«ntfann sich nicht. Er war bald nach jenem Austritt verreist mit fernem Erzieher und als er zurückkehrte, war ein neuer Kutscher da; und Mit dem alten war auch das klein« Mädchen sortgezvgen. Er hatte wohl gar nicht nach ihr gefragt. Wo mochte sie sein?

Später war es ihm umgekehrt widerfahren; da hatten andere ihm sein Liebstes sortgenommen. Aber das wirklich Liebste war es wohl nie gewesen. Er entsann sich nicht, jemals sein Herz so warm und lebendig aesvürt zu haben wie jetzt, wo er den kleinen Soldaten in der Hand hielt.

Und wie er nun weiterging, dachte er plötzlich, das alles müßte wohl einen tieferen Sinn haben. Daß der Schokoladensoldat da für chn ge­standen hatte, sollte das nicht ein Zeichen sein? Ihm war vielleicht nun alles vergeben. Ihm waren Jugend, Glück, Leben, Liebe wiedergeschenkt. Das unruhevolle Suchen würde zu Ende sein, der Ring geschlossen und sein Dasein von nun an eine stille Harmonie und ein unerschütterlicher Friede. Denn daß er es sich nur gestand: bis zu dieser Stunde war er durchaus kein glücklicher Mann gewesen. Bei allen Wechselfällen seiner Existenz war die nie gestillte Sehnsucht seines Herzens, seiner Traume 'Angst und seines Wachens Unrast gewesen. Nun gab ihm der kleine Schokoladensoldat all« Seligkeit des Geborgenseins aus einmal ins Gemüt.

Es war schon sehr spät. Und der Herr rief ein vorüberratterndes Auto an und stieg mit seinem Schokoladensoldaten ein. Der duftete beinahe in dem geschlossenen warmen Kasten. Draußen flogen Häuser, Bäume vorbei, Licht und Schatten wechselten. Es war so traulich im Wagen. Und da konnte der Herr nicht widerstehen, und wie damals ikußte er feinen Soldaten. Wie wundersüß und geheimnisvoll war dieser zarte Kuß' Mer schon hielt das Auto. Er steckte den Soldaten schnell in seine Tasche, sprang hinaus, zahlte und eilte in seine Wohnung hinauf, un­geduldig, den-kleinen Schokoladensoldaten auf seinen Schreibtisch zu stellen, wo er nun unter Bronzen und Marmor das Allerschönste und Bedeutungsvollste sein sollte. Aber wie er in die Tasche fährt, ist sie leer .. In feiner Tasche hat er den Soldaten. Er hat ihn wohl i>aneben= gleiten und im Auto liegen lassen. Er eilt ans Fenster, aber da rattert der Wagen um die Ecke. Und er steht da, unglücklich, leidend, erschüttert, tief verzweifelt, als hätte er nun erst endgültig Jugend, Gluck, Leben und Liebe verloren ...

Claude Lorrain, ein Maler des Lichts.

Zu seinem 250. Todestage: 23. November.

Bon Dr. Friedrich Spreen.

Die Wunder des Lichts sind von der Kunst erst spät entdeckt worden. Lange Zeit sah man es mehr an die Farbe gebunden, vernachlässigte fein Eigenleben. Man hat die Kunst des Impressionismus mit dem Iubel- ruf:Es werde Licht!" begrüßt, aber die ersten eigentlichen Lichtmaler traten im 17. Jahrhundert auf. Während jedoch die Rubens, Rem­brandt, Poussin mehr die dramatischen Kämpfe der Lichtstrome mit Wolken und Maden ihr grelles und unruhiges Heberfluten von Landschaften und Menschengruppen darstellten, war es einem stillen Landschafter beschieden, der Entdecker der alltäglichen Licht-Schönheit zu werden, jenes zarten, die Dinge umspielenden Leuchtens, das als reinste Gabe des Himmels die Seele der Landschaft bedeutet, diese zu einer harmonischen Einheit zusammenschließt. Claude Lorrain, von dem sein Freund Sandrart rühmte, daß erder Farben harte Art zu brechen" wußte, wurde so zum Künder einer Natur-Offenbarung, die seitdem zum Glück unendlich Bieler beigetragen hat. Mit seinen Augen hat die Menschheit das Wunder der Lichtwirkung in seiner unendlichen Melodik geschaut und immer tiefer begriffen. So ist er zu einem Wohl­täter geworden, dem die größten Naturfreunde am meisten gedankt haben.

