GietzeimZamilienbliitter
Unterhaltungsbeilage zum Lietzener Anzeiger
IrhrgangI932 Freitag, den 22. Januar Nummer b
Winter-Melancholie.
Von Bruno G e r s b a ch.
Wenn des Schnees silberne Wolke hemiederschwebt, Muh ich still von verdämmernden Nächten (innen. Von allem, das uferlos sich in uns verlebt, Um ohne Grenze und Halt zu verwehn, zu verrinnen. Ich denke gewesener Tage: ein Wald, ein Wind, Eine Blume am Bachgrund, ein spielendes Kind, Sonne auf Feldern, eine klingende Nacht, Alles, was einen Sommer beglückend macht...
Freuden, die voll eines zarten Glanzes Und sühen Duftes das Herz betören. Welche jetzt auch Im Traume nichts Ganzes Mehr sind und den schwermüden Schlaf uns stören. — Aber niemand weiß, was die Sehnsucht spinnt Und wo aus Schwermut das seltsam welche Ewigkeitsferne und erdengleiche Jubelnde Lied des Glücks beginnt.
Denn: irgendwo ist es, daß Mandeln blühn, Dah Vogelflügel durch Goldlüfte ziehn Und südliche Meere sich wiegen im zärtlichen Wind.
Mit 6 Zylindern in den Winter.
Von Norbert Jacques.
Cornelia war nach Chur gefahren. Ich hatte sie nachts im Wagen nach St. Margarethen gebracht, und Karl und ich trösteten uns in einem ländlichen Gasthaus, im Oesterreichischen, in der Nähe von Bregenz, das uns zu jeder Stunde der Nacht öffnete und uns zu esien und zu trinken gab. Denn wer mochte allein [ein und schlafen gehn, wenn Cornelia nicht mehr bei uns war.
Es war eine Dezembernacht. Die Luft war unter dem Mondschein Heu und in einer trockenen, spröden Kälte stahlhart gefügt, und mir kam auf einmal, nachdem wir schon Stunden drinnen gesessen, und uns über das Fortsein Cornelias hinwegzutrinken versucht hatten, das Bedenken, der Kühler möchte einsrieren Der Wagen stand im Hof. Ich verließ Karl und die Wirtin, die einsam mit uns sah, und ging hinaus. Aber der Motor sprang gleich an. Schnurrend lief er eine Weile. Die Kälte des Himmels und der stählerne Glast des vereisten Mondlichtes fielen zu mir in den offenen Wagen, der unter dem Eifer des Motors tat, als ob er davonraste, und doch stehenblieb.
Der Wagen stand im Hof und hielt die Schnauze mit dem bellenden Motor aus das Sträßlein gerichtet, das draußen vorbei und In die Richtung des Rheintals zog. Es schimmerte in der Nachthelligkeit, wie ein leise und heimlich» davonlaufendes Band.
Da kam mir die Frage: . r . „ o
Weshalb sitzen wir hier und Cornelia ist in Chur?
Denn ich sah auf der Uhr am Schaltbrett, daß es auf drei Uhr zugmg. Also war sie schon dort. Die Frage brachte wohl der Wein in mein Blut.
Als ich wieder drinnen bei den beiden saß, sagte ich zu Karl:
„Ist es nicht über alle menschliche Vorstellung dumm, daß wir hier sind, wo wir ebensogut bei ihr in Chur sein könnten? ... Der Augenblick des Abschieds tauchte in dem vom Rauch der Zigarren verwehten Halblicht der Stube und dem Geruch von Wein aus der Erinnerung: Ich hab' meinen Mund auf ihre Hand gelegt, rasch noch, allzu fluchtig. Ich sagte in der Verwirrung der letzten Minute des Abschieds eines jener gleichgültigen, gedankenlos immer bei der Hand liegenden Wörter ...
Ihr Zug fahrt ins Rheintal südwärts. Ich sitze am Steuer, lasse den Motor an, setze einen Gang ein und wechsle gleich »um großen ub^ unb fahre in der anderen Richtung davon. Ist es vorstellbar? Es hat sich eine unsichtbare Kraft zwischen uns gestohlen. Wir haben nicht einmal versucht, ihrer Meister zu werden.
Da sage ich zu Karl:
S^LstehEabPich^he aus seinen freudig fragenden Augen, ^„J ck/h abgenug”'*/ jag ich noch. „Es ist zu grenzenlos dumm, komm, “’ÄÄer’ Wirtin für die vier Stunden, die sie unserer Einsam- feit half, und saßen bald in den Mänteln und der begehrlich meber- b?e* gute und^grabe Straße ins Rheintal hin. Cs lag in dem Jahr im Dezember noch kein Schnee am Boben ee. Dre- Uhr schlugen bie Kirchtürme von Bregenz. Wir &ngen bie Schlage nut. Es war eine Herrlichkeit über uns gekommen. Verliebt drucke ich die Kreisung des
den Dreh und tomifle wieder heraus.
Rasch auf die Straße nach Lichtenstein! Die Lust ist vuf einmal wärmer Die Straße steigt in einsamem Wald. Da liegt Schnee. Die Fahrbahn ist noch dunkel und frei von ihm. Aber als die Wiesen wieder kamen waren sie weiß. Auf bie Schutzscheibe prallen mit heftigem Ungestüm aber bann lautlos zerplatzenb Schneeflocken. Die Kegel ber Scheinwerfer wirbeln voll von ihnen. Es ist, als ob wir sie in unsere Fahrt einfaugten. Wenn sie nun auch schon einen Teppich auf die Straße vor uns legen so drückt sie der Wagen mühelos ein. Es gibt Aufenthalt an der Grenze, beim österreichischen Zollhäuschen und drauf bei dem repra- [entabferen Schweizer.
