran:Ihr habt die Eckbatterie den Oesterre-ichern genommen! Habt eure Sache wieder mal gut gemacht, Gardisten! Ich danke euch!"

Das Bataillon setzte sich wieder in Marsch, als Heinrich einen baum­langen Grenadier bemerkte, dem ein Fuchsschn-auzbart über den Mund herunterhing. Der Mann schaute scharf auf. Heinrich mürbe aufmerksam, un-d es mar kein Zweifel mehr für ihn: Das war sein ältester Bruder Friedrich Wilhelm! Beide stürzten sich -in die Arme.

Der Stabskapitän war ein wohlwollender Mann; als sich Heinrich iljm vorstellte, erlaubte er, daß der Bruder ihn -im Quartier aufsuchte. Heinrich hatte für einen Imbiß und eine Flasche Wein -gesorgt. Friedrich Wilhelm erzählte, daß es ihn nicht im Walde gelitten hätte; immer wollte er ja Soldat werden, und so habe er sich anwerben lassen und je! seiner Gröhe wegen zur Garde gekommen. t

(Fortsetzung folgt.)

erantwortltch, vr. Hans Tyyc-ot. Druck und Der lag: Brühl sche Universitäts-Buch- und Steindruckerei, A. Lange, Gießen.