Grade die Zeit Claudes war reif geworden für die Gestaltung des immateriellsten und geheimnisvollsten Clements der Landschaft. Die neue Naturwisfenschaft hatte den forschenden Blick schärfer auf den Himmel gerichtet als irgend eine Epoche vorher; mit dem Fernrohr er­gründete man feine Geheimnisse. Huygens und Newton erklärten die Natur des Lichtes, und die Anschauung von der Unendlichkeit des Kosmos, von dem Sonnenboten aus dieser Unendlichkeit der den be­grenzten Raum erst formt und mit seinem Strahl alles Irdische gleich­mäßig umfängt, erfüllte das grandiose pantheiftifche Weltbild, das Gior- dano Bruno und Spinoza schufen. Bon all dem wußte der einfache Maler nichts, aber das Allgemeingefühl durchdrang unbewußt fein ganzes Schaffen, so daß er künstlerisch sichtbar machte, was damals die schärfsten Köpfe bewegte. Als Sohn armer Leute war Claude ® e t (6 e 1600 in dem kleinen Dorf Chamagne geboren, das zur Diözese Toul und zum Herzogtum Lothringen gehört. Infolgedessen erhielt er in der Fremde den Beinamender Lothringer" und alsLorrain" erlangte er Welt­ruhm. Inwieweit dem Sproß dieses Grenzlandes deutsches Blut eigen war, läßt sich schwer bestimmen. Mit gutem Recht hat aber sein Biograph Walter Friedländer hervorgehoben, daß sein Schaffen im Gegen­satz zu der vernunftgemäßen Klarheit seines größten Nebenbuhlers und zeitweiligen Nachbars Poussin sich mehr dem germanischen Kunst­empfinden nähert, das ihm durch die Kunst Eisheimers nahegbracht worden war.

Sein äußeres Leben verlief ohne aufregende Ereignisse, wie es feinem schüchternen, zurückgezogenen Wesen entsprach. Nachdem erin der Schreib-Schul wenig und schier nichts zugenommen", kam er zu einem Pasteten-Bäcker in die Lehre und zog nach Rom, nicht um künst­lerischen Ruhm zu erwerben, sondern weil es das Ziel vieler lothringi­scher Köche war. Unter den Monumenten der ewigen Stadt brach nun seine Begabung durch, er lernte malen, kam aber zunächst auf keinen grünen Zweig, sondern kehrte 1625 in die Heimat zurück. Zwei Jahre später ist er schon wieder in Rom und hat hier als bescheidener Jung­geselle, umhegt von der Familie eines Verwandten, sein langes Leben verbracht, bis zu feinem Tode am 23. November 1682. Bald wurden feine Bilder sehr gejucht und hoch bezahlt; er erhielt Bestellungen von Fürsten und anderen Hohen Herren; ein glänzender Schülerkreis versammelte sich

um ihn. Er aber blieb der kindliche lothringische Träumer, der am liebsten in der urtümlichen weiten Einöde der Campagna oder im Albaner- und Sabinergebirge umherstreiste, im Verkehr mit den Hirten und ihren Herden, deren Leben ihm die Viston eines fernengoldenen" Zeitalters heraufbeschwor. Es ist die Zeit, da die Mode derSchäferei" den von wilden Erschütterungen geängstigten Menschen ein besonders ehnsüchtig gewünschtes Land bukolischer Jdyllik vorgaukelte. Tasso- Aminta", GuarinisSchäfer Fido" hatten die Vorbilder geschaffen. Der weiche zärtliche Klang der Hirtenflöte tönt auch durch viele Bilder Claudes und wiegt sich auf den sanften Lichtwogen, die feine Land- chasten durchzittern. Aber es ist mehr ein Zugeständnis an den Zeit­geschmack, und dasselbe ist der Fall bei den prächtigen Architekturen, den barocken Palästen und antiken Ruinen, die feinen Werken einen feierlich-erhabenen, bisweilen aber auch etwas pomphaft-steifen Unter­ton verleihen. Die Vorliebe für die gestaltete, vom Menschenveredelte" Natur, für Mythologie und Klassik, die di« Epoche beherrschte, zwang ihn zu solchen Zutaten, die mit dem Kern seiner Kunst wenig zu tun hatten. Auch der Mensch stand ihm fern, ferner als das Tier, das er in Zeichnungen bisweilen liebevoll wiedergab. So wenig wollte ihm di« Bevölkerung feiner Szenerien gelingen, daß er später die nun einmal vom Besteller verlangten Figuren von fremder Hand auf seinen Bildern -anbringen ließ. Doch sind Menschen und Tiere stets so organisch in die Landschaft eingefügt, wirken als Elemente der Natur, daß ihr Platz in der Komposition sicherlich von Claude bestimmt wurde. Menschen und Tier interessierten ihn eben nur als Teil alles Geschaffenen. Er war nichts als Landschafter. Selten ist eine Begabung so rein und aus­schließlich gewesen.