Wohin fahren Sie? , , , , . .. „
Was für eine Frage! Ich muß sieghaft lachen! Wohin anders sollen wir fahren, als nach Chur! War das nicht sattsam ausgemacht und bekannt? Aber es machte sonderbarerweise keinen Eindruck auf den Zöllner. ... .,
Doch wie wir weitersteuerten, ging es wie in eine von weißem treibendem Flaum zugeschüttete Höhle hinein. Von dem Berg mit dem menschlich anzüglichen Namen „Drei Schwestern , an dessen Fuß wir uns weiterzumachen hatten, kam ein Märchen aus vergangener Zeit
Steuerrads, als sei es Cornelias Hand. Der ganze Wagen war umschnurrt von dem plötzlichen Aufsturm von Gefühlen, die sich aus Erlösung, Zärtlichkeit, Sehnsucht, Erfüllungsnähe, Verliebtheit zusammenbrauten. Vor ihm her stürmten die Scheinwerfer wie ein glühender Ruf nach Cornelia durch das stahlschöne weißkalte Mondlicht ... wie um die Wette mit meinem Herzen, wer das Mädchen zuerst erreichte! ...
„Fahr' doch nicht so schnell", mahnte Karl.
„Ach, Cornelia wartet in Chur!" rief ich zurück. Links gingen die Berge nahe mit. Sie waren bis auf Kirchturmhöhe herab schon mit Schnee eingedacht. Auf der Westseite des Rheintals bauten sich bie Appenzeller Alpen hin und standen wie Wächter-Riesen an unserm Weg zu dem geliebten Mädchen, an dem Weg, den unser Schnelligkeitszorn von der Entzündung des Herzens geführt wurde.
„Schau , sagte ich zu dem guten Karl, „kann man sich jetzt vorstellen, daß es kein Auto gibt? Ein Zug könnte uns erst morgen nach Chur bringen. Wir mühten platzen vor Ungeduld und der Unmöglichkeit, gegen die Zeit und bie Entfernung anzukommen."
„Ja, aber doch", bremste Karl, „fahr lieber nicht so rasch!"
„Ja, aber doch", bremste Karl, „fahr lieber nicht so rasch!"
„Karl, was sinb diese 90 Kilometer, die der Wagen läuft, gegen die 9000, die mein Herz nach Chur rastl"
„Ach, du bist ja verrückt!"
Karl sprach immer so gemessen. Er hatte eine Sanduhr mit all ihrer rieselnden abgezirkelten Geduld in den Stimmbändern. Man konnte nach seiner Sprechweise selbst in einer so heißen Lage wie der, die uns nachts um drei Uhr durch den Wintertag auf die Fahrt nach Chur geworfen hatte, wachsweiche Eier kochen.
Der Anprall der Nachtkälte und des stahlweißen Mondscheins stieß an unsere Backenknochen. Die Gewölbe der Augen waren bald wie mit einer hauchdünnen Eisschicht überzogen. Aber sie verzauberte nur stärker den gläsernen, das Herz hinwirbelnden Spuk des plötzlichen Erlebnisses dieser Nacht, dessen Pulsschlag das verhaltene leidenschaftliche Brausen der rast- losen sechs Zylinder zu sein schien. Ein Dorf mit gewundener Straße fällt an uns ab. Auf das nächste zu! Es ist überstiegen von einem wilden, ungeheuren unb ganz glatten Felsen! Grade die Kirche steht unter ihm unb ber Hahn ihres Turmes reicht noch lange nicht bis an bie Kante des Felsens. Aber über biefe Kante leuchtet schon eine dicke Pelzverbrämung von Schnee. Die Wächter-Riesen in ber Schweiz drüben haben dicke weiße Pelzmäntel an, die bis zu ihren Füßen reichen.
In Feldkirch, das ein verliebtes altes Städtchen ist, wenn man durch feine nächtliche Einsamkeit fährt, neigt sich ein Erker mitten im Gesicht eines Hauses vor und schaut neugierig zu uns in den Wagen. Ich werfe im Fahren, von einer stürmischen Ausgelassenheit umarmt, meinen Hut zu ihm hinauf und jauchze: Cornelia! Ich wußte nicht, ob ich vor lauter Zärtlichkeit nicht dem Erker diesen Namen gab, weil er so viel Anteil an unserer Reise zu nehmen schien. .....
Karl stieg aus, um meinen Hut zuruckzuholen. Derweil verfuhrt von der knabenhaften Romantik unseres Unternehmens, glückselig an dem jugendlichen Ungestüm meines Herzens, mache ich Unsinn und fahre in den Laubengang hinein, und trotz der Größe des Wagens in Bogen- linien um bie Pfeiler, bald auf bie Straße, halb roieber in den Laubengang. Unb nun sitze ich fest unb komme nicht mehr weiter.
Gasthof „Zum Löwen^ steht über ber Tür, auf bie ber Kühler sich gerichtet hält. Ein Glöcklein in einem nahen Turm wimmert fromme Leute aus ben Betten. Ein Mütterlein kommt bie Straße her, wohl noch im Schlaf halb gefangen, stößt auf ben unter ber Laube festgeklemmten Wagen, schlägt ein Kreuz mit einem kleinen Schrei unb humpelt hastig vor bem Gottseibeiuns davon.
Das war wie ein Zeichen, ben Bann zu heben. Denn nun kriege ich


