Jahrgang (932
Montag, den 2|. November
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Der Herr im gelben Ulster blieb stehen. Ja, so war es gewesen, mals vor dreißig Jahren. Hanne — was war aus ihr geworden?
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Lauf her Welt.
Bcm I. W. von Goethe. Als -ich ein junger Geselle war. Luftig unb guter Dinge, Da hielten die Maler offenbar Mein Gesicht für viel zu geringe; Dafür war mir manch schönes Kind Dazumal von Herzen treu gesinnt.
Nun -ich hier als Altmeister sitz, Rusen sie mich aus auf Straßen und Gassen, Zu haben bin -ich, wie der alte Fritz, Auf Pfeifenköpsen und Tassen.
Doch die schönen Kinder, -die bleiben fern; O Traum -der Jugend! -o -goldner Stern-
Nummer 9(
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Hütte es so etwas wie eine Warnung sein können. Aber damals, wo et erst sieben Jahre alt war, lag es ihm fern, das zu verstehen.
*
Sieben Jahre war er alt, und feine Eltern lebten noch auf -ihrem Gut in der Provinz. Er hatte seinen Hauslehrer und die alt« Französin und mußte schon mancherlei lernen. Aber dennoch war er ein verspieltes Kind, und seine liebste Gefährtin war ihm, dem Einzigen seiner Eltern, ein kleines Mädelchen von fünf Jahren, die Tochter des Kutschers und der Köchin; Hanne hieß sie. Er liebte Hanne. Er fragt« nicht nach Standesunterschied, Bildung und Aufnahmefähigkeit — er liebte sie halt. Sie war seine erste Liebe. Ja, er hatte früh begönnest. Er war ein« Liebesnatur. Sein Blick zündete, wohin er fiel, da er selbst immer to Flammen stand.
Hanne durfte über alles verfügen, was er besaß. Aber sie machte sich nicht viel daraus. Ihre armselige Puppe war -ihr lieber. Kna-ben- spielzeug behagte ihr nicht. Aber zu ihrem klugen und seinen Freunde war sie lieb und gut, so schön sie es auch verstand, ihn sich hingebend unterwürfig zu halten. Sie war entschieden di« Stärker« und lieber« legener«, weil sie weniger liebte. Das ist immer die ungerechte Strafe der Liebe, daß sie erniedrigt. Dec kleine Junge war des Mädchens Sklave.
An einem allerschönsten Sonntage eilte er, lernfrei, durch den Gutshof nach den Ställen hinüber und rief Hanne. Sie sollte mit ihm an den Teich und Angeln auswerfen. Aber Hanne antwortete nicht. Er rief und schrie. Alles still. In Wut aufflammend, warf er seine Angelschnüre fort und suchte die kleine Freundin. Sie saß hinter den Ställen im Grase, hatt-> Lappen und Flicken um sich verstreut, bereitete in einer Zigarrenschachtel ein schwellendes Bett aus Rosenblättern, um da einen kleinen Schokolabensoldaten, der in ihrem Schoße lag, hineinzubetten.
Ganz war sie diesem Spiel hingegeben. Kaum, daß sie sich Zeit nahm, zu antworten. Bon einer Fahrt in die Stadt hatte ihr Vater ihr den kleinen süßen Mann mitgebracht, und er entzückte sie so, daß sie alles für ihn aufgab. Von -diesem Tage an kannte sie ihren lebendigen Freund nicht mehr, der tote hatte ihr Herz geweckt. Wie ein Miniaturfrauchen -lächelte sie sanft ironisch, wenn der Knabe sich ihr näherte. Sie drückte den Soldaten an ihr treuloses Herz und sagte kalt: „Ich brauche dich nicht mehr". Sie sah den Jungen an und küßte den Soldaten. Sie verstand sich mit fünf Jahren aus alle Grausamkeiten der Koketterie. Aber zu ihrer Ehre sei gesagt, daß sie den Soldaten wahrhaft lieble. Dieses fremde, seltsam süße Wesen ohne Laune und Sprache, das ihr treuer war als ihr Hund, das nur durch sie lebte. Sie war für ihren bisherigen Freund kaum noch zu finden. Immer steckte sie irgendwo in einem Winkel und liebkoste den Soldaten. Sie kleidete -ihn in Seide und Samt, bettete ihn in Nelken und Reseden,.erhöhte ihn zum Prinzen und Kaiser, erzählte ihm alle Märchen.
Der unglückliche kleine Junge lief hinter der Treulosen her. Sein Herz, sein junger Verstand waren ganz verstört. Er begriff es nicht. Allzufrüh nahm ihn die Liebe in ihre Schule; und sie begann gleich mit den Strafen, ehe er noch gesündigt hatte.
An einem strahlenden Mittage fand er die kleine Hanne im Garten, wo sie im Lindenschatten ihren Soldaten umschmeichelte. Sie war gnädig -heute. „Komm", sagte sie, „du darfst ihn küssen". Und damit hielt sie dem Knaben den kleinen schwarzen Kerl hin. Er wollte sich umdrehen, wollte ihn ihr aus der Hand schlagen; aber ein geheimnisvoller Zwang zog ihn gewaltsam zu dem Schokoladen-soldaten, der langsam schmelzend in des Mädchens Hand lag. Er wußte nicht, wie ihm geschah, er bückte sich und küßte das Unwesen ... und da begriff er das Geheimnis: wie wunderfüß war dieses Soldaten Kuß! Mehr aber als Schokolade war -in dem Kuß der unbewußte Gedanke, daß dieser Kuß tödlich war, denn an vielen Küssen mußte der Soldat sich auflösen.