Der Inhalt der Gemälde Claude Lorrains ist trotz der hochtönenden mythologischen, oder biblischen Bezeichnungen vieler Werke gleichgültig, Der Stoff dient als Vorwand für die Komposition zeremoniös-feierlicher ) Hafenbilder, auf denen das Licht über die Fluten hinspielt und Schiffe wie Bauten und Menschen umglänzt, von Flußbildern mit einer Bruck« oder Furt und von weiten Ebenen mit fernen, silbrig schimmernden Höhenzügen. Eine große Rolle in diesen aufs feinste ausgewogenen Ge­staltungen spielen Baumgruppen und Cinzelbäume, die in der Gloriole ; des Lichtes, das sie umschimmert, wie die eigentlichen Helden dieser heroisch-idllischen Natur erscheinen. Auch das ist etwas Nordisches, wie diese Bäume in die südlichen Formen hineingesetzt sind, und die Ver­wertung des Baumes in der Gartenkunst des ^deutschen Klassizismus hat von Claude wichtige Anregung erfahren. Es sind nur wenige Melo­dien, die dieser Meister in seinem reichen Werk anschlägt, aber sie sind von hinreißender und einzigartiger Schönheit des Tones. Das gilt auch von feinen etwa 30 Radierungen, in denen die feine Lichtführung ein« besonders zarte Verklärung des Natureindrucks hervorbringt, und viel­leicht am stärksten von feinen Zeichnungen. Während der Maler in feinen großen Gemälden eine monumentale Stilisierung der Wirklich'! feit bietet, sind die hervorragendsten dieser Blätter «ine direkt« Wieder­gabe der Natur von erstaunlicher Echtheit und Kraft. Hier ist ein Im­pressionismus erreicht, der die atmosphärischen Nüancen mühelos be­wältigt: das Dumpfe, Feucht«, Weiche der sumpfigen Tiber-Stimmungs die von Mondlicht durchtränkt« wolkige Nachtluft wie den flimmernden Dunst der Morgendämmerung. ,/Den größten Zauber erreicht Claud« mit der Natur-Studie, die keiner künstlichen Kulisse bedarf", sagt Meier- Graefe in der Einführung zu der schönen Mappe der Marges-Gesell- ' schäft, die Zeichnungen Claud« Lorrains bringt.Dies ist der Glaube, der zu Corot und über Corot hinaus führt. Ein zuweilen erftaunlit) moderner Mensch, der Land, Wasser, Gebirge in großen Massen sieht und sich nicht fürchtet, die sicher gebauten Pläne des Raumes mit Hiero­glyphenhaften Strichen zu bevölkern." Am wenigsten von dieser Un­mittelbarkeit hat sein berühmterLiber veritatis", dasBuch der Wahr­heit", ein Oeuvre-Katalog in Zeichnungen, in dem er angeblich fein« fertigen Bilder mit allen Einzelheiten abgezeichnet haben soll, damit dm vielfach auftauchenden Fälschungen danach erkannt werden könnten, der aber wohl mehr als Erinnerung an seine fortgegebenen Werke gedacht war. So einförmig Claudes Werk erscheint es entbehrt doch nid) t einer inneren Entwicklung. Von den Lichtexperimenten der Frühzeit ge­langt er zu einer mehr gleichmäßigen Beleuchtung, die die Atmosphäre vergeistigt und eine strahlend« Ruhe über alles verbreitet. Heber dm leichte Jdyllik erhebt sich der reife Stil seines Alters zu einer erhabenen Melancholie, einer abgeklärten Weite und Größe, die nur in der Klar­heit des Südens, in der Stimmung der römischen Landschaft entstehen konnte. So ist er besonders für die Deutschen, di« den Süden und dm Klassik mit der Seele suchten, zum Ideal geworden.

Goethe hat kaum einen anderen Maler mehr geliebt als den Claude, den erden ersten aller Landschaftsmaler" nennt und von dein er sagt:In Claude Lorrain erklärt sich di« Natur für ewig". In ein« Aeußerung zu Eckermann nennt er ihneinen vollkommenen Mee­schen, in dessen Gemüt eine Welt lag, wie man sie nicht leicht irgendwo draußen antrifft. Die Bilder haben die höchste Wahrheit, aber kein« Spur von Wirklichkeit." Jakob Burckhardt schließt feinenC'tt von«" mit dem Bekenntnis, daß Claude in ihm das Heimweh nach dein unvergeßlichen Rom erweck«, und preist ihnals reingeftimmte Seele, die in der Natur die Stimme vernimmt die vorzugsweise den Menschen zu trösten bestimmt ist und ihre Worte nachspricht." Der modernen Lied« zu diesem Lyriker der Naturschönheit hat aber vor allem Nietzsch« Ausdruck verliehen, für den sich in feinen Bildern die höchste Form des Südglllcks" offenbart. Hier fand er di« vollendete Gestaltung einer tlal, Kn Stimmung, in der sich Musikalisches und Klassisches, Antikes un

ernes vermählt. GlucksArmida" nennt er einenClaude Lorrain in Tönen", und das herbstliche Glück der Seele, das er sich erobert spiegelt sich in dieser Kunst wieder:Der herrliche Baumwuchs in gw)ene dem Gelb, Himmel und der große Fluß zart blau, die Luft von höchste Reinheit ein Claude Lorrain, wie ich ihn nie geträumt hatte zu sehen ..." So ist dieser Maler ein Element deutscher Sehnsucht na<5 dem Süden geworden.