Da rief eine laute Stimme nach Hanne. Sie legte ihren Soldaten hin und sagte: „Warte, ich komme bald wieder", und lief fort.
Und da geschah das Ungeheuerliche. Liebe, Haß und Eifersucht loderten zugleich in des Knaben Brust empor. Er hob den Schokoladensoldaten auf. Er liebte ihn, auch er! Er haßte ihn! Er küßte ihn lange und inbrünstig. Und plötzlich biß er in ihn hinein, so stark und fest, daß er die Holzstange mit im Leibe zerbiß, er zermalmte ihn mitsamt dem Holz zwischen feinen jungen Zähnen; er aß ihn mit Haut und Haaren auf.
Als Hanne zurückkam, sagte er lächelnd: „Er ist fort. Ich hab« ihn aufgegeffen. Jetzt brauchst du mich wieder."
Aber der kleine Bub kannte das Frauenherz nicht. Und wenn es auch
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Kleiner Soldat.
Erzählung von Kurt Münzer.
Au «-in-em kalten Herbsttage verließ ein nicht mehr ganz junger Herr -In rundem braunen Hut und gelbem Flausch-Ulster sein Haus in einer kleinen westlichen Straße von Berlin, und erst als er -ins Freie trat, sah -er, daß es längst Nacht war. So hatte er -also über seinen altitalienischen Novellisten die Zeit und das Abendessen vergessen. Und er spürte auch jetzt noch keinen Hunger, nur Lust, durch die Nachtstille zu wandern, im -Bann« seiner eigenen Schritte, ziellos und gedankenvoll.
Wie immer, wie fast jede Nacht, erreichte er den Kurfürstendamm, blefe breite Straße, die er vor allen liebte, die aus dem neuen Herzen der Stadt mit Pa-lastreihen und Alleen -ins Freie führte, in den Wald hinaus, hinweg über Brücken und Seen, an Gärten vorbei. Um dies« Nachtstunde war die Straße still. Noch sahen die Genießer in den glanzvollen Lokalen; das Leben war -drinnen in den Bars unb Cafes. Draußen gingen nur ein paar junge Herren, lächelnde Mädchen, Diener mit Hunden.
Der einsame Spaziergänger, schnell an das bißchen Frost gewöhnt, schlenderte langsam die Straße hinab. Ein Dutzend Novellen im Kops, Stille -um sich, Sterne über sich, wurde er selbst ein wenig Poet. Langsam kam -ihm «ine Sehnsucht nach einem kleinen zarten Abenteuer, einer unverhofft holden Begegnung oder auch nur nach einem bescheidenen Blick, schnell und tief gewechselt mit einer schönen Frau, die an eines anderen Arm vorübergeht, ein Blick Sehnsucht, Liebe, Anbetung, der glücklich unb unglücklich macht ... denn immer ist das Glück des einen ! im Besitz des anderen.
So ging er denn -dahin, sah bald nach den Sternän, bald nach den 1 Steinen, -bald nach den Vorübergehenden. Aber es wurde Immer stiller um ihn, nur die Straßenbahnen rollten hin und wieder, die Autobusse ratterten; Autos -glitten lautlos; Fenster waren nur selten erhellt. Und wie er so -die Vorgartengitter streifte, hinter denen die armseligen Gärtchen froren, sah er plötzlich -auf der SDlauer-einfaffung des einen gerade I getroffen vom Hellen Licht einer Bogenlampe, ein Figürchen stehen, em Meines dunkles Püppchen. Er trat hinzu, bückte sich und hielt eine kleine Schokoladenfigur -in der Hand, einen Soldaten, wie man ihn für ein Paar Pfennige bei jedem Zuckerbäcker kaufte, wo -er neben ebenso kleinen unb schwarzen Schornsteinfegern und unschuldigen ^chokoladenweibchen -m Fenster sieht. . , . . .
Er stand da und hielt den Schokoladensoldaten in der Hand und betrachtete ihn. Und plötzlich rührt« etwas -an sein Herz. Warme über« Hütete es, Siebe und Glück, eine Welle Leben ging darüber. Ihm war s, tls hätte ihn ein Engel gestreift, ein freundlicher Geist. Und zugleich wußte -er, woher diese Regung kam. Ja er erinnerte sich ... Ein ganz itnb längst vergessenes Kindererl-ebnis erstand da s-o plötzlich, |o lebendig, tls hätte es an diesem Tage sich abgespielt.
Er ging weiter, den lieblos ausgesetzten Schokoladensoldaten -in der Hand. Wie kam -der daher? Welches Kind hatte -ihn 'ch Spiel auf das -Näuerchen gestellt und dann vergessen und weinte vielleicht noch jetzt »ach ihm? Er segnete dieses Kind. Lieber, kleiner süßer Soldat, w,e »ährte er sein Herz! Als wäre er -ein richtiger lebendiger Mensch Und iabei war er klein und schwarz und ungelenk und hatte em dunkles, ausdrucksloses Gesicht und wußte von nichts, denn er hatte ,a kein Herz, »Ur «in« Holzstange im Leib«.
, Ja, er erinnerte ihn an etwas, -das wie fein erstes EAebniS war. itnb zugleich war es so eine Art Verbrechen aus Liebe, aus Esterfucht.
Hin Symbol war dieses Erlebnis. Wäre er damals schon klug gewesen,
erst fünfjährig ist, frauenhaft empfindet es doch. Hanne weinte unb schrie maßlos um ihren Soldaten. Sie schlug Ihren Freund, kratzte und biß ihn. Es half nichts, daß er ihr am anderen Tage einen neuen aus der
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Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger


